Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen
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Ende einer Dienstfahrt
VON WEGEN VERLORENE ILLUSIONEN
Heutzutage redet niemand mehr über Entwicklungshilfe ohne ein
kritisches Wort. Die SPD-Politikerin Brigitte Erler tritt in ih-
rem Buch: "Tödliche Hilfe - Bericht von meiner letzten
Dienstreise in Sachen Entwicklungshilfe, Freiburg i. Br. 1985"
sogar ganz radikal auf und fordert, sie ganz sein zu lassen.
Das Buch erscheint zu einem Zeitpunkt, wo die jetzige Regierung
sich auf die Quintessenz aller Einwände gegen die Entwicklungs-
hilfe beruft und in der Praxis der Entwicklungspolitik alle Kre-
dite, Projekte usw. daraufhin abklopft, ob sie sich (noch) für
die BRD auszahlen.
Die Idee, daß die Entwicklungsländer und ihre Bevölkerung recht
wenig von der Hilfe des "Geberlandes" Bundesrepublik haben, kam
ihr nicht etwa während ihrer 10-jährigen Tätigkeit im Bonner Ent-
wicklungsministerium, wo ihr so manches Licht hätte aufgehen kön-
nen. Es bedurfte erst der praktischen Erfahrung einer Dienstreise
nach Bangladesch, um bei ihr einen Merker über die Resultate
deutscher Entwicklungspolitik auszulösen.
Aus diesem Merker hat sie einen Standpunkt gemacht. Ihr ist vor
Ort aufgefallen, was für Land und Leute herauskommt, wenn deut-
sches Kapital und deutsche Kredite ein Entwicklungsland für ihre
Ansprüche herrichten. Ihr Buch erschöpft sich aber nicht in der
Aufzählung vieler Beispiele für mißratene 'Großprojekte' und ein-
getretene weitere Verelendung. Aus allen diesen Fällen kommt für
Brigitte Erler nur eins heraus: Sie hat den Glauben an die Ent-
wicklungshilfe verloren. Das ist etwas ganz anderes, als den
Z w e c k zu wissen, den kapitalistische Staaten mit ihrem öf-
fentlichen und privaten Spendenwesen verfolgen. Das ist auch et-
was anderes als ein Begriff von der Einbeziehung der "Dritten
Welt" in den kapitalistischen Weltmarkt. Es ist bloß eine Rie-
senenttäuschung, die, wie jede echte Enttäuschung, von den Glau-
benssätzen und Idealen nicht loskommt, die sich gerade an der Re-
alität blamiert haben. Im Gegenteil: Brigitte Erler definiert
alle festgestellten L e i s t u n g e n der Entwicklungshilfe
als V e r s t o ß. Und das geht nicht ohne sehr bemühte theore-
tische Stilisierungen ihrer "persönlichen Erfahrungen". Für diese
steht ihr ein kunterbunter Haufen "fortschrittlicher" bis reak-
tionärer Ideologien zu Gebote - alles, was bislang schon gegen
Entwicklungshilfe an Einwänden vorgebracht worden ist:
G u t w i l l i g e Entwicklungshilfeexperten (und die hinter
ihnen stehenden geldgebenden Staaten und internationalen Institu-
tionen) haben die Konsequenzen ihres Sich-Kümmerns nicht mitbe-
dacht. Ihr Buch wimmelt von der Beschreibung "nichtbeachteter Ne-
beneffekte", die "ein entwicklungspolitisches Herz" wie ihres
entsetzen müssen. Manchmal auch b e t r i e b s b l i n d e Ex-
perten, viel zu viel G e l d und "ausbeuterische E l i t e n"
machen die allerbesten Absichten wieder kaputt.
- "Man stellt sich 'sein' Entwicklungsland immer quasi jungfräu-
lich vor und meint, man müsse es mit seinen neuesten Ideen be-
glücken. Ich hatte nicht erwartet, daß niemand alle Möglichkeiten
natürlicher Kreisläufe besser nutzt als ein bangladeschischer
Kleinbauer, wenn man ihn nur läßt..." (19)
- "Straßen müssen sein, obwohl in Bangladesch nur ausländische
Experten und allerhöchste Regierungsbeamte in Autos herumfahren.
Aber Straße bedeutet ja Fortschritt an sich." (21)
- "Selbst wenn ein Experte jahrelang in einem bangladeschischen
Dorf säße und immer wieder die Macht seines Geldes und seiner Be-
ziehungen spielen ließe, wäre ein Erfolg sehr fraglich. Denn
selbstverständlich verwenden die Einflußreichen ihre ganze Ener-
gie darauf, ihre Position abzusichern und, wenn möglich, auszu-
weiten. Dazu sind wir mit unseren Projekten, unwillentlich mit
diesen, freiwillig mit den anderen, willkommene Werkzeuge." (27)
Auch nicht sehr originell diese Vorstellung, daß an nur die
Kleinbauern in ihrem Mist rotieren lassen müsse, dann würden sie
schon - klein, aber fein - zurechtkommen. Außerdem wüßten sie
dann gar nicht, daß man mit ein paar "neuesten Ideen", z.B. einem
Traktor, etwas mehr vom Leben haben könnte bzw. etwas weniger an
mühseliger Plackerei. Ausgerechnet das "Aufzwingen unserer
T e c h n o l o g i e n" soll schuld daran sein, daß es in den
Entwicklungsländern immer weniger zum Beißen gibt. Staudämme, Te-
lefonfabriken in Bangladesch, und andere Großgeschäfte - schon
wieder lauter, den Entwicklungsländern aufgezwungene Fehlinvesti-
tionen. Und überhaupt: Wenn schon die Armen nicht ohne die Rei-
chen ärmer werden können - können dann nicht wenigstens die Rei-
chen ohne die Armen reicher werden?
"Ich rege mich nicht darüber auf, daß Steuergelder verschwendet
werden, das geschieht überall. Ich habe auch nichts dagegen, daß
die Reichen reicher werden - bitte sehr. Aber ich habe etwas da-
gegen - und deshalb bin ich ausgestiegen -, daß es den Armen
durch unsere Hilfe schlechter geht als vorher."
Ein gewisser Ausgleich zwischen "arm" und "reich" - und schon
würde es einem Land wie z.B. Indien besser gehen.
"Die reichen Leute müßten halt - überhaupt oder mehr - Steuern
zahlen. Aber das haben sie nicht nötig, wenn sie Entwicklungs-
hilfe bekommen."
Mit ihren ziemlich disparaten Beweisführungen plädiert Brigitte
Erler für einen "Ausstieg aus der Entwicklungshilfe" ohne Wenn,
aber mit ziemlich viel Aber. Zuständig für die Staaten der
"Dritten Welt" fühlt sie sich durchaus, wenn sie den westlichen
Entwicklungshilfeministern empfiehlt, man sollte durch Nicht-Ent-
wicklungshilfe erreichen, daß sich die "Dritt-Welt"-Länder end-
lich selbst aus dem Sumpf ziehen und - sich einen Staat nach
westlichem Muster hinstellen. Von den "einheimischen Eliten" er-
wartet sie dann, daß die brav ihre Steuern zahlen und bei sich
einziehen, um sie anschließend einem gedeihlichen Wirtschaftsle-
ben mit angepaßter Technologie zuzuführen und die Armen im Lande
vor 'sozialer Unruhe' zu beschützen. Klar, da haben dann "alle"
etwas davon - sogar "wir".
Insgesamt also ein besinnliches Buch für jeden Gabentisch insbe-
sonders zur Weihnachtszeit: Jeder kann sich aus ihm bedienen und
seine vorhandenen Urteile über Entwicklungshilfe bestätigt fin-
den. Rechte kriegen reichlich Anschauungsmaterial dafür, daß man
den Bimbos viel zu viel Moneten hinterherschmeißt, oder können
sich wie die "Frankfurter Allgemeine" auch einmal als Freund der
Entwicklungshilfe profilieren und auf ihren Nutzen trotz allem
pochen. Fortschrittlich gesinnte Menschen entdecken neue Belege
für ihre falsche Kritik an bösen "Strukturen" und für die Vergeb-
lichkeit ihres guten Tuns und ihrer schönen Absichten.
Außerdem spricht ja eine wirkliche Insiderin und Expertin, eine
noch dazu, die ihr Engagement dadurch demonstriert hat, daß sie
ihren Job hinschmiß. Ganz kritisch und dabei ganz Frau, beweist
Brigitte die Richtigkeit ihres Standpunkts mit der Glaubwürdig-
keit ihres verlorenen Glaubens und diese mit Tränen:
"Am nächsten Morgen unter der Dusche wurde mir erst klar, welche
Ungeheuer wir doch sein müssen... Ich fing an zu weinen. Erst ein
Trick brachte mich wieder zum Funktionieren. Ich dachte und re-
dete fortan nicht mehr von verhungernden Landlosen, sondern von
der 'unerwünschten Konzentration der Landwirtschaft'. Es war für
mich geradezu phantastisch, wie ich von einer Minute auf die an-
dere wieder völlig emotionslos über alle Projekte sprechen
konnte. Das Mittel hilft wirklich! Geweint habe ich nur noch
nachts - und beschloß, das Funktionieren einzustellen." (97)
Von wegen Funktionsuntüchtigkeit! Willfährig folgt sie der Einla-
dung zu einem "Streitgespräch" mit ihrem Parteichef in die
"Zeit"-Redaktion, wo sie sich kreuzbrav und in voller Partei-
loyalität abkanzeln läßt. Für seine Partei spielt sich Brandt
wieder einmal als der große Realist mit Durchblick und Verantwor-
tung auf und erklärt sich zum Anwalt aller Hungernden dieser
Erde. "Uns" geht eben alles an, und da will Brigitte Erler dem
Altbundeskanzler gar nicht widersprechen. Unter dem Titel
"Verantwortung" ist ihr das Zugriffsrecht der westlichen
"Industrienationen" auf den Rest der Welt kein Problem. Nur ein
paar Bedenken will sie angemeldet haben - worauf ihr ihr Partei-
chef sehr offensiv begegnet: Nicht alles so "absolut" sehen, e r
kenne von s e i n e n Reisen genug Beispiele für erfolgreiche
Entwicklungshilfe, und schließlich folgende Wahrheit, nur spär-
lich friedens- und kommunikationsmäßig verpackt:
"Was ist unser Interesse? Gibt es nicht auch eine Interessenver-
bundenheit zwischen uns und den Entwicklungsländern? Für mich ist
immer klarer geworden, daß die Entwicklungspolitik eine neue Di-
mension der Friedenspolitik ist: Massenelend führt schnell zu
chaotischen Verhältnissen und Konflikten.... Wie andere auch wol-
len wir mit möglichst vielen Ländern ökonomische Beziehungen ha-
ben. Nicht in altmodischer Weise, indem wir ausbeuterische Abhän-
gigkeiten schaffen, sondern im Sinne einer möglichst weitreichen-
den und gleichberechtigten wirtschaftlichen, technischen und kul-
turellen Kooperation. Dazu müssen unsere Partner möglichst lei-
stungsstark sein, damit sie ihre Rolle im Nehmen und Geben - von
der Kultur bis zur Wirtschaft - spielen können. ... dazu beizu-
tragen, daß andere Länder in der Lage sind, ökonomisch zu kommu-
nizieren, das liegt doch in aller Interesse."
So scheiden sich in der SFD die Standpunkte und so kommunizieren
sie auch wieder: Die eine vergießt Tränen in Bangladesch über
enttäuschte Ideale - der Chef verdolmetscht die Ideale der SPD
als beste Wahrnehmung nationaler deutscher Interessen. Deshalb
steigt die eine aus und schreibt Bestseller für Gleichgesinnte;
der andere erklärt in Nord und Süd, wie gut der Rest der Welt es
mit Deutschland und der Sozialistischen Internationale getroffen
hat.
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