Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen


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       Willy Brandt würdigt von Ossietzky
       

LEICHENFLEDDEREI FÜR DEUTSCHLAND

Willy Brandt ehrt Carl von Ossietzky? Ach was. Willy Brandt ehrt sich als Erbe eines Opfers des Faschismus. Und mit sich ehrt der Ex-Bundeskanzler das neue bundesrepublikanische Deutschland, das schon deshalb jeder als das bessere fraglos begrüßen soll, weil es heute n i c h t F a s c h i s t e n sind, die gegen die So- wjetunion rüsten, Lohnarbeit in deutschen Fabriken und Arbeits- lose in sozialem Frieden organisieren, Kalkardemonstrationen niederschlagen und Extremistenbeschlüsse durchziehen. Das alles will Brandt mit Ossietzky schmücken. Für diese geistige Erbschleicherei ist unentbehrlich, daß noch die Faschisten den Weltbühneautoren erledigt haben. Denn, wäre er noch am Leben und seinen Standpunkten von damals treu: Wie stände Carl von Ossietzky da in der sozialdemokratisch mitre- gierten BRD? Er wäre dann kein toter Mann des Widerstands, den Sozialdemokra- ten in ihre Ahnenreihe des "besseren Deutschlands" einfügen, auch wenn er nie Sozi gewesen ist, sondern wäre ein ö f f e n t l i c h e r E x t r e m i s t - ungefähr so wie da- mals, als ihn die Weimarer Sozialdemokraten für einen Nihilisten oder Spinner, auf jeden Fall für einen Verräter ihres Vaterlands gehalten haben. Der politische Pazifist Ossietzky --------------------------------- hing noch 1934 im KZ Esterwegen an einem Ideal: "1918 war es möglich und notwendig, den Militarismus mit der Wur- zel auszumerzen." Daß dies sein unerfüllter Traum blieb, dafür machte er nicht zu- letzt Sozialdemokraten verantwortlich: "Die Sozialdemokratie hat sich jetzt nach den Äußerungen namhaf- ter Führer endgültig entschlossen, nicht gegen, sondern um die Reichswehr zu kämpfen... Immer wieder betonten sie, es sei geschäftsordnungsmäßig nicht möglich, den Militäretat abzulehnen, ohne den Gesamtetat zu verweigern. Aber, meine Herren, ist das denn eine so grausame Zumutung für die repräsentative Oppositi- onspartei?... Da das Budgetrecht des Reichtstags ohnehin durch die Manipulationen des Reichswehrministeriums fast illusorisch gemacht worden ist, wäre hier nicht nur Ablehnung, sondern - hor- rible dictu! - Obstruktion am Platz." (1927) Die Sozi-Einseifertour für den linken Wählerrand, man könne "leider" wegen lauter Sachzwängen nur tun, was man will, kannte er also auch schon. Aber wie stände er erst heute da mit seiner Forderung nach "Obstruktion" gegen Bundeswehr, NATO und sozialdemokratische Wehrminister? "Wir sagen nicht nein, sondern ja zur Landesverteidigung, zur Bundeswehr" und "Die Leistungen der Soldaten und Zivilisten in der Bundeswehr, meine Damen und Herren, werden nur dann voll wirksam, wenn sie von der Anerkennung durch die öffentliche Meinung getragen wer- den." Zweimal Friedenswilly Brandt. Deutsche Kriegsfähigkeit ist diesem Sozialdemokraten ein Herzensanliegen, für das nicht nur aufgerü- stet worden ist von den Genossen Schmidt, Leber und Apel. Brandt selbst hat die ideologische Heimatfront mobil gemacht: Nicht nur die Bürger in Uniform! Alle zum Appell! Lebendig wäre Ossietzky also Vaterlandsverräter und Wehrkraftzer- setzer! Der Kritiker an Kapitalismus und sozialem Frieden ------------------------------------------------- schrieb über die SPD: "Niemals ist der Kapitalismus besser geborgen als in den Zeiten, wo Sozialisten am Ruder sitzen. Denn deren Bemühen richtet sich immer vornehmlich darauf, ihre Wähler, die sich einbilden, jetzt, wo ihre Leute oben sitzen, käme die Ernte, gut in Disziplin zu halten." (1927) Da wäre er im sozialdemokratischen "Modell Deutschland" mit sei- nen durchrationalisierten Contischichten und "konzertierten" Lohnsenkungen wohl auch fündig geworden. Und hätte sich von Willy Brandt eine doppelte Abfuhr zugezogen: "Unsere Bejahung des Wettbewerbs und des marktwirtschaftlichen Prinzips bedarf keiner Relativierung... Ich halte nichts von Überhöhungen der Staatsidee. Aber ich bleibe doch dabei, daß gute sozialdemokratische Politik sich mit schlechtem Gewissen in Sa- chen Staat nicht machen läßt." Nein, ein bundesdeutscher Sozialdemokrat hält nichts von hoch- trabenden Staatsideen, sondern hetzt gegen Skrupel gegenüber der praktischen Ausübung bundesdeutscher Staatsgewalt, die die Frei- heit des Eigentums zum Geschäftemachen durchzusetzen hat. Lebendig wäre Ossietzky also ein Volkswirtschaftsschädling oder Arbeitsplatzzerreder und Staatszersetzer! Der Gegner des Kommunistengesetzes und Radikaldemokrat ------------------------------------------------------ wäre endgültig ein Verbotsfall für den streitbaren Demokraten Brandt: "Die Kommunisten sind Opposition, sie holen die Mittel aus dem eigenen Arsenal und nehmen die Folgen auf die eigene Kappe. Die sozialistischen Minister dagegen mobilisieren in ihrer Parteisa- che den Staat..." (1929) "Der Reichsminister Severing (SPD) nennt sein Ausnahmegesetz ge- gen die Kommunistische Partei allzu anspruchsvoll Gesetz zum Schutze der Republik und zur Befriedung des politischen Lebens. Das ist - um die höflichste Erklärung zu wählen - eine grobe Selbsttäuschung... In der Praxis wird jede einzelne Ziffer zu ei- ner hartkantigen Waffe gegen kämpfende Arbeiterparteien werden, die nicht nur in der Politik, sondern auch in den gewerkschaftli- chen Alltag hineinschlagen wird, indem jeder Arbeiter darauf abgeurteilt werden kann, der bei irgendeiner Lohnbewegung ein et- was zu populär gehaltenes Flugblatt verteilt. Das ist eben das Hinterhältige an diesem Gesetzentwurf, daß er abwechselnd mit den Begriffen "republikfeindlich" und "staatsfeindlich" operiert." (1930) Lebendig wäre Ossietzky ein Fall für den "Extremistenerlaß", auch als "Berufsverbot" bekannt. Den hat der frischgekürte Kanzler Brandt seinerzeit höchstpersön- lich erfunden und durchgesetzt. Nachdem er zuvor in der Großen Koalition die Notstandsgesetze mit durchgepaukt hatte. Kritiker, die meinten, sie müßten die Demokratie davor retten, waren dem Demokratie-Wager Brandt zwar recht als Wählermasse für den Macht- wechsel zur SPD. Aber dann hatten sie gefälligst zu begreifen, daß für einen Sozialdemokraten nicht die Demokratie der oberste Zweck und der Staat ihr Mittel ist, sondern umgekehrt. So wurden radikale Demokraten zu Staatsfeinden gemacht, denen Brandt seine Gleichung einbleute, daß Republikschutz S t a a t s schutz i s t. Sozialdemokratische "Befriedung des politischen Lebens" ist eben keine friedliche Sache. Wem gibt Willy Brandt die Ehre? ------------------------------- Weder der politische Pazifist, noch der soziale Idealist, noch der Radikaldemokrat steht heute zur Ehrung durch einen erfolgrei- chen Macher und Ideologen des BRD-Imperialismus an. Alle drei kann Willy Brandt aus Profession und Gesinnung überhaupt nicht leiden. Geehrt wird als D e u t s c h e r Carl von Ossietzky, den Faschisten, also Exponenten des "s c h l e c h t e n" Deutschland, ermordet haben. Seinen Tod kann keiner rückgängig machen. Auf seine Anschauungen ist geschissen. Aber, so heißt es, sein "Opfer" soll nicht sinnlos gewesen sein. Dafür sorgt der geistige Leichenfledderer aus der Baracke. Ein Mann des "anderen" Deutschlands soll dem "besseren" Deutschland die moralische Weihe erteilen. Und jeder versteht, wie's gemeint ist, wenn ein Staats- mann einen Vaterlandsverräter fürs Vaterland rettet. Diesen geheuchelten Nachruf hat von Ossietzky nicht verdient. Fällig ist vielmehr eine Üble Nachrede auf Willy Brandt ------------------------------ Leute, denen bereits zu Lebzeiten nachgesagt wird, ihnen wäre ein Platz in der G e s c h i c h t e sicher, haben bei ihren Zeit- genossen einen nachhaltigen E i n d r u c k hinterlassen. Bei einem Staatsmann geht das am schnellsten, weil sein Geschäft, mit dem er seinen Freunden & Feinden imponiert, die G e w a l t ist - und die gebietet Respekt. Wenn einer es schafft, als P o l i t i k e r auch noch be-, gar geliebt zu werden, dann muß er es verstanden haben, den Zwang als Wohltat, die Rücksichtslo- sigkeit als Gewissen und die Charaktermaske als persönliches Schicksal vor dem betroffenen Publikum zu r e p r ä s e n- t i e r e n. "Wir wollen freie Menschen sein, wobei Freiheit nicht Schranken- losigkeit sein soll. Wir wollen das Gesetz der Freiheit, Gerech- tigkeit und Schönheit. Als Sozialisten, erfüllt mit dem Geist ei- ner neuen Zeit... Wir haben Weg und Ziel vor Augen. Wir sind Revolutionäre: Pioniere der Gemeinschaft, des erlösenden So- zialismus." Was der Jungsozialist Herbert Frahm 1930 im "Lübecker Volksboten" geschrieben hat, dafür stand und steht der Sozialdemokrat Willy Brandt als Regierender Bürgermeister von Westberlin, als Bun- deskanzler, als Parteivorsitzender und ab Juni 1987 auch in sei- ner neuen Funktion als Über-Sozi der sich ebenfalls immer treu bleibenden deutschen Sozialdemokratie. Deshalb hat es Brandt wohl wirklich "tief verletzt", als die Christlichen die Wahlkämpfe 1961 und 1965 mit der "Herbert Frahm"-Kampagne bestritten, in der dem Kanzlerkandidaten der SPD eine vaterlandslose, gar anti-deut- sche Vergangenheit nachgesagt wurde. Andererseits hat dies seine Partei und das komplette "bessere Deutschland" - vor allem in den Kreisen der Geistesschaffenden - geradezu für Brandt fanatisiert. Der hatte nämlich nicht erst 1944 gemerkt, daß der Faschismus die Staatsideale des deutschen Volkes mißbrauchte. Der hatte es nicht nötig gehabt, sich die Staatsabträglichkeit des Hitler-Regimes von der siegreichen Roten Armee klarmachen zu lassen. Der wußte schon vor 1933, daß das Deutsche Reich mit den Nazis den Bach runtergehen mußte. Der trat nur deshalb einer S o - z i a l i s t i s c h e n A r b e i t e r p a r t e i SAP bei, weil ihm die SPD als a n t i f a s c h i s t i s c h e Kraft zu schlapp vorkam, und der kämpfte auch in n o r w e g i s c h e r Uniform für Deutschland gegen die Staatsverräter in d e u t s c h e r Uniform. Andererseits läßt sich auch der ebenso echt empfundene Haß der "anderen Seite" nachvollziehen ge- gen einen Politiker, der mit seiner Biographie bewies, daß man von der Schädlichkeit des Faschismus für die Nation sogar eine Ahnung haben konnte, wenn man nicht als Chef der Propa- gandaabteilung im Rundfunk, als KZ-Architekt oder als Staatsan- walt seine NS-Dienste versehen hatte (Kiesinger, Lübke, Filbin- ger). Daß Willy Brandt an seinem s o z i a l d e m o k r a- t i s c h e n P a t r i o t i s m u s festhielt und dem Nazi- Staat den Rücken kehrte, verübeln ihm bis heute (und seit der "Wende" erst recht wieder!) die patriotischen K o n s e r v a- t i v e n u n d M i t l ä u f e r, deren Ehre "Treue" hieß, weswegen sie mitmachen "mußten" - gerade weil sie, wie sie heute wissen, gar nicht "wollten". Willy Brandt hat sehr schnell gemerkt, daß gerade für einen Politiker, der beim Wähler V e r t r a u e n in Stimmen umsetzen muß, die Biographie immer ein Argument ist, aus dem man das Beste machen muß. So konnte er jeden Rechtsschwenk in seiner Politik mit seiner untadeligen an- tifaschistischen Vita absegnen, vor passendem Publikum und zu rechter Gelegenheit auch mal mit seinen Anfängen auf dem "linken Flügel der Arbeiterbewegung" kokettieren und selbst seine schlam- pigen Familienverhältnisse, die schon vor sein Geburtsdatum zu- rückreichen, den Spießern in und außerhalb der Partei liberal um die Ohren hauen. Andererseits gab er jungen Heißspornen unter Ju- sos und überhaupt in der "kritischen jungen Generation" seinen eigenen "lebensgeschichtlichen Lernprozeß" mahnend zu bedenken. Dabei liegt seine Stärke in der Sicherheit, daß jugendliche Ideale gebändigt und für die richtige Sache eingesetzt werden können. Beim Agitieren setzte er dazu auch gerne auf reaktionäre Spruchweisheiten wie: "Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz; wer es mit 40 noch ist, keinen Verstand." Diese Deutung des Verhältnisses von Herz und Verstand gibt immerhin Auskunft über die permanente Reformideologie der S o z i a l d e m o- k r a t i e und ganz besonders über die Geschichte der d e u t s c h e n Sozialdemokratie, die inzwischen schon dreimal den Krieg verhindert hat, seit 130 Jahren dabei ist, den unmenschlichen Kapitalismus mit menschlichen Zügen zu versehen, die Arbeiterklasse zu braven Bürgern zu emanzipieren, und das alles aus lauter Liebe zu Deutschland. Darüber ist sie mit der Nation so intim geworden, daß sie meint, ohne sie an der Macht sei Deutschland unregierbar. Auch diesen extremsten aller staatsfanatischen Gedanken verdankt die Partei ihrem ehemaligen Vorsitzenden Willy Brandt. Er hat sich ohne jeden Zweifel um das Vaterland verdient gemacht. Das werden wir ihm nie vergessen. Die Zukunftsfaselei der SPD löst sich auf in den allgemeinsten Appell zur Bescheidenheit und Dienstbarkeit, umgekehrt in den billigsten Titel für das sozialdemokratische Dafürsein. Für die Zukunft muß jeder sein. Die SPD zeigt sich für die Zukunft ver- antwortlich. Also muß jeder wegen der Zukunft für die SPD sein. Dies die Partitur sozialdemokratischer Zukunftsmusik. Gebildete Menschen mögen das für vorwärtsweisendes Zukunftsdenken halten. Wir halten das für die letzte Frechheit der SPD. zurück