Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen
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LINKER VERANTWORTUNGSETHIKER ÜBERFLIEGT GRINSENDE
WENDE-REGIERUNG, GRÜNE KRISENBESCHWÖRER DABEI EINSACKEND
Wo die Mannschaft der Christen und Liberalen sich mit ihren Er-
folgen brüstet, erntet sie bei L. nur eine gehörige Portion Ver-
achtung. Die mögen sich einbilden, mit ihrem täglichen Kleinkram
den Staat in ihrem Sinne zu lenken - dabei ist ihnen das Politik-
machen schon längst e n t g l i t t e n:
"Die herrschende Politik dreht sich im Kreis. Und immer dann,
wenn sie einen Zustand zu konservieren sucht, den sie unbedingt
ändern müßte, nimmt sie Zuflucht zur Beschönigung.
'Ästhetisierung' der Politik lautet hierfür das Fachwort... Die
Ästhetik der 'Wende' ist so trivial wie ihre Politik mittelmäßig.
Nicht 'Ästhetisierung', sondern Verkitschung der Politik ist das
richtige Wort. Wo das ernste Bemühen um die Veränderung einer
ernstgewordenen Lage angebracht wäre, setzt die Regierung nur ihr
verharmlosendes Lächeln auf. Während in Moskau ein neues Denken
angesagt ist, propagiert man in Bonn ein 'neues Grinsen'. Die
Verkitschung der Politik treibt seltsame Blüten." (113)
Dem bedenklichen Zustand der staatstragenden Politik steht ein
mindest ebenso bedenklicher Zustand des Wahlvolkes gegenüber. Wie
zur Strafe für ihre Tatenlosigkeit, mit der die Politiker eine
ernstgewordene Lage grinsend immer ernster werden lassen, sind
sie in Wirklichkeit - selbstgefällig in ihrem Bonner Sumpf sit-
zend - nur H a m p e l m ä n n e r eines mißgelaunten, fehlge-
leiteten Wählerpacks. Dieses legt sich nämlich Politiker einzig
um einer mentalen Bequemlichkeit willen zu: Selber wollen die
Kreuzchenmaler nie was machen - aber immer wenn was schiefgeht,
wollen sie auf jemanden schimpfen können. So m i ß b r a u-
c h e n u n d p e r v e r t i e r e n sie die Institution der
Wahl dazu, sich institutionalisierte Blitzableiter zu bestellen:
"Die überall vorhandene Tendenz, das eigene Versagen auf Sünden-
böcke abzuwälzen... Wo Sündenböcke gebraucht werden, muß etwas
falsch sein am gesellschaftlichen Verantwortungsbewußtsein... zu
viele, so hat es den Anschein, verstehen die repräsentative
Staatsverfassung als ein System der repräsentierten Verantwort-
lichkeit: Sie werfen mit ihrer Stimme auch ihre gesellschaftliche
Verantwortlichkeit in die Wahlurnen. Dieses g r o t e s k e
M i ß v e r s t ä n d n i s setzt den Politiker, ob er will oder
nicht, einem enormen E r w a r t u n g s d r u c k aus." (17
f.)
Keine Sorge - diese Spielerei mit dem "gesellschaftlichen Verant-
wortungsbewußtsein", die so ein bißchen radikal-, ja rätedemokra-
tische Vorstellungen antippt, ist nur die Masche des linken L.,
ist seine Sorte des vertrauenerweckenden Grinsens. Sie ist ihm
sehr nützlich, um ganz unschuldig auf ziemlich harte Staatsknal-
ler hinsteuern zu können.
In diesem Fall will die Enttäuschung über den Wähler, der an der
Urne seine Verantwortlichkeit abgibt, auf einen diabolischen
"Teufelskreis gegenseitigen Bedingens" (20) hinaus, in dem ver-
antwortungslose Wähler und luschige (Wende-)Politiker sich wech-
selseitig immer tiefer in die Scheiße reiten:
"Mag auch kollektives Verdrängen eine Schutzreaktion sein, die
uns das Leben erleichtert, es hilft uns nicht weiter. Im Gegen-
teil. Wir verdrängen mit Vorliebe das, was uns bedrückt und wofür
wir uns nicht verantwortlich fühlen wollen. In dem allgemeinen
Verdrängen offenbart sich ein allgemeiner Mangel an Verantwor-
tungsbewußtsein (12)... Die Tendenz geht dahin, den
V e r u r s a c h e r vom V e r a n t w o r t u n g s n e h-
m e r zu trennen (14).. wird der Politiker - freiwillig oder
unfreiwillig - zu einer Art universeller 'Verantwortungsnehmer',
gar häufig auch 'professioneller Watschenmann' wider Willen."
(16)
Abgetreten ist abgetreten oder: Wir hier oben - ihr da unten
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So tischt L. seinen Konkurrenten im rechten Lager ein schweres
Versäumnis auf, das sie mit ihrer Schein-Wende richtiggehend
herbeigerufen haben: P o l i t i k s c h l e c h t h i n ist
im Arsch, weil sich Politiker der mißratenen Menschennatur, die
Verantwortung immer nur wegverdrängen will, als Watschenmänner
zur Verfügung stellen - und sie merken es nicht einmal! Statt
dessen sonnen sie sich, eitel -
"Der Politiker wird zum Opfer der von ihm selbst geweckten Erwar-
tungen, gerät unter Rechtfertigungsdruck und flüchtet, mangels
wirklicher Erfolge in ein Ritual der ständigen Selbstbeweihräu-
cherung" (20) -
oder überfordert -
"Den verantwortlichen Politikern widerfährt täglich, was Niklas
Luhmann 'die Überforderung des Machthabers in Organisationen'
nennt." (15) -
in ihren S c h e i n-Erfolgen und kommen vor lauter R e a-
g i e r e n nicht mehr zu ihrer eigentlichen Profession, dem
R e g i e r e n. Am deutlichsten und schlimmsten wird dieser
"dialektische Zusammenhang" zweier immer nur Minus ergebenden
Minuspole, wenn der "verantwortungsnehmende" Politiker zum letzt-
endlichen "Verursacher" verdreht wird - wo er es doch gar nicht
ist! Der auf vordergründiges Funktionieren und Stimmenfang be-
dachte Erwartungserweckungstrieb der Politiker entbehrt des Güte-
siegels des politischen H a n d e l n s. Er macht sich, "ob er
will oder nicht", von einer launischen Haltung des Wählers abhän-
gig. Das Resultat ist unausweichlich: Alles geht den Bach hinun-
ter:
"Der Unfall wird nicht zu vermeiden sein, wenn wir weiter so han-
deln, als nähmen wir die Warnzeichen nicht wahr. Sehenden Auges
reagieren wir blind wie die Lemminge. Das ist doch zum Verzwei-
feln absurd." (12)
Das Bild mit den Lemmingen ist sattsam bekannt. Gerade die
G r ü n e n, diese Mutter/Kind/Naturretter, haben es sehr popu-
lär gemacht als Notruf nach einer allerverantwortlichsten Poli-
tik, die k e i n e I n t e r e s s e n, dafür um so mehr mora-
lische Güte als Stellvertreter d e r M e n s c h h e i t auf
ihrer Seite haben will. Diese bis auf die Knochen
p o s i t i v e Krisenbeschwörung, diese an Uneingeschränktheit
kaum mehr zu überbietende P a r t e i n a h m e f ü r d a s
B e s t e h e n d e ("Überleben!") sticht L. ins Auge. Während
sich aber die Grünen über die scheußliche Vergewaltigung der Na-
tur erregen und mit diesem so unverdächtigen und erdballumspan-
nenden Titel möglichst viele "Menschen guten Willens" zur Stimm-
abgabe zu bewegen suchen, bedient sich L. dieses B i l d e s
e i n e r k o p f l o s d a h i n r a s e n d e n M a s s e,
um auf eine sehr viel demokratischere Katastrophe hinzusteuern:
D a s V e r h ä l t n i s v o n H e r r s c h a f t u n d
B e h e r r s c h t e n s e i i n U n o r d n u n g
g e r a t e n.
Seine linke Tour besteht darin, den Grünen ihr Katastrophenszena-
rio zu entwinden und gegen sie in Anschlag zu bringen. Was ist
denn "w i r k l i c h" nicht in Ordnung? Daß die Beherrschten
sich einbilden können, sie könnten die Politiker unter einen
"Erwartungsdruck" setzen, den die Politiker wiederum "sehenden
Auges" selbst erzeugen. Daß sich das "groteske Mißverständnis"
eingeschlichen hat, mit der Wahl eines Politikers könne man ihn
dann auch verantwortlich machen. Daß die Politiker, indem sie
sich verantwortlich machen lassen, sich in die Rolle des
"Verursachers" haben drängen lassen. Falls es noch eines Beweises
für die Perversion des rechten Verhältnisses von oben und unten
bedarf: Was haben sich denn diese grünen Gestalten mit ihren
Schuldzuweisungen an die Politiker in den Parlamenten herumzu-
treiben (und der SPD Stimmen wegzunehmen)?!
Die perfide Wucht des L'schen Gegenangriffes auf die Grünen er-
gibt sich daraus, daß er den stinkenden Kern ihrer Verantwort-
lichkeitstour herausarbeitet und ihnen auf die Füße fallen läßt.
Wer nämlich unter dem Motto antritt: Ich kenne keine Interessen
mehr, ich kenne nur noch Menschen - der appelliert an eine
F ü h r u n g, die doch endlich jenseits allen kleinkarierten
Parteiengerangels die "Menschheitsprobleme" anpacken soll. Da
macht L. gerne den Wald, aus dem es wieder herausschallt. Er plä-
diert für eine "n e u e F r e i h e i t" d e r P o l i t i k,
für einen Ausbruch aus dem "Teufelskreis gegenseitigen Bedin-
gens": Die Illusion muß weggeräumt werden, in der Demokratie, nä-
her: im Wahlakt, geschehe eine Übertragung der Verantwortlichkeit
an Politiker, die man daraufhin dann auch befragen kann - nein:
w a h r e D e m o k r a t i e ist die illusionslose
E i n s i c h t (i g k e i t) in die angebliche Ohnmacht der Po-
litik, um deren Handlungsfreiheit sich die Untertanen mehr küm-
mern müssen. Mit der Wahl tritt der Untertan seinen W i l l e n
zur Regelung der gesellschaftlichen Verhältnisse an die Befugten
ab und behält seine Verantwortlichkeit.
"Gesellschaft der Zukunft" - Weiter so!
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aber mit reformierten Menschen...
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Die besteht darin - und das muß jetzt endlich einmal klargestellt
werden, nachdem das durcheinandergekommene Verhältnis von oben
und unten zurechtgerückt worden ist -, daß "die Menschen" die
w a h r e n V e r u r s a c h e r aller gesellschaftlichen Übel
sind. Ihr lemminghaftes Verhalten, garniert mit Verdrängungswün-
schen und Sündenbocksuche, läßt gar nichts anderes erwarten; doch
L. wird "konkreter", und zwar indem er sich begeistert der grünen
Ideologie bedient:
"Bezeichnend für den Mangel an gesellschaftlichem Verantwortungs-
bewußtsein ist die vorherrschende doppelte ökologische Moral.
Zwar beklagen wir alle die übermäßige Belastung der Umwelt, doch
kaum einer tut wirklich alles, was er tun könnte, um die Umwelt
zu entlasten. Viele sind es ja nicht, die auf den Komfort des ei-
genen Autos verzichten wollen. Keiner kommt ohne chemische Stoffe
aus. Selbstverständlich müssen wir gegen die Vergiftung unserer
Umwelt protestieren, wenn erforderlich, auch demonstrieren. Nur
dürfen wir dabei nicht vergessen, daß wir uns selber keineswegs
exkulpieren können, indem wir andere demonstrativ anprangern.
E s i s t n i c h t m ö g l i c h, d i e G e s e l l-
s c h a f t i n T ä t e r u n d O p f e r z u t r e n-
n e n. Zu den Müllbergen der Wohlstandsgesellschaft trägt jeder
bei. Die Bewältigung der damit verbundenen Probleme ist nur durch
gemeinsames gesellschaftliches Handeln auf der Grundlage einer
verallgemeinerten Verantwortlichkeit vorstellbar." (20 f.)
Dieses klassenneutrale Etikett des Kaugummipapierchenwegschmei-
ßers heftet sich L. gar zu gern an. Freilich nur unter der Vor-
aussetzung, daß alle anderen mit- und sich daraus ein Gewissen
machen. Dieses dicke "W i r a l l e" - in diesem Buch eh bis
zum Erbrechen ausgewalzt - ist ja eine prima Methode, den Politi-
ker kurzzeitig als ebenso fehlerhaften Menschen zwischen allen
anderen Menschen anzusiedeln, um ihn dann aber in seinem Berufe-
ben so von allen Menschen zu separieren. Dort ist er beauftragt,
die Umweltschänder Mores zu lehren. Und nicht nur die - noch jede
von L. bienenfleißig aufgelistete "Ungerechtigkeit" und erst
recht alles, was hierzulande als Skandal gilt, mündet in immer
dieselbe Aufforderung: Die Volksgenossen sind verpflichtet, sich
um die Verwirklichung politischer Ideale zu bemühen.
"Hier ist verantwortliches Handeln, verantwortliches Gestalten
der Menschen gefordert. Der steuernde Eingriff menschlicher Ver-
nunft..." (87)
Arbeitslose - die "Arbeitsplatzbesitzer" haben mit ihrer
"Solidarität" diesen untragbaren Zustand aus der Welt zu schaf-
fen.
"Die gegenwärtige Arbeitslosigkeit hat ja keineswegs ihre tie-
ferern Ursachen in den wirtschaftlichen Gründen... Kurt Bieden-
kopf sieht richtig, daß die Arbeitslosigkeit heute in erster Li-
nie Ausdruck einer unzureichend intelligenten Organisation der
Arbeit und des Arbeitsmarktes ist... Diese Formulierung verharm-
lost die Tatsache, daß wir verlernt haben, zu teilen und solida-
risch miteinander zu leben." (124)
Frau - Ehemänner und der sonstige "Familienzusammenhang" dürfen
der "Doppelrolle" nicht länger tatenlos zuschauen. Verseuchung
von Fluß und Wiese - Bauern und alle Naturliebhaber schließen
sich "regional" zusammen und tun alles, "was in ihren Kräften
steht". Usw. usf. Zwischen Tätern und Opfern kann, ja darf man
nicht trennen, sagt er, mehr noch: Wer das versucht, macht sich
selber hochgradig schuldig. L. will darauf hinaus, daß niemand
sich anmaßen kann, einen G r u n d ausfindig machen zu wollen
und womöglich zu verlangen, daß gewissen Tätern das Handwerk ge-
legt und gegen ihre Interessen aufgetreten wird.
"Verallgemeinerte Verantwortlichkeit" heißt: Der Grund sind "wir
alle", und jeder hat a n s e i n e m P l a t z für Abhilfe zu
sorgen. Wenn und soweit da was geht, ist es recht und erwünscht,
doch soll sich keiner einbilden, er könne sich aus seiner Verant-
wortlichkeit stehlen und Taten von anderen verlangen - die ver-
heerenden Folgen: siehe oben...
Wenn aber jeder an seinem Platz sein Bestes tut, dann eben auch
der Politiker an seinem. Dort freilich will er unbehelligt sein,
ist er doch fürs "Gesamte" zuständig; und diese saubere Arbeits-
teilung sieht nach L's Auffassung folgendermaßen aus:
"Umdenken ist ein Gebot der Stunde... m e h r D e m o k r a-
t i e w a g e n, das heißt, jeder muß mehr Verantwortung
übernehmen.
Die Verantwortung zu demokratisieren h e i ß t n i c h t, d e n
H a n d l u n g s s p i e l r a u m d e r P o l i t i k
e i n z u e n g e n, sondern ist heute die e i n z i g e
M ö g l i c h k e i t, ihn zu e r w e i t e r n. Letztlich ist
es diese faktische Allverantwortlichkeit der Politik, die den Po-
litiker handlungsunfähig macht, die ihn aus der gestaltenden in
eine bloß legitimatorische Rolle drängt. Die Politik begibt sich
ihrer Entscheidungs- und Geltungsmacht... (21 f.)
Global denken, lokal handeln - das ist der kategorische Imperativ
der Ökologiebewegung. (25)"
Raus aus der Allverantwortlichkeit und mehr Demokratie gewagt! Da
staunt man schon ein bißchen über die Taschenspielertricks des
linken L. In Berufung auf die Herrlichkeit alter Zeiten, als noch
ein Willi B. das deutsche Volk unterhalten und regieren durfte,
macht der Enkel seinen Führungsanspruch geltend: Mit dem Angebot,
sich mehr in die Politik e i n z u m i s c h e n und Berück-
sichtigung fordern zu können - was ja damals der Trick der SPD-
Machtübernahme war -, ist die Parole "Mehr Demokratie wagen!"
wirklich bei L. nicht mehr zu verwechseln. Er bringt gleich die
praktische und unter Willi B. und Helmut S. erprobte
W a h r h e i t dieser Parole umstandslos zur Anwendung: Mehr
Demokratie ist, wenn das Staatsinteresse von mündigen Bürgern
voll eingesehen ist und ihnen bei der Verfolgung ihrer Privatin-
teressen ein schlechtes Gewissen macht; wenn die Bürger keine An-
sprüche stellen, sondern sich ganz demokratisch mitten in ihrer
Privatsphäre um die Lösung aller "Probleme" kümmern und tun, was
ihnen angeschafft wird; wenn sie sich darauf verpflichten lassen,
aus jedem Übel der Gesellschaft nur den Schluß zu ziehen, sich
immer strebend zu bemühen, dem Staat aber keinen Vorwurf oder An-
trag zu machen. Kurz: Wenn der Bürger "handelt (lokal)" und der
Staat "denkt (global)".
Nahtlos schließt L. an das von Helmut S. versinnbildlichte ein-
zige Versprechen der Sozialdemokratie an, nämlich sich um eine
besonders raffinierte Führung der Staatsgeschäfte zu bemühen, wo-
bei die besondere Raffinesse darin besteht, dem Bürger jeden be-
scheidenen Wunsch nach Wohlergehen als ein einziges
"egoistisches" Hindernis für die dringend erforderliche
"R e f o r m d e s K a p i t a l i s m u s" aufs Auge zu drüc-
ken.
Die Sozialdemokratie wäre ja die Letzte, die sich mit den
"selbstzufriedenen Phrasen" des rechten Lagers über den durchaus
bedenklichen Zustand der Gesellschaft hinwegtäuschen wollte. Auch
zögert sie nicht, das Wort 'Kapitalismus' in den Mund zu nehmen.
Was aber ist - abgesehen davon, daß die SPD schon unzählige Ver-
besserungen an ihm angebracht hat das tatsächlich Bedenkliche am
Kapitalismus? Da wird L. wieder mal sehr dialektisch: Er läßt es
den Menschen zu gut ergehen, deswegen wird es ihnen schlecht ge-
hen. Die um Fortschritt, Freiheit und Emanzipation kreisende
Phraseologie eines Sozialdemokraten darf nun voll zuschlagen.
Sagte Helmut S. noch recht simpel "Das deutsche Volk ist ver-
wöhnt!", so weiß sein Sohn mittlerweile, daß der deutsche Mensch
sich in eine "selbstverschuldete Unmündigkeit" begeben hat, die
da heißt: Er hat sich verwöhnen lassen. Sehr philosophisch - im-
merhin hat er einen umfangreichen Zettelkasten - beschwört L.
eine "verdinglichte Welt": 'Kapitalismus' heißt bei ihm ein Zu-
stand - und wieder merkt man, wie "grüne Inhalte" einer
"etablierten Altpartei" zupaßkommen -, in dem sich "Megamaschine"
und "Produktwelt" verselbständigt haben. Allen Ernstes behauptet
er - aber da hat er mit seiner Ununterscheidbarkeit von Opfern
und Tätern ja schon vorgearbeitet -, der Kapitalismus sei ein
quasi von allen Interessen losgelöster Apparat, der einerseits
die Menschen materiell ganz gut bedient und einlullt, anderer-
seits zu einem zerstörerischen S e l b s t l a u f angesetzt
hat - Stichworte: "Großtechnologie", "AKWs", "computergesteuerte
Atomwaffen". Den zu stoppen, wäre die "Reform des Kapitalismus",
die sich die SPD neuerdings auf die Fahnen geschrieben hat. Sie
besteht schlicht und ergreifend darin, das Menschengeschlecht da-
hingehend zu "emanzipieren", daß es sich am Riemen reißt, denn:
"Der Überfluß birgt die Gefahr" (106) und wenn es das nicht tut,
ist ein allumfassender K r i e g unvermeidlich, wie schon Pla-
ton lehrt:
"...die erste Analyse der Dienstleistungsgesellschaft: die von
Platon beschriebene Tendenz, daß mit der Güterproduktion einer
komplexeren Gesellschaft auch das Bedürfnis nach Dienstleistungen
wächst... Freilich sieht Platon nicht weniger klar, daß mit der
Komplexität und dem Reichtum der Gesellschaft auch die Risiken
für die Menschen zunehmen: ... 'Also werden wir von den Nachbarn
Land abschneiden müssen, wenn wir genug haben wollen zur Vieh-
weide und Ackerbau, und sie auch wieder von unserem, wenn sie
sich gehenlassen und die Grenzen des Notwendigen überschreitend
nach ungemessenenem Besitz streben... Von nun an werden wir also
Krieg zu führen haben!' - Krieg nicht nur gegen andere Völker,
sondern auch Krieg gegen die Natur, so müßten wir heute hinzufü-
gen." (Ebd.)
Seichbeutel L. hat dafür auch noch Jesus auf Lager:
"Platons Allegorie läßt sich durchaus übertragen auf die gegen-
wärtige Risikogesellschaft, deren Prinzip das Ankaufen, nicht das
Teilen ist. (107) Werden wir je eine Gesellschaft erleben, die
demokratisch und solidarisch genug ist, um nicht mehr obrigkeits-
staatlich von Verteilen zu reden, sondern schlicht mit-menschlich
vom Teilen?" (29)
Gut, gell? Der sozialdemokratische Reformidealismus ganz schön
weit in die Zuckerbäckergefilde der Metaphysik vorangetrieben und
zugleich waschecht wie selten: Mit den Phrasen und Idealen der
Demokratie ist die Sozialdemokratie scharf und stolz darauf, die
g e l u n g e n e K o n t r o l l e d e s I n d i v i-
d u u m s a l s d e s s e n e i g e n v e r a n t w o r t-
l i c h e L e i s t u n g u n d E i n s i c h t zu betreiben.
Der immaterielle Lohn ist riesig, denn geschenkt kriegt man
erstens eine "Utopie", zweitens ein "Projekt Moderne", drittens
"Fortschritt", viertens eine nicht endenwollende Ansammlung von
Kalauern von M a x W e b e r -
"Kein Zweifel also, daß es an der Zeit ist, eine neue aufkläreri-
sche Verantwortungsethik aus den veränderten gesellschaftlichen
Bedingungen zu entwickeln. Eine solche Verantwortungsethik muß
universalistisch sein - ein System von Normen sozusagen, das von
allen akzeptiert wird. Das setzt voraus, daß sich die Gesell-
schaft auf ein Wertesystem einigt." (236)
bis E r n s t B l o c h:
"Ohne Hoffnung wäre das Leben unerträglich. Was nämlich sagt uns,
was es zu verantworten lohnt, wenn nicht das 'Prinzip Hoffnung'?
Die Linke kann das Prinzip Hoffnung nicht aufgeben, ohne das
'Projekt Moderne' seines progressiven Kerns zu berauben." (263)
...und der Reformpartei an der Macht
------------------------------------
Das "Projekt Moderne" ist L's Konter gegen das mögliche Mißver-
ständnis, er wolle nun irgendeines der aufgezählten "Risiken"
bleiben lassen: Atom-, Gen- und Großtechnologie, Bundeswehr...
bleiben natürlich. Sie müssen bloß in seine verantwortungsbewuß-
ten Hände gelegt werden. Nicht nur ist die SPD immer schon die
"Partei des Fortschritts" gewesen, sie verspricht auch, endlich
der Politik die Geltung zu verschaffen, die ihr zusteht. Der Ge-
dankengang ist wieder so einfach wie dialektisch:
Die "Risiken der modernen Gesellschaft" zeugen von
O h n m a c h t der Politik. Abgehalten und behindert vom ver-
antwortungslosen Wähler, hat sie die gesellschaftlichen Entwick-
lungen g e s c h e h e n lassen müssen; schlimmer noch: Oft ge-
nug ist sie als Geldgeber und Förderer h e r a n g e z o g e n
worden, ohne aber b e s t i m m e n d eingreifen zu können (-
von ferne läutet der Stamokap). So bleibt ihr nicht erspart, in
einen Zusammenhang mit "Megamaschine" und "Produktwelt" g e-
b r a c h t zu werden, obwohl sie an deren Wirkungen u n-
s c h u l d i g ist. Fazit: Sie ist von lauter "S a c h-
z w ä n g e n" umstellt:
"Das häufig beklagte politische Versagen des Staates resultiert
aus der Nachträglichkeit staatlicher Maßnahmen. Die Politik ist
ständig im Verzug, reagiert auf Probleme; sie bekämpft Symptome
statt Ursachen. (245) Die Menschen haben die Produkte ihrer Ar-
beit, das von ihnen 'Gemachte' aus den Augen verloren, sie sind
zu blinden, Sachzwängen gehorchenden 'Machern' geworden.
'Machern' mangelt es an Visionen. Auch die Politik hat sich - vi-
sionslos - den Sachzwängen gebeugt." (266)
Die "Vision" (= Umkehrung): Politik muß den "Sachzwängen vorgrei-
fen", sie braucht M a c h t:
"Wenn die Politik das Prinzip der Vorsorge als Maxime ihres Han-
delns nimmt, kann sie verlorenen Handlungsspielraum gegen die
Sachzwänge zurückgewinnen." (24)
Dieser Mensch lügt unverschämt, wenn er den Imperialismus und
seine Folgen zu einem Werk der U n tätigkeit von Politik er-
klärt. Es kommt einem das Grausen, wenn man diese schamlos in
sämtliche schönen Werte der bürgerlichen Gesellschaft verpackte
Machtgeilheit betrachtet. Es ist einigermaßen lächerlich, wie er
sich verbissen bemüht, der Wende-Regierung mit ihren Erfolgen
ihre Erfolge s t r e i t i g zu machen. Und es ist eine plumpe
Parteinahme für den status quo, wenn sein ganzes Genörgele sich
in dem dummen Spruch zusammenfaßt, für den dieser "l i n k e
V e r a n t w o r t u n g s e t h i k e r" sich auch noch auf
eine Ami-Autorität berufen muß:
"'In der gegenwärtigen Krise'- sagt Lewis Mumford - 'müßten wir,
um das Wesen des Menschen zu bewahren und wieder zu erneuern, die
Demokratie erfinden, wenn wir sie nicht schon hätten!' Ja, wir
müssen mehr Demokratie wagen!"
*
So äußert sich L. eigentlich zu a l l e m, was hierzulande auf
dem Gebiet der "p o l i t i s c h e n K u l t u r" vorgebracht
werden muß, um sich als mit Geist begabter M a c h t m e n s c h
darzustellen. Sein Ghost-Writer und sein Zettelkasten sind wahr-
haft "universalistisch", was die Aufzählung von "Herausforderun-
gen unserer Zeit" angeht, die dringend nach politischer
G e s t a l t u n g verlangen. Die moderne Sportart des Begrif-
febesetzens, den Parforce-Ritt durch die Landschaft der Schlag-
wörter, beherrscht L. bestens und muß offenkundig nicht die
geringste Sorge haben, daß ihm irgend jemand diese offenkundige
Aufzählungsmanie ankreidet: Es handelt sich ja um einen Kanzler-
kandidaten in spe, der jetzt schon ein hohes Amt innehat. Und aus
diesem Munde können nur bedeutsame Worte kommen.
Zu allem Überfluß hat der älteste Einfall bürgerlichen Verstandes
- Lohnverzicht -, den L. als Ergebnis heftigen Nachdenkens über
die "Erwerbsgesellschaft" präsentiert, unvermutet den A n-
s c h e i n d e s P r a k t i s c h e n bekommen. Das lag
nicht an ihm, sondern daran, daß sich die G e w e r k-
s c h a f t bereitgefunden hat, auf diese "Provokation"
beleidigt zu r e a g i e r e n. Während jeder andere an L.'s
Ergüssen bestenfalls interessant findet, daß es sie gibt und zu
Recht davon ausgeht, daß daraus keine praktischen Folgen
erwachsen, fühlt sich die Gewerkschaft hinterrücks erdolcht. Da
kommt nämlich einer daher, der die Gewerkschaft mit ihrem
volkswirtschaftlichen Ideal einer Umverteilung der Arbeit
zugunsten der Arbeitslosen beim Wort nimmt und ihr den Vorwurf
macht, sie hätte es in Wirklichkeit gar nicht ernstgenommen; denn
wenn schon Umverteilung der Lohnarbeit, dann auch Umverteilung
des Lohns. L. hat nicht nur ausgesprochen, daß das gewerkschaft-
liche Programm gegen Arbeitslosigkeit ein Verzichtsprogramm ist;
er hat der Gewerkschaft den Vorwurf gemacht, daß sie immerzu auf
dem S c h e i n besteht, es wäre eben das nicht. Als
e r t a p p t e H e u c h l e r haben sie sich aufgeführt und
damit dem linken L. einen seiner schönsten Punkterfolge beschert.
Selbst ein Bangemann tut jetzt so, als ob sich zwischen L.'s
Buchdeckeln "Antworten auf die Fragen unserer Zeit" finden las-
sen. Was will ein Autor mehr?
Dieser Lohnversenkungsplan
hat's dem Oskar angetan,
und mit Werten öd und schal
meld't er sich zur Kanzlerwahl.
Vogel wundert sich und Glotz(t),
was der L. da hingerotzt,
Vetter, Breit und jenem Stein-
kühler leucht' die Sache ein.
Und mit vielem Weh und Ach
schlagen sie ein bißchen Krach.
Gott wie liegt uns Deutschen nur
die politische Kultur.
Lange schallt's im Walde noch:
Unser Oskar lebe hoch!
Literatur:
Oskar Lafontaine, Die Gesellschaft der Zukunft
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