Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen


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       "Die Arbeit der Zuspitzung" oder
       Die Mythen des Peter Glotz
       

GEIST UND MACHT INEINS

Der Geschäftsführer der SPD und Universitätsprofessor der Kommu- nikationswissenschaft gilt bei Intellektuellen als lebender Be- weis, daß Macht und Geist sich bestens vertragen und gegenseitig beflügeln - ganz im Unterschied zur 'Birne' Kohl. Peter Glotz pflegt diesen Wahlspruch seit Jahren, redet als poli- tischer Wissenschaftler auf Germanistentagen über "Die Rückkehr der Mythen in die Sprache der Politik", äußert sich als Politiker und besserer Deutscher programmatisch mit einem "Manifesto per una nuova sinistra" im Ausland und schreibt in seiner Doppelfunk- tion Bücher. Früher gab er dem gehobenen Publikum Einblicke in die "Innenausstattung der Macht" und führte sich selbst als Opfer seiner Regierungstätigkeit vor. Seitdem die SPD die Regierungs- verantwortung in Bonn los ist, klagt Glotz mit "Visionen", "Perspektiven" und "geistigen Diskursen" das Recht der SPD ein, die schwere Last der Politik tragen zu dürfen. Sein Leib- und Ma- gen-T h e m a ist die P f l i c h t aller besseren Demokraten, das zu ermöglichen; sein Leib- und Magen-P r o b l e m, wie die Partei sie dazu bringt; seine L ö s u n g: "Ich will eine re- gierungsfähige Linke!"... Der bürgerliche Wissenschaftler ------------------------------- "Wer die Sprache beherrscht, hat auch Macht über die Motive von Menschen und ihr politisches Votum." "Aufgeklärte Politik... versucht einen rationalen Diskurs über Güterabwägung und geeignete Mittel, einem Ziel näherzukommen. Der Mythos appelliert an Gefühle. Er verspricht die Geborgenheit des Uralt-Wahren." Der Mann der Politik- und Kommunikationswissenschaft macht sich um den Irrglauben verdient, die oberste Gewalt mache nicht die Gesellschaft ihrer Machterhaltung und -entfaltung dienstbar, son- dern diene einem allgemeinmenschlichen verbreiteten Bedürfnis nach "geistiger Führung" und "Sinnstiftendem". Die Logik kennt jeder Oberschüler aus dem Sozialkundeunterricht: Wenn Politiker über die Lebensumstände des Volkes im Interesse des Staates ent- scheiden, für den es nicht zu knapp eingespannt wird, sei das ganz umgekehrt eine Veranstaltung, die sich - jedenfalls dem Prinzip nach - nach den "Hoffnungen und Bedürfnissen der Men- schen" richte. Und wenn demokratische Bürger ihren Herrschaften die Wahlstimme geben dürfen und von denen zum Kreuzchenmachen agitiert werden, dann sei demokratische Politik genau umgekehrt die Umsetzung der guten Argumente, die - jedenfalls idealiter - für die Wahl ausschlaggebend seien, in die Tat. Etwas anderes als der tatkräftige und wahlwirksam betriebene Glaube an die 'Überzeugungskraft' von Politik kommt also von vornherein gar nicht in Frage, wenn das Wahlkreuz bei Glotz ent- weder für gelungene "geistige Überzeugungsarbeit " steht oder aber für V e r-führung durch "Verabsolutierung eines Werts oder Ziels und durch das Versprechen, es gleich erreichbar zu machen". Der Fan "aufgeklärter Politik" klärt gleich darüber auf, daß es bei dem politischen "Kommunikationsprozeß" weder um die Richtig- keit von Argumenten noch gar um die Interessen der von der Poli- tik Betroffenen geht. So idealistisch er der Macht das Gewand der Vernunft und der geistigen Auseinandersetzung verpaßt - es bleibt unstrittig, daß allein die P o l i t i k e r das Volk darüber aufklären, was sie wollen, und lauter Argumente für die Unaus- weichlichkeit ihrer Wahl vorbringen sollen. Gefragt und problema- tisiert ist bei dem Theoretiker sprachlicher Macht andererseits die 'Mündigkeit' des Bürgers - eine Einstellung zur Politik, die eine Zustimmung der Untertanen garantieren soll, welche dem höhe- ren Standpunkt der Politik gerecht wird. Und da macht sich der SPD-Professor sehr aparte Sorgen um den politischen Gemeinsinn, den er gleich als Frage des sprachlichen Materials bei der poli- tischen Agitation auffaßt, so als ließen sich mit Begriffen die Köpfe automatisch dirigieren. Viel zuviel Entgegenkommen an die Wünsche und Absichten des Volks gegenüber seinen Herren entdeckt er nämlich da bei letzteren. In dem Slogan "Sicherheit durch Stärke" z.B. entdeckt er partout nur ein unerfüllbares Verspre- chen und nicht ein gewalttätiges nationales Programm und eine längst wahrgemachte Drohung nach innen und außen. Und den Verführungskünsten, die er in solchen harten Versprechun- gen für Nationalherzen am Werk sieht, will der Apostel 'geistiger Führung' ausgerechnet dadurch begegnen, daß er für mehr "Realismus" der Politik gegenüber plädiert. "Politische Kultur" sieht der Freund des herrschaftlichen "Diskurses" "Politiker re- den - Bürger hören drauf" dann verwirklicht, wenn die Untertanen alle von oben ernannten Notwendigkeiten als Probleme begreifen, die von den politisch Verantwortlichen bewältigt werden müssen, und wenn die Opfer solcher verantwortlichen politischen Programm- bewältigung die Einsicht sich ganz zu eigen gemacht haben, daß alles andere falsche Versprechungen wären. Der selbsternannte Aufklärer verzichtet erklärtermaßen ganz und gar nicht auf die Absicht der Verführung - zu einem Wahlkreuz nämlich, dessen Macher sich garantiert nichts Falsches mehr von ihren Herren wünschen "Aber der springende Punkt ist, daß es mit Rationalität allein (?) nicht getan ist. Wir brauchen eine Sprache, die nicht nur zu den Sachen stimmt, sondern die auch Phantasie und Leuchtkraft hat, die Hoffnungen und Wünsche bindet - und dennoch nicht lügt, dennoch keine Mythen fabriziert." "Wir haben der Versuchung widerstanden, aus Mogadischu einen My- thos zu machen. Aber wir haben auch Wahlen mit dem Slogan ge- führt: Sicherheit für Deutschland. Das war wahrscheinlich poli- tisch geschickt. Vielleicht war es in der gegebenen Situation der Parteienkontroversen sogar unausweichlich. Aufklärerisch war es nicht." Politische Propaganda, die sich politischer Ideale bedient und Wünsche weckt, die aber zugleich davor warnt, solche Ideale für eine Verpflichtung der Politiker zu halten, so heißt das Rezept für "rationale Information". Wähler, die nicht mehr enttäuscht werden können und deswegen überzeugt wählen, das soll das Ergeb- nis "gelungener Kommunikation" sein. Der SPD -Politiker ------------------ Als Mann der Partei sieht Glotz das geistige Ringen um die beste Einstimmung des Volkes auf die Politik im Prinzip entschieden an. Die CDU steht für die falschen Versprechungen, den fehlenden po- litischen Sinnhorizont, die unerfüllbare Heilslehre, kurz, die Verführung des dummen Volkes. Die SPD aber steht für all die guten Prinzipien politischer Einseiferei, die Glotz der Politik als Wissenschaftler zugeschrieben hat. Sie ist die Partei der Aufklärung oder zumindest der Aufklärer, wie Glotz einer ist. "Differenziert" wie der Geschäftsführer nun einmal denkt, drückt er das natürlich etwas anders aus. Alles, was die SPD so ununter- scheidbar von den Christliberalen in der Regierungsverantwortung geleistet hat - von Mogadischu bis zur "Nach"rüstung genannten Aufstockung der Raketen, von Berufsverboten bis zum Schmidt-Wort vom 'verwöhnten deutschen Volk' - firmiert als Abweichung von ei- nem besseren Geist der SPD, als vergebliches, halbherziges oder unterlassenes Sträuben gegen das vom Christen-Ungeist verführte Volk. Die munter betriebene Konkurrenz um Macht und Wählerstimmen, die freudig ergriffene Verantwortung für das Gewaltgeschäft unter Brandt und Schmidt, all das wird als leidige Notwendigkeit aufge- führt, der die gute Partei leider gehorchen mußte, wenn - ja wenn sie eben regieren wollte. Daß die führenden Parteiköpfe schon im- mer das Regieren und seine Notwendigkeiten über die volksfreund- lichen Ideale dieses Geschäfts gestellt haben; daß also diese Ideale das Mittel waren, um in diese Verantwortung zu gelangen, und deshalb mit der erfolgreichen Führerschaft die Reformphrasen immer mehr dem demonstrativen Stolz auf das "Modell Deutschland" und seinen Ansprüchen ans Volk zum Opfer fielen - all das soll die SPD-Mannschaft als besonders problembewußte und gute Führung ausweisen. Glotz bürgt dafür mit seinem Mythos von den Nöten und Zwängen einer SPD-Regierung angesichts eines dummen, dummen Vol- kes unaufgeklärter C-Wähler. "Mythos rechts - Entmythologisierung links, das ist zu einfach" - so einfach bringt der geistige Stimmenfänger die Botschaft 'Mündige Bürger wählen nur SPD!' für gehobene Gemüter an den Mann. Damit ist er bei seinem eigentlichen politischen Anliegen. Der demokratische Parteitaktiker -------------------------------- "Die Zerbrechlichkeit und der Idealismus Petra Kellys mögen uns rühren; ihr Realitätsverlust, ihre demonstrativ vorgezeigte Angst und diese deutsche Mißachtung des politischen Handwerks verderben uns eine halbe Generation." Eine saubere Aufklärung für kritische Bürger und Intellektuelle! Einwände gegen die Politik in Bonn vor und nach der Wende, Kritik an Rüstung und an der Ruinierung von Land und Leuten - das mag sich alles noch so politikgläubig organisieren, eben als parla- mentarische Alternativpartei mit konstruktiven Angeboten an die "Etablierten", mit Appellen an die nationale Verantwortung der Rüstungsmacher und mit Gesetzesinitiativen an das Parlament mit seinen Spar- und Waffenbeschlüssen. Um so mehr legt Glotz den kritischen Geist auf ein einziges, ganz und gar nicht geistiges Prinzip fest - den politischen Erfolg und die Zuträglichkeit für die Oppositionspartei, die überall mit an der Macht ist. "Die Linke", wie Glotz alles vom Juso bis zum Friedensdemonstranten einbegreifend zu nennen pflegt, hat seiner wissenschaftlich auto- risierten Politikermeinung nach offensichtlich nur einen Auftrag sich bedingungslos zu dem Argument zu bekehren, daß jeder Unmut über die laufende Politik ein guter Grund für ein Kreuzchen für die SPD ist. Wer das nicht einsieht, wer gar mit seinen politi- schen Idealen gegen die SPD konkurriert, der erzieht Bürger zu vaterlandslosen Gesellen, weil die einfach nicht so treudoof po- litik- und SPD-begeistert zu Diensten stehen, wie "wir" Politiker es einfach verlangen können. Die politischen Kritik anliegen, so die uralte, von Glotz gebetsmühlenartig wiederholte SPD-Masche, sind nämlich dann und nur dann gut vertreten, wenn man sie schleunigst aufgibt, S e l b s t kritik übt und die Partei wählt, die ausdrücklich verlangt, daß man von seinem eigenen kri- tischen "Idealismus" Abstand nehmen soll. Das schlagendste Argument für gute "geistige Führung" und intel- lektuelles politisches Niveau ist offenbar, wenn der Einseifer sich mit seinen Adressaten auch noch darüber 'argumentativ' ver- ständigt, wie man das Volk am besten einseift und daß insbeson- dere auch sie nur als eins zählen: als Stimmen für eine SPD-Re- gierung. Überzeugte Demokraten waren schon immer am besten nicht durch Versprechen zu gewinnen, sondern durch die öffentliche Be- sprechung, wie man sich am geschicktesten zur Wahlurne zerrt. Und als Gipfel des politischen Sachverstandes und intellektueller Redlichkeit liefert Glotz eine Erläuterung dieses Geschicks, die als Fehler der SPD-"Strategie" und als Versagen "der Linken" ein- und dasselbe festhält: die Frechheit, daß es Demokraten gibt, die sich mit ihrer Kritik an der SPD nicht gleich als SPD-Wahl-In- itiative verstanden haben: "Daß wir aber zugelassen haben, daß die Themen der Ökologie, Rü- stungskontrolle und Gleichstellung der Frau zu 'parteierzeu- genden' Problemen wurden, ist ein politischer Kunstfehler, der vermeidbar gewesen wäre." Im methodischen Kampf gegen diesen 'Fehler' legt Glotz allen kri- tischen Untertanen im Lande erst s e i n Interesse nach Regie- rung als ihr politisches Selbstverstädnis und einigendes Band ans Herz: "die Linke" - und hält ihnen und sich dann vor, daß sie i h r Anliegen nach Herrschaft schmählich verraten haben. "Ich will eine regierungsfähige Linke", sprich: 'Wählt gefälligst SPD, sonst seid ihr hoffnungslose Idea- listen', das gilt dann als Bemühung um einen "rationalen Diskurs" mit Grünen! Der Nationalist --------------- "Eine Linke, die nicht einfach in ein unverbindliches Nein aus- weichen möchte, muß sich mit der Frage auseinandersetzen, ob sie das mühsam verdiente Geld ihrer Steuerzahler in einer wirtschaft- lichen Krisensituation für hochkomplizierte und sündhaft teure konventionelle Cruise Missiles ausgibt oder für die Entwicklung modernster Methoden der Panzerabwehr. Sie muß entscheiden, ob sie die Deutschen auf einen Weg führen will, der weg von Stahl und Pulver hin zur Elektronik führt, oder ob sie - angesichts der Tatsache, daß alle Waffen töten - sich zu all dem gar nicht äu- ßert und der Rechten das Feld überläßt." So apart die Kritik ist, angesichts einer Friedensbewegung, die längst den Standpunkt des knappen Geldes teilt, alternative Ver- teidigung diskutiert, konventionell contra Atom stellt, so um- standslos macht sich Glotz hier für die geltenden Zwecke der Po- litik stark und führt, jenseits von Mythen und Aufklärung, die nationalen Notwendigkeiten deutschen Erfolgs als Sachnotwendig- keit an. Alles, was dazu nicht paßt, was nicht auf jeden politi- schen Anspruch auch die entsprechende nationale Antwort gibt, wie Deutschland eben im Bündnis vorankommt - mag es dabei auch Tote, Arme, ... geben - ist 'naive' "Militärstrategie" = nicht politik- fähig, also auch "staatsgefährdend". Lässig geht es dem Techniker des besten Machterwerbs dabei für seine "Linke" über die Lippen, daß im Interesse Deutschlands und seiner Bürger die Kriegsmannschaft und die F r i e d e n s- freunde sich auf ein- und dasselbe Programm verpflichten müssen, das der SPD nämlich, gegen das bekanntlich im M i l i t ä r niemals Kritik laut werden mußte: "Entweder man kämpft für ein neues Paradigma der europäischen Si- cherheit, das die Chance hat, in der Armee und in der Friedensbe- wegung... eine Mehrheit zu finden, oder man bekommt die erbit- terte Konfrontation zwischen Nuklearpazifisten und Nukleartechno- kraten auf dem Rücken einer apathisch werdenden Bevölkerung." Das bleibt bei all den methodischen Umwegen und strategischen Überlegungen für das mündige "man" als absolutes "Muß" übrig: "Mit der Gefahr einer gesellschaftlichen Isolierung der Armee sind wir am entscheidenden Punkt überhaupt: Bei der wachsenden politischen Demoralisierung der westlichen Jugend... Ich rede von der Tatsache, daß wir es immer mehr versäumen, junge Menschen, von denen wir Todesbereitschaft und Tötungsbereitschaft verlan- gen, auf das vorzubereiten, was in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eigentlich auf sie zukommt... Von der Gefahr, daß das einzige, was unsere Armee zusammenhält, bald die Disziplin sein könnte." Der Weg von der wissenschaftlichen Verantwortung zum politischen Herrschaftsanspruch ist nicht weit, weder geistig noch personell. zurück