Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN PRAESIDENT - Vom Amt des Bürgerkönigs
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Richard von Weizsäcker, Präsident aller Deutschen
DAS AUSHÄNGESCHILD DES "MODELL DEUTSCHLAND"
"Man dient einem Ganzen! Früher nannte man - das Nation oder Va-
terland. Man kann es heute auch Frieden nennen." (Carl Friedrich
von Weizsäcker über die Tradition der Familie)
Bundespräsident Richard von Weizsäcker genießt allenthalben nur
Respekt. Was immer er sagt, wie immer er auftritt, er gilt als
die verläßliche und unschuldige Stimme der Nation, als ehren-
werter Mann des g a n z e n deutschen Volkes. "Ein Aristokrat
wurde zum Stolz der Republik." (Abendzeitung, München) Das stimmt
leider. Nur huldigen nicht nostalgische Monarchisten ihrem Bür-
gerkönig Richard; gestandene Republikaner, die kritischen Geister
vorneweg, haben ihn zu ihrer politischen Idealfigur erkoren. Auf
ihn lassen sie nichts kommen. Dabei könnte schon ein Blick in das
Grundgesetz, in dem Weizsäckers Arbeitsbereich festgelegt ist,
darüber Auskunft geben, daß der Mann weder für kluge Sprüche in
Honoratioren-Schwäbisch noch für seine Silberlocken bezahlt wird.
Von Weizsäcker ist unser ranghöchster Politiker. Und dem sollte
man es besser nicht hoch anrechnen, wenn er die Entscheidungen,
die andere treffen, mit gewählten Worten vor jung und alt zu-
rechtinterprediert. Er ist arbeitsteilig mit der R e p r ä-
s e n t a t i o n der gemachten Politik betraut - und diese lobt
er dreihundertfünfzigmal im Jahr zu einer einzigen Anstrengung
empor, in der gute Deutsche den historisch schwierigen und
bedeutsamen P r o b l e m e n ihre glückliche und deutsche
L ö s u n g bescheren.
Die heiße Frage, ob die Taten der übrigen Bonner Politik den
wohlgesetzten Worten des Präsidenten entsprechen oder zuwiderlau-
fen, ob Weizsäcker gar die wandelnde Kritik an Kohl und Co. dar-
stellt, kann man getrost den Strategen der SPD überlassen. Die
verstehen es auch, die Berufsausübung des ersten Mannes im Staat
zu loben, um vor diesem "Hintergrund" ihre traurigen Einwände ge-
gen die Regierung loszuwerden. Sie haben einfach die Sache, für
die Weizsäcker mit der "Stimme der Vernunft" predigt: Diesem Mann
geht es um nichts anderes als den Erfolg der Staats g e w a l t,
deren höchstes Amt er mit Leib und Seele ausfüllt. Seinen Unter-
tanen verspricht er dabei schlicht und erhaben die
I n d i e n s t n a h m e für die kostenträchtigen Anliegen ei-
ner anspruchsvollen NATO-Macht.
Für wen ist dieses Staatsoberhaupt ein "Glücksfall"?
Weizsäcker - ein Mann der 'Wende'. Der doch nicht! Oder?
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Als im Herbst 1982 Christ- und Freie Demokraten beschlossen, daß
das deutsche Volk eine neue Führungsmannschaft nötig hätte, war
Weizsäcker nicht unmittelbar am Personalaustausch beteiligt.
Nicht, daß er dem Projekt ablehnend gegenübergestanden hätte, er
und seine Parteifreunde hatten schließlich lange genug auf ihren
Machtantritt hingearbeitet. Die dreifache Berufsqualifikation als
Funktionär des Kapitals, der C-Partei und der Kirche hätte auch
allemal für ein Ministeramt in Bonn ausgereicht. Nur war Weizsäc-
ker gerade unabkömmlich, weil ihn im Sommer 1981 sein Gewissen
und der winkende Posten des Regierenden Bürgermeisters nach Ber-
lin getrieben hatten. Dort durfte er noch vor seinen Bonner Kol-
legen seine eigene "Wende" ins Werk setzen.
"Gegen die Hinterlassenschaft der verschlissenen Sozialdemokratie
sagte er politische Sauberkeit und Stabilität an, beschwor Pio-
niergeist und Gemeinsinn, lange entbehrte Begriffe." (Spiegel,
25/83)
Wer hat in Sachen politischer Aufräumungsarbeit eigentlich von
wem gelernt: Die 'lange entbehrten Begriffe', um die sich Weiz-
säcker verdient machte, bescherten den Berlinern einen authenti-
schen Vorgeschmack auf den bald bundesweit einheitlichen Kurs:
Arbeitslosigkeit und Mieterhöhungen; blutige Demonstrantenköpfe;
abgeschobene oder abgebrannte Asylanten. Unschätzbare Regierungs-
erfahrungen für einen bisher oppositionell tätig gewesenen Poli-
tiker, die er sicher mit Gewinn nach Bonn weiterleiten konnte.
Die "Wende" in Bonn hat Weizsäcker von Herzen gefreut. Mit ihr
ging das Versprechen in Erfüllung, das er im März 1982 abgegeben
hatte, so ziemlich das einzige übrigens, zu dem er sich je herab-
gelassen hätte:
"Wir brauchen Führung. Wir brauchen vielleicht in der Demokratie
noch mehr Führung als viele Leute meinen, daß es der Name Demo-
kratie vertrage." ("Wird unsere Parteiendemokratie überleben?" -
u n d w i e!)
Um die Verträglichkeit von Führung und Demokratie wußte Weizsäc-
ker bestens Bescheid. Als Politiker und Kirchentagspräsident
hatte er mit der Duldsamkeit seiner Schafe die besten Erfahrungen
gemacht. Das angeblich ungestillte Bedürfnis des Volkes nach Füh-
rungskräften hatte nur einen Haken: das Oberkommando lag damals
noch in den falschen Händen. "So geht es nicht weiter!" - mit
dieser Beschwerde eines auf den vollen Einsatz wartenden Reser-
veführers ist auch schon das ganze politische Programm umschrie-
ben, mit dem sich Weizsäcker in den siebziger Jahren für die
höchsten Ämter profilierte. Ob Raketenstationierung oder Renten-
kürzung, ob Radikalenerlaß oder Terroristengesetze, es gab kein
Projekt der sozialliberalen Regierung, gegen das Weizsäcker einen
sachlichen Einwand vorzubringen gehabt hätte. Nur sah er - zu Un-
recht - in Willy und Helmut, vor allem aber in deren Gefolg-
schaft, nicht das verläßliche Personal für die Umsetzung seiner
einfachen politischen Philosophie. Was Blüm und Dregger, Zimmer-
mann und Strauß heute predigen und kritischen Geistern als
"rechts" gilt, das hatte Weizsäcker alles schon damals drauf. Als
Unschuldslamm, als liberaler Partisan hat er jedenfalls nicht im
Bundestag gesessen. Profil gewann er mit Stellungnahmen der fol-
genden Art:
- Die SPD kürzt Arbeitslosengeld und Renten. Weizsäcker klärt
eindeutig die Schuldfrage:
"Die Ansprüche, die an den Staat gestellt werden und das Lei-
stungsvermögen der öffentlichen Hand geraten in ein immer gefähr-
licheres Ungleichgewicht zueinander. Mit anderen Worten: Wir le-
ben über unsere Verhältnisse." (Haushaltsdebatte 1975)
- Die SPD entfernt 'Radikale' aus dem öffentlichen Dienst. Weiz-
säcker plädiert für mehr Radikalität:
"Setzen Sie (Helmut Schmidt ist gemeint) durch, daß der einstmals
gemeinsame Ministerpräsidentenbeschluß bald effektiv und einheit-
lich zur Anwendung kommt. Es gilt doch zu verhindern, daß in ir-
gendeinem Bundesland unsere Kinder durch radikale Lehrer zur In-
toleranz erzogen werden können." (Das werden die Liebhaber des
Präsidenten sicher für eine Jugendsünde halten; nur: Weizsäcker
war damals schon 55!)
Bescheiden und brav, schon in jungen Jahren, so hat sich Weizsäc-
ker schon immer seine Deutschen gewünscht; so devot, daß sie mit
ihrer Anspruchslosigkeit die Politiker beschämen, die sie angeb-
lich viel zu sehr verwöhnen. Weizsäckers Idealbürger darf an sich
die reizvolle Alternative vollziehen, die der Politpfaffe schon
früh als Zeichen der Zeit erkannt hat:
"Wir müssen entweder mehr leisten oder weniger beanspruchen;
vielleicht gar beides zugleich." (Chancen der Krise", 1974)
Daß der Materialismus oder was er dafür hielt, eine gefährliche
Sache, der Mensch bei der Sinnsuche besser aufgehoben sei als bei
seinen Interessen, hat Weizsäcker zeit seines Lebens gepredigt.
Freiheit, daraus hat er nie ein Hehl gemacht, verpflichtet alle-
mal zum Verzicht. Freiheit, auch das hat er nie verschwiegen, ist
kein liebenswertes Privileg westlicher Lebensart, sondern ein
Kampfauftrag gegen das System, das sie seinen Untertanen vorent-
hält. In Sachen Scharfmacherei brauchte Weizsäcker niemand etwas
vorzumachen; der Einsatz in der Frontstadt hat ihn hinreichend
geprägt, bis in die Metaphorik hinein:
"Wer 'lieber rot als tot' proklamiert, wird eben in dem Sand er-
sticken, in den er seinen Kopf gesteckt hat. (Beifall) Denn es
kann ja niemand im Ernst glauben, dadurch von Reaktor und Bombe
entfliehen zu können, daß er sich mit seinem Land einem roten
Machtbereich unterwirft." (Auf dem Jugendforum der CDU, 1981)
Klar ist diesem geschniegelten Demokraten seit jeher, daß nur Al-
ternativen der Unterwerfung gefragt sind. Insofern war Weizsäcker
bestens präpariert, noch umfassender in die Dienste des "Modell
Deutschland" zu treten. Daß er erst Mitte 1984 nach Bonn, dann
aber ganz nach oben, berufen wurde, hatte sein Gutes. Er konnte
ins gemachte Bett steigen. Er durfte sich ganz auf sein Gewissen,
Art. 54 ff. des Grundgesetzes und die christdemokratischen Er-
folge bei der Inpflichtnahme der Regierten verlassen. Entschieden
und würdig stellte er sich mit seiner ganzen Person in den Dienst
der Kontinuität, die er selbst tatkräftig mitgeschaffen hatte.
Bescheiden trat er seinen Dienst an und hob sich mit einer men-
schlichen und billigen Geste gegenüber der unterlegenen Konkur-
rentin gleich von dem rechthaberischen Getöse seiner Parteibrüder
in Christo ab, denen das Wählen eigentlich schon zu viel war:
"Was könnte es Größeres, aber auch Schwereres im Staat geben, als
dem Wohl des Volkes zu dienen, seinen Nutzen zu mehren, Schaden
von ihm zu wenden und Gerechtigkeit gegenüber jedermann zu üben?"
Was selten geschieht, hier wird es wahr. Ein Mann sucht und fin-
det seinen Traumberuf.
- Ein W e i z s ä c k e r, der in der unerschütterlichen
Dienstleistertradition seines Geschlechts früh beschlossen hat,
Politiker zu werden, erreicht das höchste Amt im Staate;
- Ein C h r i s t d e m o k r a t darf ganz eigenständig den
anspruchsvollen Projekten seiner Kameraden Glanz, Würde und Aner-
kennung verleihen;
- Ein K i r c h e n f u n k t i o n ä r darf jetzt alle Schafe
der Nation hüten;
- Ein N a t i o n a l i s t darf seine Gesinnung zum Staatsge-
bot machen;
- Ein I n t e l l e k t u e l l e r darf seinen Geist ganz ab-
solut als Bekenntnis zur Macht betätigen.
Wenn das kein Glücksfall ist, zumindest für Richard von Weiz-
säcker.
Richard von Weizsäcker:
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Repräsentant und Propagandist des ganz natürlichen Nationalismus
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Richard von Weizsäcker ist von Amts wegen mit dem Aufstellen von
Raketen, mit Rentenkürzungen, mit Polizeieinsätzen, mit den Exi-
stenzbedingungen also, die die öffentliche Gewalt ihren Bürgern
diktiert, nicht befaßt. Unschuldig ist er deswegen nicht, denn zu
derlei politischen Geschäften fehlt ihm weder die Bereitschaft
noch die Qualifikation, lediglich die verfassungsrechtliche Kom-
petenz. Dafür erfüllt er andere Bedürfnisse des souveränen Ord-
nungs- und Erpressungsgeschäfts, nämlich die nach einem einzigen
und sichtbaren Oberhaupt. Staatsaktionen im Innern wie nach außen
kommen nicht aus ohne Selbstdarstellung als Dienst an einem na-
tionalen Recht, das die tatsächlich verfolgten Zwecke adelt. Hier
liegt die Wirkungssphäre des Präsidenten. Daß sie ins Reich des
politischen Idealismus fällt, weil keines der politischen Vorha-
ben dieser Republik von dieser präsidialen Dienstleistung prak-
tisch abhängt, adelt den Amtsinhaber noch lange nicht. Ungemüt-
lich ist die Pflicht, der er gewissenhaft nachkommt, für andere
schon. In der "nationalen Sache", wie sie Weizsäcker repräsen-
tiert, läßt der bundesrepublikanische Souverän seine Handlungs-
freiheit feiern und verehren, die er sich in seinen politischen
Geschäften herausnimmt. Weizsäcker steht mit jedem seiner Worte
dafür ein, daß alles im verpflichtenden Namen der Nation ge-
schieht. Dieses verrückte, aber existente Verhältnis von Politik
und ihrer Selbstdarstellung auszugestalten, ist der Berufsalltag
des Richard von Weizsäcker. Natürlich ist er nicht der Erfinder,
noch der einzige Sachwalter des BRD-Nationalismus. Er ist nur
sehr radikal in dem Drang, der politischen Lebenslüge namens
"nationale Sache" interne Anerkennung und internationale Geltung
zu verschaffen: Repräsentant und Propagandist eines ganz selbst-
verständlichen deutschen Nationalismus.
Auf der falschen Hochzeit war Weizsäcker also bestimmt nicht, als
er vor dem Deutschen Bundestag seine fast schon legendäre Rede
zum 8. Mai 1985 hielt. Wir sehen auch keinen Grund, seinen poli-
tischen und rhetorischen Glanz mit den angeblich matten Auftrit-
ten eines Helmut Kohl in Bergen-Belsen und Bitburg zu kontrastie-
ren. Die Botschaft des deutschen Mai, unumwunden die Ansprüche zu
feiern, die das wiedererstarkte imperialistische Deutschland an
alle Welt und in aller Welt stellt, ist Weizsäcker seit eh und je
aufs beste vertraut. Schon bei seinem Amtsantritt hat er die ver-
bindliche Festparole an seine Deutschen ausgegeben:
"Unsere Lage, die sich von der der meisten anderen Nationen un-
terscheidet, ist kein Anlaß, uns ein Nationalgefühl zu versagen.
Das wäre ungesund für uns selbst, und es wäre unheimlich für un-
sere Nachbarn. Wir müssen und wir dürfen uns in der Bundesrepu-
blik zu unserem nationalen Empfinden bekennen, zu unserer Ge-
schichte, zur offenen deutschen Frage; zur Tatsache, daß wir
überzeugte Bündnispartner sein können und doch mit dem Herzen
auch jenseits der Mauer leben."
Sehr unbescheiden, wie dieser vielgepriesene Mann des politischen
Maßes sich nicht einfach zu seinen patriotischen Sehnsüchten be-
kennt, sondern ein ungebremst gesamtdeutsches Nationalbewußtsein
als Gebot der nationalen Hygiene und der Völkerpsychologie aus-
gibt, ganz so als gäbe es keine größere Gefahr für den Rest der
Welt als ein deutsches Volk, dem die Einschwörung auf die natio-
nalen Anliegen ganz und gar fern liegt. Hier will nicht einfach
ein deutscher Politiker seinen Anspruch auf einen gleichberech-
tigten Platz im Konzert der Nationalgeister anmelden. Sein Be-
kenntnis zum deutschen Nationalempfinden schließt wie von selbst
all die Ansprüche ein, die der neue deutsche Staat nach dem
Kriege an die Welt anzumelden hat. Es genügt nicht nur, sich mit
Herz und Hirn zu diesem Staatswesen zu bekennen; als anständiger
Deutscher schleppt man den Herzenswunsch nach Groß-Deutschland
immer mit sich herum.
Hier soll ein Bremser des nationalistischen Treibens sprechen?
Doch vielmehr ein eifriger Promotor des Geschäfts! Die Achtung
vor, der Stolz auf die Nation wird mit präsidialem Segen hoffä-
hig, ganz als wäre für deutsche Bürger und die restliche Welt
nichts natürlicher. Die Deutschen, so beliebt es der Präsident
mit dem ihm eigenen Mut zum Blödsinn zu sehen und zu interpretie-
ren, können gar nichts anderes als Nationalisten sein, denn:
1. haben die Deutschen ihren Nationalismus als natürliche Mitgift
auf den Weg mitbekommen -
"Es gibt eine starke Überlieferung, die mich als Deutschen durch-
dringt, ob ich mir dessen bewußt bin oder nicht." ("Die Deutschen
und ihre Identität" - Kirchentagsrede 1985)
2. sind sie ihrem "Erbe" unbedingt verpflichtet
"Mein (so redet unser Präsident) Deutschsein ist kein unentrinn-
bares Schicksal, sondern eine Aufgabe."
3. stellen sie sich letztlich in allen Belangen nur einer
n a t i o n a l e n Verantwortung
"Man sieht keineswegs davon ab, daß wir Deutsche sind, wenn es um
die Lösung der genannten Probleme (als da sind Arbeitslosigkeit,
Frieden, Hunger usw.) geht."
Unentrinnbar ist diese Ableitung des unschuldig-gesunden deut-
schen Nationalgebarens nur, wenn man Weizsäckers Erzlüge teilt.
Die Fiktion eines Kollektivsubjekts namens "Identität", "Wir"
oder schließlich gleich "Nation" verdankt sich einer falschen Ab-
straktion. Sie sieht schlicht davon ab, daß ein Prolet und ein
Betriebswirt, ein Mieter und sein Hauswirt, Lieschen Müller und
der Herr Bundespräsident auch dann keine vereinbare, nicht
'letztlich' dieselbe und schon gar keine verpflichtende Ge-
schichte haben, wenn sie derselben Obrigkeit gehorchen, mit dem-
selben Geld bezahlen und in demselben Kauderwelsch miteinander
verkehren. Daß Richard uns alle unterschiedslos als nationale
Dienstleister haben w i l l, muß noch keine zutreffende Aus-
kunft über unseren Willen sein. Seine große Verehrerschar ist ja
auch noch kein Argument für ihn.
Mit der erlogenen Unschuld des deutschen Nationalismus, der alles
in der Welt will, weil er gar nicht anders kann, tritt das
Staatsoberhaupt an - als Aushängeschild und Werbeträger der Er-
folge, die er und andere Führer in vierzig Jahren Nachkriegsge-
schichte dieser Republik beschert haben.
Präsidiale Erinnerungsarbeit:
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Aus der Vergangenheit lernen = in der Gegenwart dienen
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Weizsäcker repräsentiert das garantiert gute, wohlabgewogene und
unanfechtbare deutsche Selbstverständnis; er liefert die authen-
tische, weil autorisierte Interpretation der deutschen Vergangen-
heit für eine erfolgreichere Politik heute. Welcher Anlaß wäre
besser geeignet als der deutsche Mai 1985, den definitiven
Schlußstrich unter die Vorgeschichte der bundesdeutschen Demokra-
tie zu ziehen?
"Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu geden-
ken, daß es zu einem Teil des eigenen Innern wird. Das stellt
große Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit. ... Wir alle, ob
schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit
annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in
Haftung genommen."
Das Bekenntnis ist ehrlich. Mit Wahrheit sollte man es freilich
nicht verwechseln. Es ist schon eine seltsame Wahrhaftigkeit, die
nicht auf die Wahrheit über vergangene Zeiten zielt, sondern auf
eine rechte Einstellung zu den gelaufenen Großtaten deutscher Po-
litik. Verantwortlich soll sich ein jeder fühlen, ob Schüler oder
Arbeiter, Politiker oder Student, Arbeitsloser oder Großverdie-
ner; verantwortlich als Teil einer Gemeinschaft, die für den Prä-
sidenten so fraglos ist, daß er für dieses nationale "Wir" gleich
gar keinen Grund angibt. Umgekehrt: Die Zugehörigkeit zu diesem
Staatswesen, die Verpflichtung zum Gehorsam gegenüber ihren Füh-
rern, zur Einhaltung der Gesetze, der Zwang zum Zurechtkommen mit
den nicht knappen Anforderungen an Arbeitsfleiß und Sparsamkeits-
sinn, kurz: daß man regiert wird und nicht zu knapp, das ausge-
rechnet soll die Pflicht ausmachen, all die Gegensätze zu verges-
sen und sich mit Haut und Haaren der nationalen Gemeinschaft von
gestern, heute und morgen zugehörig zu fühlen. Es ist nicht ge-
rade ein bescheidenes Ansinnen des obersten Repräsentanten deut-
scher Nachkriegsgröße, man solle sich gemeinsam mit den Verant-
wortlichen für den Gang der Politik in einer ideellen Zuständig-
keit für die Geschichte der Nation sehen und sich von daher auch
mit der Vergangenheit i d e n t i f i z i e r e n, die die mei-
sten gar nicht mehr, die Mehrzahl der übrigen bestenfalls als Be-
troffene oder Mitmacher erlebt haben. Zwingend ist es jedenfalls
nur für den von allen anderen Überlegungen ungetrübten nationali-
stischen Verstand, daß ausgerechnet aus Betroffenheit die Ver-
pflichtung folgen soll, jede Distanz und Kritik gegenüber dem Ge-
meinwesen sein zu lassen und es trotz, nein: wegen seiner
'unseligen' Vergangenheit zu lieben.
Wofür soll man Weizsäcker da dankbar sein? Seine Hofberichter-
statter sind um eine Auskunft nicht verlegen:
"Ihre Überzeugungskraft gewann die Rede daraus, daß der Mann, der
sie vortrug, dies alles durchlebt und durchlitten hatte."
(Spiegel, 28/85)
Ähnlich menschlich-pathetisch sieht Weizsäcker die Sache auch.
Nur: Allzu sehr gelitten hat der ehemalige Hauptmann der Reserve,
Richard von Weizsäcker, bei und nach Hitler wohl nicht. Irgend-
wann ist ihm wie manch anderem seiner Offizierskameraden einge-
fallen, daß es so mit Hitlers Krieg nicht weitergehen könne; die
Erfolge blieben aus. Heute gilt er nicht nur dem "Spiegel" als
Widerstandskämpfer. Und danach? Seine juristische Hilfestellung
für seinen Vater, ehemals Außenstaatssekretär des Deutschen Rei-
ches, bei den Nürnberger Prozessen hat seiner Karriere nicht ge-
schadet, im Gegenteil. Seither gilt er als guter Jurist, Kenner
des Nationalsozialismus und Experte für "Schuld und Sühne". Der
ganze Erfahrungsschatz dieses Mannes erschöpft sich in einem: Ein
anständiger und erfolgreicher Staat geht anders zu machen als
einst unter Hitler. Weizsäcker beschloß, Politiker zu werden, na-
türlich einer von ganz anderem Schlag. Heute mit Weizsäcker an
der Staatsspitze ist alles anders als im tausendjährigen Reich.
"Du bist nichts, Dein Volk ist alles!" - hieß es zu Zeiten, an
denen ein moderner Politiker "übersteigerten" Nationalismus ent-
deckt. "Nur wenn Du ganz als Teil Deiner Nation denkst und
fühlst, bist Du ganz bei Dir!" - so lautet die unschuldige demo-
kratische Devise heute. (Das Weizsäckersche Familienmotto hat den
Wandel der Zeiten gut überstanden!) Entsprechend sehen die
'Lehren' aus, die man 1985 vom Standpunkt des nationalen 'Wir'
aus annehmen soll.
Die ehrenvollen Opfer oder:
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Hochachtung für die Mitmacher
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"Neben dem unübersehbar großen Heer der Toten erhebt sich ein Ge-
birge menschlichen Leids. ... Den vielleicht größten Teil dessen,
was den Menschen aufgeladen war, haben die Frauen der Völker ge-
tragen. Ihr Leiden, ihre Entsagung und ihre stille Kraft vergißt
die Weltgeschichte nur allzuleicht. Sie haben in den dunkelsten
Jahren das Licht der Humanität vor dem Erlöschen bewahrt. Am Ende
des Krieges haben sie als erste und ohne Aussicht auf eine gesi-
cherte Zukunft Hand angelegt, um wieder einen Stein auf den ande-
ren zu setzen."
Da ist es also wieder, jenes widerwärtige Urbild von aufopfernder
Weiblichkeit, jenes Denkmal bedingungsloser Untertanentreue, an
dem bekanntlich schon frühere Führer ihre helle propagandistische
Freude hatten. Deutschland die Hitlerjugend und das Kanonenfutter
geschenkt; sich an der Heimatfront nützlich gemacht; beim Fron-
turlaub den großdeutschen Liebespflichten nachgekommen; die toten
Gatten und Söhne betrauert; nachher ohne Zögern die Trümmer weg-
geräumt und den neuen Herrschaften gedient - ein solches Sitten-
gemälde unverbesserlichen Mitmachertums malen demokratische Poli-
tiker aus, ohne auch nur ein wenig rot zu werden. Zwar war noch
nicht einmal die dümmste deutsche Heldenmutter oder Trümmerfrau
so idealistisch, die absolute Staatsbegeisterung unter Beweis zu
stellen. Sie beherrschten schlicht die unverwüstliche Untertanen-
tugend, auch aus der schlimmsten Lage noch das 'Beste' zu machen.
Aber als Vorbild ist das bis in den Tod getreue Weib genau pas-
send für die Wunschvorstellung vom anständigen demokratischen
Volk. Die Toten und Gefangenen, Leidenden und Verfolgten, denen
der Präsident sein Pathos und seine Bildersprache widmet - immer-
hin die millionenfachen Ergebnisse treuen Gehorsams gegenüber der
nationalen Sache -, werden ausgerechnet für diesen Dienst geehrt.
Wie selbstverständlich fällt diese Ehre auf die zeitlos honorige
Sache zurück, für die sie ins Gras gebissen und anderweitig gera-
degestanden haben. Auf dem Felde der Ehre schätzt der Präsident
seine Deutschen, rückblickend und in der Vorausschau. In diesem
Sinne hat er auch, zum großen Verwundern des Publikums, der Rand-
figuren deutscher Geschichte gedacht:
"Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma, der getöteten Homo-
sexuellen, der umgebrachten Geisteskranken..., der Opfer des
deutschen Widerstandes, des bürgerlichen, des militärischen und
glaubensbegründeten, des Widerstandes in der Arbeiterschaft und
bei Gewerkschaften, des Widerstandes der Kommunisten."
Dieser Präsident aller Deutschen ist konsequent bei seiner Be-
trachtung der Nation als eines klassenübergreifenden Projekts
allseitiger Dienstleistung. Er läßt kein Opfer des faschistischen
Deutschland aus, und wenn es um deutschen Widerstand geht, nicht
einmal die Kommunisten. Soll man es ihm wirklich danken, daß er
nicht gleich einige der zitierten Opfer ausläßt und sie als rech-
tens produzierte abbucht? Was schätzt Weizsäcker an toten Kommu-
nisten, an Leuten also, die von seinesgleichen 50 Jahre danach
mit Berufsverboten belegt werden? Ist es deren Opfer, das er be-
dauert? Oder soll nicht selbst ein Ernst Thälmann dafür herhal-
ten, die gute deutsche Sache (demokratisch) gegen die undeutsche
(faschistisch) hochzuhalten? Konzentrationslager benutzt die BRD
ja wirklich nicht, um sich ihrer Gegner zu entledigen.
Die trostlose Lehre: Wie wertvoll muß das Vaterland sein, wenn
seine Mitglieder soviel auf sich genommen haben! fragt sich nur,
wie devot eine Öffentlichkeit sein muß, die unisono ihr Oberhaupt
für eine "mutige" Rede bejubelt, nur weil der Redner sich und
seinen Kollegen zu demselben unverwüstlichen Volk gratuliert hat,
das schon sein Amtsvorgänger Adolf Hitler zu schätzen wußte.
Voller Abscheu läßt Weizsäcker sein Volk auf jenen Hitler
schauen, den zwar deutschen, aber erfolglosen Führer.
Das tragische Verbrechen oder: Abscheu vor sieglosen Führern
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"Am Anfang der Gewaltherrschafft hatte der abgrundtiefe Haß Hit-
lers gegen unsere jüdischen Mitmenschen gestanden. Hitler hatte
ihn nie vor der Öffentlichkeit verschwiegen, sondern das ganze
Volk zum Werkzeug dieses Hasses gemacht..."
Da kommt es gar nicht so schlecht weg, das brave deutsche Volk
unterm Faschismus. M i ß braucht v e r-führt worden ist es an-
geblich. Daß die anständigen Deutschen sich damals ungefähr genau
so eingerichtet und engagiert haben und sich einsetzen ließen wie
ihre Nachkommen unter einer gewählten Regierung, daran entdeckt
der Präsident lauter Distanz, alle möglichen Gewissensqualen und
Nöte, die die aufrechten Staatsbürger nicht ernst genug genommen
hätten. Daß sie Hitler g e f o l g t sind, ist nicht das Ver-
werfliche - da müßte der Präsident glatt Zweifel an seinem Beruf
bekommen -, sondern daß sie ausgerechnet H i t l e r gefolgt
sind, anstatt das Werkzeug besserer Politiker abzugeben, die
darin leider erst nach Kriegsende zum Zug kommen konnten. Diese
implizite Ehrenrettung des staatsbürgerlichen Verhältnisses von
Volk und Regierung klappt natürlich nur, wenn man der Herrschaft
des große deutschen Führers jede politische Qualität abspricht
und einigermaßen zirkulär G e w a l t als ihren einzigen Zweck
und Inhalt hinstellt.
Beim großdeutschen Reichsführer will Weizsäcker gleich gar keinen
Zweck entdecken. Die Gewalt gegen erklärte 'Volksschädlinge' soll
auf das Konto eines ganz und gar u n-begründeten und für einen
demokratischen Politiker völlig undenkbaren rein persönlichen Ge-
fühls, reiner Unvernunft, gehen. So als hätte der ehemalige ober-
ste Deutsche gar keine p o l i t i s c h e Kalkulation zur Wie-
derherstellung deutscher Größe, zur Stärkung des Staates nach au-
ßen und innen, zur Bekämpfung der Staatsfeinde angestellt. So als
wäre dem obersten Deutschen des Jahres 1985 die Unterscheidung
zwischen Deutschen und Türken, die staatsdienliche Kalkulation
mit brauchbarem Arbeitsvolk, ausgedienten Alten, unbrauchbaren
Invaliden und lästigen Sozialfällen völlig fremd. Ausgerechnet
ihm, dem ehemaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin!
Der erfolgreiche Staat oder: Stolz auf die gewachsene Macht
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Kein deutscher Politiker hat sich in den vierzig Jahren Nach-
kriegszeit von der "Last" deutscher Vergangenheit darin beein-
trächtigen lassen, den neuen deutschen Staat auf- und ihn zur
zweitstärksten NATO-Macht auszubauen.
Das beste Mittel der Faschismusbewältigung war immer schon der
konsequente Ausbau der demokratischen Gewalt.
1985 beseitigt der Chef eines garantiert un-faschistischen
Deutschland bei sich und seinen Kollegen, bei seinem Volk und in
aller Welt auch die letzten ideellen Skrupel in Sachen deutscher
Nation. Deutschland ist wieder wer, das soll die Welt vorbehalt-
los anerkennen.
"Die Bundesrepublik Deutschland ist ein weltweit geachteter Staat
geworden. Sie gehört zu den hochentwickelten Industrieländern der
Welt. Mit ihrer wirtschaftlichen Kraft weiß sie sich mitverant-
wortlich dafür, Hunger und Not in der Welt zu bekämpfen und zu
einem sozialen Ausgleich unter den Völkern beizutragen. ... Vier-
zig Jahre in Frieden und Freiheit... und wir haben durch unsere
Politik unter den freien Völkern des Atlantischen Bündnisses und
der Europäischen Gemeinschaft dazu selbst einen großen Beitrag
geleistet."
Oberdemokraten vom Schlage eines Weizsäcker sind nicht zimper-
lich, wenn sie einem die wahren Leistungen der Nation ans Herz
legen - ihre internationalen Erfolge nämlich. Ihre Selbstdarstel-
lung als unermüdliche Sachwalter eines nationalen Rechts auf Re-
spekt und Anerkennung ist nicht bloß an das eigene Volk gerich-
tet, das darüber anschaulich erfährt, daß nichts mehr ohne die
Deutschen läuft in der Welt. Die Repräsentation des erfolgreichen
Deutschland nach außen besteht gerade darin, die vom Staat ver-
fochtenen Interessen in bezug auf fremde Herrschaftssphären und
deren Obrigkeit a l s Respektserweis vor nationalen Gütern und
als Anspruch auf Höflichkeiten geltend zu machen. Diese BRD ist
einfach unwiderstehlich! Nach innen wie nach außen schrumpft in
dieser Sphäre nationaler Machtdarstellung die Moral des Präsiden-
ten auf ihren harten Kern zusammen: Der erzielte Erfolg gibt
Recht, entlastet, verpflichtet zu neuen Taten. Freilich: Daß
diese Republik mit ihrer hochentwickelten Geschäftswelt, ihren
Rüstungsschmieden und ihrem kräftig wachsenden Staatsreichtum da-
heim manchen "Sozial-" und anderen Fall s c h a f f t und aus-
wärts kräftig für das Wachsen des Hungers, der Schulden und der
Waffen in der Hand der befreundeten Herrscher s o r g t, diese
Lesart seiner Gewaltbilanz wäre Weizsäcker gar nicht recht. Sonst
müßte einem doch glatt der Zynismus des Präsidenten aufstoßen,
dessen Terminkalender nur Eintragungen aufweist, die die Ehre und
das Recht der Nation betreffen.
Dieser Mann pflegt gerührt den chauvinistischen Stolz auf ein
Kind des Volkes, das es zu einem erfolgreichen Tennisleben ge-
bracht hat. Er bürgt im Sportstudio dafür, daß Sport für die Po-
litik da ist. Dieser Mann läßt sich "ohne jeglichen protokollari-
schen Aufwand" (auch bei der größten Frechheit gibt sich dieser
Mann noch bescheiden) von der Luftwaffe in den Sudan fliegen, um
vor Ort zu inspizieren, wieviele Hungerbäuche die westliche Ent-
wicklungshilfe überlebt haben. Dieser Mann geht nach Israel und
bekräftigt das durch "die Geschichte" verbriefte Recht dieses
Staates, sich seiner Feinde mit Kriegstaten zu entledigen einen
langen Weltfrieden hindurch. Dabei findet er auch noch Gelegen-
heit genug, die deutschen Waffengeschäfte in Israels Nachbar-
schaft als einen maßvollen Friedensdienst anzupreisen. Als erster
Mann eines großen NATO-Staats w e i ß er nicht nur, daß sich
der israelische und der westdeutsche Nationalismus ergänzen - er
zelebriert diese seine Botschaft auch noch vor Ort als betroffene
Nachdenklichkeit.
Bei der Erstellung der globalen Bilanz deutschen Geschäfts und
deutscher Gewalt braucht sich ein so nobler Charakter wie Weiz-
säcker die weiße Weste nicht zu beschmutzen. Er genießt auch in
diesem Bereich die Vorzüge staatlicher Arbeitsteilung. Diplomaten
und Spione, Entwicklungshelfer und Waffenschieber - diese und an-
dere Missionare des westdeutschen Imperialismus gibt es als tüch-
tige und etablierte Chargen des internationalen Erpressungsge-
schäfts längst außerhalb der Villa Hammerschmidt. Der Präsident
als oberstes Aushängeschild westdeutscher Weltmachtansprüche kann
sich damit begnügen, sich von "unseren Freunden" in aller Welt
empfangen und hofieren zu lassen und Schlächtern aus allen Him-
melsrichtungen in Bonn seinen demokratischen Segen zu geben. Bei
solchen Gelegenheiten stärkt Weizsäcker das Bewußtsein seiner
Weltbürger, daß ein jeder als Stück seines nationalen "Wir" auch
im ganz großen Maßstab vorkommt; daß man als Volksstamm einiges
zu bieten hat, sich umgekehrt von keinem anderen etwas bieten
läßt.
Es sind eben nicht seine persönlichen Gefühle und Meinungen, die
Weizsäcker seinen auswärtigen Kollegen entgegenbringt; in ihm
verkörpert sich das "Ansehen der Nation". Es sind dann nicht
"nur" diplomatische Floskeln, wenn Weizsäcker beispielsweise José
Napoleon Duarte aus El Salvador willkommen heißt; es ist ein di-
plomatisches u n d ein agitatorisches Signal ans eigene Volk:
Unsere Freunde terrorisieren ihr Volk für eine gerechte Sache.
"Begonnen hat Ihr (Duartes) politisches Wirken noch früher. Es
ist gekennzeichnet durch Überzeugungstreue, durch den Mut, der es
immer wieder mit der Zukunft wagt, und durch die menschliche Ver-
bundenheit mit ihren Landsleuten. Sie konnten schweren Prüfungen
standhalten, die Sie und Ihr Volk trafen und noch immer treffen.
Feste Überzeugungen, Mut und Solidarität Ihres Volkes werden Ih-
nen helfen, wenn Sie sich den nicht minder schweren Aufgaben der
Zukunft stellen."
Ohne solche Freunde könnte unser Präsident kaum zu Weihnachten
die Bilanz von Hunger, Elend, Verrecken verkündigen, mit der er
die Politik seiner imperialistischen Großmacht als eine großange-
legte "Aktion Sorgenkind" ausgeben will. Je mehr die eigene
Staatsgewalt die Zustände mit h e r s t e l l t, die dann
"Weltlage" heißen, um so mehr R e c h t und V e r a n t w o r-
t u n g trägt sie für die "Bewältigung" der "Probleme", die sie
angeblich mit dieser Lage hat. Vierzig Jahre waffenstarrende
Politik, Wettrüsten gegen den Osten und Kriege zuhauf zählen da
unter Frieden, und der gilt dem Präsidenten gleich als einmalig.
Da darf man gar nicht fragen, was der Frieden denn so beschert,
wenn es heißt, unsere Politiker hätten ihn mühsam gesichert.
Gefährden tun ihn natürlich - Berlin, Berlin! - andere. Im
Innersten jedes aufrechten Demokraten, darauf baut Weizsäcker,
schlägt eben doch ein schlichtes nationales Herz, das die Macht
des eigenen Staates auf dem Globus immer noch für das
schlagendste Argument hält, für das man sich getrost einspannen
lassen kann, und das deswegen froh ist, wenn es nicht gleich zum
Äußersten kommt.
"Denn heute gehört uns Deutschland...",
mußte man damals singen. Heute darf man mit Weizsäcker stolz und
zufrieden sein, daß uns längst viel mehr gehört und sich daher
für uns viel mehr gehört.
Der Revanchismus des Präsidenten oder:
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Leiden und Sehnsüchte deutscher Heimatfans
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Seit seinem Amtsantritt läßt der Präsident keine Gelegenheit aus,
den nationalen Rechtstitel zu pflegen und in aller Welt geltend
zu machen, mit dem diese Republik ihren Anspruch auf Revision der
letzten Kriegsergebnisse geltend macht. Das haben auch schon an-
dere Präsidenten vor ihm gemacht - allen war ihr Stück Deutsch-
land noch viel zu mickrig -, nie aber hat einer radikaler den An-
spruch vorgetragen, Präsident a l l e r Deutschen zu sein, über
alle Klassen und über alle Grenzen hinweg.
"Meine Kraft dem deutschen Volk zu widmen, ist meine Aufgabe. Dem
deutschen Volk. Wer ist gemeint? Stocken wir schon?" (Natürlich
nicht, der Präsident beherrscht den ältesten rhetorischen Trick
der Welt...) "Ich glaube nicht. In beiden deutschen Staaten lebt
das deutsche Volk. Von ihm, von dem ganzen deutschen Volk, geht
die Präambel unseres Grundgesetzes aus." (Antrittsrede)
Wenn Weizsäcker vollen Herzens nichts als seinen Verfassungsauf-
trag wahrnimmt, bleibt es keinem seiner Untertanen überlassen, ob
er vielleicht gar nicht unter der Teilung leiden will; ob er sich
mit den DDR-Deutschen sowenig verschwistern und verbrüdern will
wie mit denen hier; ob er Grenzen Grenzen sein lassen will und
mit dem politischen Treiben diesseits der Grenze genug zu tun
hat. Nein, in höchsten Ehrentiteln verpflichtet Weizsäcker jeden,
seine Lüge von der nationalen Identität in doppelter Dosis zu
schlucken. Eine Lüge bleibt es: Sprache und Tradition, Glaube und
Kultur sind und bleiben eben nur fingierte Gründe, sich einer
Zwangsgemeinschaft, die auch noch systemübergreifend sein soll,
verpflichtet zu fühlen. Daß wir "dieselbe Luft atmen", verdreckte
nämlich, läßt einen Schluß auf die Prinzipien kapitalistischen
Wirtschaftens zu, mag vielleicht auch Aufschluß geben über einige
Unarten real-sozialistischen Wirtschaftens; zu einheitlichem Den-
ken, Fühlen und Handeln verpflichtet der Gestank längs der deut-
schen Grenze sowenig wie der, der vom Ruhrgebiet nach Holland
zieht. Freilich: So sehr der Präsident seinen Schäfchen die ide-
elle Eingliederung in sein gesamtdeutsches Reich ans Herz legt
und dafür lauter bescheuerte Gründe ankarrt, die Einlösung der
Grundgesetzpräambel will er niemandes Gefühl oder Gusto überlas-
sen. Man stelle sich vor: Ein Bürger (West) käme aus lauter Sym-
pathie für einen Bürger (Ost) auf die Idee, die deutsche Einheit
in einem sozialistischen Deutschland (nebenbei, unser Ziel ist
das nicht! ) anzustreben, Weizsäckers Traum von der umfassenden
Präsidentschaft wäre glatt ausgeträumt. Und so war es ja nicht
gemeint.
"Der Kern der Frage ist die Freiheit. Ein Fortschritt in Richtung
auf Einheit um den Preis von Freiheit wäre ein Rückschritt."
(Kirchentagsrede)
Der Präsident weiß durchaus Sehnsüchte und Gefühle, den ideellen
Überbau der "offenen deutschen Frage", von Ansprüchen zu trennen.
Deutsche Einheit ist der gewaltmäßige Anspruch deutscher Politi-
ker auch auf die Zuständigkeit für Land und Leute, die bislang
von anderen gedeckelt werden. Deutsches Recht, das Weizsäcker re-
präsentiert, ist die Bekräftigung dieses Anspruchs unter Bezug-
nahme auf den Erfolg, den bundesdeutsche Politik daheim und aus-
wärts im Bündnis bereits errungen hat. Die Titel der Gewalt,
nicht die Kerzen im Fenster oder der gesamtdeutsche J. S. Bach,
halten die deutsche Frage "offen" und liefern die Maßstäbe ihrer
"Lösung": die exklusiven Verkehrsprinzipien demokratischen Herr-
schens - Einheit in "Freiheit". Darunter geht nichts.
E i n b i l d e n darf und soll sich der hiesige Untertan, die
Anwaltschaft seiner Politiker für die ungeteilte deutsche Souve-
ränität sei nur die Vollstreckung eines Herzenswunschs.
Ein Rätsel ist es dann nicht mehr, warum ausgerechnet Weizsäcker
hiesige Patrioten zur Mäßigung in deutsch-deutschen Angelegenhei-
ten anhält:
"Wir sollten mit Urteilen über das Leben, zumal das Leben von
Christen, in der DDR vorsichtig sein und uns mit Ratschlägen al-
ler Art zurückhalten. Für uns gibt es nichts besser zu wissen
oder zu patronisieren... Es gibt Dinge, die drüben kaum auf Ver-
ständnis stoßen können. Z.B., wenn jemand hier einerseits ständig
von Wiedervereinigung spricht, andererseits aber lautstark
'Deutschland, Deutschland' ruft, um damit hinter der Mannschaft
der Bundesrepublik zu stehen, wenn sie gegen die Kollegen aus der
DDR antritt."
Die Schnauze halten, denen drüben nicht in ihren Alltag quat-
schen? So soll man es natürlich nicht verstehen. Da müßte der
Präsident seine Reden in den Papierkorb werfen und seinen Bonner
Kollegen einen Maulkorb umbinden. Den Sport-Patriotismus sein
lassen und zur Abwechslung mal "DDR, DDR" oder "Steilpaß, Steil-
paß" brüllen, um Gottes Willen! Der Sport soll doch - siehe Boris
- in erster Linie der Nation Freude machen. Der Sportsmann aus
der Villa Hammerschmidt sieht die Sache anders. Er möchte das
Verständnis des Gegners auf seiner Seite haben und ihn nicht
durch patriotische Ausrutscher verprellen. Überheblich soll der
Fußballschlachtruf - im Gegensatz zu so vertrauensbildenden For-
mulierungen wie "innerdeutsche Beziehungen" oder "deutsche Iden-
tität" - in DDR-Ohren deshalb klingen, weil er das Gefühl gesamt-
deutscher Zugehörigkeit drüben kränkt. Was das Programm der BRD
gegen den anderen deutschen S t a a t ist, will Weizsäcker als
innerstes W o l l e n der Menschen drüben längst entdeckt ha-
ben. (Als altem Berliner reicht dem Präsidenten dafür jeder Mau-
erkletterer als unschlagbarer Beweis.) Keine nationalistische
Hetze nicht einmal Kerzen im Fenster, nur ein Aufruf zur Höflich-
keit und Rücksichtnahme kommt dabei heraus. Die DDR-Menschen dür-
fen nicht zu kurz kommen, meint Weizsäcker. Wobei? Im Mitmachen
bei der Erledigung ihres Staates und der Einlösung bundesdeut-
scher Ansprüche. So unschuldig geht heute der Kalte Krieg.
"Waren Sie alle schon einmal in der DDR?"
fragt Weizsäcker mit der Einfalt des Kasperle seine evangelischen
Schäfchen. Nein? Dann wird es höchste Zeit, damit die drüben er-
fahren, was sie schon immer gewollt haben sollen.
Weizsäcker ist kein Schlesier - oder doch?
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"Es geht nicht darum, Grenzen zu verschieben, sondern Grenzen den
trennenden Charakter für die Menschen zu nehmen. Es geht um Men-
schenwürde, um Menschenrecht, um Glaubens- und Gewissensfrei-
heit."
Wie schafft der Präsident den Sprung von den Opfern der letzten
Grenzverschiebungsaktion zu einer neuerlichen, die weitaus radi-
kaler sein will? Ganz einfach: durch seine Ehrlichkeit in der
Kriegsschuldfrage:
"Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen."
Im Klartext: Hitler ist an allem Übel s c h u l d - das Übel
freilich ist auch für Weizsäcker der Osten, pardon: die
"Teilung". Im Unterschied zu den "ewiggestrigen" Scharfmachern
rüttelt seine Rede aber nicht am Grenzpfahl, und Rübezahl soll
nicht schon wieder die Heimat von außen befreien; unser Mann in
Bonn propagiert ein angeblich uneigennütziges, eben allgemein-
menschliches Ziel wie die Menschenwürde, für das die Grenzen
durchlöchert werden sollen. Seltsam nur dies: Gilt nicht immer
schon als entschieden, w e l c h e Seite sich im Namen der Men-
schenwürde zu ändern hat? Ist denn der wohlklingende, über allen
Fronten stehende Spruch von den Menschenrechten etwas anderes als
die Anklage der versammelten Nation West, der Osten sei ein Stö-
renfried, der kein Existenzrecht hat um des lieben Friedens wil-
len? Was ist eigentlich so maßvoll an dem Begehren, die östlichen
Nachbarn hätten sich "durchlässig" zu machen - sich also so auf-
zuführen, als seien ihnen die Grenzen schon weggeräumt worden?
Wildgewordene Vertriebenenfunktionäre, die zurecht den Namen
"Revanchisten " tragen, hie - dort ein besonnener Präsident, der
nur den Ausgleich mit den Nachbarn sucht - ist das wirklich das
Kontrastprogramm in dieser Republik? Beiden Seiten geht es immer-
hin um dasselbe: die Einheit des deutschen Reiches, die mit der
Kapitulation 1945 kaputtgegangen ist, aber natürlich nicht für
alle Zukunft verspielt sein darf. Der eine, er ist Bundespräsi-
dent, drückt das ungefähr so aus: 'Z w a r ist das Ende des
Hitlerreiches Deutschlands größtes Unglück, und dabei darf es
nicht bleiben; a b e r immerhin muß man zugeben, daß Hitler an-
gefangen hat und letztlich die Schuld trägt.' Die anderen von der
Landsmannschaft sehen es genau andersherum: 'Z w a r mag Hitler
zuerst losgeschlagen haben; a b e r das fortdauernde Riesenun-
glück ist schließlich die deutsche Teilung, und die muß schleu-
nigst weg.' Zwischen diesen beiden Lesarten darf ein guter Deut-
scher sich ganz frei entscheiden. Das ist das Schöne an der Demo-
kratie. Mit Weizsäcker wie die Schlesier denken, das ist die Lö-
sung eines anständigen Deutschen.
"Wer könnte der Friedensliebe eines Volkes vertrauen, das im-
stande wäre, seine Heimat zu vergessen?... Heimatliebe eines Ver-
triebenen ist kein Revanchismus."
Spricht der Präsident. Die Heimat Heimat sein lassen, statt seine
Nachbarn damit zu belästigen, gilt ihm als Friedensstörung. Was
muß da wohl ein Heimatfan von seiner Führung verlangen, damit er
als friedliebend gilt?
Die Unerbittlichkeit des Friedens oder:
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Wieder einmal eine deutsche Mission
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"Die Menschen in Deutschland wollen gemeinsam den Frieden, der
Gerechtigkeit und Menschenrecht für alle Völker einschließt, auch
für das unsrige. Nicht ein Europa der Mauern kann sich über die
Grenzen hinweg versöhnen, sondern ein Kontinent, der seinen Gren-
zen das Trennende nimmt."
In den höchsten Ehrentiteln einer sauberen Weltordnung und eines
friedlichen Auskommens der Nationen miteinander predigt der Prä-
sident höchst offiziell und allgemeinverbindlich U n z u-
f r i e d e n h e i t mit dem jetzigen Zustand Europas und eine
einzige A b s a g e an ein Auskommen. Frieden soll erst noch
h e r g e s t e l l t werden, Versöhnung erst noch z u s t a n-
d e k o m m e n. Grenzen müssen erst noch als Grenzen b e-
s e i t i g t werden; ein 'Schlußstrich' erst noch g e z o-
g e n werden. Rechtsansprüche sollen keinesfalls a u f g e g e-
b e n werden, obwohl jeder weiß, daß zwischen Staaten nur Gewalt
Recht schafft, also Rechtsansprüche nichts als G e w a l t-
a n d r o h u n g e n sind. Für dieses anspruchsvolle Projekt
eines ganz und gar den Prinzipien kapitalistischen Wirtschaftens
und demokratischen Herrschens verpflichteten Europa wird wohl
einiges an Mensch und Material abgeräumt werden müssen - bei wem
wohl und durch wen? Über die Trägerschaft und die Unabdingbarkeit
des Programms "Freies Europa" ist Weizsäcker sich im klaren. Wie
alle großen deutschen Führer will freilich auch er nicht einfach
zuschlagen, sondern sich ganz uneigennützig in den Dienst eines
nicht von der Hand zu weisenden Auftrags einer ominösen Instanz
namens "Geschichte" stellen. Schon wieder droht uns eine deutsche
"Mission".
"Die Menschen, die in der Mitte leben," (nein, nicht die Liech-
tensteiner, sondern wir Deutsche) "sind zur Trennung nicht ge-
schaffen." (ein schöner Rassismus der Unteilbarkeit) "Ihr Wille,
die Teilung Europas, Deutschlands und Berlins im Frieden und im
Dienste des Friedens zu überwinden, ist stärker." (.. als der
Wille, das mit Krieg zu tun??) "Die Mitte kann auf die Dauer
nicht Grenze bleiben." (Im Bundestag am 9. September 1982)
Wäre die Angelegenheit harmlos, man müßte Weizsäcker geistige
Gleichgewichtsstörungen, hervorgerufen durch übermäßigen Berlin-
Aufenthalt, attestieren. Nur ist da nichts harmlos. Offenbar ist
nämlich auch zur ideellen Seite der Kriegsschuldfrage hin alles
für den nächsten Waffengang bereit. Es ist ein ebenso alter wie
ekelhafter Gedanke, daß "wir" einfach deswegen, weil wir so etwa
in der geographischen Mitte Europas w o h n e n, zur dringenden
Neuordnung Europas b e r u f e n sind. Den aufschlußreichen
Übergang von einem zum anderen hat der Politgeograph Weizsäcker
in das ansprechende Bild von "uns" als Weltkind in der Mitten
verpackt. Da mag es manchem leichter fallen, sich erleichtert
darüber zu freuen, an so exponierter und weltpolitisch bedeutsa-
mer Stelle zu wirken. Wieder einmal haben "wir" gar nicht anders
gekonnt als...
Deswegen läßt der Präsident auch gleich die Versicherung auf dem
Fuße folgen, die Mission, zu der uns Lage, Geschichte und Gesin-
nung verpflichten, solle n i c h t mit Gewalt durchgeführt wer-
den. Ja, wie denn sonst, wenn das dem friedensstiftenden Präsi-
denten prompt einfällt! Der Anspruch auf eine 'Neuordnung' wird
ja nicht schon deshalb ganz ehrenwert, weil er sich in die Heu-
chelei kleidet, man könne sich seine Erfüllung auch schiedlich-
friedlich und gleich im Systemmaßstab vorstellen. Warum wohl
dichtet der oberste Mann dieser Republik dem Volk lauter nationa-
listische Leiden an, die die gute Führung zu heilen verspricht?
Warum feiert er die Übereinstimmung von Volk und Staat und malt
das Idealbild eines treudoofen, opferbereiten, heimatverbundenen,
selbstlosen Untertanen?
Richard von Weizsäcker, in dem manche einen künftigen Friedensno-
belpreisträger sehen wollen, bringt seine nationalistische Gedan-
kenwelt, die er nicht für sich behalten, sondern zum Leitbild
seiner Untertanen machen will, zu ihrem konsequenten Ende. Wenn
es um die Ehre der Nation geht, wenn die Souveränität ihren
höchsten Rechtstitel ohne Abstriche und Kompromiß in eines ihrer
Interessen legt, das andere Staatsgewalten genauso nachdrücklich
bestreiten, dann ist allemal das Antreten zum Sterben fällig.
Wie alle großen Führer verläßt sich auch der Mann im Silberhaar
nicht auf seinen Machtinstinkt und seine historische Mission. Die
Unerbittlichkeit des Friedens verlangt schon andere Mittel. Von
wegen "überwundener Totalitarismus"! Keine vierzig Jahre nach
Kriegsende inspiziert Richard von Weizsäcker, Christ, Moralist,
Deutscher, sein künftiges Kanonenfutter mit der frechsten und
letzten Frage aller Politik:
"Haben wir trotz (!) der Vernichtungskraft der Waffen verstanden,
daß das Leben der Güter Höchstes nur dann ist, wenn wir es in
freier Menschenwürde führen können? Sind wir für einen Frieden in
Freiheit bereit, das eigene Leben einzusetzen?" (Am 17. Juni 1981
im Berliner Abgeordnetenhaus)
Das kleine "trotz" ist ein eindeutiger Beweis dafür, daß Menschen
vom Schlage des guten Richard nie daran geglaubt haben, daß die
dicken Atomwaffen den Krieg verhindern und irgendein Opfer erspa-
ren.
Richard von Weizsäcker: Ein Ausnahmepolitiker?
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Die Verehrergemeinde des Präsidenten wird unser wenig schmeichel-
haftes Porträt des Meisters für ungerecht halten. Über alle seine
Urteile und Taten hinweg schätzt sie ihn, weil er angeblich so
anders ist als all die anderen Herrschaften in Bonn. Seine gemä-
ßigte Art, seine Überparteilichkeit, sein Charme, seine Mensch-
lichkeit sollen ihn zur politischen Ausnahmeerscheinung machen.
Was ist dran?
Die Vollendung einer Charaktermaske
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Moderat, maßvoll also, ist Weizsäcker in seinem politische Denken
und Handeln nicht. Sein exklusiver Maßstab: Deutschlands unge-
teilte Größe, ist ebenso maßlos wie das Bestreben, jedermann dar-
auf zu verpflichten. In Sachen deutsche Ansprüche in der Welt, in
Sachen nationale Dienstbarkeit läßt der Präsident keine auswei-
chenden Optionen, keine abweichenden Meinungen zu. Seit seinem
Amtsantritt hat er keinen öffentlichen Satz geäußert, der dem In-
halt nach kein anspruchsvoller Imperativ gewesen wäre. Seine
Klarstellungen in Sachen Wiedervereinigung, deutsche Verteidi-
gungsbereitschaft, innerer Friede usw. sind keine unverbindlichen
Diskussionsangebote, sondern ein ungemütliches Programm, dessen
Wucht nicht in der Überzeugungkraft und der Rhetorik des Präsi-
denten steckt, sondern in der ökonomischen, politischen und mili-
tärischen Gewalt des Gemeinwesens, an dessen Spitze er steht.
Der Schein der Mäßigung mag der Weizsäckerschen Kunst entsprin-
gen, seine Klarstellungen quasi ohne Ausrufezeichen zu artikulie-
ren. Die eindeutige Sache der Gewalt trägt er zwar unter uralten
Titeln vor, aber so, als hätte er gerade schon wieder ein Verlan-
gen der Vernunft entdeckt. Wegen ideeller Projekte wie "Heimat",
"Identität", "Liebe" und anderer mehr soll man sich der westdeut-
schen Raketenrepublik und den Zwecksetzungen ihrer Führer unter-
werfen, so a l s o b das Untertanendasein aus philosophischem
Entschluß, gar noch mit einer Palette auswählbarer Optionen, zu-
standekäme. Der Präsident verläßt sich zwar nicht darauf, diese
Republik nur auf die Gefühle und Herzenswärme ihrer Bürger zu
gründen, den Verteidigungs- und Arbeitsminister will er ebensowe-
nig missen wie irgendeine andere Instanz der staatlichen Gewalt.
Nur ist ihm die Unterordnung aller Lebenssphären unter den über-
geordneten nationalen Zweck so in Fleisch und Blut übergegangen,
daß er jedes besondere Anliegen, jedes Stück Subjektivität als
Teil der "nationalen Sache" zu interpretieren und einzuordnen
weiß. Sein penetranter Pluralis majestatis - kein Satz, in dem
nicht das "Wir" die Subjektrolle einnähme ist kein Relikt einer
adligen Vergangenheit; der Mann denkt und redet so als moderner
demokratischer Nationalist. Weizsäcker ist nicht ein besonders
raffinierter Trommler für die imperialistische Politik seiner C-
Kollegen, der sich werbewirksame, adressatenspezifische Köder
fürs Volk ausgedacht hätte. Weder redet er seinem Volk nach dem
Munde; das verböte ihm schon allein sein solides Selbstbewußtsein
als Präsident a l l e r Deutschen. Noch braucht er Kreide zu
fressen, um einmal Schülern, einmal Arbeitern, einmal Professoren
zu imponieren. Es steht schlimmer um den Oberbarbier aus Bonn:
D a s politische Betrugsmanöver der Demokratie, die Rücksichts-
losigkeit des allgemeinen Interesses dem einzelnen Bürger als
dessen ureigenstes Anliegen auszugeben, die Verwandlung von Ge-
gensätzen in Selbstverständlichkeiten, ist in Weizsäcker so um-
fassend verkörpert, daß er besonderer Techniken der Lüge und der
Heuchelei erst gar nicht bedarf. Von kleinlichen agitatorischen
Berechnungen hat sich der Präsident freigemacht; schließlich geht
es bei seinem Amt um die personifizierte Souveränität der Repu-
blik - und die steht nicht zur Wahl. Die agitatorische Leistung
des Präsidenten löst sich auf in das zur Schau gestellte Selbst-
bewußtsein, in seiner P e r s o n verkörpere sich die deutsche
Nation so zwecklos rein und bestechend, daß sie wie von Natur je-
dermanns Herzenssache sein müsse.
Führt der Präsident ein Doppelleben?
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Das ständige Vorführen der Gleichung: Ich = Wir = Deutschland
macht Weizsäckers aufdringliches Pathos aus, das veröffentlichte
Gefühlsleben einer politischen Charaktermaske. Ohne schizophren
zu sein, kann der Präsident wirklich nicht mehr unterscheiden
zwischen der ersten Person singularis und pluralis.
"Ist das nun echt? Oder berechnend? Als wüßte er das immer zu un-
terscheiden." (Spiegel, 28/85)
Der Mann in Bonn führt kein Doppelleben, hier Mensch, dort Poli-
tiker. Er i s t Repräsentant, verkörpert in sich mit allem, was
er ist und hat, die Trennung von seinem Volk, dem er als oberste
Instanz der Gewalt gegenübersteht. Es gibt keinen Anlaß, sich auf
die eine oder andere Seite eines doppelten Richard, bewundernd,
mitleidend, neidvoll oder in anderen Formen moralischer Anteil-
nahme zu schlagen. Der Präsident zumindest ist ungeteilt. Natio-
nale Zwecksetzungen treten an ihm als menschliche Attribute auf.
Nichts an ihm ist ein Korrektiv, alles ein Zusatz der Macht: Er
lächelt und grübelt, er denkt und singt für Deutschland. Mehr
Charme besitzt er nicht.
Nicht Pershings, nicht wirtschaftliche Erfolgsbilanzen - die er
als reelle Grundlage seines Repräsentantentums kennt und schätzt
macht er zum Werbeartikel für Großdeutschland, "nur" sich selber
von Kopf bis Fuß. Die Form der nationalen Selbstdarstellung, die
seine, von uns angegriffenen, Urteile zur Geltung bringt, hat er
so perfektioniert (Charaktermaske wird man nicht durchs Schmin-
ken!), daß seine agitatorischen Absichten wie eine Nebensächlich-
keit daherkommen und das beeindruckte Publikum ganz übersieht,
daß ihm hier nicht ein gutmütiger älterer Herr das "Du" anbietet,
sondern ein Oberführer der Nation an sich Respekt für die
N a t i o n erheischt, manchesmal gar mit Scherz und Gesang. So
ist Weizsäcker lupenrein überparteilich. Natürlich ist und bleibt
er aktives Mitglied der CDU, die ihrerseits allemal Hochverrat am
Werk sieht, wenn andere regieren. Er kennt nur noch sich und
seine Deutschen. Über alle Parteiungen hinweg fordert und bekommt
er höchste nationale Verehrung. Mehr P a r t e i lichkeit kann
man nicht verlangen.
Es ist ebenso verrückt wie devot, in Weizsäcker "den Menschen"
suchen und finden zu wollen. Verrückt, weil die Entdeckung 'Hier
ist ein Mensch', und das mitten in Bonn, von niemandem als per-
sönliche Freundschaftserklärung mißverstanden wird. Wer wollte
mit Weizsäcker in Urlaub fahren oder mit ihm ins Bett steigen?
Wenn der Mann gelegentlich in Kantinen seinen demonstrativen Ein-
topf einnimmt, herrscht ja auch nicht muntere Kumpanei; die Her-
ren Proleten bezeugen "unserem" Richard tiefen Respekt. Devot,
dem gutgläubigen Untertanen aus der Seele gesprochen, ist die
Menschelei, weil sich darin ganz unbekümmert die staatsbürgerli-
che Sehnsucht zu Wort meldet, von den richtigen Herren gedeckelt
zu werden. Nett sollen die eigenen Metzger auch noch sein. Mag
das einfache Volk mit Bewunderung zur Kenntnis nehmen, daß der
Präsident, urlaubshalber in Bad Tölz, tatsächlich eine wildfremde
Hausfrau anquatscht - zufällig war ein Fotograf dabei -; die ge-
hobenen Schichten sind in Sachen Führerkult wieder einen Schritt
weiter. An Weizsäcker spätestens erweist sich die vornehme Di-
stanz, die noch jeder Bürgersmann zu seiner Regierung wahrt, als
pure Einbildung. Das prinzipielle "Ja" zu dem allgemeinen Ver-
hältnis in dem nationalen Club regierter Menschen, die Grundlage
des Nörgelns an und Sich-Distanzierens von der einen oder anderen
Amtsperson, hat in Weizsäcker endlich die Gelegenheit zur beson-
deren Betätigung gefunden. Mit Weizsäcker, aber nur mit ihm, für
Deutschland sein, so werden auch die kritischen Liebhaber der
Wende ihre letzten Gewissensbisse los. Immer schon richteten sich
die Sehnsüchte 'kritischer Demokraten' auf d i e 'Fähigkeiten'
der 'Macher', die für ein demokratisches Untertanengemüt P e r-
s o n e n k u l t erlauben und Kritik an qua Amt vollbrachten
Taten überflüssig machen. Die Lenker des Gemeinwesens werden
allen Ernstes daran gemessen, ob sie es verstehen, Politik
glaubwürdig zu v e r k a u f e n!
Der Kult hat in Richard von Weizsäcker, der sich keinen Deut zu
ändern brauchte, seine Person gefunden. Der Mann ist glaubwürdig,
weil man an ihn glauben kann und will.
Daß hier die Dummheit der Untertanen einen kongenialen Widerpart
auf der Seite der politischen Gewalt gefunden hat, so soll man
die Auferstehung eines neuen deutschen Führers natürlich nicht
sehen. Es geht wieder einmal treudeutsch zu: Unsere Führer sind
immer geschickt, diesmal nicht von Gott, Schicksal oder sonstigen
höheren Instanzen; schlichter: Eine deutsche Familie hat uns al-
len ein längst überfälliges Geschenk gemacht. Der Rassismus der
Macht zeigt sich befriedigt:
"Natürliche Fähigkeiten und anerzogene Haltungen, persönliche und
berufliche Erfahrungen, Familientraditionen und Überzeugungen
vereinigen sich mit den Erfordernissen und Möglichkeiten des Am-
tes und der politischen Situation zu seltener Harmonie. Richard
von Weizsäcker, ein deutscher demokratischer Märchenkönig? Ein
Glücksfall, jedenfalls bisher." (Spiegel, 28/85)
Ein Philosoph im Präsidialamt? Oder:
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Wieviel Geist braucht ein Präsident?
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"Ich bin ein Kind der Aufklärung." (Der Präsident über sich)
"Ich liebe Spiele, wo ein Netz dabei ist." (Ders. zu Boris
Becker)
Ein letztes Gerücht über den ersten Mann des Staates gilt es noch
aufzulösen. Er gilt als Mann des Geistes, mehr Philosoph denn Po-
litiker. Lassen wir ihn selber sprechen:
"Je mehr man in früheren Zeiten des Obrigkeitsstaates hätte pro-
testieren sollen," (Großvater Weizsäcker war damals gerade Mini-
sterpräsident im Königreich Württemberg) "desto mehr wird es
heute, wo es so ungeheuer leicht ist, nachgeholt. Wir haben heute
aber ein anderes Gemeinwesen, eine demokratische Republik. Seine
freiheitlichen Elemente: Opposition, Kritik, Dissens, Minderhei-
tenschutz - sie sind lebensnotwendig. Aber diese Elemente... be-
dürfen der Basis einer elementaren Zustimmung und Zuneigung zum
demokratischen Staat."
Weizsäckers Verhältnis zum Geist erweist sich als recht unkompli-
ziert: Er schätzt ihn bei sich und anderen im Dienste der Macht,
liebt also ordentliche Gedanken. Dabei ist er für Kritik. Nie
würde er für Redeverbot und Schrifttumskammer plädieren, nicht
einmal ein aufmüpfiges Plakat von der Wand reißen. Das fände er
roh. Er ordnet die Welt der Gedanken mit Niveau, fast wissen-
schaftlich. Er entzieht jedem kritischen Gedanken in dieser und
gegen diese Republik zugleich Gegenstand und Berechtigung mit dem
elementarsten Trick demokratischer Freiheitslogik. Die
E n t s c h e i d u n g der demokratischen Obrigkeit über die
Gewährung und Beschränkung der Geistesfreiheit, die dem Gusto des
einzelnen eben nicht überlassen ist, soll man als denkender
Mensch als eine einzige E r m ö g l i c h u n g der Geistestä-
tigkeit begreifen. Weil man heute freier denken darf als einst
unter Bismarck und Hitler, soll man jede Aufsässigkeit im Geiste
auch gleich sein lassen, lehrt das "Kind der Aufklärung". Ob nun
aus eigener akademischer Erfahrung, ob nach einem Dialog mit sei-
nem gelehrten Bruder der Präsident weiß, daß die freie Wissen-
schaft selbst auf geistige Disziplin in den eigenen Reihen großen
Wert legt. Ganz im wissenschaftlichen Stil erneuert er gleich bei
seinem Amtsantritt seinen Grundverdacht gegen die Wahrheit eines
Gedankens:
"Wer das Mehrheitsprinzip auflösen und durch die Herrschaft der
absoluten Wahrheit" (wer diesem eigentümlichen Gebilde wohl prä-
sidieren sollte?) "ersetzen will, der löst die freiheitliche De-
mokratie auf."
Zwar weiß der Mann, daß weder er noch sonst einer mit der Wahr-
heit Staat machen kann. Doch taugt das Drohgespenst einer Gedan-
ken-Herrschaft von umstürzlerischer Wucht, um dem Geist die Frei-
heit zu geben, die ihm gebührt. Denken darf man alles, so lange
sich daran nichts entscheidet, der bloß theoretische Standpunkt
des Meinens nicht verlassen wird. Kritisieren darf man alles,
wenn es nur so bleibt, wie es ist. So reproduziert der Präsident
höchstpersönlich und an höchster Stelle den alten Studienrats-
wahnsinn von der "konstruktiven" Kritik. Dabei ist Weizsäcker
sehr kritisch. Er sät mitten im Deutschen Bundestag Zweifel, lei-
der nicht an sich und seinem Dogmatismus, sondern am menschlichen
Verstand schlechthin. Das Ganze streng wissenschaftlich: Auch
Dummheit will noch begründet sein:
"Aufklärung, Rationalität, naturwissenschaftliche Forschung, sie
alle schaffen nicht nur tiefere Einsicht in die Komplexität,"
(also doch der Bruder!) "sie bringen auch von neuem die Erkennt-
nis hervor, daß nicht alles erklärbar ist."
Basta! Deutschlands Denker dürfen sich freuen. Sie werden nicht
mehr mit so rohen Beschimpfungen wie "Pinscher", "Schmeißfliegen"
und "Nestbeschmutzer" von oben zur Ordnung gerufen, sondern zur
ganzen Komplexität modernen wissenschaftlichen Denkens beglück-
wünscht. Das beruhigt so sehr, daß die Denker eine Ode nach der
anderen an ihren Mentor in Bonn verfassen. In einem solchen gei-
stigen Klima hat der Politphilosoph aus Bonn leicht Dialoge füh-
ren.
Der präsidiale Geist: schlicht funktional
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Daß Weizsäcker gerne Fontane liest und "Bild" verrät es - bei
"Fidelio" weint, ist eine Sache. Seine aufdringliche Kulturmis-
sion eine andere.
"Kultur, verstanden als Lebensweise, ist vielleicht die glaubwür-
digste Politik. Sie ist es, die unsere Identität stärkt, und zwar
auch gerade dort," (na, was wohl?...) "wo uns staatliche und ge-
sellschaftliche Systemgrenzen in unserem Selbstverständnis bela-
sten oder trennen." (Kirchentagsrede)
Bei Wort und Schrift, bei Bild und Klang denkt dieser Mann fast
manisch immer nur das Eine. In dem Bestreben, den recht profanen
Zwecken einer NATO-Macht, die auch der Präsident vom PEN-Club zu
unterscheiden weiß, die höhere Weihe eines aller Gewaltsamkeit
unverdächtigen Kulturauftrags zu geben, entlockt er allen Produk-
ten des Geistes Indizien für die Unabdingbarkeit und Würde der
nationalen Sache, der gesamtdeutschen, versteht sich. Brockhaus
und Büchmann, Bibliothek Suhrkamp und fernöstliche Spruchweishei-
ten bemüht er unterschiedslos dafür, seinem Volk der Dichter und
Denker die "Wurzeln unseres geistigen und sozialen Lebens" nahe-
zubringen. Zugegeben, es ist keine große Kunst, bei dieser Art
Sinnsuche fündig zu werden: Wer hätte denn nicht 'pro patria' ge-
dichtet, geträllert und gefiedelt: Dennoch verdient die hartnäc-
kige Dummheit Beachtung, mit der Weizsäcker auf sein Lieb-
lingsthema - die deutsche Teilung - zu sprechen kommt, wo immer
in dieser Republik man ihm das Wort erteilt. Zum Beispiel
(wahllos herausgegriffen) auf dem Internationalen Musikfest in
Stuttgart:
"Musik widerlegt (!) nicht die Barrieren, die es unter uns Men-
schen gibt. Sie erspart uns nicht die Auseinandersetzung mit den
Ursachen und Folgen, mit dem Recht und Unrecht von Grenzen. Aber
(!) Musik hält sich nicht daran. Sie überwindet den Absolut-
heitsanspruch einer Grenze.... Die Musik spricht in allen Spra-
chen. Das Ohr nimmt die Grenzen nicht wahr, und dabei hört es bei
der Musik feiner und genauer als beim gesprochenen Wort."
(Crescendo!) "Was wir von dieser Musik als Stärkung unseres Le-
bens empfangen, das empfinden wir hier und in Leipzig, Dresden
oder Halle gemeinsam. Wer kann uns denn voneinander trennen?"
(Die Musik nicht, aber...) "Keiner wird den tiefen Eindruck je
vergessen, der dies hüben und drüben erlebt hat. Es ist eine ganz
außerordentliche (sic!) Wirklichkeit." (sempre piu!) "Die Teilung
ist schmerzlich. Die Musik in unseren Herzen ist gänzlich unge-
teilt. Und sie ist ein gesunder und kräftiger Herzton."
Was wohl ist ungenießbarer, das Kulturgeseiche des Präsidenten
oder die Tatsache, daß dabei Dissonanzen nie aufkommen: Einsprü-
che, Witze, Karikaturen über Weizsäcker werden als Majestätsbe-
leidigung verachtet. Ob Heinrich Lübke wirklich weniger Niveau
hatte? Auch er hatte doch genau soviel präsidialen Geist, wie man
ihm durchgehen ließ. Ob es vielleicht nur am ungebrochenen Be-
dürfnis - Geschichte hin, Vergangenheit her - der deutschen Öf-
fentlichkeit liegt, sich von verehrenswerten Führern führen zu
lassen, wenn sie einem Oberhaupt am Munde hängt und zu Füßen
liegt, das sicherlich - noblesse oblige - im gegebenen Falle die
amtliche Kriegserklärung viersprachig, mit Bibel und Gesangbuch
in der Hand, und ohne Sprachfehler begründen wird?
***
CHUZPE (*) IN ISRAEL
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bewies der Bundespräsident, als ihm seine Fans von der "Spiegel"-
Redaktion mit der Frage kamen, wie er denn in Jerusalem dastehe,
nachdem mitten in seinen Staatsbesuch hinein die Meldung vom
jüngsten BRD-Waffengeschäft mit den Saudis platzte.
"WEIZSÄCKER: Was Waffenlieferungen anbetrifft, so habe ich mich
unmittelbar vor meiner Abreise noch einmal bei der Bundesregie-
rung erkundigt und dabei die Auskunft bekommen, daß zur Beteili-
gung an einer Ausschreibung für die Munitionsfabrik in Saudi-Ara-
bien d i e Z u s t i m m u n g e r t e i l t worden sei und
daß damit für den Fall eines im Moment gar nicht abzusehenden Zu-
schlags ein Präjudiz für die Lieferung selbst nicht gegeben sei."
(Nr. 42/1985)
Der Spiegel"-Frager hielt dies für "unlogisch". Der Präsident
setzte noch einen drauf.
"WEIZSÄCKER: Und da kann ich nur sagen..., daß die Bundesrepublik
Deutschland unter allen westlichen Ländern... dasjenige ist, das
sich in Bezug auf Waffenexporte... am allermeisten zurückhält."
Am folgenden Tag soll es an den westdeutschen Börsen zu Panikver-
käufen von Rheinmetall- und Krauss-Maffei-Aktien gekommen sein.
(*) Ch'uzpe (x-, aus hebr.), G Frechheit, Unverschämtheit. (dtv-
Lexikon)
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