Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen
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Der Kanzler
DER SCHWERSTARBEITER DER NATION KRANK
Der Bundeskanzler krank - und schon steht fest, daß der Arbeits-
platz des regierenden Oberhauptes die Gesundheit des Menschen
ausbeutet wie sonst nirgendwo im Lande. ARD-Kommentator Schättle
schwang sich dazu auf, aus dem Regierungschef in Bonn einen Hel-
den der Arbeit zu machen: "Von allen Werktätigen ist der Kanzler
der am schwersten Belastete."
Was sind schon die kleinlichen Sorgen der Werktätigen gegenüber
den großen, die der Kanzler in Reden, bei Besuchen, Empfängen,
Gesprächen, offiziellen Essen zu verantworten hat? Was ist schon
die 50jährige Knochenarbeit eines Arbeiters, der in geregelter
Schicht-, Akkord - oder Bandarbeit regelmäßig Woche für Woche
seine 40 Stunden runterreißt, gegenüber den diversesten Aufgaben
des Regierens, und die unregelmäßige Arbeitszeit häufig bis in
die Nacht hinein. Regelmäßiges Arbeiten mit festgelegten Zeiten
und Pausen - dies ist das Geheimnis der Gesundheit der Werktäti-
gen und ihrer hohen Lebenserwartung. Der Kanzler dagegen mußte
bereits krank werden,
"weil Pause und Macht sich nicht zu vertragen scheinen. Der Bun-
deskanzler hat nun als Person und als repräsentatives Opfer einer
absurden Lebensform zu spüren bekommen, daß schließlich das Herz
seinen Rhythmus verweigern kann, wenn wir ihm unseren gesunden
Arbeitstakt vorenthalten." (Süddeutsche Zeitung)
Aber sind wir nicht alle ein wenig schuld an der grenzenlosen
Überlastung des idealen Vorarbeiters aller werktätigen Schwerar-
beiter? Eine solche mahnende Stimme ans Volk blieb nicht aus. Ist
es nicht ein unziemlicher und überzogener Anspruch, daß überall
im Lande der überarbeitete Kanzler "als Gastredner, Vortragender,
Schirmherr und Diskussionsteilnehmer auch für unwichtige Regio-
nalveranstaltungen" gewünscht wird? Könnte und müßte man dem
Oberhaupt das Repräsentieren und Werben für seine Politik nicht
erleichtern?
Natürlich absurd für die devote Öffentlichkeit, daß der Kanzler
offensichtlich an Amt und Würden Geschmack findet. Könnte er
doch, wenn's schon so kaputt macht, ohne Not und mit gesichertem
Einkommen - sehr im Unterschied zu den Werktätigen - seinen Job
lassen, wenn er wollte.
Nicht absurd aber, wie geschehen, den Herzschrittmacher. (ein Ge-
sundheitsmittel übrigens, das sich Werktätige großenteils sparen
können, weil ja ihr Arbeitstakt gesünder ist) politisch auszurei-
zen. Das Einfachste noch die grandiose Metapher, ob er die ange-
schlagene politische Stellung des Kanzlers "stärkt" und wieder in
Schwung bringt. Jawohl, man kann mit einem Herzschrittmacher voll
regieren, vielleicht sogar noch besser als vorher. Man sehe nur
das überaus aktive und offensive Vorbild Alexander Haigs, der
auch so ein Ding drin hat. Ein wenig unpassend wäre es natürlich,
Leonid Breschnew in die politische Herzschrittmacherdebatte zu
werfen, etwa in dem Sinne: 'Ende November treffen sich zwei hohe
Herz.....'. Es ist nämlich noch nicht zu lange her, da stand die-
ses Wunderwerk für neue politische Impulse beim Kremlchef für et-
was ganz anderes, für den baldigen Niedergang einer Ära in Ge-
stalt eines Apparatschiks mit roboterhaften Bewegungen, den nur
noch unpersönlicher Saft aufrechterhält.
Für einen politischen Journalisten sind nicht einmal Herzschritt-
macher ein neutrales Gebilde, selbst sie können ein Machtvakuum
ausfüllen. Gut, die demokratische Öffentlichkeit ist halt so ver-
dorben im langen devoten Umgang mit der Politik. Aber daß auch
Klein-Ernas, die kaum schreiben können, dem lieben Herrn Bundes-
kanzler ein selbstgemaltes Bildchen und Wünsche der Genesung
schicken, ist schon ein starkes Stück. Entweder liegt's an den
Eltern, oder die Kinder werden hier genauso wie drüben früh ver-
dorben, mit dem schwarz-weiß-goldenen Fähnchen zu Honnecker, äh,
Schmidt zu laufen und zu winken.
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