Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen
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DIE LINKEN - EIN SPD-PROJEKT
Als die SPD noch auf Reformpolitik machte, hatten die jungen So-
zialdemokraten viel zu tun. Tagsüber taten sie ihre erste sozial-
demokratische Pflicht und führten an Hochschulen und sonstwo
Wahlkampf für die SPD. Obwohl sie die Parteimutter gar nicht übel
fanden, bezeichneten sie sie gelegentlich als das "kleinere Übel"
und hatten schon wieder ein paar Stimmen kassiert. Abends auf ih-
ren Seminaren rückten sie, mit Billigung der Parteispitze, ein
wenig von der Realpolitik ab. Dabei entdeckten sie ihre Partei
ganz neu als die Verkörperung von vielen wunderschönen Idealen,
für die doch jedermann sein müsse, auch und gerade, wenn sie noch
in weiter Ferne lägen. Also auch für die SPD. Diese Aufteilung
ihres Zeitbudgets nannten die Jusos "Doppelstrategie", weil sie
damit einen Wähler mit zwei Schlägen erwischten.
Später hatte die Partei für diesen kleinen Umweg weniger Ver-
ständnis; zuerst mußte sie entschieden regieren, dann dringend
wieder an die Regierung zurück. Das sahen die Jusos ein und ver-
folgten dieselbe Strategie einfach. Darüber sind sie erstens ru-
higer geworden und zweitens älter. Jetzt sitzen sie im Parteivor-
stand oder haben einen Lehrstuhl inne.
Die Programmdebatte hat die alten Schleicher wieder animiert.
Ganz freiwillig haben sie ihren Part in der SPD-Werbekampagne
übernommen: die "Linken" (oder was von ihnen noch übrig ist) in
die SPD zu quatschen. Das geht so:
"Sagen, was ist; begreifen, wie die Welt heute wirklich aussieht;
die Augen öffnen vor dem Ausmaß schon verzehrter Zukunft - das
ist der 'kategorische Imperativ' unserer Zeit. Es scheint die
einzige Chance, dem Fluch unserer Nachkommen zu entgehen, der
einzige Weg, jene Leidenschaft zu entfachen, die nötig ist, um
weltweit Arbeits- und Lebensweisen zu verändern, doch noch das
Verdikt abzuwenden, wonach die Lebenden einst die Toten beneiden
werden." (Detlev Albers, Alternativen zu Irsee)
Der sozialdemokratische Linke und linke Sozialdemokrat kennt
seine Pappenheimer aus den 60er Zeiten. Mit Klassenkampf und
Anti-Imperialismus, mit 'Kampf der Wissenschaft' und außerparla-
mentarischer Bewegung kann er ihnen nicht mehr kommen. Aus ihnen
sind längst kleine Weltverbesserer, Sinnstifter, Biotopliebhaber
und Philosophen geworden. Deswegen setzt sich der kleine Ratten-
fänger aus Bremen auch gleich in die ganz große Weltgeistpose und
auf die Irseer Präambel anderthalbe drauf. Er wirbt weder für Ir-
see, noch stellt er sich groß dagegen. Er läßt einfach den gei-
stigen Hauch der Sozialdemokratie noch einmal wehen, so daß zu-
mindest die geistige Einheit mit den Abzustaubenden schon einmal
hergestellt wäre.
Nur: Die politische Landschaft kennt er auch, sprich: die Konkur-
renz in grün. Er setzt zur zweiten Umarmung an:
"Das 'Reformprojekt Bundesrepublik' kann und muß, eben weil es
die Interessen von unten mit denen des Ganzen, bei uns und welt-
weit, zu verbinden erlaubt, für all jene geöffnet werden und zu-
stimmungsfähig (!) bleiben, von den Selbständigen, Intellektuel-
len und Künstlern bis hin zu den Managern und Unternehmern in ei-
ner demokratischen Wirtschaft, die bereit sind, die Fortschrei-
bung ihrer Klassenprivilegien gegenüber der gemeinsamen Verände-
rungsaufgabe zurücktreten zu lassen." (ders.)
Für Klassenkampf wird es der Projektmanager in Sachen Reform wohl
selbst nicht halten, wenn C-3-Professoren, Drehbuchautoren, Bör-
senjobber und Arbeitsdirektoren über alle Schranken hinweg sich
im Heimatbund BRD zusammenschließen. Er sucht ja Mitmacher, denen
die Republik so gut gefällt, daß sie ihr gar nicht erst die Zu-
stimmung versagen. Eher verändern sie noch was an ihr. Aus der
Berufsrolle raus, rein in die SPD - ein schönes Umsteigerkonzept.
Aber, seien wir nicht voreilig. Noch hat sich die SPD Albers'
Aufruf zum Weitermachen gar nicht angeschlossen. Das muß ihm auch
aufgefallen sein; deshalb bringt er sie ins Spiel.
Wir merken uns: Statt Wahlsieg sagt man heute "Hegemonie".
"Die SPD hat in das Ringen um die Gestaltung der Bundesrepublik
ein unentbehrliches politisches Erbe einzubringen" (sich eben,
ergo...) "darf (nicht) in Zweifel stehen, daß wir die Regierungs-
macht anstreben, um den Zielen des Grundsatzprogramms näher zu
kommen." Für den nicht ganz auszuschließenden Fall, daß einer Al-
bers und seine Partei mal wieder beim Etikettenschwindel ertappen
sollte, ist der Alt-Juso auch schon gewappnet:
"Und wehe uns, wenn wir auf Dauer leere Versprechungen machten,
wenn es uns nicht gelänge, die Grundzüge der Wirklichkeit um uns
herum so weit zu erfassen, daß unsere Antworten den Anforderungen
der nächsten Jahrzehnte standhalten - eine Krise der Glaubwürdig-
keit, ungleich tiefer als jene, die hinter uns liegt, wäre die
unvermeidliche Folge."
Nicht auszudenken. Aber, ehe es zum schlimmsten kommt, hat der
Parteivorstand Kassandra Albers erst einmal in die Programmkom-
mission berufen.
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