Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 109, 14.01.1985
       

SPRECHCHÖRE GEGEN EGON BAHR - WAS DENN SONST?

Egon Bahr kam auf der Veranstaltung des Forums Wissenschaft und Frieden am 8. Januar nicht recht zu Wort. Die Mehrzahl der Anwe- senden brachte in Sprechchören ihre Kritik an ihm als Durchsetzer und Vordenker der bundesdeutschen Strategie gegen den Osten vor. "Schmidts Raketen sind nun da, mehr Panzer fordert Egon Bahr!" Das Anliegen des "angereisten" Redners dürfte damit zutreffend zusammengefaßt worden sein. Wer ist denn dieser Egon Bahr? ------------------------------ Als einer der Macher des NATO-Imperialismus ----------------------------- hat er dessen Interessen immer schon exekutiert, wenn er sie wie seine Privatmeinung vortrug, letzteres zurecht, weil er sie mit Fleisch und Blut teilt: "Wenn es durch die Schwäche und Einfallslosigkeit der westlichen Industrieländer nicht gelingt, eine marktwirtschaftlich orien- tierte Weltwirtschaft zu bewahren, die gleichzeitig in der Lage ist, die Schwachen zu schätzen, dann werden die Länder der Drit- ten Welt ihre Zuflucht in die Richtung nehmen, die ihnen dann noch offensteht: sie werden sich den kommunistischen Ländern zu- wenden, die sie voller Genugtuung in ihr Lager aufnehmen werden. Dann wären geschichtlich die Würfel gefallen, wohin die Dritte Welt entwickeln wird, dann hätte der Kommunismus die grundlegende Auseinandersetzung ohne Konfrontation durch geduldiges Abwarten auf seiner ideologischen Position für sich entschieden." Das sagte Egon Bahr 1976 als Minister für wirtschaftliche Zusam- menarbeit. Da hatte er die "Konfrontation" auch schon vorange- bracht, die nicht einmal das "Abwarten" der "kommunistischen Län- der" duldet, sondern nach Bahr restlos zugunsten des Westens ent- schieden gehört: Es hat keinen Landstrich auf der Welt zu geben, der nicht exklusive Einflußsphäre der NATO-Staaten ist und ihrer "marktwirtschaftlieh orientierten Weltwirtschaft" dient. Die Macht, die sich die BRD im Rahmen der NATO geschaffen hatte, in- dem sie "die Länder der Dritten Welt" vom Kapital und vom Kredit des "ökonomischen Riesen" abhängig gemacht hatte, war sein Amt. Und er setzte sie als Waffe ein, um weltweit die Systemfrage ge- gen den Osten zu entscheiden. Für die Produktion von "Schwachen", die nichts dringender als bundesdeutschen "Schutz" brauchen, war dabei gleich mitgesorgt. So hat sich Bahr darum verdient gemacht, daß es immer dringlicher wird, daß zwischen Ost und West "geschichtlich die Würfel fallen." Seine Meriten hat sich Egon Bahr ohnehin an dieser Hauptkampfli- nie erworben. Als Praktizierender Revanchist -------------------------- hat er nicht nur von den östlichen Staatsmännern dafür, daß der NATO-Emporkömmling BRD überhaupt zu einer Erklärung von Gewalt- verzicht und zwischenstaatlichen Vereinbarungen bereit war, di- plomatisch anerkennen lassen, was bis dahin nur einseitig selbst- erteilter Grundgesetzauftrag war, die Bestreitung der Souveräni- tät der DDR, Polens.... Er hat auch seine Parole vom "Wandel durch Annäherung" wahrgemacht, indem er alle verfügbaren diploma- tischen, ökonomischen und moralischen Erpressungshebel in An- schlag gebracht hat, damit sich im Osten manches im Sinne der NATO-Feindschaft wandelt. Insbesondere in Polen haben Bahr und seinesgleichen auf diese Weise einen vor-militärischen Sieg er- zielt. Daß solche Erfolge in der Revision der Nachkriegsordnung und der Aufweichung der östlichen Staaten ausgetragene Feind- schaft sind, daß sie folglich nicht auf schiedlich-friedlichen Handelsergebnissen und schon gar nicht auf den guten Argumenten des Unterhändlers "Tricky-Egon" beruhen - niemand weiß es besser als Bahr: "Glaubwüdige Verteidigungsfähigkeit und Sicherheit gegen Ein- griffe von außen ist eine unerläßliche Voraussetzung für Entspan- nungspolitik." Deshalb hat er als Aufrüstungspolitiker -------------------- für die Anschaffung der entsprechenden Kaliber gesorgt und sich immer auch gleich um ihren zweckdienlichsten diplomatischen Ein- satz gekümmert. "Wenn wir sagen wurden 'Wir werden 1983 in jedem Falle stationie- ren', brauchten die Amerikaner nicht mehr ernsthaft zu verhan- deln. Wenn wie sagen wurden 'Wir werden in keinem Falle statio- nieren', brauchten die Sowjets nicht mehr ernsthaft zu verhan- deln. Wir sind uns ja sicher alle einig darüber, daß wir nicht nur die amerikanischen Raketen verhindern, sondern die sowjeti- schen auch wegbringen wollen." So hat er 1982 seine Genossen in München zum Ja zur Nachrüstung bewegt: Die Pershings sind für etwas gut. Zur Entwaffung der SU - dann sind westliche Waffen "überflüssig". Ungerecht, wie die Demokratie mitunter mit ihren Funktionären ist, wuchern nun Christdemokraten mit seinen und seiner Partei Pfunden. An ihm hat es sicher nicht gelegen, daß die SPD in den Ruf kam, für ihr eigenes Kriegsprogramm bringe sie zu wenig an innerer Führung auf. In seiner Zeit als Generalsekretär der SPD hat er sich als Säuberer nach innen ------------------- bewährt und in der innerparteilichen Demokratie der Sozialdemo- kratie die Tradition des "Dialogs" und der "Meinungsfreiheit" fortgesetzt, die Willy Brandt mit der Erfindung des Berufsverbots gegründet hatte. "Breite Anerkennung fand die von Bahr vertretene Abgrenzungspoli- tik gegenüber Teilen der äußeren Linken in der Partei, die mit dem Parteiausschlußverfahren gegen den damaligen Juso-Vorsitzen- den Benneter (abgeschlossen Sept. 1977) ihren spektakulären Höhe- punkt hatte." Benneter wurde rausgeschmissen nicht nur, weil er "blutjunge Schüler" statt mit dem Godesberger Programm mit seiner STAMOKAP- Theorie zum Eintritt in die SPD verführen wollte. Noch pikanter für die Bremer Verfechter des Dialogs mit Bahr dürfte sein, daß Benneter von Bahr zum Parteischädling erklärt wurde, weil er seine Jusos zusammen mit dem Komitee für Frieden, Abrüstung und Zusammenarbeit demonstrieren lassen wollte. Egon Bahrs "Argument": Der SPD-Parteivorstand hatte beschlossen, daß das Ko- mitee "DKP-gesteuert" sei. Heute schützen die Parteischädlinge von damals dem Kommunistenjäger Bahr den Saal. Das wiederum kann nicht daran liegen, daß diese unverwüstlichen Anhänger eines Friedens mit der SPD Bars heutige Position als Stratege der bundesdeutschen Raketenrepublik -------------------------------------------- geprüft haben. Oder halten sie im Ernst das folgende für eine Wandlung? "Bahrs "Doppelstrategie", Kernpunkt des sozialdemokratischen Si- cherheitskonzeptes für die neunziger Jahre, basiert auf einer in Verhandlungen zu erzielenden Sicherheitspartnerschaft mit dem po- tentiellen Kriegsgegner im Osten bei gleichzeitiger dauerhafter Einbindung in das NATO-Bündnis." Die Entspannungspartner "der anderen Seite", wie Bahr sich früher ausdrückte, faßt er heute ganz offen als "potentielle Kriegsgeg- ner" ins Auge. Klar, daß dieser Mann an der "Einbindung in das NATO-Bündnis" nicht rütteln läßt. Aber was Bahr der BRD zutraut, was sie sich verankert im westlichen Kriegsbündnis - dem Osten gegenüber herausnehmen kann, hat es in sich. Das so harmlos klin- gende Wort von der Sicherheitspartnerschaft verlangt nämlich nichts geringeres, als daß der Osten die Sicherheitspolitik, die er in Europa gegenüber seinem erklärten "Kriegsgegner" NATO für nötig befindet, gegenüber der BRD in Verhandlungen zur Disposi- tion stellt. Für die BRD alleine wiederholt Bahr die Unverschämt- heit, mit der Reagan seine Weltraumwaffe der SU "anbietet". Der Westen hat das beste Rezept für die "Sicherheit" des Ostens! Kaum ist die BRD zur Raketenrepublik avanciert, hat für Bahr die alte Lüge der Abschreckungsdoktrin ausgedient: das atomare Patt der Supermächte USA und SU sei der "Schutzschirm" des Friedens, unter dem auch die BRD ihre bescheidene Rolle spielen könne, hieß es damals. Jetzt läßt SPD-Stratege Bahr die BRD als Macht antre- ten, die ein eigenständiges Mitbestimmungsrecht bei den Waffen des anderen Lagers einklagt. Sein "Argument"? Wie immer: die gewachsene Wucht der Gewalt. P.S. für die deutschen Kommunisten: "In einer Zeit von höchster weltgeschichtlicher Bedeutung versu- chen die meisten Führer der (...) Sozialistischen Internationalen den Sozialismus durch den Nationalismus zu ersetzen. Ihrem Ver- halten ist es zuzuschreiben, daß die Arbeiterparteien dieser Län- der sich dem verbrecherischen Vorgehen der Regierungen nicht wi- dersetzen, sondern die Arbeiterklasse aufforderten, mit den impe- rialistischen Regierungen gemeinsame Sache zu machen, (...) indem sie den Klassenkampf und seinen zu bestimmten Zeitpunkten notwen- digen Umschlag in den Bürgerkrieg leugneten und die Zusammenar- beit der Klassen predigten; indem sie unter der Flagge des Pa- triotismus und der Vaterlandsverteidigung den bürgerlichen Chau- vinismus predigten und die bereits im Kommunistischen Manifest dargelegte Grundwahrheit des Sozialismus, daß die Arbeiter kein Vaterland haben, ignorieren oder bestritten; indem sie sich im Kampf gegen den Militarismus auf einen spießbürgerlich-sentimen- talen Standpunkt beschränkten, anstatt anzuerkennen, daß die Pro- letarier aller Länder einen revolutionären Krieg führen müs- sen...." schrieb Lenin und empfahl, "mit dem Opportunismus entschieden zu brechen". Heute sind Sozialdemokraten an der Macht. Den "Opportunismus" besorgen andere. zurück