Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen


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DALLI DALLI MIT PETER GLOTZ

"Ich wollte endlich einmal etwas tun, was mir nicht als klug ge- planter Karriereschritt ausgelegt werden kann; dabei weiß ich na- türlich, daß es Leute gibt, die mir alles, was ich tue, so ausle- gen - auch dieses." (P. Glotz, Die Innenausstattung der Macht) Der Mann, der sich so eitel um das Image des allein der Sache dienenden Parteifunktionärs bemüht, deswegen zeitlich geschickt plaziert sein "politisches Tagebuch" der Öffentlichkeit zum Blät- tern überließ, hat mit seiner Wahl zum Bundesgeschäftsführer der SPD eine weitere Stufe seiner Parteikarriere erklommen. Die Karriere eines Karrieristen ------------------------------- Kurz nach der Bundestagswahl, mit deren Ergebnis die SPD nicht ganz zufrieden war, wurde Peter Glotz zum Nachfolger Egon Bahrs in der Parteizentrale bestimmt. Wie schon seinerzeit von Bahr, der den dicken Holger Börner ablöste, erwärtet sich der Vorstand der Sozialdemokraten mehr als das "Verwaltungshandwerk" bei der Führung der Parteigeschäfte. Der neue Mann soll "das rundum knarrende Räderwerk wieder auf Touren bringen und die Partei von der Basis bis zur Spitze durch zugkräftige Ideen auf- möbeln." ("Frankfurter Rundschau" vom 11. Dezember) Ein Blick auf die Leistungsbilanz dieses "dynamischen und zupac- kenden" Menschen, dem die "Sucht" einer "arbeitsbesessenen Um- triebigkeit" ("Süddeutsche Zeitung") nachgesagt wird, beweist seine Fähigkeit, persönliche Neigung und Erfolg aufs schönste mit dem Nutzen für die Partei zu verbinden: Mit dem Studium der So- ziologie, Zeitungswissenschaft, Germanistik und Philosophie - eine Fächerverbindung, ebenso anerkannt nutzlos wie hervorragend geeignet als Schulung für sein spezielles intellektuelles Auftre- ten, das deshalb als solches gilt, weil er es versteht, mit sei- nen wissenschaftlichen Ideologien über die politischen Notwendig- keiten kritisches Einverständnis herzustellen - baute das junge SPD-Mitglied das Fundament für seine spätere Karriere als Medien- und Bildungsexperte seiner Partei ebenso auf, wie sein politi- sches Profil eines linken = aufgeklärten Rechten zwischen den Flügeln der SPD, der bereits als Assistent beim erzkonservativen Zeitungswissenschaftler Otto B. Roegele in München durch die Her- ausgabe eines Alternativlesebuchs "Versäumte Lektionen" eine Lanze dafür brach, auch kritische Stimmen der nationalen Geistes- geschichte für die staatsbürgerliche Bewußtseinsbildung der Schü- ler in der Demokratie nutzbar zu machen. Mit kaum 30 Jahren war er schon Konrektor an der Münchner Universität, Landtagsabgeord- neter und "etablierte sich als Konterpart des Kultusministers" ("Süddeutsche Zeitung"). Vier Jahre später traf man ihn als Staatssekretär in Bonn und nach weiteren vier Jahren war er Wis- senschaftssenator in Westberlin. Mit dem Glück des Tüchtigen fand er dort eine Studentenschaft vor, die sich gerade die letzten Flausen der Studentenbewegung aus dem Kopf geschlagen hatte und sich vornehmlich dem Studieren widmete, so daß er auf sein Er- folgskonto verbuchen durfte, innerhalb kürzester Zeit "Ruhe und Ordnung hergestellt" (ZDF) zu haben. Die Bereitschaft der FU Stu- denten, in den Hörsälen der Universität "heute nahezu jeden x-be- liebigen CDU-Politiker reden" ("Frankfurter Rundschau") zu las- sen, wird Glotz als Verdienst angerechnet und sein gelungenster Schachzug, die Wiedereinführung des AStA; der den verbleibenden Linken ein Betätigungsfeld zuwies, das inzwischen einen Großteil ihrer Aktivitäten absorbiert, wies ihn endgültig als Methodiker sozialdemokratischer Glaubwürdigkeit aus. Letztlich sind auch die bescheuerten Berliner Spontis Steigbügelhalter der Glotzschen Karriere gewesen: Hätten sie ihn einmal ausgepfiffen, ein paar CDUler gesprengt und ihm seinen AStA allein machen lassen... So aber bringt Glotz nach seiner Westberliner Tätigkeit das Zeug zum SPD-Verwalter als Erfolgsbilanz mit. Ein Mann, der die Parteiba- sis mit den Notwendigkeiten des Regierens nicht nur aussöhnt, sondern gerade diese mit intellektueller Attraktivität versieht: "Man muß den Leuten ein Motiv geben!", fordert er und bietet sich als der Mann an, der dafür sorgt, daß auch die Jusos in vier Jahren nicht nur deshalb für Schmidt kämp- fen, weil er nicht Strauß ist. Daß der für diese Aufgabe Präde- stinierte von Brandt vorgeschlagen, von Wehner als Intellektuel- ler beargwöhnt und von Schmidt wegen kritischer Töne angeblich nicht besonders gemocht wird, zeigt nur, wie das in der SPD er- folgreich praktizierte Prinzip der Arbeitsteilung auch bei der Besetzung dieses Postens beachtet wurde: Seine Wahl erfolgte ein- stimmig. "Vermitteln" heißt die "neue Idee" ---------------------------------- Das Programm des neuen Chefs in der Baracke stellte er, der "Fragen schneller beantworten kann als sie gestellt werden" ("Spiegel") mit der ihm eigenen Art zum "griffigen Formulieren" prompt dar: "Natürlich habe ich neue Ideen. Man muß weg vom Trott. Aber man muß auch vermitteln können." Hier einige Kostproben seines Programms, das ihm den Ruf "mutig, risikofreudig, originell" zu sein, und natürlich den neuen Posten einbrachte: 1. Als "Wunderknabe der Kommunikation" ("Spiegel") hat er sehr bestimmte unbestimmte Prinzipien: "Einem christlich-gebundenen, weitgehend konservativ wählenden Publikum wird man" (sprich: Glotz) "andere Themen oder zumindest die gleichen Themen in anderer Aufmachung mit anderen Argumenten" (oder gleichen Argumenten mit anderer Aufmachung) "anbieten als einem Publikum, das sich aus sozial noch wenig festgelegten" (aber festgelegt sozialen) "Studenten... zusammensetzt." (Glotz- sche Buchkritik in der "Süddeutschen Zeitung") 2. Als "Integrationskünstler" ("Süddeutsche Zeitung") will Glotz auch keine Hemmungen oder, kommunikationsjargonmäßig ausgedrückt, "Berührungsängste" kennen. So suchte er sich demonstrative Gele- genheiten aus, um ein paar Gesprächspartner "an den Bruchstellen der Gesellschaft" vorzuführen. In Westberlin Grüne, Alternative, Spontis und Freaks aus Tunix, weil "die noch ganz offen sind und keine Rezepte haben". "Voraussetzungslos" stellte er sich in Mün- chen Rudolf Bahro, redete mit ihm "und stellte sich den Ritualen" dieser zwar seltsamen, aber harmlosen und bisweilen durchaus brauchbaren Vögel. Das Münchner Gespräch von "Integrationsfigur" zu "Integrationsfigur" bestritt Glotz in einem für ihn typischen Viersatz: a) Lieber Rudi, wir wollen dasselbe b) Du bist Idealist, denkst nicht an die wirklichen Arbeiter, also an die SPD, weswegen Du c) immer noch etwas bescheuert bist, was aber d) gar nichts macht, solange Du auch außerhalb für die SPD brauchbar bist. Also, bleib lieb und vielleicht wirst Du auch mal so schlau wie ich und kommst in die SPD. 3. Wenn es darum geht, die Nachwuchsmannschaft für die "Innenausstattung der Macht" zu formen, kennt Glotz keine Rück- sichten und läßt sich auch mal zu harter Kritik am Kanzler hin- reißen, dem er nachsagt. "die ökonomische Krise besser gemeistert zu haben als irgendwer", wobei er aber sträflich die "Motivierung" der Jugend vernachläs- sigte, aus "Gründen", versteht sich, "die ich sehr gut verstehen kann". Was Helmut Schmidt als Repräsentant "der letzten Kriegsge- neration" nicht auch noch machen kann, dafür bietet sich Glotz, ganz Typ der allerersten Nachkriegsgeneration, an. Er will sich um das "seelische Wohl" der jungen Generation kümmern und bauscht deswegen den angeblich zerrütteten Seelenfrieden der Youngsters nicht nur zu einem Problem des jungen Wählerreservoirs der SPD, sondern zu einem der nationalen Sicherheit und des sozialen Frie- dens auf: "Vor allem, wenn's mal materiell schwieriger wird, dann kann das gefährlich werden." Prophylaktisch ist er da als bewährter troubleshooter zur Stelle, der so originell formuliert, daß auch der Letzte merkt, daß die- ser Mann mit der Brille und der hohen Stirn nicht umsonst stu- diert hat: Gegen die "Privatsubjektivität", die sich auf den "Spannteppichen des sozialen Wohnungsbaus" tummelt, will er ein wenig "deutlicher Grundpositionen" klarmachen "für eine Solidarität, die nicht bloß als Kampfbegriff definiert werden darf." (ZDF) 4. "Arbeitsbesessen", wie er nun einmal ist, nützt er schamlos das Elend in der Welt zur "Motivierung" sonst seelisch verküm- mernder Jugendlicher aus: "Ich habe von den Studenten gelernt, deswegen habe ich viele Ar- beitskreise eingerichtet... Welthunger, die Lage der Armen, die immer ärmer werden, und die ungeheure Gefahr des kalten Krieges." Glotz nimmt die Themen auf, die für die SPD passend sind, und ma- nagt höchstpersönlich "ohne Scheuklappen" die Diskussion. Disku- tiert wird folglich über die "wichtigsten Probleme der 80er Jahre. Innenpolitisch sehe ich keine." Aber fern der Heimat sind sie reichlich und ihre Diskussionslö- sung wohlfeil. Alles schöne Probleme für die Erzeugung und die Pflege sozialdemokratischer Gemüter, die die Taten der eigenen Regierung, die den Stoff für diese Themen schaffen, konstruktiv- motivierend idealisieren. 5. Selbstverständlich zeigt auch ein Glotz einmal entschieden Flagge und sein sozial demokratischer Dialog gehorcht denselben Spielregeln wie der demokratische der C-Gruppen; allerdings "kommunikationstbeoretisch" formuliert: "Kommunisten mag ich nicht. Die hören nicht zu und lassen nicht mit sich reden." Doch auch damit läßt sich für Glotz und für die SPD Reklame ma- chen, wenn man sich als ebenso konsequenter, wenn auch geschick- terer Freiheitsstreiter darstellen kann: "Angst habe ich vor roten Fahnen nicht mehr so viel." (ZDF) Erfolg im Gesicht ----------------- So gilt Peter Glotz seit seinen Berliner Erfolgen mit der dorti- gen Linken, die ihm den Gefallen auch noch getan bat, als gekonn- ter Manager des Umgangs mit ihnen, was ihn auch als geeigneten Integrator des linken Parteiflügels empfahl. In diesem Sinne po- saunte er seine erste Amtshandlung im Fernsehen aus: "Als erstes werde ich mit dem Betriebsrat reden." Die "neuen Ideen" fallen bei diesem frischgekürten SPD-Moderator so sehr mit ihrer "Vermittlung" zusammen, daß sich bei ihm nie dir Idee blamiert und s e i n Interesse anstandslos folgenden Satz ins "politische Tagebuch" schreibt: "Um Macht auszuüben, muß man in aller Regel alt werden, weil man Zeit braucht zu den Niederlagen, die die Leute im Gesicht, im Blick des Politikers erkennen wollen." Dieser Politiker mit den nassen Lippen hat es immerhin geschafft, nach allen Seiten "vermittelnd" den O p p o r t u n i s m u s als ein Gütesiegel intellektueller Geradlinigkeit und unparteili- cher Brillanz zu einer Karriere auszubauen, die den G e n u ß der Macht als Innenausstattung in die Physiognomie des Peter Glotz eingezeichnet hat. Wenn's die Leute so wollen, werden sich wohl auch noch ein paar "Niederlagen" nachschminken lassen. zurück