Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN FDP - Liberal zu sein bedarf es wenig
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Bonner Charaktere: Martin Bangemann (F.D.P.)
DER MANN OHNE EIGENSCHAFTEN
"Ich halte mich an meine Großmutter, die hat zu mir gesagt:
Junge, wenn dich sonst keiner lobt, dann mußt du dich selber lo-
ben."
Der Verfall des politischen Liberalismus von einer Ideologie der
aufgeklärten Bourgeoisie zum organisierten Koalitionskalkül re-
flektiert in den Physiognomien von F.D.P.-Vorsitzenden: Sie wer-
den immer teigiger. Muß man sich Genscher schon mühsam an den Oh-
ren merken, so prägt sich Bangemann nur noch über seine zweien-
halb Zentner ein: dick, dumm und eitel. Mit einem Wort: ein demo-
kratischer Bilderbuchpolitiker.
Die Karriere
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des Jung-Martin begann schon durch die "Gnade der späten Geburt"
(so Koalitionskompagnon Kohl über seinen 'natürlichen' Antifa-
schismus) gesamtdeutsch-freiheitlich-verheißungsvoll. 1935 gebo-
ren in Sachsen-Anhalt (heute DDR), machte der Elfjährige 1946
nach Ostfriesland rüber und prunkt in seinen biographischen Anga-
ben mit einer frühen Anlage für den späteren Job als Wirtschafts-
minister: selbstgezogene Kartoffeln auf dem Schwarzmarkt verkauft
und dummen Bauernlümmeln gegen Naturalien Nachhilfeunterricht er-
teilt. Auf dem Gymnasium engagierte sich Bangemann nach eigenem
bekunden gegen die Schülermitverwaltung, weil er als Liberaler
und Individualist automatisch auf der Matte steht, wen "verwaltet
wird im Kollektiv". Die Zeit der APO erlebte er bereits in der
FDP (damals noch ohne Punkte zwischen den Kürzeln) und betätigte
sich ganz im Geiste der Stunde "antiautoritär" gegen die altlibe-
rale Parteiführung in Baden-Württemberg. Inzwischen hatte er Jura
studiert und promoviert. Als "eingefleischten" Liberalen interes-
sierte ihn natürlich brennend, wie der Staat paragraphenmäßig
festlegt, was das Individuum darf und was es bei Androhung von
Freiheitsentzug nicht soll. Hierin folgte der junge Bangemann üb-
rigens den Großen des L i b e r a l i s m u s von Alfred Nau-
mann bis Thomas Dehler: Es handelt sich schließlich um eine
S t a a t s d o k t r i n, die sich dadurch vom Konservatismus
abgrenzt, daß sie betont, was im Rechtsstaat alles ausdrücklich
e r l a u b t ist, während die rechten stolz darauf sind, was
sie zu seinem Schutze alles nachhaltig v e r b o t e n haben
möchten.
1969 wird Bangemann stellvertretender Landesvorsitzender, und
1972 ist er im Bundestag.
Das politische Profil
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des Martin Bangemann orientierte er streng an dem materialisti-
schen Grundsatz, demzufolge das gesellschaftliche Sein dem Be-
wußtsein machtvoll auf die Sprünge hilft. Liberal wird das so
ausgedrückt: Bangemann wußte immer kurz vorher, wohin die Partei
sich drehen würde. Das sah zeitraffermäßig so aus:
- Als Parteivorsitzender im Schwäbischen ist Bangemann ab 1969
ein S o z i a l l i b e r a l e r. Er merkt also, daß innerhalb
der damals regierenden Großen Koalition die SPD leichte Punktge-
winne macht.
- Als Bundestagsabgeordneter in einer Koalition mit der SPD macht
sich Bangemann für die "Freiburger Thesen" der F.D.P. (er hat die
Punkte zwar nicht erfunden, aber sich sehr um sie verdient ge-
macht) stark, in denen "der Liberalismus um eine soziale Dimen-
sion aktuell aufgefüllt" werden sollte.
- Als Generalsekretär der Partei begann Bangemann bereits 1974
die "Wende" zu antizipieren und verlangte eine "Öffnung in der
Koalitionsfrage" zur CDU bei den anstehenden Wahlen in Baden-
Württemberg, um Filbinger per Regierungsbeteiligung mit liberalen
Elementen zu durchsetzen.
dadurch wird er zur Belastung für die Partei, die damals noch
m i t d e r S P D ihren Anteil an der Macht im Staate ab-
kriegt. So wird Scheel Bundespräsident, Genscher Außenminister
und Vizekanzler, Martin Bangemann aber als Parteimanager abgesägt
und
- Als Liberaler ins Europaparlament abgeschoben. Behende schmollt
er nicht: "Ich habe in Europa ohne Hypothek praktisch neu begin-
nen können!" lügt Bangemann heute seinen Karriereknick als
"wertvolle politische Lehr- und Wanderjahre" zurecht.
Seine Tätigkeit in Straßburg blieb in der Heimat ohne jedes Echo.
Er soll da irgendwie die unterschiedlichen liberalen Standpunkte
zu einer Fraktion "zusammengeschweißt" haben. Der typische libe-
rale Dreh also, sich selbst als unentbehrlich, weil auch dabei,
darzustellen.
1984 bei der Europawahl, gelang es Bangemann nicht, sich gegen
das allgemeine Tief der F.D.P. ausreichend als wertvoll
"liberalen Faktor für Europa" dem deutschen Wähler zu verkaufen.
Die Partei bleib unter 5%, flog raus und Bangemann war vorüberge-
hend arbeitslos - bis gleich darauf Graf Lambsdorff wegen seiner
liberalen Spendenaquisitionspraxis die Konsequenzen zog und in
Bonn einen Arbeitsplatz freimachte.
Der Vorsitzende
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einer liberalen Partei in den achtziger Jahren dieses Jahrhun-
derts wird es nicht schaffen können, sich mittels eines
P r o g r a m m s dem Wählervolk als Staatsmann anzubieten, auf
den es gerade gewartet hat. das ist kein intellektueller Mangel
und ein politischer schon gleich gar nicht. Denn erstens sind die
Programme der beiden großen Volksparteien nur deshalb im Ver-
dacht, eher "links" oder rechts gestrickt zu sein, weil Christen
und Sozis ein historisch überkommenes Image haben. So sprechen
Sozialdemokraten außer von Arbeitgebern auch von der
a r b e i t e n d e n Bevölkerung, während Konservative darauf
drängen, daß L e i s t u n g belohnt gehört. Ohne daß dabei ir-
gend jemand auf K l a s s e n k a m p f kommt, geht die öffent-
liche Meinung wie selbstverständlich davon aus, daß die
P r o l e t e n die Arbeitenden sind, und daß die einzige Lei-
stung, die sich wirklich lohnt, diejenige des
U n t e r n e h m e n s ist.
Ein Vorsitzender der liberalen Partei kann nicht einmal unter-
schiedlich 'akzentuieren': Seinen programmatischen Kalauern man-
gelt nämlich - zweitens nur eines für ihre Tauglichkeit als Mit-
tel der Profilierung. Sie rennen in einer Gesellschaft, in der
Demokratie und Marktwirtschaft Verfassungsgüter sind, weit geöff-
nete Türen ein. Die Freiheit des Individuums möchte nämlich kei-
ner nicht missen.
Bei einem liberalen Parteivorsitzenden kommt es deshalb schwer
auf seine personelle Ausstattung an. Zweckmäßigerweise wird er
gemäß dem jeweiligen Kräfteverhältnis zwischen den beiden großen
Kanzlerrekrutierungsparteien ausgesucht und aufgebaut.
So kommen furchtbare Widersprüche in der freidemokratischen Per-
sonalpolitik zustande: Warum löste die Partei den
"verschlissenen" Genscher ab mit der Begründung, der Mann sei
durch die "Wende" unglaubwürdig geworden, und ersetzte ihn durch
einen abgehalfterten Generalsekretär, der sich in seiner Karriere
zweimal um 180 Grad gewendet und eben einen Wahlkampf vergeigt
hatte? Lösung: Genscher hatte sich zu lange mit den jeweiligen
sozialdemokratischen Kanzlern personell profiliert, so daß seine
Verbindung mit Helmut Kohl als "schlitzohrige"' Versuch des
Machterhalts um jeden Preis aussah. Verglichen damit war der Ban-
gemann gerade durch seine weitgehend unbekannte Interimstätigkeit
in Straßburg "unverschlissen", seine Niederlage im Europawahl-
kampf "unverdient", weil dem Genschermanöver geschuldet, und da-
bei der Mann als solcher noch dicker als sein Vorgänger, also
eine "Integrationsfigur" par excellence.
Das einzige, was der Bangemann jetzt einstudieren mußte, war sein
Part als überzeugender liberaler Dioskur zu Christen-Kohl. Die
"Wende" auf liberal mit den drei Punkten der F.D.P. Das geht
leicht, nämlich ungefähr so:
"Der mit der Industrialisierung verbundene Strukturwandel und
seine sozialen Härten und Fehlentwicklungen konnten ausgeglichen
werden. Optimismus ist heute angebracht."
Der Unterschied zu Kohl liegt in den Fremdwörtern. Da sind die
Liberalen aufgeschlossen. Ferner spricht Bangemann Fremdsprachen,
während Kohl außer Pfälzisch nur noch ein wenig Deutsch kann. So-
viel für die Intellektuellen.
Den Charakter
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trägt der Bangemann liberal im Gesicht. Ausländische Beobachter
reagieren mit Begeisterung auf diese feiste Fläche mit dem
selbstgefälligen Dauergrinsen, weil sie darin entdecken, was
i h r N a t i o n a l i s m u s am mittlerweile ohne Selbstzen-
sur auftrumpfenden BRD-(Inter-)Nationalismus auszusetzen hat: Er
kommt ohne die Demut der Verlierermacht gegenüber d e n Siegern
des II. Weltkriegs aus, die vergleichsweise weniger daraus ge-
macht haben als die BRD aus der bedingungslosen Kapitulation. Für
die Machtrezensenten im Inland gewinnt der Genscher im Vergleich
zum Nachfolger fast schon wieder Züge einer eindrucksvollen Be-
sonderheit: Verglichen mit dem sonnigen Dickie wirkt der dicke
Außenminister jetzt eindrucksvoll t r i c k y. Jedoch damit ist
der Bangemann unterschätzt: Man sollte sich bei jeder Beurteilung
seiner Person auf das dafür einzig gültige Kriterium bei Politi-
kern verlassen und dabei mehr den Ohren als den Augen trauen. Der
E r f o l g gibt Bangemann nämlich erstens recht und zweitens
wächst er an ihm. Im Besitz der Macht versteht sich noch der
letzte Dödel darauf, die Techniken des Machterhalts traumhaft si-
cher zu beherrschen. Martin Bangemann steht als F.D.P.-Vorsitzen-
der nicht an, sein Haus jetzt und die Untermieteranwartschaft
seiner Partei bei einem Wechsel der Hausverwaltung später zu be-
stellen. Er entdeckt beim Politischen Aschermittwoch in Nieder-
bayern den "Menschen in Franz Josef Strauß" und benutzt seine
Kinder als verschlüsselten Hinweis, daß ein Liberaler vorn und
hinten offen ist:
"Zwei Jungs sind FDP-Anhänger... und ein Sohn tendiert von den
Grünen weg zur SPD, ist also auf dem Weg der Besserung."
Kein Wunder bei dem Vater.
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