Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN FDP - Liberal zu sein bedarf es wenig


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       Wochenschau
       

DIE F.D.P. IN WESTBERLIN

ist letzte Woche glaubwürdig geblieben - nach allen Seiten. Nach- dem ihr Parteitag vorletzte Woche in einem Anfall von "Gesinnungsfanatismus" (von Weizsäcker) mehrheitlich "kollektiven Selbstmord" (Verheugen in der Westberliner "Morgenpost") begangen hatte, verschaffte der Vorsitzende Genscher auf dem Bundespartei- tag der Liberalen mit einem von fanatischer Gesinnungslosigkeit erfüllten Appell vier Abgeordneten der Fraktion irr Frontstadtse- nat die höchstpolitische Rückendeckung für die öffentliche Ankün- digung dessen, was sie seit der Wahlnacht wohl ohnehin schon vor- gehabt haben: Die Herren werden einem Weizsäcker-Senat zur Mehr- heit verhelfen. Die "Zerreißprobe" für die Berliner F.D.P. hat ihre Ursache in dem Ereignis, das noch gar nicht eingetreten ist, den n ä c h s t e n Wahlen. Die Parteitagsmehrheit bestand auf dem zentralen Wahlslogan aller Berlinparteien, der "Glaub- würdigkeit", wollte das Image von der "Umfallerpartei" endgültig loswerden und sich stur an ihre Koalitionsabsage an die CDU halten. Gemeinerweise machte das die F.D.P. bei der demokra- tischen Journaille im höchsten Grade "unglaubwürdig", weil hier nur wegen eines Wahlversprechens sich um die "staatspolitische Verantwortung" herumgedrückt werden sollte, und diese besteht nun einmal darin, dafür zu sorgen, daß auf jeden Fall r e g i e r t werden kann. Nachdem die Abweichler um den Fraktionsvorsitzenden d a f ü r Sorge tragen werden, kann die Parteimehrheit jetzt umso nachhaltiger die Glaubwürdigkeitsarie singen, was zu einem schönen liberalen Duett geführt hat. Vetter, Brunner und Co. wäh- len Weizsäcker und erklären fröhlich, dies "entspreche der von der F.D.P. vor der Wahl vom 10. Mai beschlossenen Wahlaussage." (dpa am 3. Juni) Der Parteiausschuß fordert sie auf, ihre Mandate niederzulegen, läßt sie aber in der Partei drin, weil dies "liberalen Grundsätzen" entspricht. So wird distanziert mar- schiert und vereint ein Sieg für Glaubwürdigkeit und Verantwor- tung errungen. Die strahlendsten Gewinner sind aber natürlich wieder einmal die Berliner, die nicht mehr fürchten müssen, daß "ihre Probleme erst mal liegen bleiben." (Süddeutsche Zeitung) Der Lohn des Kreuzchenmalens in Gestalt einer stabilen Regierung scheint ihnen sicher: Seit dem 10. Juni kriegen sie ihre Probleme von einem Weizsäckersenat regiert und sind dem gar nicht auszumalenden Verhängnis entgangen, sich im Herbst erneut ent- scheiden zu müssen, welcher Partei sie sie anvertrauen. zurück