Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen


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       Bonner Charaktere: Willy Brandt
       

DEUTSCHE MACHT - MIT GEWISSEN, OHNE SKRUPEL

"In der praktischen Politik muß vieles, statt mit vollem Herzen, mit zusammengebissenen Zähnen gemacht werden." Die einen haben ihren Strauß, die andern ihren Brandt. Der eine gefährdet die Demokratie, der andere den Staat. Auch die ge- deihliche Zusammenarbeit beider nicht nur in der Großen Koalition - tat ihrer Funktion als Buhmann der jeweils anderen Seite nur wenig Abbruch. Noch die Wende wollte die C-Propaganda weniger ge- gen den Repräsentanten des Staates - Bundeskanzler Schmidt - als gegen die sozialdemokratische Partei und deren Vorsitzenden ge- richtet wissen. In den Augen der Rechten ist er trotz aller Ämter und Ehrungen den Ruch des Repräsentanten oder zumindest Dulders staatsgefährdender Umtriebe und systemgefährdender Gelüste in der SPD bis heute nicht los geworden - unehelicher Vaterlandsflüchter obendrein. Weder ihm noch der SPD hat das je sonderlich geschadet. Im Gegen- teil. All die Eigenschaften und Machenschaften, die seine politi- sche Unzuverlässigkeit belegen sollten, wurden von der anderen Seite sympathisch verklärt. Offenheit nach allen Seiten --------------------------- Den Grundstein zu dieser besonderen Karriere legt Brandt mit sei- ner ersten Jugendsünde: Er kehrte mit 18 Jahren der SPD den Rücken und trat der sozialistischen Abspaltung SAP bei. Nach Kriegsende war ihm sogleich klar, daß mit solchem Radikalismus im demokratisch befreiten Vorposten der westlichen Welt nichts Karriereträchtiges anzufangen war: Die SPD bekam ihn wieder. Fortan besaß sie in ihm das lebende Beweisstück für eine Dummheit, die Brandt als altväterliche Lebensweisheit ins Spruchgut der Arbeiterbewegung eingebracht hat: "Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz, wer es mit 40 noch ist, keinen Verstand." Kritische Jugendliche, Dichter und sonstige Menschheitsfreunde, die ihren Ärger über gewisse demokratische Errungenschaften bloß als Ausweis ihrer besonderen Sensibilität gewürdigt wissen wol- len, haben Brandt diesen Zynismus als Anerkennung und Aufmun- terung gedankt. Bonner Hofberichterstatter und Brandt selber wis- sen dies seither als "Wille und Fähigkeit zur Integration" zu rühmen. "Integriert" hat er allerdings bloß Leute, die ihr biß- chen menschenfreundliche Systemkritik ohnehin bloß verübt haben, um sie bei nächster Gelegenheit vertrauensvoll in die Hände ge- neigter Polit-Profis zu legen. Als Kanzler sorgte Brandt derweil mit dem R a d i k a l e n- e r l a ß und den ersten A n t i t e r r o r g e s e t z e n dafür, daß die Staatsgewalt gegen ihre Feinde "dreinschlage" - aber "nicht ziellos", damit sie nicht zufällig einen für die Sozialdemokratie brauchbaren Staatsbürger treffe oder verprelle. Als Parteivorsitzender sorgt er bis heute und "noch möglichst lange" dafür, daß das Angebot der "Offenheit nach allen Seiten" nicht mißverstanden wird: "Es ist unsere Pflicht, das Heimatrecht der Deutschen, auch der jungen, in dieser Republik und in dieser Verfassung so stark zu verwurzeln, wie es menschenmöglich ist." "Wir haben keinen Grund, uns abzuschotten, sondern alle Veranlas- sung, für uns zu gewinnen (oder zurückzugewinnen), wer für posi- tive gesellschaftliche Veränderungen in der Demokratie streitet." Mit diesem Heimatgedanken wurde Brandt zum geistigen Vater der einstigen Juso-"Doppelstrategie" - Mitarbeit in der Partei bei parteikritischer Agitation im Umfeld der Partei -, die nie etwas anderes war als eine sehr einfache Taktik: Offenheit für kriti- sche Geister, um sie einzuspannen für die Partei. Parteiaus- schlüsse taten das übrige, wo der gewünschte Effekt sich nicht einstellen wollte. Kanzler der Reformen -------------------- Mit seinem emphatischen "Mehr Demokratie wagen" hat Brandt tatsächlich eine nicht unbeträchtliche Menge Volkes für die Repu- blik ("Die Republik gehört dem Volk!") in die demokratische Pflicht genommen: "Seien wir doch froh darüber, daß viele junge Menschen auch heute Verantwortung wollen." Mit der "Ära Brandt" ist die Täuschung populär geworden, Bürger könnten, wenn sie nur entsprechend "initiativ" werden, mitmischen in sämtlichen Staatsaffären, auf allen Ebenen Reformen in Gang bringen, die Republik nach ihren Bedürfnissen (um-)gestalten. Zwar hat Brandt so wenig wie seine Vorgänger an der Souveränität seiner demokratisch ermächtigten Regierungsmannschaft Zweifel aufkommen lassen; die studentenbewegten Übertreibungen besagter Illusion hat er mit jener Arroganz der Macht in die Schranken ge- wiesen, die zum Berufsbild des Bundeskanzlers einfach dazugehört; und selbst die Zahl der "bürgerinitiativ" erstrittenen Kinder- krippen und sonstigen Verschönerungen der engeren Heimat hält sich in Grenzen. Der von oben geförderte Umschwung im G l a u b e n an ein ganz neues Einvernehmen zwischen Bürgern und Staatsgewalt hat um so mehr Epoche gemacht. Bis heute wirkt er nach, wenn Bürger in ihrer Freizeit durch die Gegend rennen, Giftmeßdaten und Dreck einsammeln und folgenlose Einsprüche erhe- ben. Gekostet hat das Willy Brandt nichts weiter. Gegen die ernstlichen Vorhaben der Nation gab es 1969 ff. so wenig ernstli- che Opposition wie all die 35 Jahre zuvor; was es gab, waren ge- nügend politisierte Bürger, die nach Adenauer, Erhard und Kiesin- ger dem neuen Kanzler den Verzicht auf längst nicht mehr zweckmä- ßige Herrschaftsallüren meinten danken zu müssen. Und, nicht zu- letzt: Gewerkschaften, die schon immer danach gestrebt hatten, von den regierenden Wirtschaftspolitikern als vernünftige "dritte Kraft" - neben Staatsgewalt und Kapital - ehrenvoll zu Rate gezo- gen zu werden. Daß dabei den Arbeitern selbst 13 Jahre Regierung durch die Partei der Arbeiterbewegung besser getan hätten als durch andere Regierungen, das meint auch Brandt nicht, wenn er gegen die Kohl-Regierung mit der "Wende in der Sozialpolitik" agitiert. Aus gutem Grund fällt ihm da keine "Gegenreform" ein, die nicht in der sozialliberalen - Reformgesetzgebung ihre solide Rechtsgrundlage hätte. In die Niederungen proletarischer Armut läßt er sich denn auch gar nicht erst herab. Sein Vorwurf heißt: "Die Regierung verspielt den sozialen F r i e d e n!" - und zwar durch die ganz unsozialdemokratischen Töne, die sie in die Sozi- alpolitik eingeführt hat. Gegen die verordnete neue Opfergesin- nung gewinnt das alte "leider", mit dem Brandt exakt dieselben Zumutungen zu begleiten wußte, in all seiner berechnenden Heuche- lei neuen Glanz. Ihm glauben noch ganz andere Leute als dem Blüm oder dem Lambsdorff, das Programm des "sozialen Friedens" müsse keineswegs nur der Staatskasse und den Unternehmern nützen. Diese "Glaubwürdigkeit" hat Willy Brandt sich nicht zuletzt dadurch er- worben, daß er als Kanzler früh genug den Abgang gemacht und in der Folgezeit "nur noch" Schmidt "den Rücken freigehalten" hat. So tat es seiner Popularität keinen Abbruch, daß sozialdemokrati- sche Wirtschafts- und Sozialpolitik der Wirtschaft weltweiten Er- folg, den Arbeitern nur höhere Leistung, Steuern und Arbeitslo- sigkeit beschert hat. Die Arbeitsteilung zwischen dem Koalitions- kanzler und dessen gutem Gewissen an der Parteispitze klappte perfekt. Friedenswilly ------------- Ihm will neue Raketen, chemische und außerirdische Aufrüstung keiner anlasten. Er hat nach eigenem Bekunden Pershing II nie ge- wollt, ist insgeheim von Anfang an gegen den Doppelbeschluß gewe- sen, will ihn allenfalls als Mittel verstanden und unterstützt haben, um die "Weltmächte" an den Verhandlungstisch zu bringen. Kaum einer, der ihm das nicht abgenommen hätte. Nicht einmal das "Schicksal" seines "Null-Lösungs"-Vorschlags hat über die Natur und den Zweck seiner weltpolitischen Einfälle Klarheit gestiftet. Zwar k a n n ein "erfahrener Außenpolitiker" wie Brandt sich nie darüber getäuscht haben, daß das "Angebot", in Ost- wie West- Europa auf 0 Atomraketen herunterzugehen bzw. stehenzubleiben, eine nicht hinnehmbare Entwaffnungsforderung an die Sowjetunion ist. Aufgefallen ist das aber erst, als Präsident Reagan sie sich zueigen gemacht und kompromißlos vertreten hat. Brandt bekam den völlig haltlosen Glauben zugute gehalten, so wie Reagan hätte er es nie gemeint. Man w i l l ihn eben haben als Musterrepräsen- tanten einer friedvollen Bundesrepublik, die mit den militäri- schen Machenschaften der "Supermächte" nichts zu tun hat, welche Waffen sie auch auffährt. Willy Brandt: auf die Knie gesunken im Warschauer Getto; gut Freund erstmals auch mit bedeutenden Män- nern aus der anderen Welt; friedensnobelpreisgekrönt; beredter Verkünder seiner eigenen Wunsch-Grabschrift: "Wenn ich nichts anderes bewirkt hätte, als daß man in anderen Ländern wieder unbefangener Deutschland und Frieden im gleichen Atemzug nennt, dann wäre ich zufrieden." - das ist die personifizierte Lebenslüge des neuen, aus dem "Schatten" des verlorenen Krieges herausgetretenen bundesdeut- schen Nationalismus. Neue Ostpolitik --------------- Bewirkt hat der Kanzler der neuen Ostpolitik nicht gerade, daß die BRD den Ehrenpreis eines harmlosen Mitglieds der Völkerfami- lie errungen hätte. Eher im Gegenteil. Seit der "Aussöhnung mit dem Osten" sind Vorbehalte gegen Westdeutschland als Militärmacht hinfällig, reicht der politische Einfluß Bonns so weit wie die Wirtschaftsmacht der Nation, haben Osthandel und östliche West- schulden manchen "Satelliten Moskaus" auf den Weg zum slawischen Entwicklungsland der BRD gebracht, rühmen sich Sozialdemokraten größerer Erfolge bei der "inneren Aufweichung" der östlichen "Systeme", als alle Kalten Krieger sie zustandegebracht haben; das alles auf der bewährten Geschäftsgrundlage des NATO-Front- staats: "Erfolgreiche West-Politik ermöglicht es erst, diese Ostpolitik zu führen; umgekehrt gehört zu einer erfolgreichen Ostpolitik eine beständige Weiterverfolgung der West-Politik... Wirtschaft- lich nahezu ein Riese, verhält sich die BRD politisch wie ein Zwerg. Gewisse Eierschalen müssen weg. Wir kommen nicht als Mu- sterschüler, der jeweils nickt, wenn der amerikanische Präsident sich räuspert oder der General in Paris hustet. Unser Volk ist mündig und hat seinen Beitrag zur Erhaltung des Friedens zu lei- sten - als erwachsener Partner, als verläßlicher Verbündeter, als ein Land mit Selbstvertrauen und Stolz." Trotz der Ähnlichkeit mit Strauß - bis in die Wortwahl hinein -: an "engstirnigen Nationalismus" will da keiner denken, wenn Willy Brandt Bonns imperialistischen Anspruch als Beitrag zum Frieden verkauft. Vor solchem Verdacht bewahrt ihn seine "Leidensge- schichte" als deutscher A n t i f a s c h i s t, der seinen Widerstand nicht erst angesichts oder gar nach der großen Niederlage entdeckt hatte - so wie die prominenten Mitmacher von Filbinger bis Schmidt, von Globke bis Strauß, von Lübke bis Car- stens: Das Exil hat ihm da jeden Zweifel erspart. Wenn ein sol- cher Mann für Hitlers Missetaten in die Knie geht, beweist das zwar tatsächlich einen Nationalismus von hohen Graden. Er scheut ja nicht einmal davor zurück, sich - per Reue - zur I d e n t i t ä t des deutschen Volkes zu b e k e n n e n, in dessen Namen einst Juden umgebracht wurden und heute Europa gleichgeschaltet wird. Aber in der verrückten Welt des Nationa- lismus a d e l t das Bekenntnis des garantiert schuldlosen Exi- lanten zur "deutschen Schuld " eben dieses schuldige D e u t s c h l a n d. Der regierende bekenntnisfreudige Nationalist selber ist natür- lich erst recht fein heraus. Bei ihm fällt keinem das alte Groß- deutschland ein, wenn er "für ein starkes Europa auch im deut- schen Interesse" plädiert, davor warnt, "den Amerikanern alles nachzumachen", und gleich grenzüberschreitend fordert, "auch in Osteuropa Konturen gemeinsamer Kultur wieder stärker zu beach- ten". Beim Friedenswilly soll und will man nichts anderes entdec- ken als den Wunsch nach "guter Nachbarschaft" und das Versprechen eines "friedlichen Zusammenlebens der Völker", wenn er für Bun- deswehr und NATO eintritt. E r ist mit dieser Botschaft sogar auf den Kundgebungen der Friedensbewegung willkommen und macht daraus gleich umgekehrt wieder ein Argument für die ungemeine Staatsdienlichkeit seiner Person: "Wenn ich am 22. Oktober auf der Friedenskundgebung in Bonn rede, und nur ein kleiner Teil der auf den verschiedenen Plätzen Zuhö- renden opponiert, wenn ich sage, warum ich für die NATO bin, warum für ein gutes Verhältnis zu Amerika und für die Bundeswehr, dann ist das doch bemerkenswert vor dem Hintergrund all der Zwei- fel, die es gibt." Willy Brandt darf offen kundtun, daß er die Tribüne der Raketen- gegner nur zur Agitation für NATO und Bundeswehr nutzen will: Von i h m lassen sich friedensbewegte Bürger den Glauben an die guten Absichten der Politik noch allemal wieder anfachen. Wenn e r ihrem Friedensidealismus erst einmal geschmeichelt hat, dann lassen die es sich noch am liebsten von ihm als "leider" nötigen "Realismus" aufreden, daß der Westen "noch" einen Haufen Waffen braucht - natürlich nur, um erfolgreich F r i e d e n s politik machen zu können... Dabei w i r b t Brandt sogar noch damit, daß seine USA-kritische "Entspannungspolitik" nichts anderes sein will als der bessere, aussichtsreichere A n t i k o m m u- n i s m u s, also der bessere Weg der SPD zu Reagans Ziel: "Für uns in diesem Teil der Welt stellt sich die Frage, ob be- stimmte, aus der amerikanischen Sicht der Dinge für notwendig ge- haltene" (wie verständnisvoll!) "Vorkehrungen im militärischen Bereich" (so kann man Atomraketen auch nennen!) "nicht bedeuten, daß die Russen in den bestehenden Positionen noch zementiert wer- den. ... können zwar nicht konspirativ und subversiv gegen die Russen wirken - was bei der Macht, die sie haben, nicht klappen würde -, könnten es ihnen aber doch leichter machen, ihr Inter- esse daran zu verstärken, daß sie sich nicht so in 'ihren' Teil Europas verkrampfen, wie sie es bisher getan haben." Schön gesagt: die eigene Kampfansage als guter Rat im Interesse des Gegners! Aber wer merkt da schon das Vorhaben, dem Westen wirksamere Mittel zur Zersetzung und Erpressung des "Ostblocks" zu verschaffen als die Drohung mit Waffen allein?! Wer will schon ausgerechnet beim Friedenswilly wahrhaben, daß genau so die "Konflikte eskalieren", die stets von neuem NATO-Waffen u n d "Friedens- und Entspannungsbemühungen" "nötig" machen?! Der Europäer und Nord-Süd-Politiker ----------------------------------- Die imperialistischen Ansprüche der BRD reichen längst ganz auto- nom in alle Richtungen; und überall ist Brandt ihr Anwalt und ihre Gallionsfigur - erst recht, seit die christliche Konkurrenz regierungsamtlich für ihre Durchsetzung sorgt. Ehrensache, daß er für die SPD die Nummer 1 bei der ersten Europaparlamentswahl machte - und diesen Posten der Katharina und ihrem Zirkus über- ließ, sobald klargeworden war, daß dieses "Forum" sich nicht ein- mal zur Selbstdarstellung eignet. Noch mehr Ehre: der Vorsitz in der "Nord-Süd-Kommission". Mit viel Verständnis ließ Brandt einen Katalog des Hungers, Elends und der Katastrophen in der "3. Welt" zusammenstellen - sein unverwüstlich gutes Vorsitzenden-Gewissen machte aus der Dokumentation der verheerendsten Wirkungen einer erfolgreichen, auch westdeutschen Weltwirtschaft eine einzige Entschuldigung der "Industriestaaten", die in ihm ihren philan- thropischen Vertreter entsandt hatten. Den Habenichtsen der Völkerfamilie, die ihre Abhängigkeit gerne durch die Konstruktion einer neuen Weltordnung nach der "demokratischen" Methode "Ein Staat - eine Stimme" korrigiert hätten, verdolmetschte Brandt die Hoffnungslosigkeit ihres Ansinnens in Form eines neutralen guten Rats, einer Mahnung zu weltpolitischem "Realismus" - wieder ein- mal! -: "Die Durchsetzung" des Prinzips 'one nation - one vote' "würde wirkungslose Papierbeschlüsse zum Ergebnis haben und zugleich den zahlenmäßig in die Minderheit gedrängten Industriestaaten das Ge- fühl geben, sie sollten nach dem Willen der übrigen enteignet werden." - wo die Enteignung doch gerade umgekehrt geregelt ist; durch einen Schuldendienst z.B., bei dem Brandt den Schuldnerlän- dern geholfen haben will! Ein wirklich fachkundiger Ratschlag für den Umgang mit zarten Im- perialisten-Seelchen! Als Vorsitzender der Sozialistischen Internationale hat Brandt es weitgehend mit ähnlichen "Problemen" zu tun; und auch die "bewältigt" er mit der Lebensweisheit, aus der er seine gesamte Berufskarriere gestrickt hat: dem Trick, jeder Not und jedem An- spruch i n d e r I d e e recht zu geben, nur um ihn i n d e r R e a l i t ä t zurückzuweisen, S e l b s t a u f- g a b e a l s R e a l i s m u s anzuempfehlen. Das wirft natürlich neue "Probleme" auf. So hat Brandts sozialfriedens- technischer Überwachungsverein weltweit, von Athen bis Managua und von Santiago bis Lissabon, zu tun, um vor Zusammenarbeit mit und Unterwanderung durch Kommunisten zu "warnen". Meist braucht's dabei noch nicht einmal den erpresserischen Hinweis auf die westdeutsche SPD-Finanzhilfe, um die kleinen "Bruder"-Parteien gefügig zu machen: Die sozialdemokratischen Unterwerfungsapostel in Lateinamerika und anderswo sind die G e s c h ö p f e der Sozialistischen Internationale; ortsansässige Propheten des "sozialen Friedens" und jenes speziell deutschen Imperialismus, der in der Sicherheit, daß für die nötige Gewalt anderweitig gesorgt ist, mit der Dreistigkeit eines reinen Gewissens daherkommt und seine "hilfreiche" Allzuständigkeit anmeldet. Dem Willy Brandt wird auch auf internationaler Ebene seine Kombi- nation aus Heuchelei und Zynismus nicht einmal als Zweideutigkeit ausgelegt. Sein "Ja, aber", sein "sowohl als auch" gilt als dif- ferenziertes Urteilsvermögen und Ausdruck ehrlichen Bemühens, es sich nicht zu einfach zu machen, sein notorisches "leider" als trostreiche Redlichkeit. Der Mensch ---------- Daß er dreimal geschieden ist, immer wieder was mit Weibern hatte, rebellische Kinder hervorgebracht hat und gern einen hebt - "Mängel", über die manch' anderer in anderer Zeit gestolpert wäre -: Willy Brandt trägt das vor sich her als Beweis dafür, wie voll und ganz er "Mensch geblieben" sei trotz aller Politik. An dem ersten großen Unheilstifter der deutschen Arbeiterbewegung, Ferdinand Lassalle, lobt er nicht bloß dessen Erz-Fehler, die In- teressen der Arbeiterschaft mit den wahren Interessen der Nation zu identifizieren, sondern - anläßlich eines Besuchs an seinem Gedenkstein - auch die tödliche Albernheit, sich mit dem Verlobten seiner Geliebten zu duellieren: "Es gibt wohl Schlimmeres, aus heutiger Sicht, als wenn leiden- schaftliche und ungeheuchelte Lebensbejahung einem Menschen zum Verhängnis wird." Lassalle ist daran nämlich gestorben - und nicht bei revolutio- nären Taten, wie der 71-jährige Willy launig anzumerken wußte. Und: "Eine eher zur Prüderie neigende Sozialdemokratie hätte das Ex- zentrische und Amouröse in seinem Leben zu Unrecht am liebsten vergessen." An wen hat Brandt da wohl gedacht? Wie immer, wenn Politiker sich "ganz menschlich" geben, beweist auch Willy mit seinen Touren und Extratouren nur eins. Nicht ein- mal "ganz privat" können und mögen demokratische Figuren ihren selbstgewählten Anspruch vergessen, mit ihrer Person die Glaub- würdigkeit der eigentlich guten Absichten ihrer Politik zu bele- gen. Sie sind Heuchler bis in ihren "ungeheuchelten Lebensgenuß" hinein. So ist Willy Brandt für Generationen deutscher sozialer Demokraten zum - V o r b i l d geworfen. *** "Doch meine ich, wir sollten den Zweifel höher setzen als jede Doktrin, die Würde des einzelnen höher als jedes ihn zur Botmä- ßigkeit zwingende Verlangen von Staat oder Partei. Dies ist der Weg, den ich noch ein Stück mitgehen will: links und frei." (Brandt, Durchhalten und Überleben) Im Klartext: "Es darf keine Zweifel daran geben, was wir als de- mokratische Staatspartei von einem botmäßigen Volk verlangen kön- nen. Macht macht frei. Den Weg bin ich als Politiker konsequent vorangegangen." zurück