Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN CDU/CSU - Von den C-Parteien
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KOHL CONTRA GEISSLER - EIN ECHT DEMOKRATISCHES DRAMA
Kein Wähler hat sich je Heiner Geißler als CDU-Generalsekretär
bestellt. Kein Wähler hat je verlangt, daß Kohl ihn aus diesem
Amt entläßt. Aber wie alles in der Demokratie, so passiert auch
die Karriere eines christdemokratischen Ober-Funktionärs einzig
und allein - d e m W ä h l e r z u l i e b e:
- Zum Parteigeneralsekretär aufgestiegen ist Heiner Geißler, da-
mit er dem Wähler einen gutorganisierten CDU-Wahlkampf nach dem
andern bietet; mit so tiefsinnigen Erkenntnissen wie z. B. "Für
die Zukunft CDU" oder mit so genialen Versen wie "Grüne und Es-
PeDE / Freiheit und Wohlstand ade" oder mit so überzeugenden Ar-
gumenten wie einem Daumen, der nach oben zeigt. Für den Wähler
tut eine demokratische Partei eben einfach alles; und Heiner
Geißler hat dafür zweifellos sein Bestes gegeben.
- Jetzt hat Kohl seinen Geißler vom Generalsekretärsposten abge-
meldet. Und das wieder nur, damit der Wähler einen guten Eindruck
von der Tatkraft und Entscheidungsfreude seines Kanzlers gewinnt
und denken kann, die gültige öffentliche Meinung wäre die, daß
die ungünstigen Wahl- und Umfrageergebnisse für die Union viel-
leicht doch im wesentlichen Geißlers Schuld wären.
- Geißler und seine Clique denken ebenso liebevoll nur an den
Wähler. Sie bieten ihm einen "Machtkampf" mit Kohl: Sie erwägen
glatt in aller Öffentlichkeit einen Rücktritt von ihren Parteiäm-
tern - natürlich nicht so ganz im Ernst, denn dann hätten sie ja
gar nichts mehr zu melden. Außerdem sind sie es dem Wähler schul-
dig, daß sie Funktionäre bleiben und Geißler zum CDU-Vize auf-
steigt: Dann kann der Wähler beim nächsten Mal wieder CDU wählen,
auch wenn, ja gerade weil er den Kohl n i c h t mag ...
- Und was das Schönste ist: Ganz frei, gleich und geheim darf
sich der demokratische Wähler seine Meinung darüber bilden, ob
das Ganze wohl ein geschickter Schachzug von Kohl war, der seiner
CDU Stimmen einbringt; oder nicht vielleicht eher ein geschickter
Schachzug der Kohl-Gegner, was auch wieder der CDU Stimmen ein-
bringt; oder doch keins von beiden. Die ganze ernsthafte Öf-
fentlichkeit jedenfalls nimmt die Affäre ein paar Tage lang enorm
wichtig - so wird der Wähler unterhalten und bei Laune und der
richtigen Meinungsbildung über die richtigen Probleme gehalten.
Es wäre natürlich denkbar, daß ein Mensch, dem solche Schauspiele
geboten werden, damit er die passende Wahlentscheidung trifft,
den gesamten Wahlzirkus samt Parteileben und "inneren Macht-
kämpfen" so bescheuert findet, wie er ist. Aber das wäre ganz
falsch: Dann hätte er ja g a r n i c h t s m e h r von der
Demokratie und seiner Freiheit.
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