Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN CDU/CSU - Von den C-Parteien
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CDU Parteitag:
DIE GELASSENHEIT DER MACHT
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Es soll ein Parteitag "in schweren Zeiten" gewesen sein. Letztere
rühren daher, daß der Pate der christlichen Herrscherriege, Gott
der Allmächtige, auch vor den Erfolg s e i n e r Parlamentskan-
didaten den Schweiß des Einfangens einer genügenden Zahl von Wäh-
lerstimmen gesetzt hat. Und weil zuletzt die dicken Früchte aus-
geblieben sind, begann das diesjährige Treffen von Kanzler und
Gefolgschaft im Zeichen "mürrischer Stimmung" einer "unzufrieden
grummelnden Parteibasis".
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Die Delegierten von Stadt und Land kamen demnach "verunsichert"
und "frustriert" in Wiesbaden an. Und weil sie aus den ausgeblie-
benen Wahlerfolgen messerscharf geschlossen hatten, daß ihr Kohl
und seine Lands-Mannschaften derzeit nicht genug ankommen bei
Frau und Herrn Wähler, beschwerten sie sich bei ihren Führern.
Diese würden es ihren engagierten bürgernahen Werbeträgern ziem-
lich schwer machen, die christliche Politikware "dem Bürger zu
verkaufen". Nicht, daß die "kessen Kritiker" jene Ware etwa für
unbekömmlich, weil bürgerschädlich hielten -; sondern für
schlecht verpackt und damit schädlich für den Verbleib der CDU an
der geliebten Macht.
Und wer oder was garantiert den größten Werbeeffekt aufs ge-
schätzte Stimmvieh? Nach ehrlicher Überzeugung demokratischer Po-
litiker vor allem das B i l d e i n e s e n t s c h l o s-
s e n e n F ü h r e r s! Ein solches wurde folglich kräftig
eingefordert vom Parteivolk: 'Führung statt Aussitzen: Wo bleibt
das Machtwort des Kanzlers?' hieß die Parole.
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Das Machtwort bekamen sie dann wie gewünscht, die Delegierten und
Hofberichterstatter. Der Anschiß des Chefs an die "bellenden
Hunde" in und außerhalb des Festsaals überzeugte die Kritiker;
die "kleinmütigen" Querulanten aus der Partei erhoben sich zum
Applaus. Im Bewußtsein, daß die demokratische Konkurrenz der Par-
teien, Willensbildung genannt, vom Personenkult lebt, empfanden
sich alle bestens bedient. Führungsstil war präsentiert, die
Wahlkampfmaschine motiviert.
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Auch den Weg zum Erfolg und aus der "Krise" ließen Kohl, Geißler,
und Blüm nicht im Dunklen. Das Rezept "Wir waren immer dann am
erfolgreichsten und hatten die meiste Zustimmung, wenn wir unpo-
puläre Entscheidungen trafen."
- kam an. Für eine regierende Partei gibt es doch nichts Schö-
neres als eine Demokratie, wenn die Notwendigkeiten der Staats-
macht, die sie exekutiert, auch gleich die besten Argumente im
Wahlkampf sind, den sie wieder gewinnen will. Wenn die Herrschen-
den darauf kalkulieren, daß die Masse der Wähler dort am fleißig-
sten ankreuzt, wo ihnen die rücksichtslose Durchsetzung von wirt-
schaftsdienlicher Arbeitslosigkeit und Steuererhöhungen, von Auf-
rüstung und Atomkraft angedroht, pardon: versprochen und beschert
wird, dann herrscht echte Freiheit im Lande - für die Politik,
versteht sich. Kein Wunder, daß Kohl "Gelassenheit" empfahl.
Die eröffneten Aussichten brachten den Delegierten ihren christ-
lichen Optimismus, den Glauben an und die Hoffnung auf die si-
chere Macht im Staate schnell wieder zurück. Zumal jede einzelne
der geplanten "unpopulären" Regierungsentscheidungen - von der
erhöhten Tabaksteuer bis zur staatlichen Aneignung "lebens-
williger" (!) Embryos - wechselweise aus der "liebenden"
(Süßmuth) oder "strafenden" (Albrecht) Natur Gottes, also aus den
ersten Parteibuchstaben abgeleitet werden konnte.
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Freilich: daß angesichts der forcierten Indienstnahme und weite-
ren Verarmung des arbeitenden Volkes das Privatflugzeug-Benzin
eines Franz Josef Strauß steuerfrei ausgehen soll, "das kann der
kleine Mann nicht verstehen"! So meinte die Mehrheit der Dele-
gierten und schmetterte diesen Angriff auf den Gerechtigkeitsin-
stinkt der Untertanen entschieden ab. Die zuvor von Bezirksfunk-
tionären beklagte "sich vergrößernde Kluft zwischen denen da oben
und dem einfachen Mann auf der Straße" war damit schlußendlich
auch noch erfolgreich geschlossen, und die "Glaubwürdigkeit unse-
rer christlichen Volkspartei" samt deren innerer Friede vollends
wiederhergestellt.
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