Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN PRAESIDENT - Vom Amt des Bürgerkönigs


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       200 Jahre  tot. Ein  prima Anlaß,  die Leiche auszugraben und den
       "Alten Fritz" mit neuem Leben auszustatten. Eins ist klar: Er ist
       Bestandteil "unserer  Vergangenheit" -  und deshalb  müssen  "wir
       uns" mit  ihm beschäftigen. Ganz gleich, ob man ihn und seine Tu-
       genden ganz ohne Distanz als Vorbild anständiger Deutscher feiert
       oder ob  man am  alten Unhold  und seinen Untugenden das paradoxe
       Ideal einer menschheitsbeglückenden Politik in Szene setzt.
       Das gewählte  Obervorbild der Republik hielt natürlich auch nicht
       die Schnauze,  sondern eine "viel beachtete Rede" - was sonst? -,
       "an historischer Stätte" - wie er das nur immer hinkriegt?! -, in
       der er - gerecht und ausgewogen wie immer! - seine Untertanen mit
       viel Lob und Tadel für den großen König bedachte.
       
       Weizsäcker: Friedrich der Große
       und der Mißbrauch eines Mythos
       

DIE DIALEKTIK DES DEUTSCHTUMS

Wenn der Präsident seine Tour nicht an jedem beliebigen Gegen- stand (Mauer, Auto, Teilung, Frau usw.) an jedem beliebigen Ort (vor Abgeordneten, Kindern, Wissenschaftlern, Bankfritzen) be- herrschen würde, dann müßte man meinen, der Alte wäre wie ge- schaffen für ihn: ein vielseitig widersprüchlicher Mensch, unsen- timental und doch tierlieb, sachlich und doch den Künsten aufge- schlossen usw. - kurz - ein Mann wie aus dem Bilderbuch eines Wahlkampfpromotors. Entsprechend widersprüchlich ist auch seine Bewertung, besonders vor dem Richterstuhl der Geschichte. Und da kennt der Weizsäcker sich aus: "Beides - Verherrlichung und Verdammung - ist gleichermaßen unhi- storisch." Man darf gespannt sein, was rauskommt. Eins sei schon verraten: Der Präsident hält sein Wort. Weder das eine noch das andere, sondern von jedem ein wenig, also beides, wenn auch nicht alles. Schon die Wahl des Ortes läßt ahnen, daß der Präsident weite Bö- gen schlagen wird: von der Vergangenheit in die Gegenwart und Zu- kunft, von West nach Ost, von oben nach unten, von Mensch zu Mensch: "Am 1. Juni 1740 ritt der neue König von Preußen, Friedrich II., hier in den Schloßhof von Charlottenburg ein. Sein Vater, Fried- rich Wilhelm I., war am Tag zuvor gestorben. Friedrich will nicht in das zehn Kilometer entfernte Berlin, wo das Volk ausgelassen seiner Freude über den Thronwechsel Ausdruck gibt." Bevor der Redner mit seinem Helden die ihm eigenen Themen ansteu- ern kann, müssen einige Vorarbeiten geleistet werden. Der Held befindet sich noch in einem Zustand, der ihn für die Repräsenta- tions- und Legitimationszwecke eines modernen Staatsmanns nicht geeignet erscheinen läßt. Vor allem im Ausland "hieß es, eine ge- rade Linie habe von Friedrich zu Hitler geführt". Nun kann zwar unser Held wenig für diese üble Nachrede, aber um die Verleumder zurechtzuweisen und ein neues gültiges Friedrichsbild in die Welt zu setzen, scheint es sinnvoll, den Alten ein wenig herauszuput- zen. Und was da am Anfang steht, ist ein Mann ganz nach dem Ge- schmack unseres Präsidenten, ja fast unser Präsident selbst: so- zial ("Verkauf von Getreide aus den königlichen Magazinen zu Niedrigpreisen, um einer Hungersnot vorzubeugen" - eine wahrhaft königliche Geste!), gerecht und human ("Kindsmörderinnen werden nicht mehr ertränkt" - sondern enthauptet), liberal und tolerant ("jeder in Preußen solle nach seiner Fasson selig werden" - wenn er Preußen dient, darf er beten, was er will) und nicht zuletzt: kunstsinnig. Unser Friedrich verfügt also über Eigenschaften, die ihn zu einem ganz modernen Politiker machen, der darauf bedacht ist, in seiner Selbstdarstellung nicht als das zu erscheinen, was er ist: eine Figur, die das Volk nach Maßgabe der definierten staatlichen Notwendigkeiten einsetzt; sondern genau umgekehrt als einer, der all das nur tut, um sein Volk zu beglücken. Wie dem auch sei: R. v. Weizsäcker hat durch die eine Seite von Fried- richs Wesen den Boden bereitet für das Verständnis der anderen: "Was war er für ein Mensch?... Er war und blieb den Menschen ein Rätsel... Kaum einer bleibt so schwer zu fassen." Ein differenziertes Urteil über diesen Mann ist also nicht jedem x-beliebigen erlaubt - auch nicht bei einer ganz klaren Sache, daß nämlich "er, Friedrich, unter Bruch von Regeln und gegebenen Worten einen Eroberungskrieg vorbereitet". Wer Friedrich kennen- gelernt hat, wie wir ihn kennengelernt haben, der wird überrascht sein: Nein, doch nicht dieser Mann! Kommt gar der Präsident selbst nicht um eine Verurteilung seines Helden herum? Doch! Und zwar mit einer intellektuellen Meisterleistung: "Gewiß im 18. Jahrhundert raubten sie alle, England, Frankreich, Rußland und später auch Amerika. Angriffe und Vertragsbrüche wa- ren an der Tagesordnung." Geschickt weist er Freund und Feind darauf hin, daß sie auch Dreck am Stecken haben, der darum, weil ihn alle dranhaben, schon keiner mehr ist, sondern eher eine Art Modeerscheinung, über die sich wohl nicht mal die Betroffenen mehr gewundert haben. Aber unser Präsident ist schlau. Schon im Wörtchen "gewiß" steckt die rhetorische Vorausdeutung, daß der Wächter der bundesdeutschen Politmoral das so nicht stehen lassen will. Und er schafft das, ohne Friedrich eins reinzuwürgen. Im Gegenteil. Er hätte es ge- rade von ihm nicht erwartet: "Aber war Friedrich nicht anders? War er nicht die neue Hoffnung für alle fortschrittlichen Reformer? Der Antimachiavelli?" These, Antithese, Weizsäcker: "Er war anders und" (Man höre und staune!) "war es nicht. Macht- politik und Aufklärung, humane Kultur und Gewalt, Freiheit und absolute Herrschaft - für Friedrich gab es keine Auflösung dieses Dilemmas, sondern das eine und das andere." Hier hat Herr W. einen Gipfel der Redekunst erreicht: Er bedient sich in seinen Begriffspaaren des vermeintlichen Gegensatzes von Ideal und Praxis, ohne daß er befürchten müßte, einer seiner Zu- hörer könnte dran ihre notwendige Zusammengehörigkeit entdecken. Die bleibt dem 18. Jhdt. vorbehalten. Und als Zeiterscheinung ge- reicht sie Friedrich zur Ehrenrettung, ohne daß Richard seine hehren Grundsätze über Bord werfen muß. Und damit müssen wir dieses unser geschichtliches Phänomen als dieses Doppelte, eben als Ganzes erfassen und annehmen: "In seinem Leben gibt es Beispiele für entschlossenen Mut und Wankelmut, für den tiefen Willen zur Gerechtigkeit und für platte Willkür, für Selbstbeherrschung und Launenhaftigkeit, für Treue und Verrat, für Humanität und Grausamkeit, für Pflichterfüllung und Leichtsinn, für Genialität und schwere Fehler in der Schlacht. Er trat für die Gleichheit aller Menschen ein und war womöglich der absoluteste Herrscher in Europa. Er verstand sich und handelte als 'Anwalt der Armen' - und mußte doch während des Siebenjährigen Krieges das Letzte aus seinem Lande herauspres- sen..." usw. usf. Wir brechen an dieser Stelle den dialektischen Reigen des Präsi- denten ab, weil sich gerade hier in geradezu wunderbarer Weise zeigt, wie mit den einfachen Mitteln des Besinnungsaufsatzes po- litische Freiheit und die von ihr erzeugte Not in einer höheren Notwendigkeit zur harmonischen Synthese vereinigt werden können. Wenn wir den großen Toten so annehmen, dann hat er uns auch viel zu geben. Zuvörderst Bescheidenheit und Mäßigung in politischen Ansprüchen. Ein Schritt nach dem andern. Erworbenes Gelände si- chern vor weiteren Erwerbungen: "Zwar wollte er keinen Quadratmeter Schlesiens zurückgeben. Ge- nauso wahr aber ist, daß er sich auch durch größte militärische Triumphe nicht dazu verleiten ließ, mit den Mitteln des Krieges auch nur einen Quadratmeter über Schlesien hinaus haben zu wol- len." Im engen Zusammenhang damit steht die Fähigkeit, die eigenen Machtmittel realistisch einzuschätzen. Nur Dinge anzufangen, die man auch vollenden kann, z.B. keine Kriege anzufangen, die man nicht gewinnt: "Weitere Annexionen aber hätten die Ressourcen seines Landes überfordert. Zudem war sich Friedrich bewußt, daß jede zusätzli- che kriegerische Gebietserwerbung Preußen endgültig isoliert und somit in seiner Lebensgrundlage entscheidend gefährdet hätte." Wie recht der König hatte - dafür braucht der Präsident den Be- weis gar nicht anzutreten -, beweisen seine unklügeren Nachfah- ren. Mit einer Ausnahme: Bismarck! Der hatte die friderizianische Dialektik von Macht und Gesprächsbereitschaft in Kriegs- und Friedenszeiten voll beherzigt: "Er hatte es von Friedrich gelernt, daß die andern nur bereit sein können, ein solches Machtgebilde zu akzeptieren, wenn man selbst nicht nur stark," (eine geradezu banale Selbstverständ- lichkeit!) "sondern auch maßvoll ist, wenn man seine Ansprüche zu beschränken weiß." Das gilt ganz besonders für unser Verhältnis zur Sowjetunion, für das uns Friedrich entscheidende Impulse geben kann. Stärke ge- winnt ein Staat nicht nur aus Stärke, die zwar unabdingbar ist, um die "guten Beziehungen" auch nutzen zu können. Aber so einge- setzt - ein Schuft, wer hier an Erpressung dächte! -, sind sie ein beständiger Quell neuer Stärke: "Mit diesem gewaltigen, an Einfluß ständig wachsenden Nachbarn gerade wegen seiner Gefährlichkeit" (Um wieviel mehr gilt das heute!) "gute Beziehungen zu haben, wurde Friedrich um so wichti- ger, je länger er regierte. Er wollte immer ein Freund der Russen sein, aber niemals ihr Sklave." Ein wahrhaft historischer Weitblick, den der Redner hier am Alten Fritz entdeckt, der noch nicht wissen konnte, daß "russische Knu- tengesinnung" (vgl. Augstein) nicht nur zum Naturcharakter dieses Volkes gehört, sondern in moderner Zeit durch den widernatürli- chen Kommunismus noch verschärft wurde! Schlimmer noch: Heute i s t Preußen Rußlands Sklave: "Daß wir Deutschen den Todestag des Alten Fritz nicht gemeinsam dort begehen können, wo er gestorben ist, in Sanssouci, sondern getrennt in zwei Staaten, haben wir nicht seinem Jahrhundert zu- zuschreiben, sondern unserem eigenen." Und so gemahnt uns Friedrich II. auch noch an die schmerzhafte Teilung: Wie geschaffen, um einem gespaltenen Volk zur nationalen Identität zu verhelfen! zurück