Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN PRAESIDENT - Vom Amt des Bürgerkönigs
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Hambacher Fest
GEBURTSTAGSFEIER FÜR EINE DEMO
"Was war es aber, was die Männer von Hambach abhielt, die Revolu-
tion zu beginnen?... als die Frage der Kompetenz zur Sprache ge-
kommen, als man darüber stritt, ob die zu Hambach anwesenden Pa-
trioten auch wirklich kompetent seien, im Namen von ganz Deutsch-
land eine Revolution anzufangen? da (sind) diejenigen, welche zur
raschen Tat rieten, durch die Mehrheit überstimmt worden, und die
Entscheidung lautete: 'man sei nicht kompetent'. O Schilda, mein
Vaterland!" (Heinrich Heine, in: Ludwig Börne, 3. Buch, 1840)
Heines Spott über die weinseligen Hambacher Bürger, die sich
nicht getrauten, "eine Revolution anzufangen", kam als Mär vom
treudeutschen Biedermannscharakter in demokratischen Zeitläuften
zur hohen Ehre einer offiziellen Geschichtsbetrachtung. Derzu-
folge sollte das "Manko" an "revolutionärem Geist" in Deutschland
von Übel gewesen sein, nicht etwa, weil die "Unterdrückung" durch
die königlichen Herrschaften fortdauerte, sondern weil es der
deutschen Demokratie ein weiteres Manko als gewaltige Bürde hin-
terlassen haben soll: den bedauerlichen Mangel an demokratischen
Traditionen!
In der Tat sieht ja im edlen Wettstreit der Nationen um die urde-
mokratischste Gesinnung das Hambacher Volksfest der 30.000 gegen
ein so kolossales Ereignis wie die französische Revolution eher
matt aus. So galt dem liberalen Geist Hambach weniger als Mark-
stein des Fortschritts denn als "Denkmal der Vergeblichkeit" im
"Kopf um die Freiheit", von dem aber immerhin die "Farben der
deutschen Fahne geblieben" seien.
Derlei geschmäcklerisches Naserümpfen über die nationale Ge-
schichte gehört der nunmehr bewältigten Periode der antifaschi-
stischen Vergangenheitsbewältigung an, in der man mit dem selbst-
anklagenden Gestus der Bescheidenheit den "Untertanengeist aus
antidemokratischer deutscher Tradition" für den Faschismus haft-
bar machte und sich und den Faschismus entschuldigte. Am 150. Ge-
burtstag der "ersten deutschen Massendemonstration" reklamierten
von den Grünen bis zu den C-Gruppen sämtliche Parteien die
"Hambacher" für sich. Zwar gab es das bei solchen Anlässen übli-
che muntere Gezänk darum, wer am eindeutigsten in der gerühmten
Tradition stehe - so lud die rheinland-pfälzische Regierung unter
riesigem Aufgebot von Polizei und Burschenschaftern Ehrengäste zu
einem offiziellen Festakt auf dem Schloß, was von den SPD-Hamba-
chern prompt als "exklusiver, provinzieller Zirkel" entlarvt
wurde, der den "Traditionen des Mai von 1832" ins Gesicht
schlage! Allen Parteien aus der Seele sprach jedoch Bundespräsi-
dent Carstens, als er in der Feierstunde ganz überparteilich be-
kanntgab, daß die deutsche Geschichte gefälligst nicht mehr als
"Geschichte des Scheiterns" zu betrachten sei.
"So gibt es eine durchgehende geschichtliche Linie von 1832 über
1848, 1918/19, 1948/49 bis heute - von Hambach über Frankfurt,
Weimar, Bonn bis heute. Es ist eine, Linie der Demokratie und der
Freiheit."
Schließlich: wozu sich nörglerisch-defätistisch dabei aufhalten,
daß diese durchgehende Linie durch Kaiser Willem und Adolf hin-
durchging, wenn doch als ihr Endpunkt die glorreiche bundesrepu-
blikanische Demokratie zu bewundern ist:
"Die Ziele von 1832 sind erreicht worden! Das Streben von Sieben-
pfeiffer und Wirth... war auch das Streben der Männer und Frauen,
die im Parlamentarischen Rat zur Ausarbeitung des Bonner Grundge-
setzes zusammentraten..."
Ob Siebenpfeiffer und Wirth ("Die Natur der Herrschenden ist Un-
terdrückung, der Völker Streben ist Freiheit") 1832 das Bonner
Grundgesetz vorschwebte, kann man getrost auf sich beruhen las-
sen. Bezeichnend für die Selbstfeier des deutschen Staates 1982
jedenfalls, daß die Freiheit ganz umstandslos als ein einziger
Anspruch der Politik an die Bürger vorgebracht wurde. Wie ein Pa-
radiesvogel mutete in dieser Feierstunde der holländische Präsi-
dent des Europaparlaments, Piet Dankert, an, der "Grüne, Pazifi-
sten und Atomgegner" als würdige Nachfolger der Hambacher aus-
machte und zum Abbau der "Barrieren zwischen politischen Aktionen
betroffener Bürger und den politischen Institutionen" aufrief.
Carstens war da genauer:
"Als die Freiheit verfolgt und unterdrückt wurde wie 1832 oder
1848 -, konnte der Liberale ein Revolutionär sein. Heute, in ei-
nem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat, ist derjenige, der
die Revolution fordert, notwendigerweise ein Kämpfer gegen die
Freiheit. Gegen diese Revolutionäre muß die Freiheit verteidigt
werden."
Freiheit - das ist für deutsche Staatsagitatoren identisch mit
der BRD, und die gehört verteidigt. Wo der Mensch so frei ist,
sich entscheiden zu dürfen, von welchem Helmut er sich regieren
lassen will, hat es politische Aktionen in Distanz zu den
"politischen Institutionen" nicht zu geben. Für Carstens bildete
das Lob der Demonstration für die korrekten Ideale schon nur noch
den Auftakt, sogleich das unerhörte Faktum einer Demonstration
gegen die Obrigkeit zu problematisieren. Während der notorische
Bayerische Rundfunk in einem Fernsehspiel die Kämpfer Sieben-
pfeiffer und Wirth darin als vorbildliche Patrioten pries, den
radikalen Burschenschaftlern eine Revolution ausgeredet zu haben,
rang sich der Bundespräsident das Zugeständnis an die "Demokraten
von damals" ab, verständlicherweise gegen die "herrschende
Ordnung" gekämpft zu haben, um seinerseits die Gewaltfrage zu
stellen:
"So sollte auch das Thema der Anwendung von Gewalt zur Erreichung
politischer Ziele, über das auf dem Hambacher Fest diskutiert
wurde, für uns kein Thema mehr sein. In unserem Land gibt es Wege
und Mittel zur friedlichen Lösung aller Konflikte." (Carstens)
Wo die Freiheit das Gewaltmonopol innehat, ist Gehorsam gegen die
Obrigkeit des Bürgers erste Pflicht, diese aktuelle "Hambacher"
Botschaft faßte der Landtagspräsident von Rheinland-Pfalz,
Albrecht Martin, in folgende prägnante Formel:
"Im freien Staat ehrt ein Volk immer zugleich sich selbst, indem
es den Repräsentanten seines Staates Vertrauen und Respekt entge-
genbringt."
Wo es diese Freiheit nicht geben soll - eine furchtbare staatli-
che Beschränkung der Menschen, sich in ihren Staatsfiguren nicht
ehren zu können - mit anderen Worten, im Völkergefängnis hinter
dem Eisernen Vorhang, ist Aufruhr dagegen immer begrüßenswert.
Neben der schwarz-rot-goldenen Fahne wehte 1832 in Hambach die
weiß-rote polnische Flagge - gehißt von polnischen Emigranten!
Vorbilder auch in Sachen "europäische Solidarität gegen Unter-
drückung", feierten die Hambacher die polnischen Kämpfer gegen
die "russische Fremdherrschaft".
"Und wie die eigentlichen Sieger wurden jetzt die Geschlagenen in
den westlichen Ländern aufgenommen - wie wenn die Bevölkerung an
ihnen hätte wiedergutmachen wollen, was die offizielle Politik
der Staaten an Hilfeleistung schuldig geblieben war."
(Süddeutsche Zeitung, 22./23.5.1982)
Ohne den aktuellen Bezug für seine moralische Lehre aus dem
"Hambacher Fest" überhaupt nennen zu müssen - welcher politi-
sierte Demokrat dächte hier nicht an die im Westen herumgereich-
ten Solidarnosc-Führer des polnischen Aufstands gegen den "realen
Sozialismus" -, bringt ein SZ-Schreiber namens Wucher seine Bot-
schaft an den Leser: Freiheitskampf heute - ist die Unterstützung
der Freiheitskämpfer im Osten, die von der "offiziellen Politik"
angeblich zu lasch betrieben wird. An der Kampfmoral, gegen eine
unüberwindliche "russische Übermacht" auch einen "wahnwitzigen
Aufstand" zu beginnen, kann sich der deutsche Bürger ein Vorbild
nehmen. Heute, 150 Jahre danach, kann Hambach nur noch bei Danzig
oder Kattowitz liegen, und dieses Fest hat bessere Erfolgsaus-
sichten als damals.
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