Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN PARTEIEN - Vom Beruf des Politikers
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MÄNNER DER WENDE
Der "Neuanfang" in Bonn kommt nicht von selbst. Er wird von Men-
schen mit Fleisch und Blut gemacht, von politischen Persönlich-
keiten nämlich, die sich nicht in ein Schema, in ein politisches
Programm pressen lassen, sondern sich mit ihren eigentümlichen
persönlichen Eigenschaften, mit ihren jeweiligen besonderen Cha-
rakterzügen der hohen Verantwortung stellen. Fast überflüssig
hinzuzufügen, daß sie alle auf ihre Art schwer mit sich gerungen
haben, bevor sie sich auf ihr schweres Amt stürzten. Was diese
Menschen, die trotz schwerer Zeiten die Wende mutig mittragen,
auszeichnet, sei an ausgewählten Personen der neuen Regierung
kurz und knapp hingeschrieben. Um eine Wertung zu vermeiden, die
bei Politikern leicht einseitig ausfallen kann, wählen wir die
alphabetische Reihenfolge, also z.B. G... vor K...
Barzel, Rainer, als der beste Fraktionsvorsitzende, den die C-
Gruppen je hatten, in die Geschichte eingegangen, vor allem aber,
weil er scheiterte, sie als Kanzler zu machen. Dabei unterlief
dem politischen "Wunderkind" der jungen BRD nur ein ganz kleiner
Fehler, aber ein saudummer. Rainer verbarzelte seine Kanzler-
schaft dadurch daß er die Parlamentarierkäufe für sein Mißtrau-
ensvotum zu wenig absicherte (also wahrscheinlich zu wenig
Scheine oder Posten - egal - locker machte). Obwohl der ehemalige
Gesamtdeutsche Minister die Zeichen der Zeit erkannte und gegen-
über der Ostpolitik nicht abgeneigt war, hat sich der Mann der
Union von dieser Schlappe nie wieder erholt, hatte er doch durch
diesen Mißerfolg Brandt und den Sozialdemokraten erst so richtig
in den Sattel verholfen. Seitdem zirkulieren so häßliche Urteile
über ihn wie, er wäre "unpopulär" und "kein guter Kanzler" gewor-
den. Glatte Lügen, denn hätte er "Glück" gehabt (s.o.), wäre er
natürlich populär und ein guter Kanzler geworden. In der Politik
macht der Erfolg die Charaktergröße, wie Rainer Barzel mit seiner
Autobiographie bestätigte. Sie trägt den Titel: "Es ist noch
nicht zu spät." Und wie recht er hat. Nachdem er jahrelang der
Sonnenbräune gehuldigt hat, um beim Schreiben neuer Bücher neue
Weiber aufzureißen, wie mit seinem letzten: "Binde Deinen Karren
an einen Stern." (Auszug), landet er jetzt wieder dort, wo er
schon einmal für ein Jahr gewirkt hat, im Ministerium für inner-
deutsche Beziehungen, damals noch das Ministerium für Gesamtdeut-
sche und Berliner Fragen. Der gute Rainer durfte sogar das Miß-
trauensvotum begründen, das jetzt Erfolg hatte. Wie sich so ein
schöner Mensch in vollsten Mannesjahren nur so erniedrigen lassen
kann. Aber wahrscheinlich ist Barzel schon darüber hinweg und
findet Erfüllung im menschlichen Verkehr zwischen der deutschen
Nation und in seiner scharfen und blendend treffenden Rhetorik:
"Mal auch blüht um Dich das 'Wir' wie Blumen auf der Sommer-
wiese." Leider auch nur ein Auszug aus dieser Persönlichkeit, die
sicher vollständiger ist.
Blüm, Norbert, könnte auch Norbert Nell-Blüming heißen, weil er
mit der c h r i s t l i c h e n Soziallehre für die CDU wirbt.
Dies von langer Hand vorbereitet: aus einer Mischehe entsprungen,
also streng katholisch, nach der Volksschule in die Lehre; dort
schnell gegen die "Extremisten" als christlicher Arbeiter in den
Betriebsrat; dann "die Schnauze voll im Betrieb" und als St. Ge-
orgs-Pfadfinder durch ganz Europa; endgültiges Ende des Prole-
tendaseins: zweiter Bildungsweg, Abitur, Dr. phil. bei Tönnies.
Von da an nur noch politische 'Arbeit', wie man so sagt. Sie be-
steht darin, mittels der unbedeutenden CDA (Christlich-Demokrati-
sche Arbeitnehmerschaft) und über deren Sozialausschüsse christ-
lich demokratische Arbeitnehmerfreundschaft zu demonstrieren. Der
Erfolg hat ihm recht gegeben. Hat doch diese etwas kleingeratene
Mischung aus ehemaligem Arbeiter, worauf er natürlich ewig herum-
reitet, katholischer Moralsuppe und philosophisch promovierter
Brille tatsächlich ausgerechnet das Arbeitsministerium übernom-
men. Also ein Arbeiterverräter, der dazu steht. Mit den auf der
Abendschule erlernten Gesetzen der Logik hat er jüngst seinen
Kollegen Arbeitern bewiesen, daß der Gebrauchswert 'Bett' eine
einzige Zwangsveranstaltung ist: "Wenn es zu viele Betten in den
Krankenhäusern gibt, legen sich die Leute auch hinein."
Norbert Blüm ist ein Anhänger der "Atempausen" - bei sozialer Si-
cherheit, beim Lohn der Arbeitnehmer -, weil er in seiner ganzen
Person "auf der Seite derjenigen steht, die arbeiten können, aber
nicht wollen". Natürlich gilt das nur für den Arbeitsminister.
Dollinger, Werner, fleißig, pünktlich, raucht nicht, trinkt we-
nig, ein Evangelischer in der CSU, Bundesschatz- und Bundespost-
minister mit Abitur, mit einem Wort, ein Polit-inger. Gefehlt hat
ihm nur noch das Verkehrsministerium. Das stärkt sicher seine Po-
tenz.
Ertl, Josef, Bauernsohn und akademischer Landwirt, früher einmal
Stukaflieger und auch heute noch sportlich in Lederhose. Der
freidemokratische und katholische Garant selbständigen deutschen
Bauerntums bediente für die SPD die europäische Melkmaschine mit
bewundernswertem "Sitzfleisch". Daß er dabei eine Menge deutscher
Bauern versauern ließ, ist ganz natürlich, da Deutschland in Eu-
ropa vorwiegend industriell absahnen will. Durch ständiges Rühren
in der Notwendigkeit bäuerlicher Gesundschrumpfung hat er sich
zum Butterbergsbauern hochgearbeitet, damit jeder sieht, was not-
wendig ist. Ertl kommt mit seinen Bauern gut zurecht, weil er wie
viele Bauern auch mit dem lieben Gott gut zurechtkommt. Nur steht
er sich - nach Einstein - relativ besser dabei. Bodenständig wie
er ist, bleibt er auch nach der Wende einfach in der Regierung.
Keine deutsche Kuh nimmt ihm das übel. Warum auch, wo doch jedes
Rindvieh letztlich dem liberalen Element zur Durchsetzung ver-
hilft, wenn in ihm im Frühjahr oder Herbst der Drang zum Neuan-
fang aufsteigt.
Geißler, Heiner, ein Fußballtrainer eigentlich von Natur aus, der
aber an seinen politischen Ambitionen festhält. Dafür zitiert er
inzwischen schon Kant und Heine, ohne zu wissen, was die sagen
wollten. Die harmlose Moralwachtel Frau Hamm-Brücher, die wahr-
scheinlich meint, was sie sagt, hat er zum Unwillen seiner Par-
teigenossen mit dem Terrorismusverdacht belegt und zum "Anschlag
auf die Verfassung" erklärt, was nun wirklich übertrieben ist.
Alles äußerst gute Voraussetzungen für das Familienministerium,
in dem er jetzt über der Analyse seines Kanzlers Kohl brütet:
"Viele Eltern wünschen sich mehr Kinder als sie tatsächlich ha-
ben." Unser Vorschlag zur Lösung: Nicht nur die Stirn in Falten
legen... oder bei Grass nachschlagen!
Genscher, Hans-Dietrich, sorgte als Innenminister für die innere
Sicherheit, also für den Schutz der Freiheit der Bürger durch
Verstärkung der Sicherheitskräfte. Als Außenminister tritt er der
Freiheit anderer Völker auf die Füße, damit die deutsche Nation
sich um so freier in der Welt bewegen kann. In eigenen Worten:
"Politik ist Ausgleich von Interessen, nicht einseitige Aufgabe
der eigenen." Da Scheel nach oben aufstieg, wurde er, der Libe-
rale, ganz selbstverständlich Außenminister, wozu sein Verstand
ja auch ausreicht. Böse Zungen nennen ihn "Schweinchen Schlau",
obwohl sein Standpunkt eindeutig "in der Mitte" liegt und auch
sein Kopf mitten zwischen seinen Ohren steht. Das sieht man
daran, daß er schon wieder Außenminister und Vizekanzler ist.
Diesem Menschen "Verrat" vorzuwerfen, ist völlig unangebracht!
Der ist so! Der nimmt dem Volk den letzten Pfennig zum Leben und
sagt, daß damit liberale Politik verwirklicht werde. Seine langen
Ohren garantieren für Glaubwürdigkeit, solange er es schafft,
Sachzwänge in der Regierung zu verantworten. Wie es seine Frau
schafft, sich von diesem Liberalen ohne Taktik anmachen zu las-
sen, das ist allein ihr Problem. Häufiger Wechsel soll ja animie-
ren. Vielleicht ist es das. Trotzdem sollte man H.-D. Genscher
nicht vorwerfen, er würde mit Helmut Kohl das deutsche Volk dec-
keln. Das liegt vielmehr am Parteiensystem. Und es wäre ja jam-
merschade, wenn man als Sozialhilfeempfänger nur mehr zwei und
auch nicht noch den Genscher wählen könnte.
Kohl, Helmut, entgegen weit verbreiteter Ansicht ein Mensch, der
alle Voraussetzungen für einen bedeutenden Politiker mitbringt.
Das wird jeder noch spüren. Zwar gibt es die Kritik, daß der neue
Kanzler Sätze wie den folgenden zu wenig überdenke: "In dieser
Stunde werde ich den Menschen im Lande Roß und Reiter nennen."
Sicher, Kohl blickt immer noch durch seine intellektuelle Brille
schräg nach oben. Aber ihn deshalb "Birne" zu nennen, ist gera-
dezu zynisch. Eine Birne macht keinen "Neuanfang", ruft nicht zur
deutschen Solidargemeinschaft der Opfer fürs Vaterland auf, wird
kein Kanzler. Und wer in dieser Stunde glaubwürdig vertritt: "Wir
stellen uns der Herausforderung, den Reichtum der Tierwelt und
der Pflanzen zu erhalten," den sollte man nicht auf die leichte
Schulter nehmen. Helmut Kohl versteht es nämlich, den Staatsmann
über seine Bescheuertheiten zu stellen. Und das reicht für eine
straffe demokratische Führung.
Lambsdorff, Otto Graf, Otto Friedrich Wilhelm von der Wenge Graf.
Der Ehrenritter des Johanniterordens läßt sich heute nicht mehr
mit "Erlaucht" anreden - er ist ein Liberaler. Als solcher denkt
er nicht mehr daran, wie seine Ur-Ur-Vorfahren-Ritter Kurland mit
dem Schwert heimzusiedeln. Die liberale Marktwirtschaft, die
Lambsdorff verkörpert sahnt mit wirtschaftlicher Stärke in West
und Ost Werte ab. Dafür nimmt sich heute der Graf die "überzoge-
nen Ansprüche" der Leute vor, um "nicht nur am Gürtel der Nach-
barn rumzufummeln". Stimmt, er fummelt am Gürtel aller, denen das
was bedeutet, herum. Sein Prinzip ist einleuchtend: "Ich halte es
für unerläßlich, die Marktwirtschaft noch tiefer im Bewußtsein
ihrer Nutznießer - und das sind wir wohl alle - zu verankern."
Wen wundert es da, daß der Graf schon wieder Wirtschaftsminister
ist. Denn der hat das Gesetz der Klassengesellschaft voll
kapiert: "Es gibt keine schwieriegere Aufgabe als den Kampf gegen
die Arbeitslosigkeit" - weshalb sie keine schwierigere Aufgabe
als den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit" - weshalb sie auch
weiter steigt.
Schreckenberger, Waldemar, ein Jugendfreund Helmut Kohls. Das
reicht zum Chef des Bundeskanzleramts.
Stoltenberg, Gerhard, der große Klare aus dem hohen Norden, der
genauso durchsichtig ist wie er aussieht. Eigentlich Historiker,
aber seit er im Haushaltsausschuß des Bundestages, dem er 14
Jahre angehörte, ein paar Budgetzahlen auswendig gelernt hat,
wird ihm "Korrektheit" und "Kompetenz" nachgesagt. Wie wir aus
sicherer Quelle wissen, hat er seine Hoffnung auf das Kanzleramt
noch nicht aufgegeben und ist Finanzminister geworden, damit er
für den Aufstieg ganz nach oben nicht mehr auf Wahlerfolge in
Schleswig-Holstein angewiesen ist. Sein Amtsmotto lautet: Die
Schulden in Schleswig-Holstein sind ganz etwas anderes als die in
Bonn, weil Schleswig-Holstein viel weiter im Norden liegt.
Wilms, Dorothee, soll im Kabinett das Gleichgewicht zwischen Mann
und Frau herstellen. Aber auch sachliche Gründe für diese Res-
sortbesetzung: Bildung und- Wissenschaft haben ja so viel mit Ge-
fühl zu tun. Dorothee, ach was für ein schöner Name!
Wörner, Manfred, hat nie gedient, trotzdem ist es ihm gelungen,
Reserveoffizier und Jagdbomberpilot zu werden. So war er zum
Wehrexperten prädestiniert. Die Liebe zur militärischen Gewalt
hat ihm den Posten des Verteidigungsministers eingebracht. Die
Armee der Bürger in Uniform braucht solche sportlichen Soldaten
in Zivil mehr denn je, Menschen, die ob der Würde des Militaris-
mus gerührt sind.
Zimmermann, Friedrich, radikaler Scharfmacher in der CSU, genannt
"Old Schwurhand". Verkörpert das Prinzip, daß es für eine Politi-
kerkarriere abträglich ist, es mit der Wahrheit zu genau zu neh-
men. Seinetwegen erfand die deutsche Justiz den vorübergehenden
Jagdschein, der seiner Karriere nicht weiter abträglich war, wie
man sieht, ihm aber den Meineidsprozeß ersparte. Deshalb ist sein
Meineid keiner mehr, weil sein Urteil rechtskräftig ist. Zimmer-
mann ist so die exakte Widerlegung der gemeinen Volksmeinung:
"Politiker sind alle Verbrecher." Zumal er sie jetzt verfolgen
darf, die Verbrecher und andere Demonstranten.
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