Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN PRAESIDENT - Vom Amt des Bürgerkönigs


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WEIZSÄCKER BEI DEN TÜRKEN

Ins Land, aus dem "unsere" Türken kommen, ist der Bundespräsident als "erstes westliches Staatsoberhaupt" seit dem Militärputsch gefahren. Für ihre politische Leistung hat er seine Gastgeber ausdrücklich gelobt. Die haben nämlich in den letzten sieben Jah- ren so weit wie möglich unter den Linken, den Gewerkschaften, den paar mohammedanischen Fanatikern und Völkerschaften wie den Kur- den aufgeräumt, weil sie sich nicht anständig aufführen wollten im türkischen Staat. Für so etwas gibt's bei unseren Politikern immer volles Verständnis, noch dazu im Falle eines Landes, das "unsere" Südflanke der NATO darstellt. Inzwischen ist die Türkei wieder so sauber, daß man bereits ein bißchen wählen lassen konnte und die Richtigen dran kamen. Gelegentlich dringen noch ein paar unschöne Nachrichten über Foltern und Massenhinrichtun- gen ins Ausland; aber das gilt als P r e i s d e r F r e i h e i t in einem Staat, der "auf dem Wege zur Demokra- tie" ist, wie der Weizsäcker seinen Kollegen in Ankara und Istan- bul ausdrücklich bestätigt hat. Zwischen der Bundesrepublik und dem schönen NATO-Lande, gibt es nur noch einen kleinen Punkt, wo sich "Mißverständnisse" und "Störungen" der Freundschaft nicht ganz vermeiden lassen. "Wir" haben nämlich nichts gegen Türken, außer, daß immer noch zuviel davon in Deutschland herumhängen, die die Regierung nicht mehr will, weil sie die deutschen Kapitalisten nicht mehr brau- chen. Auch unter deutschen Arbeitern wird die Auffassung vertre- ten, der Türk' sei schuld, wenn die Unternehmer mit mancher deut- schen Arbeitskraft nichts mehr unternehmen wollen. Das ist zwar ein bösartiger Fehler, weil die Kapitalisten einstellen und aus- stellen, wie sie's brauchen, und dabei keinen Unterschied bezüg- lich der Landsmannschaft machen. Aber es ist sehr praktisch für den "sozialen Frieden" bei uns, wenn die betroffenen Arbeiter einen Unterschied entdecken - nicht zwischen sich und dem Kapi- tal, sondern ausgerechnet zwischen sich und ein paar noch ärmeren Teufeln, die sie dann zum Teufel wünschen. Während kein Mensch auf den vernünftigen Gedanken kommt, die Kapitalisten und die Po- litiker sollten abhauen, darf sich ein Bundespräsident der Sympa- thien seiner arbeitenden Landsleute sicher sein, wenn er den Obertürken klarmacht, daß "wir" keinen Bedarf mehr haben an wei- terem türkischen Menschenmaterial. Und weil unser Staatsoberhaupt ein vornehmer Herr ist, gelingt ihm das auch in vornehmer Form. Nein, nicht die deutsche Regierung hat was gegen zuviel Türken. Es ist der Kamerad Türk' selbst, der nix wollen neues Ausländer in schöne BRD. Auf weizsäckerisch: "Die Bundesrepublik ist kein Einwanderungsland. Die Bundesrepublik ist auch gegenüber den hier lebenden Türken verpflichtet. Beim gegenwärtigen Stand der Arbeitslosigkeit würden bei einem starken Zustrom nicht nur die neuen türkischen Einwanderer von vorneherein in eine schwierige Lage gebracht. Auch ihre eigenen Landsleute würden darüber nicht besonders glücklich sein." Also keinesfalls eine Anwendung der EG-Freizügigkeitsbestimmungen auf die Türken! Als Trostpreis gab's dafür wieder einmal bindende Zusagen für kostengünstige Waffenlieferungen made in Germany. Und der deutsche Arbeitsmann behält die exklusiveren Rechte auf seine Ausbeutung durch deut- sches Kapital. Insofern alles paletti. Was deutsche Arbeiter an- sonsten noch davon haben, wenn die Türken zuhausebleiben müssen, demonstrierte der von Weizsäcker im Rahmenprogramm seines Aus- flugs an den Bosporus. Deutsche Unternehmer haben nämlich keine Vorurteile, weswegen z.B. MAN den Türken nachreist und in Istan- bul eine Klitsche aufgemacht hat, deren Belegschaft jetzt für den Präse aus Bonn Spalier stehen durfte. Wie ihre deutschen Kollegen wissen auch die Türken, was sich gehört und ziehen den Bauch ein, wenn die Herrschaft mal gnädig vorbeischaut. Dummerweise hat al- lerdings ein Mitglied der türkischen MAN-Familie verraten, was er so die Stunde verdient: umgerechnet DM 2.-. Das sei doch etwas wenig? Sicher - aber landesüblich! Einfach vorbildlich, wie deutsche Kapitalisten auf die Sitten und Gebräuche fremder Völker eingehen. zurück