Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen
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Bonner Charaktere: Johannes Rau
EIN KANZLERKANDIDAT WIRD GEBOREN
Seit dem 12. Mai hat die SPD einen neuen Kanzlerkandidaten. Der
Grund: Er hat seine NRW-Wahl mit Abstand gewonnen. Nun, das soll
vorkommen in einem Land, wo das Volk sein Führungspersonal alle
paar Jahre wählen darf. Die beflissenen Fragen jedoch, was denn
an diesem Mann eigentlich dran sei, daß er als der sozialdemo-
kratische "Hoffnungsträger " für 1987 gehandelt wird, seien
gleich vorweg beantwortet: nichts.
Nichts außer dem Entscheidenden: daß es ihm eben gelungen ist,
der politischen Konkurrenz eine empfindliche Schlappe zuzufügen.
Gibt es einen besseren Grund? Rau hat die Spekulation aufs Kanz-
leramt vor der Wahl natürlich dementiert. Eins hat er dabei sehr
genau berechnet: die Wahl in Nordrhein-Westfalen nicht nur als
SPD-Landesfürst, sondern in erster Linie als Kandidat aller guten
und selbstbewußten Deutschen zu bestreiten. Rau: Im deutschen In-
teresse.
Johannes Rau gilt als politisches "Phänomen". Regelmäßig vermer-
ken dies Journalisten mit dem branchenüblichen Gemisch aus Bewun-
derung und demonstrativer Ratlosigkeit, wenn immer sie dem Ge-
heimnis seines Aufstiegs zu dem heißen Eisen der SPD nachspüren.
Er selbst kokettiert gern und ausgiebig damit. Die Bibel kenne er
besser als Bebel, läßt er verbreiten; Sozialdemokrat sei er sozu-
sagen auf natürliche Weise, als Mensch und Christ, so daß die Su-
che nach dem sogenannten 'sozialdemokratischen Element' am SPD-
Spitzenmann Rau zur beliebten Stilübung geworden ist, seine öf-
fentliche Selbstdarstellung als für bare Münze genommenes persön-
liches Charisma über den Sender zu bringen. Rau steht nicht für
die SPD, sondern für sich selbst - und wirbt so für die SPD. Für
die Verkörperung des Scheins aufgehobener Parteienkonkurrenz
bringt er die besten Voraussetzungen mit: ein durch jahrzehnte-
lange Unauffälligkeit erworbenes 'Profil'; das Geschick, als
richtiger Mann immer an der richtigen Stelle gewesen zu sein. Das
befähigt ihn, heute aufzutreten wie einer, der es nicht nötig
hat, sich zu profilieren, und einen Landes-Wahlkampf mit dem be-
scheidenen Argument zu gewinnen: "Rau. Wer sonst?"
Blitzsaubere Karriere
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- Im Jahr des Godesberger Programms von der Gesamtdeutschen
Volkspartei Gustav Heinemanns zur SPD rübergemacht. Die GVP war
als Anti-Wiederbewaffnungspartei bei Wahlen gescheitert, die SPD
hatte sich zur regierungsfähigen Alternative gemausert. Welche
Perspektive lag für Rau also näher?! Aus den alten GVP-Tagen
blieb der bieder-evangelische Heiligenschein des immer guten po-
litischen Willens, den Rau durch die termingerechte Heirat einer
Heinemann-Enkelin 1981 wieder aufgefrischt hat. Also gleich drei
Fliegen mit einer Klappe: Zusätzlich nämlich war er damit den für
höchste Aufgaben hinderlichen Ruf des ewigen Junggesellen los und
konnte im NRW-Wahlkampf werbewirksame Plakate zusammen mit seinen
kleinen Sprößlingen präsentieren. Daß die so kalkulierte späte
Heirat ohne jeden Hintergedanken war, trägt er dermaßen überzeu-
gend zu Markte, daß selbst "Spiegel"-Redakteure an ihrer profes-
sionellen Skepsis gegenüber Politikertricks irre werden.
- Oberbürgermeister in Wuppertal: Als Sohn eines Elberfelder Pre-
digers bringt er den Taufschein fürs Amt in der politchristlich
versippten bergischen Gemeinde mit.
- NRW-Wissenschaftsminister: Daß er es war, ohne selbst Abitur zu
haben, gibt heute noch den Stoff ab für die Legende einer
"Malocher-Karriere" in dem Land, wo bekanntlich Karriere macht,
wer nur hart genug arbeitet. Er hatte das Glück des Tüchtigen,
daß der Ausbau des Universitätswesens in seine Amtszeit fiel.
- NRW-Ministerpräsident: Geworden ist er es 1978, weil er als
Kompromißkandidat von der Rivalität zwischen Posser und Farthmann
um die Amtsnachfolge Heinz Kühns profitiert hat. Dann 1980 die
absolute Mehrheit in NRW, weil FDP und Grüne aus dem Rennen wa-
ren. Eine politische Musterkarriere. Und weil im demokratischen
Geschäft der errungene Erfolg in der Konkurrenz um die Macht das
schlagende Argument für das Recht auf den nächsten Sieg ist, hat
Rau den Besitz der Landes-Macht zum obersten Wahlkampfschlager
des Jahres 1985 gemacht. Ich will weiterregieren, und zwar allein
mit absoluter Mehrheit, darunter mache ich es nicht ("stehe nicht
zur Verfügung") - selten ist ein Wahlkampf so auftrumpfend unver-
froren mit dem Willen zur politischen Führung geführt und
schließlich gewonnen worden. "Klare Verhältnisse..." hat Rau für
sich gewollt und "... für NRW!" bekommen; die Grünen hat er mit
dem schlichten Hinweis auf mangelnde Verläßlichkeit in Fragen der
Technik des Herrschens abgefertigt: "Ich bin Koalitionen leid!"
Den Wahlerfolg bucht er als "überragenden Vertrauensbeweis": Er
hat doch nichts versprochen als im Fall seines Sieges weiter zu
regieren. Den Blankoscheck des "obersten Souveräns" für dieses
Geschäft hat er. Daß die Art und Weise, wie er ihn in NRW bekom-
men hat, daß das unverschämte Ummünzen eines Herrschaftsanspruchs
in Wahlstimmen und die freche Berufung auf die Untertänigkeit des
Stimmviehs in der ganzen Republik als beispielhaft gilt, dies
läßt sich leicht am blanken und unverhohlenen Neid der unterlege-
nen Konkurrenz ablesen.
Führung, Heimat, Stolz
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Die CDU, die mit Kohl und einer Kohl-Kopie angetreten war, be-
schwert sich, Rau habe den "Amtsbonus voll ausgespielt", die Grü-
nen beklagen, er habe das "Wir-Gefühl", für das sie doch zustän-
dig wären, für die SPD "mobilisieren" können. Nach diesen Maßstä-
ben muß es in der Tat als ein gelungenes Kunststück gelten, eine
Landtagswahl mit einem auf Landesformat zugeschnittenen
N a t i o n a l i s m u s zu entscheiden:
- Wirklich gelungen, das "Wir in Nordrhein-Westfalen" mit
"unserem Ministerpräsidenten" in eine Gleichung zu bringen. Das
"Wir" dieses Menschenschlags denkt bei diesem Personalpronomen
nicht an sich selbst, sondern ans Land, an seine inneren und
äußeren Feinde. Die inneren haben "wir" fest im Griff, siehe die
zum Testfall für die Wahl erhobene polizeiliche Abwicklung des
Weltwirtschaftsgipfels, in Bonn durch Innenminister Schnoor,
einen von uns. Gegen die äußeren haben "wir" Rau! Denn:
- Wirklich gelungen, die Kandidaten der politischen Konkurrenz -
und gar den an biederer Bodenständigkeit kaum mehr zu übertref-
fenden CDU-Gegenkandidaten als Handlanger ausländischer
"Miesmacher" hinzustellen, die "unser" Land nur in den Schmutz
ziehen wollen. Das lassen die Nordrhein-Westfalen sich nicht bie-
ten, zuallerletzt von Pfälzern, Bayern und Schwaben. Da werden
sie rebellisch und wählen SPD. "Unser" Land ist schließlich ein
"schönes Land, in dem es sich zu leben lohnt" - ob das wirklich
stimmt, - dieses Urteil steht allein "uns" zu, nicht dem feindli-
chen Ausland.
- Wirklich gelungen, gegen die so dingfest gemachten Täter den
Stolz der Opfer zu mobilisieren - mit dem kleinen, aber entschei-
denden Unterschied, daß die Schuldigen die anderen, die
"Landesfremden" in Bonn sind, die angeblich die "Menschen an
Rhein und Ruhr" nicht verstehen.
Nach diesem Rezept wird das Süppchen angerichtet, das Rau auf Ar-
beitslosigkeit und Armut kocht. Nicht, daß er irgend etwas gegen
den Aufschwung des Kapitals hätte, den er nicht zuletzt in den
letzten fünf Jahren in NRW tatkräftig unterstützt hat. Nicht, daß
er nicht wüßte, daß Aufschwung ohne Arbeitslosigkeit und Armut
nicht zu haben ist. Nicht, daß ihm nicht klar wäre, daß der Auf-
schwung, der nach SPD-Lesart ohne Schaffung von Arbeitsplätzen
angeblich kein wahrer Aufschwung wäre, durch Verbilligung der Ar-
beiter, bisweilen durch Streichung von der Lohnliste, zustande-
kommt. Aber eins hat er den Betroffenen zu bieten, der gute Jo-
hannes: die berechnende Anerkennung, sich auch weiterhin für sie
zuständig fühlen zu wollen, und die scheinheilige Zusicherung,
daß eine sozialdemokratisch abgesegnete Rationalisierung etwa bei
Kohle und Stahl eine unabwendbare, somit gute und arbeitsplatzsi-
chemde Entlassung war. Keine Armut ohne einen feuchten sozialde-
mokratischen Händedruck - das ist Raus Versprechen und das gute
"soziale Gewissen", mit dem er die Wahl gewonnen hat und das er
in seiner Person der ganzen Republik anempfiehlt:
"Nordrhein-Westfalen muß das soziale
Gewissen Deutschlands bleiben!"
Lies: Deutschland muß ein einziges, sozialdemokratisch legiti-
miertes gutes Gewissen werden. So kann Johannes Rau tatsächlich
ganz der "Mensch" sein, als der er sich als Person gewordene
"Glaubwürdigkeit" präsentiert: deutscher Aufschwung mit Herz,
eine zeitgemäße Kreuzung aus Helmut Schmidt und Willy Brandt.
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