Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN PRAESIDENT - Vom Amt des Bürgerkönigs
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RICHARD VON LABERSÄCKER DARF IM SOWJETISCHEN
FERNSEHEN DIE JUGEND EINSEIFEN
Unser Herr Präsident war bekanntlich Anfang Juli in Moskau zu Be-
such. Hier ein nachträglicher Kommentar zu den Gespräch, das der
Freiherr von Weizsäcker aus diesem Anlaß im sowjetischen Fernse-
hen mit sowjetischen Jugendlichen führen durfte und das auch die
freie deutsche Jugend vor ihren freien Fernsehapparaten verfolgen
konnte. Um es vorweg zu nehmen: Der noble deutsche Präsident
hatte leichtes Spiel. Und das lag an der moralischen Gutgläubig-
keit der sowjetischen Jugendlichen, denen - ebensowenig wie ihren
hiesigen Altersgenossen - an der westlichen Politik nichts auf-
fällt, wenn sie, wie in diesem Falle, in lauwarmer, aber nichts
desto weniger eindeutiger, moralischer Verpackung daherkommt.
Vorweg eine Anmerkung zur "Objektivität" westlicher Berichter-
stattung: Die Sowjetregierung hatte dem Bundespräsidenten für
seine Agitation ihr Fernsehen und ein paar unsäglich gutwillige
Jugendliche zur Verfügung gestellt, die Hälfte davon von dem ARD-
Korrespondenten Ruge in seiner Bekanntschaft persönlich ausge-
sucht. Kaum war die Veranstaltung über den Bildschirm gegangen,
hetzt der ZDF-Kommentator "handverlesen". Ja, was wollen sie denn
noch? Jugendliche, die sich gleich als Opfer kommunistischer Un-
terdrückung vorstellen und 'Heil Richard' rufen?!
Zweitens gleich eine Warnung, auf die Titel hereinzufallen, unter
die der Präsident und seine westdeutschen Verehrer die Reise ge-
stellt hatten - von wegen Frieden und Versöhnung und Verbesserung
der Beziehungen. Die Stahlhelmfraktion wird schon stinksauer ge-
wesen sein über die Tonart, die der gebildete Richard bei den
Russen angeschlagen hat. Die Dregger und Co. halten das sicher
für einen Verrat an deutschen Interessen, weil sie eben nicht
mitbekommen, für welche berechnende Vereinnahmung die Weizsäcker-
sche Schaumschlägerei taugt und wie d a m i t deutsche Politik
gegen die Sowjetunion gemacht wird.
Ein Lehrbeispiel für deutsch-demokratische Subversion
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Die Stichworte hat sich der Präsident von seinem Publikum liefern
lassen, das offensichtlich nur im Namen trostloser Moraltitel zu
denken und zu argumentieren gelernt hat. Als ob es auf der Welt
im allgemeinen und in der Politik im besonderen ausschließlich um
solche erbaulichen Hirngespinste ginge, ob "die Jugend" Ideale
hat und braucht; daß "die Völker" "eine Zukunft" als Aufgabe ha-
ben; daß "die Menschen" "den Frieden" wollen und es deshalb dar-
auf ankommt, daß sie sich als "Völker" besser kennenlernen; daß
vor allem "gute Menschen" in den Regierungen sitzen müssen und
dergl. Schwachsinn mehr.
Keine Kritik, nicht einmal ein bißchen Skepsis, nur kreuzbrave,
strohdumme Fragen an den Bundesrichard, der mit seiner unnachahm-
lichen Mischung aus Briefkastenonkel, Wort zum Sonntag, und Den-
kerstirn die Frager entsprechend eingeseift hat.
Die Technik
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1. "Ich", also das deutsche Volk; wir sind genauso für alles
Gute, Schöne und Wahre. Damit hat auch schon jeder Zweifel an den
guten Absichten der Bonner P o l i t i k zu entfallen.
2. "Ich und das deutsche Volk, wir sind noch viel mehr für alles
Gute, Wahre und Schöne, denn wir besitzen das richtige System.
Die russische Seite soll deshalb gefälligst damit aufhören, die
BRD - bloß wegen gewisser feindseliger Maßnahmen - als Feind zu
verdächtigen!
3. Der Systemvergleich auf der luftigen Ebene der Verehrung sitt-
licher Werte beweist vielmehr, daß auf russischer Seite noch ei-
niges im argen liegt, was geändert werden muß. Dabei bietet die
BRD ganz selbstlos und ohne jeden Hintergedanken ihre Hilfe an.
Ein Charakterschwein, wer bei diesen blauäugigen Phrasen an impe-
rialistische Ausnützung und militärische Bedrohung denkt.
Die Durchführung
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Der Präsident lobt die Perestrojka. Daraufhin die naive Frage, ob
die BRD nicht auch so etwas Feines brauchen könnte? Die Antwort -
der Präsident leicht unwirsch angesichts der Vorstellung, seine
Republik hätte irgendeinen Bedarf an Besserung: Das hätte jedes
Volk mit sich selbst auszumachen; da dürfte man (= die Russen)
anderen Völkern nicht reinreden. Aber wenn, dann sollte man ein-
ander "helfen" (= die BRD ist äußerst befugt dazu; den Russen in
ihre Perestrojka reinzureden!). Und sofort ein erstes
"Hilfs"angebot: Die Russen sollten doch ihre Umgestaltung nicht
als "Wettlauf mit der Zeit" ansehen. Im Klartext: Seht doch ein-
fach davon ab, daß ihr wegen der Bedrohung von außen, wegen der
Beschlußfassung von USA und NATO unter dem Titel "totrüsten" auf
euer Programm verfallen seid. Richard: Gut Ding will Weile haben.
Im Klartext: W i r sehen das Programm als eine großartige
Chance zur friedlichen Zersetzung eures Systems und für westdeut-
sche Geschäftemacherei. Da möchten wir uns gerne noch viel mehr
einschalten.
Frage: Wir haben Zweifel an der Nützlichkeit der Atomenenergie,
ist das bei euch auch so? Antwort: 1. Aber immer. Bloß bei uns
sind sie viel, viel besser aufgehoben. Bei uns darf nämlich schon
immer lebhaft diskutiert werden. Pluspunkt fürs System. 2. Sofort
hinterher eigentlich eine klare Auskunft, zu was die großartige
Diskussionsfreiheit in der Demokratie taugt - jedenfalls nicht
zur Abschaffung von AKWs. Der Präsident verkündet das Dogma des
"Sachzwangs", nach dem ein Aussteigen wegen Umwelt, Heizung und
Arbeitsplätzen schier unmöglich sein soll. Die Wahrheit, das
Staatsinteresse an und das Geschäft mit dieser strahlenden Tech-
nologie, kommt nicht vor. Statt dessen 3. die Schuldzuweisung,
Tschernobyl, 4. als Beweis, daß die Nationen wegen "Problemen"
"zusammenwachsen". Im Klartext: Unsere Atompolitik ist sa-
krosankt; eure gehört unter unsere Kontrolle und der sowjetische
AKW-Bau gehört als Geschäft der deutschen Atomindustrie zugeschu-
stert.
Frage: Zusammenarbeit der Völker ist gut; wieviel wirtschaftliche
Gemeinschaftsprojekte es schon gibt? Antwort - von den prakti-
schen Einzelheiten hat der Präsident natürlich null Ahnung:
"Zusammenarbeit" ist immer s e h r g u t. Aber die Russen sol-
len sich erst mal die Erwartung abschminken, daß Westfirmen ihnen
so einfach helfen, Devisen zu verdienen. Für das entgegengesetzte
Interesse seiner Industriebosse an einer Ausnützung der Sowjet-
ökonomie hat sich der Präsident die Weisheit ausgedacht, daß man
"die Konkurrenz" erst einmal auf einem "Binnenmarkt" "lernen"
müßte. Und da gäbe es einiges, was die Russen in ihrer Planwirt-
schaft abzuschaffen hätten. Ein richtig auszunützender "Markt"
ist das nämlich gar nicht, soll es aber wegen "Zusammenarbeit",
sprich: westdeutschen Profiten werden.
Frage: Man hat von Raketen in der BRD gehört und daß die deutsche
Jugend sich um den Frieden sorgt. Was sie alles dafür tut? Ant-
wort: Viel mehr, weil nicht totalitär wie bei euch; sondern spon-
tan. Und deshalb soll man auch gleich der offiziellen BRD-Politik
ihren Friedenswillen abkaufen. Daß die gesamte Friedensbewegung
noch keine einzige Waffe wegbewegt hat und mit welchen Techniken
Demokratien Proteste zu erledigen pflegen, läßt der Präsident
wohlweislich weg. Da ist ihm die russische Naivität, zu glauben,
daß Proteste von unten eine Regierung zur Änderung ihrer Politik
bewegen müssen, gerade recht.
Frage: Man hätte etwas von neofaschistischen Tendenzen in der BRD
gehört und Angst davor. Antwort: gar keine, sondern 1. Russen und
Deutsche haben beide viel mitgemacht im letzten Krieg. 2.
D e s h a l b müssen sie sich jetzt verständigen. 3. D a f ü r
sind "russische Denkgewohnheiten" mit "faschistischer Gefahr"
usw. ein Hindernis, bzw. glatte "Indoktrination" und eine Belei-
digung des guten Volks. Kein Argument zur deutschen Politik, die
den letzten Krieg veranstaltet hat. Kein Argument zur heutigen
Politik mit ihrem immensen Waffenbedarf. Kein Argument gegen die
russische Ahnungslosigkeit, sich ausgerechnet vor der Wehrsport-
gruppe Hoffmann zu fürchten. Wo doch die Neofaschisten gar keine
Chance haben, weil alle Rechtstitel, für die sie antreten, bei
den Regierenden viel zu gut aufgehoben sind, von der inneren Ord-
nung und Sauberkeit bis zu den auswärtigen Ansprüchen der Nation.
Frage: Vorurteile, die die Völker gegeneinander hegen, sind ge-
fährlich. Was die Deutschen denn so über die Russen denken? Ant-
wort: 1 Jawoll, eine Politik verdankt sich ganz der Meinung, die
die Völker voneinander haben. (Wegen ihrer Vorurteile haben sich
die Deutschen also damals Panzer besorgt und sind nach Osten ge-
zogen. Richard muß es wissen, er war ja damals mit dabei.) 2.
Eine unverschämte Lüge: Die Deutschen schätzen die Russen, weil
sie so furchtbar viel lesen! Als ob ausgerechnet das jeden Tag in
der deutschen Presse von "Bild" bis "FAZ" zu lesen wäre! Als ob
die tagtägliche Russenhetze, von "aggressiv" bis "barbarisch",
von "dumm und faul" bis "unfähig", von "vergreist" bis zu
"terroristisch" das Präsidentenohr noch nie erreicht hätte. Gut
gelogen, Richard!
Der Erfolg
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Zu dem hat die realsozialistische Erziehung mehr beigetragen als
die Schwafelkünste des Bundespräsidenten. Von Marxismus-Leninis-
mus keine Spur, statt dessen lauter moralische Gutgläubigkeiten
im Hirn. Eine vom sozialistischen Bildungswesen systematisch ver-
dummte Generation, die sich die Demokratie westlicher Machart
nach dem sowjeteigenen Idealismus einer verpflichteten Herrschaft
zurechtlegt. Die also keine Ahnung davon hat, daß Demokratie
vielmehr die Herrschaftstechnik ist, das Volk einerseits für die
kapitalistische Reichtumsproduktion zu organisieren. Und die an-
dererseits seinen politischen Willen bildet, so daß es sich die
Angriffe auf die private Existenz, Armut, Ausbeutung und eben
auch Atomkraft als "Sachzwänge" schafsmäßig gefallen läßt, for-
dernd und unbescheiden nur im Namen von Staat und Nation auf-
tritt. In der Sowjetunion hat man offensichtlich auch noch nie
etwas davon gehört, daß die im Westen merkwürdigerweise so weit-
verbreitete Abneigung gegen die Russen alles andere ist als ein
überkommenes Volksvorurteil, sondern die dem Volk verabreichte
"Aufklärung" über den Feind, den die P o l i t i k aus
i h r e n Gründen zum Feind erklärt hat. Und genausowenig Auf-
klärung hat der Sozialismus in Sachen internationale Politik be-
trieben, daß man es da überhaupt nicht mit "V ö l k e r n" und
deren "Meinungen", sondern mit sehr materiell kalkulierenden
S t a a t s g e w a l t e n zu tun hat. Mit Staaten, die als
Agenten das Kapitals auf die Erweiterung ihrer Macht aus sind und
dafür alle ökonomischen und militärischen Erpressungsmittel ein-
setzen.
Da verwechselt die sowjetische Jugend Kredite mit Geschenken,
Handel mit wechselseitigem Vorteil und Joint Ventures mit Nach-
hilfeunterricht in "Wirtschaften", als ob damit nicht die ganze
"Systemfrage" auf dem Tisch wäre! Sie sind schlicht unfähig, aus
den schmierigen "Ratschlägen" von wegen "ökonomischer Reform" die
unverschämte Forderung herauszuhören, der Sowjetstaat hätte sich
von seinem Programm einer sozialstaatlichen Betreuung und Exi-
stenzgarantie für jeden zu trennen und hätte erst einmal eine or-
dentliche Scheidung von Geschäftsreichtum und Arbeiterarmut her-
zustellen, damit sich die auswärtigen "Freunde", Banker und Indu-
striekapitäne endlich einmal großzügig an den nationalen Ressour-
cen, Natur und Arbeitskraft bereichern können.
Den naiven Idealismus seines russischen Publikums hat der berech-
nende des Bundespräsidenten total einvernahmt und ausgenützt.
Eine Jungrussin im Anschluß: Sie wäre sehr beeindruckt, der Prä-
sident hätte soviel Intelligenz und Kultur und könnte sicher viel
für den Frieden tun.
Sämtliche harten Forderungen der NATO als hehre und verbindende
Menschheitsideale vorgetragen: So nützt Weizsäcker die idealisti-
sche Dummheit aus, die der Sozialismus bei sich als Volksbildung
erzeugt hat, indem man sich selbst als eine genauso gutartige und
liebenswerte Spezies Mensch vorführt. So züchtet man Parteigänger
des Westens. Allerdings, der Ehrlichkeit halber - die Weizsäcker-
Tour tut auch zu Haus ihre Wirkung. Auch da laufen genug Leute
herum, die die imperialistische Politik, sei es nun SDI, oder
Pershing, Deutschland in den Grenzen von 1937 oder Export deut-
scher Ausbeutung nach Rußland, dann schon nicht mehr wiedererken-
nen, wenn ein Weizsäcker dieselben Vorhaben mit seinen lauwarmen
Menschheitsphrasen einnebelt.
Ein Nachtrag
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Es hat einige Empörung darüber gegeben, daß die "Prawda" die
Weizsäcker-Tischrede um ein paar Stellen gekürzt hat, an denen
ihr der Bundespräsident die deutschen Forderungen zu frech vorge-
tragen hat. Der Empörung schließen wir uns an, aber aus genau
entgegengesetzten Gründen: Die Sowjetführung tut sich
s e l b s t damit einen schlechten Gefallen. Sie hätte gefäl-
ligst ihre Leute davon zu unterrichten, mit was für Figuren und
mit was für einer Politik sie es zu tun haben.
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