Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN CDU/CSU - Von den C-Parteien
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Parteitage, wie wir sie mögen
GLASNOST AM RHEIN
"Macht ist kein Selbstzweck, ihr Erhalt lohnt sich nicht um jeden
Preis." (Kohl auf dem CDU-Parteitag in Bonn)
Ein ganz bißchen ein Zweck ist sie natürlich schon; und ein paar
Anstrengungen der Genossen in der christlichen
"Wertegemeinschaft" lohnt sie natürlich auch. Zum Beispiel einen
ganzen Tag lang öffentlichen Parteitag, damit "unsere Arbeit"
endlich "genügend Anerkennung" findet.
- Ein Tag ohne unnötige D i s k u s s i o n e n, damit die Bür-
ger draußen vor den Fernsehschirmen nicht meinen, die Partei sei
zerstritten und führungslos. Aber auch mit demonstrativer "neuer
Nachdenklichkeit" über "Macht" und "Moral" und "Wahrheit" und so,
damit jeder merkt: Die Parteifreunde Barschels nehmen es sich
schwer zu Herzen, daß seinetwegen der gute Glaube gelitten haben
soll, Politiker seien "persönlich, charakterlich und politisch
Vorbild, vor allem für junge Menschen". Da hilft nichts als ein
Machtwort. Also fordert der Kanzler ganz entschieden, ein Politi-
ker müsse "sich bemühen, persönlich, charakterlich..." usw. Er
bürgt ja dafür mit Person, Charakter und Politik.
- Ein Tag voller neuer "G l a u b w ü r d i g k e i t", an dem
der Vorsitzende der Welt seine "Sorgen um das Erscheinungsbild
der Partei" ans Herz legt. Überzeugend sein Versprechen, die Par-
tei werde wegen dieses Bildes demnächst noch mehr ernsthafte Par-
teiarbeit und Zukunftsorientierung sowie im nächsten Jahr einen
sogar dreitägigen Parteitag mit ganz viel Diskussionen
("Programmatischen" natürlich!) veranstalten.
- Ein Tag der "rückhaltlosen Aufklärung" der Affäre B., an der
keiner so wie die CDU interessiert ist. Schon diese programmati-
sche Versicherung bürgt für die Sauberkeit der Partei. Zumal wenn
Kohl darüber aufklärt, daß mit ewigem Beschuldigen und Nestbe-
schmutzen und Büßerhemd auch mal Schluß sein müsse, weil die Par-
tei aus der Vertrauenskrise raus und an der Regierung bleiben
muß. Da weiß man doch, was mit "Besonnenheit" und "Sensibilität"
für die "Gefährdungen der Macht gemeint ist.
- Ein Tag voller Gespür für die "p o l i t i s c h e
K u l t u r" mit lauter Ermahnungen an den CDU-verdrossenen
Staatsbürger und seine Presse-Hintermänner. Die müssen sich an
die eigene Brust klopfen lassen, weil sie eigentlich dafür ver-
antwortlich sind, daß die Volkspartei unter ihren Affären leidet.
Dieses Volk braucht geistige Führung!
- Ein Tag voller "Bürgernähe". Vertrauenserweckend der Einfall
Geißlers, sich wegen der Verleumdungen der SPD in früheren Willy-
Frahm-Tagen zu entschuldigen und anschließend Vogel die Ehre ei-
nes Vergleichs mit Pfeiffer, dem verdienten Barschel-Mitarbeiter,
angedeihen zu lassen. So überzeugend hat das Barschel nicht hin-
gekriegt.
- Ein Tag mit aufregenden V o r s t a n d s w a h l e n. Von
wegen Einheitspartei! Der Chef bekommt ein paar Stimmen weniger.
Stoltenberg dafür ganz viel. Alle anderen unterschiedlich viel.
Diese Partei hat Leben, und die Bonnologen dürfen rätseln.
- Ein Tag mit A n g e b o t e n für jedermann. Für die Frauen
Süßmuth und Laurien in den Vorstand. Für die Senioren eine neue
Senioren-Union. Für die Jungen die alte Junge-Union. Und für alle
das Versprechen, - es der Partei um "neue Wähler bei Frauen, Ju-
gend, Mittelstand" geht. Da weiß man doch, was die Partei von ei-
nem will!
- Ein Tag schließlich der Ö f f e n t l i c h k e i t. Kohl hat
sogar noch das Kunststück fertiggebracht, daß die
"Enthüllungsjournalisten" alle seine Sorgen und Versprechungen an
die große Glocke gehängt haben. Ja, sie haben ihnen sogar das
verdiente Prädikat verliehen: Bemühen um Glaubwürdigkeit, Auf-
bruch, Werbung um neue und alte Wählerschichten, geschickte In-
szenierung - eben: ernsthafte Parteiarbeit. So findet politische
Bildungsarbeit ihre Anerkennung und Vollendung und wirkt im Volk.
Ganz Schlaue können dann noch herummäkeln, überzeugend sei das
doch nicht so ganz gewesen. Sie müssen es wissen: Mit und auf
Parteitagen ist ja auch die SPD nicht faul.
Das macht unsere Demokratie so interessant.
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