Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN CDU/CSU - Von den C-Parteien
zurück
Klarstellungen zum Personenkult
DIE QUINTESSENZ DER STRAUSSKRITIK:
DAS LOB DES DEMOKRATISCHEN FÜHRERS
"Bürger engagierten sich; sie identifizierten sich, für oder ge-
gen ihn, mit der Demokratie." (Der Bundespräsident)
Daß der Personenkult, die augenfällige Unterwerfung unter die
Macht durch die öffentliche Verehrung der Personen, die sie inne-
haben und daher verkörpern, eine Besonderheit "totalitärer Herr-
schaft" sei, gehört zu den Ideologemen, die ihre Wirkung tun,
ohne daß sie je ernsthaft jemand geglaubt hat.
Ohne sich an dem Fratzenwald in demokratischen Wahlkämpfen zu
stören - das ist Freiheit!; ohne gegen die Führerparade im Fern-
sehen was einzuwenden - das ist Information! - Schwarzweißfotos
des Russenchefs in Schulen und Geschäften signalisieren dem Fan
des Freien Westens: Personenkult. Drüben will noch jeder haben,
daß in der öffentlichen Zurschaustellung der Person eines Mächti-
gen und in der dazugehörigen Anbetung von oben der Anspruch auf-
gemacht ist auf demonstrative Unterwerfung. Alle Indizien der
Freiwilligkeit (Tränen usw.) können sie nicht anders erklären
denn als Manipulation. Dieselben Indizien sind ihnen hier Beleg
des innigen Verhältnisses von Volk und Führung.
Herrschaft als Dienst des Führers
---------------------------------
Mit König David und Kaiser Ludwig hat man ihn verglichen. Ein
wahrer Herkules gar soll er gewesen sein, der wie Atlas die Last
Bayerns, Deutschlands, Europas, ja der ganzen Welt auf seinen
breiten Schultern getragen hat - und das fast ohne Hals. Alle
Welt war sich sicher, daß dieser Tote Großes vollbracht hat. Das
moderne Bayern, die Flugzeugindustrie, die Bundeswehr mitsamt Rü-
stungsindustrie, BMW, die WAA, überhaupt Fluch und Segen der
Kernkraft und die bundesdeutsche "Kontroversdemokratie" mit ihren
Stärken und Schwächen - all das haben wir i h m, zumindest ganz
wesentlich, zu verdanken.
An diesen idiotischen Glorifizierungen ist etwas dran. Der Mann,
dem diese Leistungen nachgesagt werden, hat mit seinen Entschei-
dungen für die gesetzlichen und administrativen Zwänge dafür ge-
sorgt, daß das ihm unterstehende Volk die dazu nötigen Leistungen
aufbrachte, und beherzt und vital Leben und Gesundheit der Bevöl-
kerung für die Sicherheit und Freiheit des Volkes eingesetzt.
Dazu hatte das Volk ihn immer wieder ermächtigt. Schließlich
wurde ja laufend gewählt, in Bund, Ländern und Gemeinden. Davon
hatte er die Verantwortung. Dafür, daß andere arbeiteten. So ist
das in der Demokratie.
Natürlich hat er das gewollt. Deshalb wollte er auch die Macht.
Daß diese kein Dienst ist, sondern Dienst, also Unterwerfung ver-
langt, das hat e r gewußt - und v.a. nie ein Hehl daraus ge-
macht. Das hat ihm zu Lebzeiten einen schlechten Ruf bei denen
eingetragen, die es sich und andern gerne umgekehrt weismachen
(lassen) wollen.
"Wer schlüpft in sei en großen Mantel?" fragte BamS, stellvertre-
tend für alle: die einen, die umgehend hineinschlüpften, die an-
dern, die sich sofort sorgten, ob er denen auch paßt, weil sie
ihn sich gerne selber anziehen wollen. Es ist bloß eine Frage der
Zeit, bis Straußens alte Feinde, denen man glauben darf, daß sie
ihn nicht gehaßt, sondern persönlich gemocht haben (Schönhuber
und Augstein), gegen die Nachfolger im Kampf um Verantwortung und
Macht den Vorwurf landen, das Erbe des FJS zu verschleudern.
Karriere: Lohn für Gewalt
-------------------------
Und er hat einiges hinterlassen. Seinen Erben zumal. Das rechnet
man ihm hoch an, weil es ihm wirklich nicht jeder nachmachen
kann, mit e i n e m Job gleich noch jede Menge anderer auf sich
zu ziehen, die sich tatsächlich lohnen, für den, der dafür be-
zahlt wird. Wo doch der normale Mensch schon von e i n e m Po-
sten aufgerieben wird, weil der sich für ganz andere lohnen soll.
Er hat es geschafft: vom Metzgerssohn zum Ministerpräsidenten und
Weltpolitiker. Das ist eine Karriere. So geht in der Demokratie
Politik. Da müssen Leute Politiker werden. Dafür werden sie dann
bezahlt. Und damit sie sich nicht bestechen lassen, werden sie
gut bezahlt. Das sind keine Bestechungsgelder, sondern Diäten,
Pensionen und Aufsichtsratsposten. Daran hat e r auch andere
teilhaben lassen.
I h n hat das glücklich gemacht. Das hat er sich bei jeder Gele-
genheit anmerken lassen. Dafür hat er Kinder und Hunde gestrei-
chelt, Hände geschüttelt und sein Familienleben und seine Reli-
giosität zur Schau gestellt - allerdings in so bescheidenem Maße,
daß ihm das keiner seiner Freunde zum Vorwurf machen konnte. Da-
für hat er auch andere glücklich gemacht: einen unschuldig Be-
schuldigten, eine Familie aus der DDR, einen Gratulanten zu sei-
nem 70. Geburtstag und viele, viele andere. Wer hat nicht alles
einen Tausender vom Landesvater zugesteckt bekommen!
Darum ist es ungerecht, ihm seine Freigiebigkeit vorzuwerfen.
Schon allein deshalb, weil sie ihn oft gar nichts gekostet hat,
weil allein seine Empfehlung so gut wie Kredit war. Davon können
Johann Evangelist Kapfinger von der FIBAG und Professor Agirov
ein dankbares Liedchen singen. Wenn er Freunden der Familie
(Onkel Aloys) auch mal mehrere Tausender hat zukommen lassen, so
hat er das nicht nur für sich und für sie getan, sondern für un-
ser aller Sicherheit. Irgend jemand mußte den Job, mit der damals
noch undeutschen Rüstungsindustrie Kontakt aufzunehmen, ja ma-
chen. Warum n i c h t Onkel Aloys: Noch dazu, wo er den Job zu
aller Zufriedenheit (auch der "Spiegel" weiß die unbedingte Ab-
wehrbereitschaft der Bundeswehr zu loben) und so gut erledigt
hat, daß man heute die feinen Teile fast alle im eigenen Laden
geboten bekommt, so daß die Bestechungsgelder wenigstens in deut-
schen Landen bleiben u n d einschlägige Enthüllungen auch gar
keinen Skandal mehr verursachen. Dafür hat e r mit s e i n e n
Skandalen gesorgt: das politische Urgestein.
Demokratische Gewalt genießt Vertrauen
--------------------------------------
Einen scharfen, analytischen Verstand hat man ihm nachgesagt. Er,
der messerscharf erkannt hat, daß deutsche Grundgesetzträume nur
zu verwirklichen gehen, wenn "Rußland ausradiert" wird. Sein Re-
alismus bestand darin, zu wissen, daß das - noch - nicht geht.
Darum ist es ihm aber erst recht d'rum gegangen. Weshalb er alles
daran gesetzt hat, dafür die Bedingungen zu schaffen. Da muß so
mancher Politologe achtungsvoll seinen Hut ziehen. Daß er's nicht
erlebt hat, ist i h m - Gott sei Dank - nicht anzukreiden. Viel
eher schon das von ihm einst in die Welt gesetzte und jetzt auf
so eindrucksvolle Weise - weil gleichfalls von ihm - widerlegte
Dogma: "Erst rot, dann tot! " Schließlich hat sich sein schon
früh - als andere noch Trümmer sortierten - und unentwegt ge-
träumter und propagierter Traum von der Wiederherstellung deut-
scher Macht ja schon realisiert. Das hat mancher auch nicht über-
lebt. Daß er dafür nicht alle Mittel eingesetzt hat, kann man ihm
wahrlich nicht vorwerfen. Das macht die Kunst der Prognose: das
nationale Ziel formulieren, über die nötige Gewalt verfügen und
sie für den Erfolg einsetzen.
Auch in Sozio- und Zoologie kannte er sich aus. Er, der die
Zweifler an der Realitätstauglichkeit seiner Pläne - angesichts
der deutschen Lage samt Vergangenheit - treffsicher und liebevoll
nicht als Feinde solcher Träume, sondern als Ratten und Schmeiß-
fliegen titulierte. Er, der mit seiner Polemik nie verletzen
wollte. Das hat ihm ein hochgestellter Schwarzkittel nachgerufen,
der es wissen muß.
Daß er die, die ihm und der Nation im Weg waren auf dem Weg nach
oben, nicht mit Achtung und Lob bedachte, hat ihm den Ruf einge-
bracht, sich und andere nicht zu schonen. Er hat's eben g'sagt,
wie's is, die ehrliche Haut.
Und weil er wußte, daß der Umgang der Ermächtigten mit der Macht
die Untertanen nichts angeht, hat er Öffentlichkeit und Parlament
auch mal belogen. Es war ihm selbstverständlich, daß die Souverä-
nität der Politik mit der Rücksichtslosigkeit der Politiker in
eins fällt, weil deren Wort nicht hohl, sondern Gewalt ist und
deshalb gilt. Darüber sind seine Kritiker, die die Repräsentanten
des Gemeinwohls lieber als Wohltäter der Menschheit sehen, die
deshalb auch nichts zu verbergen haben, weniger geworden oder
verstummt. Das haben ihm andere wiederum hoch angerechnet, dem
Bazi.
Ein demokratisches Grundbedürfnis:
----------------------------------
Herrschen und für dumm verkaufen
--------------------------------
Das schöne an den ekelerregenden Nachrufen auf Franz Josef Strauß
ist, daß von dem Genörgel an ihm nichts übriggeblieben ist. Am
Ende standen das Lob und die herzliche Verehrung von Regierung
und Opposition: Daß der Mann 4 Jahre lang (mit) r e g i e r t
hat, dafür zollt ihm noch jeder Respekt und verabschiedet eine
Ära. Selten wird so deutlich ausgesprochen, daß man verdienst-
vollen Staatsmännern nichts zu danken hat als eine gute Regie-
rung, eine Herrschaft, die dafür sorgt, daß Reichtum und Macht
des S t a a t e s sich mehren und das V o l k seinen Dienst
dafür tut. Allerdings: Wen sollte das auch stören? Wo doch schon
zu seinen Lebzeiten der kritischste Zweifel darin bestanden hat,
daß die Bundeswehr nur "bedingt abwehrbereit" (Titel der Enthül-
lungen, die zur Spiegelaffäre geführt haben), also nicht schlag-
kräftig genug sein könnte, weil Strauß vom HS 30-Panzer bis zum
Starfighter lauter kriegsuntaugliches Gerät beschafft haben soll.
Seinem Ideal, "so aufzuräumen, daß bis zum Ende des Jahrhunderts
keiner von denen mehr das Maul auf acht", ist diese Republik sehr
nahegekommen. Und das nicht nur an den drei "stillen Tagen", die
der Freistaat angeordnet hat, eine Ehre, die er sonst nur dem
jährlichen vorübergehenden Abgang des ersten Führers der Chri-
stenheit erweist.
Wenn Tausende von Menschen tagelang kein anderes Thema kennen, am
geschlossenen Mahagonisarg vorbeimarschieren, kiloweise Kondo-
lenzbücher vollklecksen, dann zweifelt niemand am Geisteszustand
dieses Volks. Dann ist Bewunderung angesagt für die
"Anziehungskraft" dieses Mannes. Dann werden Kommentatoren ganz
andächtig, wenn sie mit bewegten Worten schildern, daß eine
15000-köpfige Menge nicht nur geduldig in der Kälte ausharrt,
sondern auch noch totale Stille zuwege bringt. Sie wissen offen-
sichtlich, was sie an solch einer Gefolgschaft haben, die ein
einziger Toter auf einen Schlag zum Schweigen bringt. "Raffiniert
inszenierte Massenpsychose" - dieser dümmliche Vorwurf, der sich
um den Inhalt massenhafter Begeisterung gar nicht kümmern will,
weil er gegen eine feindliche Führung die Verführten in Schutz
nehmen will, wäre da keinem auch nur im Traum eingefallen.
Das wäre ja auch abwegig. Wo ihm doch gerade von links seine
große "Integrationskraft", die Tatsache, daß er mit Wort und Tat
auch die Stimmen extremer Rechter für sich einsacken konnte, als
unumschränkt positive Leistung angerechnet worden ist. Und wo
sein zweites Vergehen gegen den demokratischen Staat darin be-
standen haben soll, daß er die G l a u b w ü r d i g k e i t
dieser feinen Demokratie mit seinen Lügen, dem Korruptionsver-
dacht, seinem pragmatischen Umgang mit den rechtsstaatlichen Re-
geln der Demokratie aufs Spiel gesetzt habe. Ein größeres Verlan-
gen, als von den zur Herrschaft beauftragten Figuren für dumm
verkauft zu werden, kennen die kritischen Herren von der schrei-
benden Zunft wirklich nicht.
zurück