Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN CDU/CSU - Von den C-Parteien
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DARF EIN CSU-GENERALSEKRETÄR RENTNER ÜBERFAHREN?
"Heast, mia is do neilich ein Passant, bevor ea g'storbn is
einäg'rannt..." (Helmut Qualtinger)
Der Fall:
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Otto Wiesheu, alkoholisiert, rammt nachts auf der Autobahn einen
Fiat von hinten. Der Fahrer ist tot, der Beifahrer verletzt.
Das Problem:
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"Er muß wie jeder andere behandelt werden. Er kann nicht privile-
giert sein, nur weil er eine gehobene Stellung hat." (Jasmina Me-
rouani, 18, Arzthelferin)
"Sie haben ganz richtig geschrieben, daß hier Heuchelei fehl am
Platz ist, denn sowas kann jedem passieren." (Ernestine Koller)
"Wenn hier trotzdem von Otto Wiesheu geredet werden muß, dann nur
von dem Wiesheu in uns." (Das Streiflicht, Süddeutsche Zeitung)
W i e ist er nun w i e j e d e r a n d e r e, wo er doch der
Wiesheu ist? Als Mensch oder als Besoffener am Steuer, als Opfer
von Umständen oder als fahrlässiger Totschläger? Verlangt ein Po-
litikerdelikt nicht strengste Gleichbehandlung oder ist es nicht
ein Unrecht, Politiker besonders gleich zu behandeln? Das erfor-
dert die genaueste Prüfung des Falls in sämtlichen Aspekten.
Das Kräfteverhältnis:
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E i n e r s e i t s ein kleiner Fiat und ein großer Mercedes:
"Josef Rubinfeld war mit einem Fiat 500 auf der mittleren der
drei Fahrbahnen unterwegs, als der schwere Wagen des CSU-General-
sekretärs in den Kleinwagen raste. Um die Hälfte kleiner wurde
der Fiat durch den Aufprall." (tz)
A n d e r e r s e i t s gehört ein Fiat 500 nicht auf die Fahr-
spur für Mercedesse:
"Urplötzlich ist auf dem mittleren von drei Fahrspuren der kleine
Fiat 500 da..." (Bild)
"..daß der Fiat 500 auf der dreispurigen Fahrbahn auf der mittle-
ren Spur, also Schnellspur, zockelte. Der getötete Fahrer hat
selbst schuld." (Hubert Greiner)
Der Reisezweck:
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E i n e r s e i t s befand sich Otto Wiesheu auf einer ganz un-
schuldig menschlichen Heimfahrt:
"Um 21 Uhr war er mit Freunden essen gegangen. Jetzt ist es 2.52
Uhr. Wiesheu will nach Unterzolling, wo sein Haus steht." (Bild)
A n d e r e r s e i t s befand sich sein Opfer auf einer noch
viel menschlicheren Reise:
"Der Josef wollte zum ersten Mal seit 45 in seine Heimat Polen."
(Bild)
"Zu seiner Schwester hat er kurz vor seiner Abreise gesagt: 'Ehe
ich sterbe, will ich noch einmal meine Heimat sehen'." (tz) "Er
wollte nach Auschwitz, wo seine Eltern und der Bruder umgekommen
sind. Für Freunde und Verwandte hatte er Wurst, Schokolade da-
bei." (Bild)
Das menschliche Umfeld:
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E i n e r s e i t s hat das Opfer eine enorm tragische Familie:
"Gustava Rubinfeld: 'Ich habe meinen letzten Bruder verloren. Wir
waren 10 Geschwister, alle sind sie in KZs umgekommen. Nur Josef
und ich überlebten, er in Dachau, ich in Auschwitz." (tz)
A n d e r e r s e i t s hat auch Wiesheu Familie:
"Er stand unter einer gewissen nervlichen Anspannung, da vor
vierzehn Tagen seine Mutter gestorben war." (Frankfurter Allge-
meine)
Die erlittenen Schäden:
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E i n e r s e i t s ist das Opfer tot:
"...ein Unfall, bei dem ein Mensch ums Leben kam..." ( Frankfur-
ter Rundschau )
A n d e r e r s e i t s hat es auch Wiesheu erwischt:
"Wiesheus Mercedes schleudert 140 Meter weit! Sein Blut klebt an
der Scheibe". (Bild)
Wiesheu, der Charakter, war er zum Auffahren fähig?
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Einer, der sich nicht dafür zu schade war, selbst zuzupacken:
"Noch bei der Ernte hat ihr Sohn Otto wie jedes Jahr auf dem Hof
mitgeholfen. Otto Wiesheu sitzt gern am Steuer. Nicht nur in sei-
ner einmotorigen Sportmaschine 'Piper Cheyenne', sondern auch im
schwarzen Dienstmercedes. Ganz im Gegensatz zu seinen Vorgängern
verzichtet der Fällschirmjäger-Reserveleutnant auch bei dienstli-
chen Terminen oft auf den ihm zustehenden Chauffeur."
(Abendzeitung)
Einer, der auf Sicherheit im Straßenverkehr achtet:
"Wie Rosenberg ferner mitteilte, ist Wiesheu normalerweise immer
mit einem Fahrer unterwegs. Am Freitag habe er seinem Fahrer für
einen Auto-Sicherheitskurs zum bevorstehenden Winter freigege-
ben."
Wer ist schuld, der Alkohol, die Umwelt oder die Aufklärung?
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"...ein Mensch, der sich leicht oder schwer benebelt hinters
Lenkrad klemmt und der in dieser Sekunde auch den Tod eines ande-
ren bereits in Kauf genommen hat, auch wenn er sich das nicht
eingesteht, einzugestehen vermag..." (Das Streiflicht, Süddeut-
sche Zeitung)
"Der hat doch nicht allein getrunken. Die mit ihm zusammen waren,
hätten zu ihm sagen sollen, Mensch, fahr doch nicht." (Josef Wur-
mannstetter, 51, Technischer Angestellter)
"Das kann doch jedem passieren. Man muß halt unentwegt weiterar-
beiten und die Leute aufklären, daß Alkohol am Steuer schlimme
Folgen haben kann." (Heinz Chedorowitz, 63, Rentner)
Reicht die Reue?
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"Bei der Beerdigung legte nur die SPD einen Kranz nieder. Aller-
dings ist es bei jüdischen Begräbnissen nicht üblich, Kränze aufs
Grab zu legen, sondern Blumen. Unter den Trauergästen waren auch
Wiesheus Vater und Bruder. Die CSU-Leitung war nicht vertreten."
(Süddeutsche Zeitung)
"Wiesheu bat seinen Vater und Bruder Josef: 'Kümmert euch bitte
um das Opfer und die Angehörigen.'" (Bild)
"Ausdrücklich widersprach der Anwalt den Auskünften der CSU,
Wiesheus Vater und Bruder hätten sofort nach dem Unfall Kontakt
mit seinen Mandanten aufgenommen. Das sei bis zur Beerdigung
nicht geschehen." (Süddeutsche Zeitung)
Aber Wiesheu feiert seinen Geburtstag nicht, obwohl er ihn hat:
"'Gestern wurde Wiesheu 39, aber er hat seinen Geburtstag natür-
lich nicht gefeiert. Wir haben ihm nur einen Herbststrauß ge-
schickt', sagt ein CSU-Parteifreund." (Bild)
Alle seine Freunde, die es wissen müssen, wissen, wie sehr er
leidet:
"Marianne Strauß hat Otto Wiesheu inzwischen mehrmals Mut zuge-
sprochen: 'Er ist ein unendlich gewissenhafter Mann. Daß er einen
Menschen totgefahren hat, macht ihm ungeheuer zu schaffen. Er ist
unschuldig schuldig geworden. Gott sei Dank hat er starke reli-
giöse Fundamente, die helfen ihm jetzt sehr.'" (Bild)
"Gerold Tandler rief die Journalisten auf, 'zu sehen, in welcher
menschlichen Situation sich Otto Wiesheu befindet, und was es al-
leine schon für eine Tortur sein muß, tagtägliche Schlagzeilen
und Fotos zu sehen'." (Frankfurter Allgemeine)
Wo er doch an ganz andere Schlagzeilen gewöhnt ist. Der Schock!
Wiesheu und das Gesetz
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"Oberstaatsanwalt Otto Heindl bekam gestern unerwartet Post. Den
Führerschein des Politikers, aus der Klinik an die Justiz ge-
schickt, freiwillig!" (Bild)
Wiesheu, das Gesetz und die Partei
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"...da mir selbst am allermeisten an der raschen Aufklärung des
Sachverhalts und an einer fairen Abwicklung des Verfahrens liegt,
bitte ich Sie, meine Amtspflichten als Generalsekretär der CSU
vorläufig ruhen zu lassen. Ich will damit meinerseits alle Vor-
aussetzungen für eine vollständige und objektive Klärung schaf-
fen. Da ich mein Amt als Dienst für die gemeinsame politische Sa-
che unserer Partei verstehe, möchte ich mit diesem Schritt auch
jede nur denkbare Beeinträchtigung der politischen Arbeit der CSU
vermeiden helfen..." (Wiesheu)
Wiesheu und Strauß
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Ein Mann, der solche Freunde hat:
"Strauß nickte stumm, schüttelte Wiesheu die Hand. Marianne
Strauß hat Otto Wiesheu inzwischen mehrmals Mut zugesprochen:
'Wir halten weiter zu ihm.'"
Wo hat der Mann die Freunde sitzen!
"Daß Franz Josef Strauß seinem verdienten Mitarbeiter in schwerer
Stunde Trost zuspricht, daran kann niemand Anstoß nehmen. Wohl
aber ist die eilfertige öffentliche Verbreitung dieses Zuspruchs
durch den CSU-Pressesprecher skandalös..." (Süddeutsche Zeitung)
Ein Opfer seiner Freunde:
"Daß er Amt und Person einsetzen würde, Wiesheu herauszupauken,
kann Franz Josef Strauß damit nicht gemeint haben. Aber genau so
haben es viele aufgefaßt. Glücklich läuft der Fall Wiesheu
nicht.." (tz)
Ein Opfer von was für Freunden!
"...ein an das Übermaß streifender Sinn für das, was sich gehört,
gibt zu denken... So kommt man auf den Gedanken, die CSU habe
sich wiederum ein schönes Podest für eine moralische Rede, eine
Position für neuen Koalitionskrach verschafft..." (Frankfurter
Allgemeine)
Das Opfer?
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"Ein Rentner."
"Unfall stoppt die CSU-Karriere von Wiesheu" (tz)
"Der Generalsekretär gilt als der beste Mann von Strauß. Viele
CSU-Veteranen sagen, daß es Wiesheu am besten gelingt, die Poli-
tik des Chefs an der Basis zu verkaufen." (Bild)
"Probleme werden sich sehr bald in aller Schärfe stellen, weil
die Personaldecke der CSU inzwischen eher dünn ist. Die schweren
Jahre der CSU, scheint es, haben gerade erst begonnen."
(Süddeutsche Zeitung)
Das sind die vorläufigen Antworten auf die Frage, was ist, wenn
ein besoffener Politiker einen Rentner totfährt. Geführt wird die
Debatte überhaupt bloß, weil Wiesheu Politiker ist, und weil sich
damit zwei hohe demokratische Werte ins Gehege kommen: Verdient
der Wiesheu-Verkehrsrowdy seine Strafe wie jeder andere oder ver-
dient der Wiesheu-Politiker einen solchen Karriereknick? Daß er
P o l i t i k e r ist, will ihm keiner der Diskutanten ankrei-
den. Dann wären gegen die Person Wiesheu Argumente von anderem
Kaliber fällig, auch wenn er nicht gerade Rentner überfährt. Was
aber jeder anständige Demokrat wissen will, ist, daß sich bei uns
auch ein Politiker nichts rausnehmen darf - im Straßenverkehr.
Aber nachdem ein Politiker wiederum ein Politiker ist, also schon
ein besonderer Mensch, weil er ein besonderes Amt hat, ist es
wiederum sehr tragisch, daß er behandelt wird "wie jeder andere".
Aber das ist gerade s e i n e Pflicht, sich behandeln zu lassen
wie jeder andere - damit sich d i e a n d e r e n behandeln
lassen wie jeder andere.
Das meint das Volk auch. Vom Säuferstandpunkt Hildegard Drechsel,
29, Hausfrau:
"Das ist eine Sauerei! Die Politiker setzen bei uns die Promille-
grenzen runter. Dann sollen sie sich auch selber daran halten."
Vom Sleuerzahler-der-sich-Vorbilder-zahlen-will-Standpunkt Dr.
med. Kurt Weidner:
"Vorbilder sind also nicht gefragt. Vorsicht Herr Dr. Strauß! Das
Ansehen der Demokratie beim Wähler und Steuerzahler ist nicht un-
begrenzt."
Man braucht sich also um die Karriere der Wiesheus letztlich doch
keine Sorgen zu machen.
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