Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen


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       Das SPD-Programm
       

VON GODESBERG ZU IRSEE

"Übrigens taugt das Programm nichts." (Marx 1875 in Sachen Sozi- aldemokratie) 1989, dreißig Jahre nach Godesberg, wird sich die SPD einen Her- zenswunsch erfüllen und sich ein neues, 'modernes' Parteiprogramm geben. Den Bedarf danach haben nicht die Wähler, nicht die Parteimit- glieder angemeldet, sondern die sozialdemokratischen Funktionäre. Nicht, weil sie mit dem alten Programm schlecht gefahren wären. Immerhin haben sie nach Godesberg die Schaltstellen der Macht er- obert, sich um bundesdeutschen Kapitalismus und Imperialismus verdient gemacht, haben im Geiste des "demokratischen Sozialis- mus" - und nicht als Verräter daran - für AKWs und Arbeitslosig- keit, für die ideologische und politische Aufweichung des Haupt- feinds und für Aufrüstung an allen Fronten gesorgt. Das hat die Glaubwürdigkeit dieses Programms unter Beweis gestellt. Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, daß die Sozialdemokraten in den letzten dreißig Jahren theoretische Einsichten gewonnen hät- ten, die die Dokumente von Godesberg zu Makulatur hätten werden lassen. Und schon ganz von der Hand zu weisen ist die Vermutung, das neue Programm verdanke sich einer Revision sozialdemokrati- scher Absichten. Theoretische Globalprogramme weiß auch die SPD richtig einzuschätzen als das Stück Geist, das nicht seines In- halts wegen Berücksichtigung findet und wirkt, sondern die Macht schmückt, zu der es eine Partei gebracht hat und die ihr recht gibt. Deswegen ist die SPD so zufrieden mit sich und ihrem noch gültigen Grundsatzprogramm, daß sie ihren Programmideologen den Auftrag erteilt hat, das neue Programm auf jeden Fall im Geiste des alten zu verfassen. Gesagt, getan. "Die Grundwertekommission hält es - einmütig - für richtig und nötig, folgende Aussagen des Godesberger Programms in einem künf- tigen Programm zu bestätigen: - Das Bekenntnis zur Demokratie... - Das Bekenntnis zum Grundgesetz und damit zum Staat des Grundge- setzes... - Das Bekenntnis zum demokratischen Sozialismus als einer dauern- den, niemals abgeschlossenen Aufgabe... - Das Bekenntnis zur weltanschaulichen Offenheit der Partei... - Das Bekenntnis zu den Grundwerten der Freiheit, der Gerechtig- keit und der Solidarität... - Die Entscheidung für die Volkspartei... - Die Anerkennung des Marktes als ein wichtiges Mittel für die Wirtschaft jeder Industriegesellschaft..." Den Mitgliedern der Grundwertekommission dürfte die Wahrung der Kontinuität beim Übergang von einem Programm zum anderen nicht schwergefallen sein. Es ist die Kontinuität des umstandslosen Einsatzes für Ökonomie und Herrschaft der Nation, den sich Sozi- aldemokraten von niemandem streitig machen lassen. Der Einstieg in die Programmdebatte mit einem gleich siebenfachen Hurra auf die BRD und die staatstragende Rolle der SPD in ihr verrät, daß es sich bei dem neuen Grundsatzprogramm weder um eine Sammlung sozialdemokratischer Urteile über die Welt handelt, noch um eine Absichtserklärung hinsichtlich dessen, was die Partei in und mit dieser Republik anzustellen gedenkt. Es handelt sich vielmehr um die Präsentation einer sozialdemokratischen Weltanschauung, ge- nauer um die Neufassung eines Glaubensbekenntnisses. Das braucht der Leser weder auf Stimmigkeit noch auf Übereinstim- mung zu überprüfen. Im Vertrauen: dieser Test ginge auch gar nicht. Aus einem programmatischen Leersatz des Kalibers "Die Dynamik, die dem Wirtschaftsprozeß innewohnt, läßt Altes vergehen und Neues entstehen." wird weder ein sozialdemokratischer Ministerpräsident seinen Be- schluß begründen, Rheinhausen sei als Stahlstandort nicht halt- bar, noch wird die dynamische Sichtweise einen Rheinhauser Stahl- arbeiter von der Notwendigkeit des Wahlkreuzes für die SPD über- zeugen können. Streng genommen läßt sich die Phrase noch nicht einmal glauben. Glauben soll man allerdings schon. An die Ver- wandlung der sozialdemokratischen Maxime des Dafürseins in ein intellektuelles Angebot, dessen Redlichkeit und Güte man sich nicht entziehen könne. Wer diesem Programm mit Problembewußtsein begegnet, ist den sozialdemokratischen Menschenfischern schon vor dem Wahltag ins Netz gegangen. Auf in den Kampf um die politische Dummheit! -------------------------------------------- Ein Programm konsequenten nationalen Bekennertums, angesiedelt in den höheren Sphären intellektuellen Blödsinns, hat einen Haken. Die Konkurrenten auf beiden Flügeln machen täuschend ähnliche An- gebote. Christenmenschen wie grüne Saubermänner/frauen wollen auch in schwerer Zeit ein geistiges Bäumchen für die Nation und die ganze Menschheit pflanzen. Dieser Wettbewerb trübt die prin- zipielle Zufriedenheit der SPD. "So können dieselben Grundwerte, die, ernst genommen, zur Reform unserer Gesellschaft drängen, auch verwendet werden, um Reformen gerade in dem Augenblick zu verhindern, in dem sie unerläßlich geworden sind." (Grundwertekommission) Diese Strapazierfähigkeit der schönen demokratischen Ideale ist lästig. Zwar nicht für die Politik der SPD, denn die macht sich sowieso nicht vom Wertehimmel abhängig, wohl aber für das unver- wechselbare Image der Partei. Schließlich ist ja ihr Glotz, zu- sammen mit Geißler, der Vater des Gedankens, der Schlüssel zur Macht läge im Kommando über das Wort. Zwar glaubt kein Parteise- kretär an diese Verwechslung von Macht und Geist, pflegen will er das Verwechselspiel aber schon. Natürlich jeder zugunsten seiner Partei. In diesem Sinne hat sich die Sozialdemokratische Partei Deutschlands Ende der 70er Jahre auf die Suche gemacht nach einem neuen ideologischen Überbau für ihre bewährten politischen Ziel- setzungen. Also lautet der Beschluß, daß die Partei die Phraseo- logie dem geistigen Stand der Zeit anpaßt, damit sie, wenn schon nicht gleich die Wählerstimmen, so doch die "geistige Hegemonie" (Glotz) in diesem unserem Land (zurück-)gewinne. Es geht also um die erfolgreiche Austragung des Konkurrenzkampfs um die politi- sche Dummheit. Zu diesem Zweck hat sich die Baracke, ohne die Wahlkampfführung außer acht zu lassen, mit den Insignien des Geistes geschmückt. Nicht in der üblichen, allen Parteien geläufigen Weise durch das Vorführen original sozialdemokratischer Intellektueller oder die Präsentation von Gutachten, worin der Partei-Braintrust dem Auf- traggeber bestätigt, wie richtig er liegt. Dieses Mal sollte es eine richtige Festschrift sein, mit der die SPD ihre intellektu- elle Attraktivität unter Beweis stellt. So bemüht die SPD ihren eigenen und den fremden Geist für eine "Plattform für eine Mehr- heit diesseits der Union." (Eppler) Die SPD macht Angebote (I): Orientierungshilfe in schwerer Zeit --------------------------------------------------------------- Über die Qualität des politischen Gefechts mit geistigen Waffen erhält man erste Aufschlüsse, wenn sozialdemokratische Programm- Macher begründen, warum sie die Menschheit nach Godesberg auch noch mit Irsee behelligen. "Wir sind Zeugen einer Zeit tiefgreifender Umbrüche, nicht nur auf wissenschaftlichem und technischem Gebiet, auch im Bereich der internationalen Beziehungen, auch in sozialer Hinsicht und im kulturellen Verhalten." (Willy Brandt) "Der Irseer Entwurf antwortet, was Godesberg nicht konnte, auf die geschichtlich neuartige Frage nach Sinn und Grenze des tradi- tionellen Fortschrittsverständnisses." (Thomas Meyer) Ein tolles "Angebot" (so Irsee über Irsee), das einem ins Haus flattert. Es präsentiert sich so unabweisbar, daß man fast meinen könnte, man habe es bestellt. Willy Brandt vereint ganz jovial in seinem Aufruf zur geistigen Kumpanei Programmschreiber und -le- ser, politische Macher und Wähler, eben "uns alle", in einer Ein- heitsriege von Glotzern, die ebenso bewundernd wie fassungslos die Ereignisse auf der Weltbühne verfolgen, auf der soviel los ist, daß man sich kaum zu fragen traut, was eigentlich. Läßt diese wie selbstverständlich eingeführte Globalsicht unter sozi- aldemokratischer Anleitung überhaupt noch Differenzen zu? Fast muß man es als einen Skandal empfinden, daß sich die SPD noch nicht als die deutsche Einheitspartei hat etablieren können. Fer- ner: Wer könnte einem Parteiprogramm die Anerkennung versagen, das nicht einfach Antworten gibt auf so schnöde Fragen wie 'Was will die SPD?', sondern sich gleich nur noch von Raum und Zeit abhängig macht und sich exklusiv Themen widmet, die so hochran- gige Instanzen wie die Geschichte auf die Tagesordnung gesetzt haben? Natürlich weiß der SPD-Altmeister, daß nicht jedermann von Haus aus die Welt so sieht, wie es auf den Klappentexten der Brandt- Bestseller steht. Der Parteienkel weiß seinerseits, daß die Frage, die gar keine ist, sondern ein Intellektuellengewäsch, nicht gerade zu den heißen Themen in Werkskantinen und Wohnstuben gehört. Macht nichts, denn die beiden Handlungsreisenden in Sa- chen SPD-Programmatik wollen Eindruck schinden, ehe man auch nur eine Zeile aus Irsee gelesen hat. Das Produkt ist allerdings auch nicht viel schlechter als die Werbung, was sich durchaus schon in der ersten Zeile der Präambel ankündigt: "Die Welt, in der wir leben". Anklänge an einschlägige Fernsehreihen und Bestseller sind nicht zufällig, sondern beabsichtigt. Die SPD hat es durch- aus darauf abgesehen, für eine Art Synthese aus Däniken, Ditfurth (sen.) und Capra gehalten zu werden; nicht wegen der Auflage (Irsee gibt's gratis), sondern wegen der Stimmen. Vor uns liegt ein Dokument sozialdemokratischer Verwandlungskün- ste. Natürlich ist die SPD auch in Kapiteln des Typs "Grundvoraussetzungen menschlichen Lebens", "Solidarität zwischen den Generationen", "Auf dem Weg zur Kulturgesellschaft" oder "Mit den jungen Menschen nach vorn" Subjekt ihres Programms. Nur eben nicht in der Rolle als Mit-Macher des bundesrepublikanischen Staatswesens, das hier und anderswo für manches Opfer manche Lie- derlichkeit verantwortlich zeichnet, sondern als ein von anderen kaum mehr unterscheidbares Subjekt der geistigen und moralischen Anteilnahme an der Welt. Die Partei hat den frechen Satz ihres obersten Hoffnungsträgers Oskar - "Es ist nicht möglich, die Gesellschaft in Täter und Opfer zu trennen." nicht nur geteilt, sondern ein ganzes Programm daraus gemacht. Konsequenterweise präsentiert sie die Welt von Geschäft und Gewalt nicht als Resultat der Politik von Sozialdemokraten und ihren politischen Konkurrenten, sondern als eine Summe vorge- fundener Konstellationen - Gefahren und Verschärfungen, Bedrohun- gen und Überforderungen -, die allen Betroffenheit abnötigen und der SPD in Sonderheit Anlässe für ein prinzipiell überparteili- ches Betreuungsverhältnis bieten sollen. So als müßte die impe- rialistische Welt noch einmal aufgeteilt werden, nicht nach den Kriterien von Profit und Souveränität, sondern hinsichtlich einer "neuen Dimension von Verantwortung", bietet sich der Täter SPD allen Opfern als Hoffnungsträger Nr. 1 an. "Sie (= Sozialdemokraten) wollen ermutigen und selbst Zeichen der Hoffnung setzen." Und ganz so, als hätte die Übernahme der politischen Macht, zu der sich die Partei aufs herzlichste beglückwünscht ("Die Bundes- republik Deutschland ist unser Staat."), nicht schon ihre Spuren hinterlassen, spricht die SPD eine Einladung aus an Lohnempfänger und Rentner, an Fabrikanten und Studienräte: zu "solidarischem Handeln in gemeinsamer Verantwortung". Sicher: N e u ist an diesem pastoralen Weltbild nichts. Kata- strophenszenarios und Kassandrarufe, Beschwörungen des Prinzips Hoffnung und pauschale Vertrauenserklärungen an die Politik - all diese geistigen Zutaten eines verantwortungsbewußten Lebens hat die Programmkommission kräftig und absichtsvoll abgekupfert bei Grünen und Friedensbewegten, bei Dritt-Welt-Moralisten und Be- troffenheitsfanatikern. Dumm wäre es, wenn die solchermaßen geistig Beklauten im Duplikat nicht ihre eigenen Fehler entdecken und spätestens bei der Zweit- auflage ausräumen würden, sondern statt dessen in der sozialdemo- kratischen Platitüdensammlung eine gute Voraussetzung für ein wahnsinnig breites Bündnis entdeckten. Auch wenn sie den sozial- demokratischen Copyright-Schwindel als einen ideologischen Erfolg ihrerseits verbuchten sie wären zum x-ten Male auf die funktio- nale Lüge vom "kleineren Übel" SPD hereingefallen. So war es sei- tens der SPD durchaus gedacht Es mag zwar sein, daß Sozis heutzu- tage, auch wenn sie nicht Eppler heißen, ihre Baracke nicht von einer Kirche unterscheiden können; daß sie den Club of Rome als ihr geistiges Vorbild schätzen. Nur: Den O p p o r t u- n i s m u s ihres eigenen Moralgedusels, aus dem sie ein ganzes Programm gebastelt haben, haben die Programmatiker keinen Augenblick außer acht gelassen. Die eigene Politik in Be- troffenheit zu verwandeln, ist eine Sache, ideologische Menschen- fischerei die andere. "Den Menschen, an die wir herangehen, sollten neben der Warnung vor den Gefahren unserer Welt auch die Beweise gezeigt werden, daß solche Gefahren auch in vielen Fällen erfolgreich bekämpft werden können ..., wenn eine demokratisch verantwortliche Kon- trolle ihre Pflicht tut." (Richard Löwenthal) "Soziologisch gesehen verkörpern die Grünen einen politisch radi- kalisierten Teil der gesellschaftlichen Mittelschicht. Demgemäß sind die 'grünen' Ängste, Empfindungen und Denkansätze nur die auf eine radikale Bewußtseinsebene gehobenen Ängste, Empfindungen und Denkansätze dieser Mittelschicht. Will die SPD über den Stim- menzuwachs in der Mitte mehrheitsfähig werden" (sie will's), "muß sie solchen Bedürfnissen auf eine weniger radikale, aber nicht minder glaubwürdige Art entgegenkommen." (Lafontaine) Ein rechter und ein linker Flügelmann erinnern die Partei daran, wie der Programmauftrag gemeint war: Stimmungsmache und Moralis- mus sollen sich auszahlen. Kein potentieller Wähler soll durch die Schwarzmalerei, die es um der Ununterscheidbarkeit von Tätern und Opfern willen durchaus braucht, so abgeschreckt werden, daß er die sozialdemokratische Hoffnungsbotschaft nicht mehr mitbe- kommt und sich seinen Optimismus lieber von der christdemokrati- schen Konkurrenz bestätigen läßt. Umgekehrt darf die SPD die Katastrophenmentalität nicht den Grü- nen überlassen. Wer dort seine Betroffenheit ansiedelt, ist für die SPD verloren. Schon gar die Leute, die vor lauter Angstgemäl- den, Elendsbildern und moralischer Empörung jeglichen Dienst an der Politik quittieren wollen. Schließlich soll die Moral die Eintrittskarte in die Sozialdemokratie sein. Also müssen sich die Sozialdemokraten auf Darstellungsformen ihres eigenen Moralismus verständigen, die niemanden vergraulen. Für die Kompromißformel haben sich die Programmatiker fast zehn Jahre Zeit gelassen. Dann haben sie sich für die ideologische Mitte entschieden. "Sozialdemokraten bieten weder die Vertröstungen eines naiven Op- timismus noch die Beschwörung des Untergangs, wohl aber verläßli- che Wegweiser und Chancen für sinnvolles Wirken." So ist man auch noch in den höheren Sphären des Überbaus Volks- partei. Die SPD macht Angebote (II): Seid kritisch mit und für uns! ----------------------------------------------------------- Zu den leider unverwüstlichen Gerüchten über die SPD gehört auch dieses: Bei aller Kritik an ihrer Politik könne man der Partei den Willen zu einer k r i t i s c h e n Sicht der Dinge nicht absprechen - ganz im Unterschied zur konservativen Abteilung. Dieses Gerücht schmeckt der Partei schon deshalb, weil sie selbst den Konkurrenten an der ideologischen Front nichts anderes anzu- lasten hat als den "Versuch, die Krisen und Gefahren unserer Zeit zu leugnen und zu verdrängen". Dagegen, so das Selbstbewußtsein der SPD und ihrer geistigen Sympathisanten, spricht sie ganz ohne Berührungsängste und Tabus die Widersprüche aus. Jusos, die Dia- lektik immer noch für eine rhetorische Technik halten, gehen für ihre Mutterpartei sogar mit dem Argument hausieren, sie, und nur sie, könne "in Widersprüchen denken". Gemeint ist dabei offenbar folgendes: "Was das Godesberger Programm als 'Widerspruch unserer Zeit' be- schreibt, hat sich in den drei Jahrzehnten seither weder aufge- löst noch gemildert. Alte und neue Widersprüche und Gefährdungen überlagern und verschärfen sich gegenseitig." Es wundert uns nicht, daß sich die Partei durch dreißig Jahre Weltgeschichte in ihrem Godesberger Ausgangspunkt bestätigt sieht. Denn was in Godesberg wie in Irsee gleichermaßen als 'Widerspruch' daherkommt, ist gar keiner, auch wenn ihm noch so viele Bewegungsformen zugesprochen werden. Gehen wir noch einmal auf den Ausgangspunkt der SPD zurück. Wie hieß es doch damals in Godesberg? "Das ist der Widerspruch unserer Zeit, daß der Mensch die Urkraft des Atoms entfesselte und sich jetzt vor den Folgen fürchtet; daß der Mensch die Produktivkräfte aufs höchste entwickelte, unge- heure Reichtümer ansammelte, ohne allen einen gerechten Anteil an dieser gemeinsamen Leistung zu verschaffen; daß der Mensch" (der schon wieder!!) "sich die Räume dieser Erde unterwarf, die Konti- nente zueinander rückte, nun aber in Waffen starrende Machtblöcke die Völker mehr voneinander trennen als je zuvor und totalitäre Systeme seine Freiheit bedrohen." Damals wie heute taugt "Widerspruch" als die gestochene Phrase für den Willen der Partei, Atomkraftwerke, kapitalistische Reichtumsproduktion, imperialistische Aufteilung der Welt und Kriegsvorbereitung zu verdoppeln in den Idealismus unwidersprech- lich gut gemeinter Projekte eines abstrakten Kollektivsubjekts - Oskars Wunsch, nicht zwischen Tätern und Opfern unterscheiden zu wollen, steht fest in der sozialdemokratischen Tradition - und der R e a l i s m u s, der die Werke von Ausbeutung und Gewalt zwar weniger segensreich daherkommen läßt, sie aber nicht als die realisierten Zwecke dieser Gesellschaft gelten lassen will, son- dern als mangelhafte Realisierung ihrer Ideale: "Abhängigkeit statt Freiheit, Ausbeutung statt Gleichheit, Verelendung statt Brüderlichkeit." Diese Scheindialektik des "zwar, aber" und des "sowohl als auch" verpflichtet gleich zweimal aufs Dafürsein. Die Sammlung ideeller Titel gibt der Politik ganz ungefragt die hö- here Weihe. Umgekehrt ist der Einwand, mit den Idealen von Markt- wirtschaft, Rechtsstaat und Abrüstung könne es angesichts der herrschenden Praxis in diesen Abteilungen nicht weit her sein, nach der sozialdemokratischen Logik des Gleichgewichts von Gefahr und Chance unzulässig, weil er ja nicht die unauflösbare D i f f e r e n z von Sache und Wertehimmel ins Feld führt, son- dern sich glatt, vor lauter überzogenem Idealismus, an den Quel- len der vorgeblichen Bedrohung, Gefährdung, Schädigung usw. zu schaffen macht. So warnen die sozialdemokratischen Programmge- stalter in ihren internen Regieanweisungen sich selbst davor, den politischen Idealismus nicht als Lebensinhalt zu propagieren, sondern als Leimrute der SPD einzusetzen. "Wir brauchen ein Programm, das Utopien beschreibt und die Phan- tasie anregt - das aber auch umsetzbar ist." (Der Bremer SPD-Lan- desvorsitzende Brückner) Konstruktive Kritik ist gefragt. Also nicht Einwände, aber auch keine geistigen Höhenflüge, sondern Alternativen. Genauer gesagt: nur die eine. "In der Tat scheint herkömmliche Politik immer weniger in der Lage, die Aufgaben zu bewältigen, die sich vor uns türmen." Das ist zwar als Schelte der Wenderegierung gedacht, hat aber einen Haken. Der Leser könnte die Kritik zu allgemein verstehen; das Ende des Versagers wäre dann auch das Ende der SPD. Deswegen bemüht sie sich, einen falschen Adversativ nachzuschieben, damit keiner an seinem Politikidealismus verzweifelt. "Trotzdem bleibt Politik die entscheidende Chance, Gefahren abzu- wenden." Womit die SPD keine Abhilfe in irgendeiner Sache in Aussicht stellen will, sondern sich in der ganz unschuldigen Möglichkeits- form als die gute Realisierung einer guten Sache in Anschlag bringt. "Sie" (syntaktisch 'die Politik', faktisch die SPD) "kann den Le- benswillen und die Kreativität der Menschen zugleich ermutigen und nutzen (!), sie kann eine menschenwürdige Welt schaffen und kommenden Generationen Zukunftschancen öffnen." Das ist sie, die kritische Tour der Sozis, alles so zu verbes- sern, daß es bleibt. Für diesen Willen haben die Programmbastler auch noch die Weltformel gefunden, mit der sie Ein-, Aus- und Um- steiger unter dem sozialdemokratischen Dach vereinigen. "Die einfache Fortschreibung des Bestehenden ergibt keine Zukunft mehr. Nur durch Veränderung werden wir in die Zukunft hinein ret- ten können, was wir für bewahrenswert halten." Das sitzt. Ein Nachtrag zu diesem ideologischen Fischzug sei noch erlaubt. Es gehört zum festen antikommunistischen Repertoire der SPD, kom- munistischen Parteien vorzuwerfen, sie verfolgten ein "Endziel" - und das führe notwendig zu Terror; die SPD hingegen kenne "zwar Wegmarken und Zielpunkte, aber kein Endziel". Erstens ist das ein logischer Unsinn, weil ein "Endziel" ohnehin ein Pleonasmus ist: zweitens verübeln Sozialdemokraten Kommunisten nicht e i n Ziel, sondern das bestimmte, den bürgerlichen Laden abschaffen zu wollen. Drittens hat natürlich die SPD e i n Ziel, das sie sich von niemandem streitig machen lassen will: den Kapitalismus eben. Vielleicht sollte man die Phrase vom demokratischen Sozialismus als "unsere nie vollendete Aufgabe" einmal für die objektive Dro- hung nehmen, die sie ist: Sozialdemokraten wollen uns nichts er- sparen. Die SPD denkt um ---------------- Der Beschluß, den theoretischen Überbau so auszugestalten, daß die Partei als Bannerträger des Zeitgeistes Wählerstimen kas- siert, war einerseits leicht zu realiseren. Denn das intellektu- elle Material zur Profilierung der SPD lag getrennt von ihr be- reits vor, als offenes Angebot der professionellen Ideologiepro- duzenten. Insofern brauchte sich die Programmkommission auf dem Markt des Pluralismus nur zu bedienen. Das hielten die geistigen Lieferanten für eine lobenswerte Aufwertung des Geistes in der Repulik, so eine Art Aufstieg vom Pinscher zum Schoßhund. Etwas schwieriger und zeitraubender gestaltete sich die Suche nach dem Auswahlkriterium. Der Bedarf der Partei richtete sich ja nicht einfach auf Theorie; da hätten sie ihre alten Klassiker wieder aus dem Regal holen können. Auch nicht einfach auf eine genuine sozialdemokratische Theorie. Einen solchen ideologischen Wechselbalg hätte zwar noch nicht einmal das Fehlersystem der bürgerlichen Wissenschaft bereitgehalten. Aber das Produkt war gar nicht erst gefragt. E i n e Theorie, wie falsch oder rich- tig auch immer, hätte doch glatt einer Partei den Dogmatismusvor- wurf einbringen können, die sich mit großem Stolz zu Jesus, Eras- mus, Marx und Bernstein als (fast) gleichrangigen Quellen bekennt und für sich als einen Verein wirbt, in dem "Menschen zusammenar- beiten, die von verschiedenen Glaubenshaltungen und Überzeugungen geprägt sind." Gesucht war ein ebenso unverbindliches (Theorie- lastigkeit kann abschreckend wirken!) wie wirkungsvolles Gei- stesmosaik. In diesem Sinne bekannte sich die Programmkommission zum Opportunismus der Auswahl; die wissenschaftlich fortge- schrittenen Mitglieder lieferten die methodischen Regieanweisun- gen prompt nach. Es "müssen sich mit der Zeit die Symbole entwickeln, durch die eine erneuerte Politik des demokratischen Sozialismus innerhalb und außerhalb der Partei vermittelt werden kann." (Thomas Meyer) Modern gedacht! Wo die Funktionalität des Parteigeistes an ober- ster Stelle steht, sind Urteile das nebensächlichste, wenn nicht gar das hinderlichste Stück Sozialdemokratie. Wo nicht die Ur- teilskraft, sondern die Aufmerksamkeit des Adressaten gefragt ist, muß die SPD geistige Markenzeichen entwickeln und anbieten, mit Hilfe derer sie sich unübersehbar macht. Sie muß mit ihren Sprachregelungen Glotz läßt grüßen - der Konkurrenz zu beiden Seiten des Spektrums zuvorkommen, so daß sie auch in ihrem pro- grammatischen Überbau der wahlstrategischen Parole genüge tut: "Nicht links, nicht rechts, sondern vorne". Meyer und Konsorten träumen von einem geistigen Klima in der Republik, in dem es gar nicht von Interesse ist, w a s die SPD sagt, sondern d a ß s i e es sagt. Parteigenosse Lafontaine hat nicht ohne Erfolg einen entsprechenden Test auf die intellektuellen Ansprüche hier- zulande durchgeführt. So hat sich Irsee schon vor seiner Verab- schiedung bewährt. Die Abstauber sind's zufrieden. ------------------------------- "Oskar Lafontaine hat etwas fertiggebracht, wovon interessierte, sozialdemokrtische Parteitheoretiker seit Jahrzehnten kaum zu träumen wagten: Er hat erreicht, daß eine breite Öffentlichkeit über Grundsätze sozialdemokratischer Politik diskutiert - und zwar mit äußerster Leidenschaft. Das allein ist ein unschätzbares Verdienst." (P. v. Oertzen) Dem Anspruch auf 'Meinungsführerschaft' ist die Kommission zunächst - noch negativ durch einen gesunden Eklektizismus entge- gengekommen, vulgo: durch Abklopfen des Theoriebestands der poli- tischen Konkurrenten. Kein frei zirkulierender Blödsinn, der nicht ins Programm aufgenommen wäre. Der Zettelkasten der Kommis- sion hat sich auch ohne wissenschaftlichen Anmerkungsapparat (den gibt's wahrscheinlich demnächst als Nachtrag bei rororo) ausge- zahlt. Wertkonservative, Ökologen, Feministinnen, selbst Kinder können die ihnen vertrauten Theoriebrocken in Irsee wiederfinden und insoweit ihren geistigen Bedarf gestillt sehen. "Der Mensch ist weder zum Guten noch zum Bösen festgelegt." "Alte und neue Krankheiten zeigen, daß die Natur auf Dauer nicht leiden kann, ohne daß die Menschen leiden." "Wer die menschliche Gesellschaft will, muß die männliche Gesell- schaft überwinden." "Für junge Menschen ist es lebenswichtig, daß die Zukunft offen ist." Zugegeben, dieser Durchmarsch durch den modernen Geist klingt platt. Aber er leistet, was er soll. Die Kommission wollte ja in ihren Aussagen jeglichen Anschein des Praktischen tilgen und zugleich das einschlägige Interesse derer wecken, die in den ein- zelnen Kapiteln als Adressaten angesprochen sind. Konsequent hat sie an allen Stellen ihr Problem b e w u ß t s e i n dokumen- tiert durch das Thematisieren von Fragen (Menschheits-, Frauen-, Jugend-, Zukunftsfragen), die mangels rationellem Objekt keine sind, ihre Antwort also darin haben, daß sie aufgeworfen werden. Das ist ebenso platt wie wissenschaftlich. Den Vorwurf des wissenschaftlichen Dilettantismus an die Adresse der SPD halten wir für ungerecht, zumal wenn er von Wissenschaft- lern kommt, die sich im Prinzip durch die sozialdemokratischen Anleihen geehrt fühlen - "Ich habe diesen Programm-Entwurf mit viel Vorschuß-Sympathie ge- lesen. Es geht um Zukunftsgestaltung." (Der Soziologe Ulrich Beck) - aber im Detail auf gelangweilte Distanz gehen. "Doch auf mich ist kein Funken übergesprungen." (Der freie Wis- senschaftler Ulrich Beck) Kritik und Eitelkeit sind nicht dasselbe. Der freischaffende Aka- demiker kommt der Partei gerade recht. Die Botschaft des Pro- gramms hat er verstanden. Er will nicht wissen, was drin steht, sondern, wie es wirkt. Ob so einer von der SPD geistig mißbraucht werden kann? Die großzügige Anteilnahme am Pluralismus des herr- schenden Geistes hat zwar das Programm um manche Seite bereichert und die partei-interne Arbeit belebt - jeder Ortsverein fand sein eigenes Stückchen geistigen Terrains, das die Partei zu besetzen hätte bzw. eine Wähleruntereinheit, die es noch zu ködern gelte. Die Folge war ein süßer Streit um Volumen und Ausgewogenheit des geistigen Diebstahls, so daß die Partei ihren theoretischen Op- portunismus per Mehrheitsbeschluß regeln mußte. "Bei uns ist es so, daß meistens, wenn Kürzungen vorgeschlagen werden, damit erhebliche Ergänzungsvorschläge verbunden sind." (W. Brandt) Aber auch nach der Abstimmung bleibt ein Haken. Es konnten sich zwar Herr Hinz und Frau Kunz in der geistigen Ansprache durch die SPD berücksichtigt finden, aber damit war die Ideologienkonkur- renz durchaus noch offen. Das Gesamtkunstwerk Parteiprogramm sollte die Leimrute sein. Die Kommission, kommunikationstheore- tisch bewandert, machte sich von den letzten inhaltlichen Vorga- ben ihres Opportunismus frei und setzte auf die einnehmende Sym- bolik der Programmform. Es sollte einfach insgesamt modern wir- ken. Die Phrase war schnell zur Hand. Die Partei präsentierte sich als Vorreiter des "Umdenkens", was der Altvorsitzende, mit einem Gruß nach Moskau, so umschrieb: "In dem neuen Programm ist ein zusätzliches Stück geistiger Öff- nung drin." Von Erkenntnisfortschritten in der Partei, die dringend der Öf- fentlichkeit hätten übermittelt werden müssen, war bei Brandt nicht die Rede. Und das Kunststück, dem "Um-Denken" einen Inhalt zu geben, ist der SPD noch nicht einmal per Mehrheitsbeschluß ge- lungen. Zeit und Raum sind dem Denken, der Erstellung von Urtei- len äußerlich, taugen also nicht für Aussagen über den Inhalt ei- nes Gedankens. Ein "neuer" Gedanke ist nicht schon wegen des Zeitpunkts seiner Entstehung tauglicher als sein Vorgänger. Kor- rigiert ein Gedanke den anderen, spielt die Zeit ohnehin keine Rolle. Die Phrase, mit der die SPD Aufmerksamkeit erheischt, ist nur eine Metapher. Sie steht für den Beschluß der Sozialdemokra- ten, ihr Denken anders zu präsentieren, das eigene Selbstbewußt- sein anders d a r z u s t e l l e n als bisher. (Vorsicht, ihr Freunde von Glasnost! KPdSU und SPD sind auch in Sachen 'neues Denken' nicht zu verwechseln. Gorbatschow und Co. wollen ihre Kritik an Staat und Partei, Ökonomie und Volk zum Gegenstand ei- ner öffentlichen Debatte machen, die ein Hebel zur Korrektur der Mängel sein soll. Vogel und Co. haben gar keine Kritik an Staat und Partei, Ökonomie und Volk, die sie in eine Debatte werfen könnten. Sie wollen 'nur' eine neue öffentliche Sicht der SPD be- wirken; dieses Anliegen stellen sie zur Debatte.) Dieser Effekt ließ sich schon weitgehend durch die Sprachregelung erzielen, auf die sich die Sozialdemokraten verständigt haben. Sie nannten den Irseer Beschluß (der noch harmlos nach dem All- gäuer Nest benannt war, in dem die Partei zu tagen pflegte) ein- fach nur nbch das "neue" Programm. Das machte doppelten Eindruck: wegen des f o r m e l l e n Fortschritts des eigenen Vereins und der naturgemäß daraus folgenden Rückständigkeit der Konkur- renz. Das Grundsatzprogramm der CDU ist von 1978. Und weil, wie man bei Willy Brandt nachlesen kann, Sozialdemokraten im Rhythmus von 25 Jahren ihr Programm neu auflegen, konnten die Programm-Ma- cher davon ausgehen, daß ihr Geisteskind unbeschadet das nächste Jahrtausend erleben würde. Insofern war das Programm nicht nur neu, sondern auch modern. Aus der Werbekampagne der SPD-Einseifer war ein eigenständiges Programm geworden: "Perspektive 2000". Den letzten Schliff in Sachen Programm-Modernisierung holten sich die Parteidenker beim Genossen Lafontaine (vgl. MSZ 4/88). Von ihm lernten sie - oder war's umgekehrt? - die moderne, wissen- schaftlich abgesegnete Sportart des 'Begriffebesetzens', des Par- force-Ritts durch die Landschaft der intellektuellen Schlagwör- ter. Dabei ist alles erlaubt, was zieht. Die bloße Aufzählungs- leistung erheischt schon Respekt; wir haben nach der 16. Erwäh- nung der 'Zukunft' das Zählen aufgegeben. Es gibt freilich in dieser Welt der selbstgeschaffenen Sprachdenkmäler ein bißchen System - ein letztes Mal den festen sozialdemokratischen Willen betreffend, Täter und Opfer der Politik in einen Topf zu werfen. Die Rede ist von "Zukunft". Sie ist, so die SPD, 1. das große ei- nigende Band zwischen den Menschen aller Rassen und Klassen ("eine Zukunft"); 2. das Projekt, dem alle sozialdemokratischen Anstrengungen gewidmet sind ("Zukunftsgestaltung"); 3. ein Ver- sprechen, für das die Partei sich gegenüber jedermann verbürgt ("Zukunftschancen"); 4. eine Verpflichtung, der sich niemand ent- ziehen kann ("Verantwortung für die Zukunft"). Wenn die SPD schon einmal Versprechen macht, sollte man stutzig werden. Auch in ihrem Grundsatzprogramm ist sie realpolitisch ge- nug, keinem einen materiellen Lohn in Aussicht zu stellen. Mehr noch: Sie ist ökologisch genug, vor den angeblich verheerenden Folgen des Materialismus zu warnen. Und schließlich hält sie den Materialismus sowieso für ein kommunistisches Manöver. "Ein Paradies auf Erden meinen wir nicht schaffen zu können." Aber eines, die "Zukunft" eben, will sie uns allen garantieren. Das ist zum einen eine Dummheit, weil die Welt der Ausbeutung und Gewalt aufgelöst ist in Dimensionen der Zeit. Wenn der Kapitalis- mus nicht abgeschafft wird, wird es ihn auch morgen noch geben (Tempus: Futurum); das macht ihn sicher nicht besser als heute. Und insofern Imperialisten und Kapitalisten auch morgen noch exi- stieren, vereinigt Neger und Geschäftsleute, Lohnarbeiter und Ka- pitalisten, Staatsmänner und Befehlsempfänger nicht der Kalender (der für alle 1989 anzeigt), sondern die Gewalt. Von wegen also: eine Zukunft. Zum zweiten leistet sich die Zukunftskoketterie die Frechheit, auf die Zukunft zu reflektieren als einen Zustand der totalen Anspruchslosigkeit der bloßen Existenz. Die Zukunft kann, wenn der Tod ihn nicht dahinrafft, wirklich niemand verlieren. Ob man deswegen schon dafür sein muß? Die Zukunft des Arbeitslosen ist die Arbeitslosigkeit - aus denselben Gründen, die das Kapital jetzt schafft. Die Zukunftsfaselei der SPD löst sich so auf in den allgemeinsten Appell zur Bescheidenheit und Dienstbarkeit, umgekehrt in den billigsten Titel für das sozialdemokratische Dafürsein. Für die Zukunft muß jeder sein. Die SPD zeigt sich für die Zukunft ver- antwortlich. Also muß jeder wegen der Zukunft für die SPD sein. Dies die Partitur sozialdemokratischer Zukunftsmusik. Gebildete Menschen mögen das für vorwärtsweisendes Zukunftsdenken halten. Wir halten das für die letzte Frechheit der SPD. Soweit nicht anders angegeben, sind die Zitate entnommen aus: Entwurf für ein neues Grundsatzprogramm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Irsee, Juni 1986 zurück