Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN CDU/CSU - Von den C-Parteien
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Franz Josef Strauß
1915-1985
FÜHRERGEBURTSTAG
"Franz Josef hier, Franz Josef da jeder Tag bringt ein neues
Strauß-Festival", meldete die "Bild-Zeitung" inmitten der Feier-
lichkeiten zu Straußens 70. Geburtstag. Zwei Wochen lang ließ
sich der Bayern- und CSU-Chef feiern, und keiner, der in dieser
unserer Republik Rang und Namen hat, mochte abseits stehen.
Bundespräsident, Kanzler samt Kabinett, sämtliche ranghohen Oppo-
sitionsfiguren, die Honoratioren aus Wirtschaft und Kultur - alle
machten ihre Aufwartung, sorgfältig dokumentiert von den Medien.
Und das Volk tat das, was es bei solchen Gelegenheiten zu tun
hat: Es stellte sich hin und jubelte.
"Personenkult?" fragt sich "Bild". "Ach, was: Lebensart! Echt ba-
juwarisch."
Klar, so sind sie, die Bayern: Immer wenn einer der ihren 70
wird, wird ein 14-tägiger Staatsakt abgezogen.
"Ein Alpenkönig"
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Geglaubt werden solche Idiotien von der Eigenart bajuwarischen
Daseins - so als verbringe ein Arbeiter in Dingolfing sein Leben
anders als einer in Rüsselsheim oder Wolfsburg - nur allzu gerne,
und zwar innerhalb wie außerhalb Bayerns. Geglaubt und gepflegt.
Letzteres gerade von der CSU selbst. Ihr ist es nämlich im Laufe
der letzten Jahrzehnte gelungen, sich als politischer Inbegriff
einer angeblichen völkischen Eigenart des Gebiets zwischen
Aschaffenburg und Berchtesgaden zu etablieren. Wie keine andere
bundesdeutsche Partei hat sie es verstanden, das Bedürfnis von
Untertanen nach einem "Platz, wohin man gehört", nach einer Hei-
mat, die noch der armseligsten Existenz einen Sinn verleiht, für
sich auszunützen. Was gleichermaßen jeden CDU- wie SPD-Landesver-
band neidvoll nach Bayern blicken läßt - bei den letzten Land-
tagswahlen in NRW benannten die Wahlkampfstrategen der SPD ihr
Ziel wie folgt: "Johannes Rau muß hier dasselbe verkörpern wie in
Bayern Franz Josef Strauß". Mit der Pflege der Ideologie von der
Besonderheit ihres Bundeslandes haben es Strauß und die Seinen
geschafft, sich so etwas wie ein Anrecht auf die Regentschaft zu
erwerben, das sie sich alle vier Jahre durch Wahlen bestätigen
lassen.
Irrigerweise hat dieses Verhältnis manchem Kritiker Anlaß gegeben
zu Vergleichen mit längst vergangenen Feudalzeiten. Dabei reali-
siert Strauß in Bayern nur das, was er seit 40 Jahren - zu Recht
- als Quintessenz demokratischer Herrschaft propagiert:
"Die CSU war nie bereit, sich in das zu fügen, was man als das
Unvermeidliche bezeichnete, wir waren Herren und nicht Knechte,
wir haben nicht gefragt, was gefällt."
Unvermeidliches für andere schaffen, die sich dann darin fügen
dürfen, kurz:
"Dem Volk zu sagen, worauf es ankommt"
und dafür zu sorgen, daß es sich daran hält -, das ist es, was
demokratische Führerschaft auszeichnet.
"Ein Kraftmensch"
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Wer an der Macht ist, kann kaum noch etwas falsch machen - außer:
sie an Konkurrenten verlieren. Dieses Prinzip hat Strauß mit
größtem Erfolg innerhalb seiner eigenen Partei verfolgt. Nach
Ausschaltung sämtlicher Konkurrenz hat er sich eine ganze Riege
von Speichelleckern herangezogen, die ihren intellektuellen Ehr-
geiz in die Entwicklung von Lobeshymnen auf ihren Chef setzen:
"Wir feiern die Stärke Deiner Persönlichkeit, ihre Unwiederhol-
barkeit, Einmaligkeit, Besonderheit - einen Mann, auf den die Po-
litiker der Welt schauen, wenn sie auf die CSU schauen; denn al-
les wird bestimmt von Dir in der CSU, die Du bist, Du bist ein
Urtalent der Politik, ein Herkules der Geschichte,"
meinte der damalige Minister für Bundesangelegenheiten des Frei-
staats Franz Heubl, heute Landtagspräsident, zu Straußens 60. Ge-
burtstag. Und der CSU-Landesgruppen-Vorsitzende in Bonn Theo
Waigel pries ihn heuer als
"Superman auf allen politischen Gebieten in Vergangenheit und Ge-
genwart".
Solche Ehrerbietungen rufen auch bei oppositionellen Bewunderern
der Macht größten Respekt vor einem derart Gehuldigten hervor. So
erging sich auch die gesamte "kritische" bundesdeutsche Öffent-
lichkeit von der "Frankfurter Rundschau" über die "Süddeutsche"
bis zum "Spiegel" in Reflexionen darüber, was an "dem Menschen
Strauß" dran sei. Getreu dem demokratischen Menschenbild, das den
Erfolg als Persönlichkeitsmerkmal wertet und die Persönlichkeit
nach dem Erfolg, stellte sich allerorten Einigkeit darüber ein,
daß es sich hier um eine "große Persönlichkeit" handle, um
"eine der ganz wenigen großen Begabungen der deutschen Politik "
(SPD- Vorsitzender Willy Brandt - eine weitere große "Begabung",
weil nämlich mit Macht begabt).
Eine "vitale Kraftnatur" von "überragender Intelligenz" (Prof.
Golo Mann stellvertretend für alle Geistesgrößen) soll er sein,
weil es ihm in den 40 Jahren seiner politischen Tätigkeit zur
G e w o h n h e i t geworden ist, Macht über andere auszuüben.
Und in der ehemaligen "Skandalfigur" sehen nun alle einen
"gereiften Staatsmann".
Das liegt freilich nicht an seinem Alter oder gar an seiner neu-
erworbenen Witwerschaft. Der "Reifungsprozeß" ist vielmehr einer
der bundesrepublikanischen Demokratie selbst, an dem Strauß maß-
geblich beteiligt gewesen ist.
Ein bundesdeutscher Staatsmann
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Seit dem Beginn seiner politischen Karriere 1945, als er die CSU
mitbegründete, hat Strauß stets nur ein Ziel verfolgt: den Auf-
und Ausbau deutscher Macht. Daß er s i c h jeweils für die be-
ste personelle Besetzung der entscheidenden Positionen hielt, un-
terscheidet ihn in keiner Weise von seinen Politikerkollegen. Le-
diglich die unumwundene Art, dies öffentlich zu demonstrieren,
die Selbstverständlichkeit, mit der er seinen Anspruch auf Füh-
rungsaufgaben vortrug, hat beim demokratischen Publikum - je nach
Temperament - Faszination oder Abscheu hervorgerufen. Er
hat die paar Einsichten beherzigt, die die Intelligenz eines Po-
litikers ausmachen:
"Das Maß unserer Möglichkeiten mißt sich am Maß unserer Macht,
die sich aus einer Kombination der Faktoren militärische Unent-
behrlichkeit, wirtschaftliche Kraft, moralische und rechtliche
Position ergibt." Für die "militärische Unentbehrlichkeit" der
BRD im westlichen Bündnis und die entsprechende Einbindung der
Verbündeten in das deutsche Programm eines Vereinigten Europas
bis zum Ural hat er als erster V e r t e i d i g u n g s-
m i n i s t e r der Republik gewirkt. Seine persönlichen
Beziehungen zu amerikanischen Militärs und Waffenhändlern hat er
benutzt, um die BRD möglichst schnell mit einem leistungsfähigen
und vollständigen Waffenarsenal zu versehen. An vorsichtige
Parlamentsbeschlüsse hat er sich dabei nie groß gebunden gefühlt!
Als Pionier bundesdeutscher Aufrüstung hat er durch Panzer-,
Flugzeug- und sonstige "Affären" hindurch eine Armee aufgebaut,
deren Einsatzfähigkeit durch 200 abgestürzte Starfighter leider
nicht beeinträchtigt werden konnte und am Ende auch durch
Straußens Rücktritt nicht gelitten hat.
Als A t o m m i n i s t e r hat er durch die Versorgung der na-
tionalen Industrie mit Atomenergie, als oberster Steuereintreiber
hat er durch die richtige Verteilung der Staatsfinanzen der
"wirtschaftlichen Kraft" der Nation seinen Dienst erwiesen. Prak-
tisch wie agitatorisch ist er stets dafür eingetreten, dem Volk
fürs Vaterland Opfer abzuverlangen. Unentwegt hat er den einen
Grundsatz verfolgt: Die nationale Macht speist sich aus einem
dienstbaren Volk, also muß auch rücksichtslos dafür gesorgt wer-
den. Erstens muß es überhaupt genügend vorhanden sein. Mögen auch
zwei Millionen und mehr arbeitslos sein, als Kassenfüller, Reich-
tumsschaffer und Kanonenfutter mit dem richtigen Paß, eben als
deutsches Volk, sind es immer zu wenig:
"Was nützt uns die beste Währung und geordnete Finanzen, wenn wir
auf die Hälfte unserer jetzigen Bevölkerung sinken."
Zweitens muß es sich entsprechend aufführen:
"Unser Volk muß wieder lernen, Belastungen zu ertragen, Opfer zu
bringen."
Die agitatorische Masche, vom Volk als Einstellung zu verlangen,
was ihm längst praktisch auferlegt wird, beherrschte Strauß,
lange bevor Kanzler Schmidt mit dem Spruch "Das deutsche Volk ist
verwöhnt!" die Wende in der politischen Propaganda vollzog. Im-
merzu hat er nur die eine Sorge zur Anschauung gebracht, die Po-
litik könne in der Verwaltung des dienstbaren Volkes nachlassen,
könne den staatlichen Haushalt zu sehr mit Sozialem belasten,
statt da zu sparen und bei den Verteidigungslasten Löcher zu
stopfen, könne gar mit unentschlossenen Politikern und konsum-
freundlichen (wenn auch nur) Phrasen ein falsches Bewußtsein för-
dern.
So hat Strauß von jeher jeden Anflug des Scheins, Demokratie
hätte etwas mit Volksansprüchen zu tun, außer dem nach einer
rücksichtslosen Führung natürlich, entschieden bekämpft. Bei den
Liebhabern derartiger Illusionen ist er damit auf helle Empörung
gestoßen. Aber wenn die "Süddeutsche Zeitung" sich heute fragt
"Wer hat noch Angst vor F.J. Strauß?"
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und weit und breit keinen entdecken kann, so liegt das wahrlich
nicht an Strauß selbst. Weder innen- noch außenpolitisch hat er
in den vergangenen 40 Jahren seinen Standpunkt um einen Deut ge-
ändert. Genau umgekehrt ist es: Die Bundesrepublik ist straußmä-
ßig geworden. Nicht nur, was den Sozial- und den Militärhaushalt,
was das deutsche Militär und die Raketen auf deutschem Boden, was
die Führungsrolle in Europa und die weltweite Mitzuständigkeit
für Geschäft und Gewalt angeht.
Auch und gerade seine Tour politischer Bewußtseinsbildung und
Selbstdarstellung ist längst zum herrschenden Geist geworden:
Notwendige. Opfer, entschlossene Führung, harte Maßnahmen, so-
ziale Einschnitte, Rüstungsfortschritte und Politik der Stärke -
diese Markenzeichen von Strauß sind heute Gemeingut und die gül-
tigen Maßstäbe, an denen sich die öffentliche Auseinandersetzung
orientiert.
Nur eins hat dieser Mann, der die Machtgrundsätze der Bundesrepu-
blik am radikalsten ausgesprochen und repräsentiert hat, nie er-
reicht: die Richtlinienkompetenz des Kanzlers dieser Republik.
Die Demokratie hat eben immer mehr als einen Mann für das Staats-
programm zur Verfügung gehabt, und die Parteienkonkurrenz samt
den demokratischen Konjunkturen in der Einschätzung von Führungs-
qualitäten haben jeweils gegen Strauß entschieden.
"Gestoppt" worden ist er nicht. Umgekehrt: Seine Ziele sind der
ganz gewöhnliche Alltag in diesem Staat.
Und deswegen ist selbstverständlich sein Geburtstag ein Staats-
akt.
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