Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen
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Wie sich die SPD wieder einmal gründlich erneuert
BJÖRN ENGHOLM: BERUF HOFFNUNGSTRÄGER
Parteien haben es nicht leicht. Jetzt, bei den ersten gesamtdeut-
schen Wahlen, ist die SPD für vier weitere Jahre auf die bekannt
harten Bänke der Opposition abgestellt worden; und das bloß, weil
die Kohl-Mannschaft mehr Wahlkreuze auf sich versammelt hat. Ist
das nicht ein schmählicher Verzicht auf den politischen Sachver-
stand, über den die Repräsentanten der SPD genau so gut wie ihre
Parteikonkurrenten verfügen?
Klugscheißer und Journalisten referieren das Wahlergebnis und ge-
ben das als Analyse aus: Der SPD sei die Quittung für einen
falschen und unglaubwürdigen Wahlkampf erteilt worden. Und keiner
in der ganzen objektiven Öffentlichkeit schreit auf, daß damit
der Anstrengung dieser Partei bitter U n r e c h t getan wird
außer diese selbst! Das Parteiprogramm, mit dem Lafontaine warb,
war weder schlechter noch unglaublicher, sondern haargenau das-
selbe wie das der CDU. Versprochen wurde ehrlicherweise nicht
mehr und nicht weniger als der Anspruch, künftig über die inzwi-
schen vermehrte Kopfzahl aller Deutschen das ausschließliche Sa-
gen haben zu wollen. Die Voraussetzungen für dieses beachtliche
Ziel, dem Volk die für es politisch gültigen Lebensumstände vor-
zuschreiben, bringt zudem jeder Politiker mit; sonst wäre er kei-
ner geworden.
Fairerweise sollte auch niemand dem Oppositionsführer verübeln,
daß er sich in Sachen nationaler Verantwortung als besser quali-
fiziert fühlte, und dies im Wahlkampf dadurch bewies, daß er die
Finanzierung der Einheit, also die Art und Weise, wie die Regie-
rung zur Zeit die Bürger zur Kasse bittet, als "in höchstem Maß
unsolide" abqualifiziert hat. Das hat Lafontaine freilich die
wahlentscheidende Retourkutsche der Gegenseite eingebracht, ein
Gegner der deutschen Einheit zu sein, der mit dem Herumreiten auf
deren Kosten seine vaterlandslose Gesinnung erweist.
Zu solch ü b l e r N a c h r e d e sind die Parteien wider
besseres Wissen gezwungen. Nur weil der Wähler Anhaltspunkte ver-
langt, um seinen Stimmzettel individuell ausfüllen zu können,
müssen sich Parteien mit Ressentiments oder sogar mit besonderen
Interessen gemein machen. Und das gegen ihren wahren Charakter
als Volkspartei, deren christlich-sozial-liberale Vertreter ihrem
selbst übernommenen Auftrag dann richtig nachkommen, wenn sie nur
die Totalität aller Interessen anerkennen, also das W o h l
d e s S t a a t e s schützen und mehren.
Anständigen Politikern muß da einfach ab und zu die Galle hoch-
kommen, das eigene politische Schicksal von Leuten abhängig zu
wissen, die wegen ihres privaten Erfahrungshorizonts unfähig
sind, die ganze Tragweite der Alternative "Kohl für Deutschland"
oder "Lafontaine für Deutschland" korrekt zu erfassen. Schließ-
lich beschleicht auch die Öffentlichkeit der Verdacht, daß Wahlen
ein F r e m d k ö r p e r in der geregelten Demokratie sind,
wenn sie nach "lähmenden Wahlkämpfen" regelmäßig den Zeitpunkt
herbeisehnt, wo "die Politik wieder zu ihrem Recht kommt".
Umso bewundernswerter die d e m o k r a t i s c h e R e i f e,
mit der sich Wahlverlierer - außer im ersten Unmut - jede Wähler-
beschimpfung verkneifen, und die sture Entschlossenheit, gleich
wieder die wählerischen Zeitgenossen zu beeindrucken, damit die
das nächste Mal sich besser beeindruckt zeigen.
1. Akt: Schuldbekenntnis und Reue
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Mit der ersten Trotzreaktion: "Wir haben die richtigen Antworten
auf die Fragen der Zukunft" (Rau) ist da nichts geholfen. Diese
Rechthaberei verweist zu deutlich auf die Wahlniederlage, statt
das Publikum für eine SPD-Zukunft einzunehmen. Besser ist schon
die Wiederholung des Wahlergebnisses als ehrliches und offenes
Eingeständnis der Niederlage. Das spricht für die Glaubwürdigkeit
der SPD. Noch besser ist das Versprechen eines radikalen Neuan-
fangs. Das erleichtert dem künftigen Wähler, das Stigma der Nie-
derlage vom taufrischen Image der SPD zu trennen. Also gibt die
Partei der Mehrheit, die ihr die Stimme verweigert hat, ganz
grundsätzlich recht: Alles, wofür die Partei ihr Wahl-Herzblut
geopfert hat, war ein falsches Bemühen - Beweis: es ist nicht an-
gekommen. Je übertreibender diese Selbstkritik daherkommt, um so
überzeugender.
Im nachhinein weiß Brandt, wie unsinnig es war, auf einer vorgeb-
lichen Distanz zum wahlbestätigten Erfolgsprogramm der CDU herum-
zureiten: "Es war verkehrt, die Einheit in Freiheit eher als
Bürde denn als Chance darzustellen." Weil die Ambition der SPD,
Regierungsgewalt auszuüben, unerfüllt blieb, ist sie jetzt weder
eine V o l k s p a r t e i, noch hat sie überhaupt einen Bezug
zum Wählervolk: "Die SPD ist keine Volkspartei, sondern eine Ag-
glomeration von Minderheiten" (Klose). Da helfen ihr weder die
berühmten sozialdemokratischen Traditionen, der weiterhin exi-
stente Parteiapparat noch die Godesberger Programme in den
Schubladen.
Angesichts der Wahlniederlage sind diese Kennzeichen des unver-
wechselbaren Gesichts der SPD wertlose Makulatur: Die Partei ist
in der K r i s e. Die erstreckt sich auch auf den bisherigen
Hoffnungsträger der Partei. Von heute auf morgen ist eine
F ü h r u n g s k r i s e ausgebrochen, weil Lafontaine alles
falsch gemacht hat, was sozialdemokratische Parteiarbeit aus-
zeichnet. Er hat kein G e w i n n e r - I m a g e bewiesen,
also auch nicht ausgestrahlt: "Jemanden, der falsch gelegen ist,
zum Vorsitzenden zu wählen, wäre ein Kardinalfehler" (Klose).
Nach dem das alte Wahlversprechen, an die Regierung zu kommen,
gescheitert ist, übt sich die Partei in Selbstbeschimpfung. Das
beweist die S e l b s t r e i n i g u n g s k r a f t der SPD,
auch wenn erst einmal nur das Bild vom armseligen Sauhaufen ste-
henbleibt. Freilich ist der Mitleidsbonus ein zweischneidiges
Schwert, wenn er nicht um die Kraft neuer Parteigestaltungsfähig-
keit ergänzt wird.
2. Akt: Besserungswille
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Der ist gar nicht so einfach zu beweisen. Bei der entscheidenden
Erneuerung, der Wahl eines neuen Vorsitzenden, kommt es nämlich
einerseits auf die schnelle und entschlossen demonstrierte Ent-
scheidungsfreude an. Andererseits ist das Wichtigste an dieser
Entscheidung ihre betonte Bedeutsamkeit. Also "darf die Partei in
der Vorsitzendenfrage nichts verzögern, aber auch nichts über-
stürzen" (Rau). Zwischendurch besteht sogar noch die Gefahr, daß
das wertvolle neue Porzellan, das die Partei ins Fenster stellen
will, schon vor seinem Gebrauch zerdeppert wird. Merkwürdiger-
weise droht dem potentiellen Kandidaten schon vor und mit seiner
Kür, daß er "gar geritten wird". Offensichtlich beschädigt schon
das Auswahlverfahren die Einzigartigkeit des künftigen Vorsitzen-
den und das Ansehen, auf das die Partei Anspruch hat:
"Ich habe gar kein Verständnis dafür, daß jetzt ein Dutzend Namen
wie bei der Revue von Nummern-Girls über die Bühne gezerrt wer-
den" (Vogel).
Etwas rätselhaft bleibt diese Sorge dennoch, denn im Wahlgremium
der Partei entscheidet doch der einfache Wähler ausnahmsweise gar
nicht mit, der sonst die schönsten Rechnungen der Partei durch-
einanderbringt.
Das ist aber noch nicht alles. Es stellt sich nämlich noch die
Frage des Vorher oder Nachher:
"Wir müssen jetzt über Strukturen nachdenken und Strukturen ver-
ändern. Danach müssen wir über die beste personelle Besetzung in
diesen neuen Strukturen nachdenken" (Rau).
Glücklicherweise läßt sich der Anspruch "Alles neu" auch durch
Nachdenken in die entgegengesetzte Richtung erfüllen. Ein neuer
Strahlemann gibt der Partei doch schon die Struktur, die zu neuen
Wahlhoffnungen berechtigt.
Bleibt aber noch die weitere Schwierigkeit, daß vom neuen Vorzei-
gestück auch die richtigen, stimmenträchtigen "Signale" ausgehen
sollen. Ein Kirchenmann und Ministerpräsident wie Stolpe wäre da
nicht schlecht. Leider kommt er aus dem Osten, ist also als
"Symbolfigur" für das Einigungswerk, mit dem wir von hier aus die
neuen Länder beglücken, unbrauchbar. Andererseits wäre auch eine
Frau wie die Tübinger Schnepfe Gmelin kein schlechtes Signal,
leider naturbedingt nur für die Hälfte der Nation. Immerhin be-
weist es das unverwechselbare Profil der SPD, eine solche Alter-
native überhaupt in Erwägung gezogen zu haben.
Selbst der Wahlort für die dringlichste und wichtigste Sachent-
scheidiung, vor die sich die SPD gestellt sieht, will bedacht
sein. Gottseidank ist der Partei noch rechtzeitig gedämmert daß
eine ins Auge gefaßte Autobahnraststätte den guten Ruf der Par-
tei, ökologisch zu denken, beschädigen könnte. Vom neugewählten
Ort des Geheimtreffens, einer Wartehalle im Frankfurter Flugha-
fen, geht dafür ein unbestreitbar positives Signal aus: die "Nähe
zum Wähler", der in Hessen demnächst an die Urne darf.
Bleibt noch die Kleinigkeit für die Partei, auch inhaltlich neue
Positionen zu besetzen. Da ist der Besserungswille so überzeugend
ausgefallen, daß eigentlich kein vernünftiger Wähler sich guten
Gewissens diesem Angebot entziehen kann:
"Die Gefahr ist, daß wir das Gespräch nicht nach draußen führen
und unsere internen Auseinandersetzungen zu sehr auf den Wähler
hin orientieren, der diese Ziele komplett zu übernehmen bereit
ist. Wir müßten mehr nach denen suchen, für die einzelne Punkte
unseres Programms Strahlkraft haben... Deshalb muß man sein Pro-
gramm nicht relativieren, aber man muß es stärker verstehen als
ein Angebot an die Bürger und weniger als die vollendete Be-
schreibung dessen, was eine Partei will". (Rau)
Auch. wer von der SPD nichts hält, darf und kann sich getrost ein
Stück von ihr wählen. Beim Gespräch an der Wahlurne will die Par-
tei jedenfalls alles tun, damit die Bürger ihr Wahlkreuz der SPD
schenken, ohne an sie als Partei zu denken.
3. Akt: Erneuerung geglückt
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Kaum glaublich, aber wahr. Mit demonstrativer Entschlossenheit
hat sich die SPD eigenhändig aus dem tiefsten Krisensumpf heraus-
gezogen und nach kaum 14 Tagen einen Kandidaten präsentiert, der
die Geschlossenheit der Partei verkörpert. Der Knaller heißt Eng-
holm. Nach Meinung seiner Entdecker verkörpert er das gewünschte
Erscheinungsbild der SPD so passend, daß man sich allenfalls
fragt, warum ihnen erst eine Wahlniederlage die Augen geöffnet
hat. Die immer so mäklige Öffentlichkeit von "Bild" bis "Spiegel"
zeigt sich vom ersten Moment an schwer beeindruckt. Dem steht
nicht entgegen, wenn gehobene Blätter auch einmal anklingen las-
sen, daß sie den "kühlen Kieler" für eine ziemliche Knalltüte
halten. Das bringt den nicht unfehlbaren Kandidaten menschlich
näher und beweist journalistische Vertrautheit mit Vorzimmern und
geheimen Hintergründen der Politik.
Als M e n s c h ist der "schöne Björn" "sanft, weich, liebens-
wert, nachdenklich, kritisch, aufmerksam, bedächtig, musisch und
kreativ", kurzum eine "echte Symbolfigur" des" modernen Men-
schen". Er ist ein Charakter, der es den feinsten Geschmäckern
der Nation erlaubt, sich ins rechte Licht zu setzen, wenn Engholm
"das edelmütige Gesicht gedankentief gefurcht oder selbstironisch
aufgeklärt... jene gefällige, leicht buddenbrooksch gestylte Aura
umweht, die sein Markenzeichen ist: eine Mischung aus dröger Me-
lancholie und jungenhaftem Charme, aus elitärem Bohemien-Gestus
und hausväterlichem Pragmatismus. Überlagert aber wird sie von
einer volkshochschulpädagogischen Vernünftigkeit, die erst beein-
druckt und dann schnell langweilt".
Was den intimen Thomas-Mann-Kenner bewegt, läßt sich auch mit
einfachen Worten sagen, so daß die Gewißheit nicht ausbleiben
kann: Hier hat ein Mann unser Herz erobert, der alle Kriterien
des guten Geschmacks übererfüllt, aber ohne die Peinlichkeit, uns
das aufdringlich spüren zu lassen:
"Engholm ist es gelungen, die verschiedenen Facetten seiner Per-
son durch Stil und Form zu bündeln, ohne allzu schillernd zu wir-
ken."
Freilich, ohne die ausgesprochene "Ehrlichkeit gegenüber der ei-
genen Person" wären den Journalisten glatt die Facetten dieses
menschlichen Diamanten entgangen, denn "Engholm hält nichts da-
von, das eigene Ego im Licht der Öffentlichkeit zu sonnen".
Fabelhaft, wie der künftige Vorsitzende der SPD das
S o z i a l d e m o k r a t i s c h e i n u n s a l l e n zum
Klingen bringt. Als "F r a u e n t y p" ist er "bei weiblichen
Wählern gut gelitten", wahrscheinlich weil er seine Kieler Ville-
netage mit "drei Frauen" teilt und weil mit ihm "Dior-Duft" ein-
zieht", der bald durch die SPD-Baracke wehen soll".
Seine fachliche Kompetenz als Frau bescheinigen ihm vor allem die
Quoten-Existenzen, die mittlerweile in jedem SPD-Gremium unver-
zichtbar geworden sind. Die verstehen es wie Matthäus-Maier, die
im heftigsten Jäger-90-Wortwechsel ihrem Kontrahenten Waigel lie-
bevoll am Jackett herumzupft, dem Auftreten der SPD jene bloß po-
litische Schärfe zu nehmen. Das macht sie zu unbestechlichen Zeu-
gen der neuen Parteilinie Engholm, wenn "die drei Frauen aus dem
SPD-Präsidium lächelnd an seinen Lippen hängen". Das kompetente
Urteil gilt ja nicht irgendeinem Softie, sondern einem, der schon
einmal "mit Raissa übers Kochen" gesprochen hat.
Engholm, das ist die Identität der Partei mit ihrer besten sozi-
aldemokratischen Tradition, der L i e b e z u r g r ö ß t-
m ö g l i c h e n E i n h e i t a l l e r D e u t s c h e n.
Für den schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten spricht
seine scharfsinnige Analyse: "Deutschland wird durch seine
Vereinigung nördlicher, östlicher und protestantischer". Keiner
ist so kompetent wie "der Nachfahre einer ursprünglich
schwedischen, dann über Mecklenburg (!) nach Schleswig-Holstein
gewanderten Familie", um das zeitweise Versagen der SPD zu
benennen und zu korrigieren - Schleswig-Holstein ist näher an den
östlichen Menschen als das Saarland".
Die V e r b u n d e n h e i t d e r S P D z u d e m u n d
d e n K l e i n e n, weil dort der Zugang zur großen weiten
Welt steckt, hat in dem Politiker, der nach eigenem Bekunden
"hanseatisch" denkt, ein Idealmaß gefunden:
"Patriotismus? (Das ist) Heimatverbundenheit. Zuerst mit meiner
Heimatstadt Lübeck, mit meinem Land Schleswig-Holstein. Und dann
bin ich Deutscher. Das prägt Identität. Wer seine eigene Heimat
liebt, weiß auch die anderer zu schätzen."
Das ist keineswegs bornierter Nationalismus, sondern die ewig-
deutsche Sehnsucht nach den fernen Schätzen und Reichtümern, die
außerhalb der eigenen engen Grenzen liegen. Wofür Neckermann-Rei-
sende ihre Hunderter hinblättern, das lebt der Lübecker
"Kosmopolit" vor:
"Eigentlich schwärmt der Regierungschef von Schleswig-Holstein
meerumschlungen mehr fürs Mittelmeer. Doch gelegentlich ziehen er
und seine Frau den Ostfriesennerz über. Am liebsten raucht der
künftige SPD-Vorsitzende aus Bruyereholz-Pfeifen Tabak, den er
sich in Lübeck mischen läßt".
Diese weitausgreifende Heimatliebe ist eben typisch sozialdemo-
kratisch."Als Lebensmotto hat er sich etwas 'klassisch' Sozialde-
mokratisches vorgenommen: auf dem Boden bleiben". Und weil dieses
Signal diesmal aus Kiel kommt, "wird der ganze regionale Reichtum
der SPD deutlich". Da wird man doch auch von Bayern etwas Einfüh-
lungsvermögen erwarten dürfen, wenn Engholm die SPD-spezifische
Dialektik von Beharrungsvermögen: "Dat goede Alde sal bliven be-
stan" und vorwärtsdrängender Tatkraft: "Wat mutt, dat mutt" in
fremder Zunge vorbuchstabiert.
Der "kooperative", "immer zum Zuhören geneigte und diskus-
sionswillige" Engholm ist auch die Idealbesetzung für das oberste
Anliegen der Partei, u n n ö t i g e n H a d e r u n d
Z w i s t z w i s c h e n d e n D e u t s c h e n g u t e n
W i l l e n s zu vermeiden. Wir sind ausnahmslos alle eingela-
den, am gesellschaftlichen Großversuch, den Engholm in Gang set-
zen will, teilzunehmen:
"Einen Diskurs starten, der Kräfte freisetzt durch die Begegnun-
gen zwischen unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Le-
bensstilen und Sorgenpotentialen. Ich will alle zusammenbringen
an einem runden Parteitisch - Kapital und Arbeit, Theorie und
Praxis, Denker und Macher".
Wie diese "von Engholm geschätzte Atmosphäre der Phantasie und
Innovation" geht und was wir davon haben, lebt er uns beispiel-
haft vor:
"Alljährlich trifft sich bei ihm die 'Kieler Runde', ein Berater-
kreis aus Repräsentanten der Wirtschaft und der Gewerkschaften.
Von Engholm begründet wurde auch die sogenannte Denkfabrik. In
hochkarätig besetzten Teams von Unternehmern, Gewerkschaftern,
Wissenschaftlern und anderen sind dort zentrale Themen wie die
Rolle Schleswig-Holsteins im EG-Binnenmarkt oder die Einbindung
des Landes in den Ostseeraum (Engholms Idee einer neuen Hanse)
erörtert worden".
Der Glücksfall überhaupt ist jedoch die ü b e r p a r t e i-
l i c h e Freiheit, mit der Engholm unbefangen seine gesamte
Partei zu einer einzigen Schwachstelle für ihre übergreifenden
Sachanliegen erklärt. Gründlicher kann Erneuerung nicht
vorgedacht werden. In einer Leistungsgesellschaft, in der, wie
der Name schon sagt, nur die sachliche Leistung zählt, ist für
verknöcherte Parteiprivilegien kein Platz mehr:
"Jemand, der weit außerhalb der SPD-Organisation stehe, müsse der
Partei sagen, welchen Modernitätsrückstand sie habe. Zu diesem
Zweck gilt es, unabhängigen Sachverstand, möglicherweise auch
eine Unternehmensberatung einzuschalten".
Vor allem paßt das Stigma der A r b e i t e r p a r t e i, das
sich die SPD durch ihr Herumreiten auf der These: "Arbeit schän-
det nicht" - oder sollte es zumindest nicht - verdient hat, nicht
mehr in die moderne Landschaft. Den Beweis des Gegenteils lebt
Engholm schon einmal beispielhaft vor. "Nichtstun kann eine un-
glaublich sinnvolle Beschäftigung sein". "Eine übergroße Neigung
zur Arbeit wird ihm auch von engeren Parteifreunden nicht nachge-
sagt". Die Provokation aller gewohnten Vorstellungen, "ob man
sich einen Parteivorsitzenden vorstellen könne, der gerne mal bis
mittags ausschläft", setzt auf das 'aber immer!' eines geistig
hellwachen Publikums.
Exemplarisch widerlegt Engholm die Verbissenheit der Partei, ewig
Verliererthemen wie Arbeitslosigkeit, ledige Witwen oder unge-
rechte Profite der Pharmaindustrie besetzen zu wollen. Die wahre
G e n u ß f r e u d e, die den modernen Menschen auszeichnet,
f ä n g t e r s t o b e r h a l b d i e s e s k l e i n k a-
r i e r t e n M a t e r i a l i s m u s an. Der Mann der
"missionarischen Genußfreude", der "allen mediterranen Genüssen
zugetan ist", der "Genuß, Frohsinn, Lust, Vergnügen, Sinn-
lichkeit" aus der Pfeife raucht, "Essen ist Kultur, Genießen ist
Kultur" zur Lebensmaxime hat und abends "Riesling aus eigenem
Weinberg schlürft", bekennt öffentlich, daß er mit dieser doch
heute allseits geteilten Neigung zu höheren Werten ausgerechnet
in seiner eigenen Partei aneckt:
"Mit sichtlichem Behagen erzählt Engholm von Schlüsselerlebnissen
in der Provinz. Wie er auf Wunsch der lokalen Parteigrößen den
wahlkämpferischen baden-württembergischen Genossen in Lahr un-
längst etwas vom sozialen Elend in der BRD habe erzählen sollen
und statt dessen vorschlug, bei einem Glas Wein über Kultur in
der Stadt zu reden".
Ihm dagegen muß man den Wunsch der SPD, sich zu verjüngen, glaub-
haft abnehmen, wenn "er von Lesungen und Ausstellungseröffnungen
schwärmt":
"Mit solcher Veranstaltungskultur sei nicht nur das junge Publi-
kum für die SPD zurückzugewinnen, sondern auch die mehr oder we-
niger heimatlose Kulturszene".
Das macht zumindest auf die letztgenannten Heimatlosen Eindruck.
Was ihn selbst als m o d e r n e n Politiker par excellence
auszeichnet, ist seine Abneigung, überhaupt Berufspolitiker zu
sein, die er bei jedem politischen Auftritt überdeutlich zum Be-
sten gibt. Er "lehnt es" einfach "ab, sich durch politische Ab-
läufe auffressen zu lassen", widersteht "dem unmerklichen Schlupf
in die glatte Staatsmannrolle" und warnt vor "der großen Gefahr
einer Politikmaschinerie, die ohne Widerstand keinen Platz mehr
für die eigenen kulturellen Bedürfnisse gewähre". Glücklicher-
weise ist der geborene Widerständler der SPD als Hoffnungsträger
erhalten geblieben, dank seiner Erkenntnis, daß "nicht zuletzt
auch Politik Kultur sein müsse".
Insgesamt also verkörpert der neue Vorsitzende kein schlecht ge-
wähltes Angebot der Partei. Wer abends seinen selbstangebauten
Wein genußvoll trinkt, wer gern Vernissagen eröffnet, weil er mit
einer Barbara verheiratet ist, die "begabt, wild und abstrakt
malt", und wer "die Stunden liebt, in denen man sich einfach
treiben läßt, Tagträume hat und spinnt" für den ist Engholm ein
Muß. Der SPD schadet es aber auch nicht, wenn sie Beifall für ih-
ren neuen Lebensstil von allen erhält, deren Genußfreude am Sozi-
aldemokratischen weder vor noch nach Engholm totzukriegen ist.
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