Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN CDU/CSU - Von den C-Parteien
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Bonner Charaktere: F. J. Strauß
EIN DEMOKRATISCHER PARADEPOLITIKER
"Franz Josef Strauß schöpft seine Kraft als Mensch aus dem Le-
bensgefühl seiner einfachen Herkunft, den Erfahrungen der Front-
generation des Zweiten Weltkrieges, seiner umfassenden Bildung,
seiner politischen Erfahrung und seinem christlichen Weltbild. Er
schöpft sie aus der glücklichen Ehe und intakten Familie."
(Werbebroschüre 1980) '
Haargenau dieselben volkstümlichen Tugenden einer bundesrepubli-
kanischen Führungspersönlichkeit haben so anerkannte Männer wie
Karl Carstens und Helmut Schmidt für sich ins Feld geführt. Woran
liegt es dann, daß Strauß so umstritten war und ist?
Was macht Strauß für die einen zu einem "Sicherheitsrisiko für
unsere Demokratie", zu einer "Schädigung des deutschen Ansehens
in der Welt" und zum Gegenstand einer "Stoppt-Strauß"-Kampagne?
Ganz bestimmt nicht die außergewöhnlichen politischen Leistungen
bzw. Untaten dieses Mannes. Eher schon das in der BRD verbreitete
Bedürfnis, das Gemeinwesen so sehr zu achten und zu lieben, daß
man es dauernd und vorrangig vor den schlechten Eigenschaften
seiner Führungspersönlichkeiten in Schutz nehmen will. So sind
die einen zu dem Schluß gelangt, vor Strauß, der "zu allem fähig"
ist, zu warnen - und die anderen halten ihn für den eigentlich
richtigen Mann in einer politischen Umwelt von Flaschen, die "zu
nichts fähig" sind. Dabei sind seine politischen Gemeinheiten das
äußerst brauchbare Handwerkszeug eines Politikers, der sich in
seinem Frontstaat und mit ihm durchzusetzen versteht.
Straußens Dienst an der politischen Kultur
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Soviel steht fest: Wenn Strauß selbst nach Kräften an dem Image
mitgewirkt hat, er sei das Daueropfer heimtückischer Diffamierun-
gen und staatsgefährdender Umtriebe, dann war das Teil seines de-
mokratischen Kampfprogramms zur Säuberung der Öffentlichkeit. Er
hat immer dafür gestanden, daß der konservative Weg, mit Gewerk-
schaften, Studenten, Dichtern, Umweltschützern und Journalisten
fertigzuwerden, indem man sie nämlich kleinhält und auf kritiklo-
sen Gehorsam drängt, jederzeit modern und erfolgreich ist. Im
Vertrauen auf die "schweigende Mehrheit" empfiehlt er sich als
ein Politiker, der auch und gerade die freie Meinung in ihre not-
wendigen Schranken weist und sie zum Dafürsein verpflichtet.
"Und wenn wir hinkommen und räumen so auf, daß bis zum Rest die-
ses Jahrhunderts von diesen Banditen keiner mehr wagt, in
Deutschland das Maul aufzumachen."
So hat er einst seine Alternative zum Schmidtschen Modell
Deutschland herausgestrichen, das mit politischer Kritik ja auch
kein Problem hatte. Sein Anliegen und seine Tour war und ist es,
der Öffentlichkeit die Verpflichtung auf eine konstruktive Be-
gleitung der Bonner Herrschaft gleich für seine und in seiner
Person vorzuschreiben. Genauso hartnäckig, wie seine Intimfeinde
dadurch die Demokratie in den Schmutz gezogen sehen, hat Strauß
deshalb auf dem Umgekehrten bestanden: Durch die Kritik seiner
Person werde der Staat in den Schmutz gezogen und gefährdet. Die
Beschwerde über Verleumdung und Lüge war noch regelmäßig der Auf-
takt, seine Kritiker zu verleumden, anzufeinden und zu verfolgen
- und zwar mit ganz anderen Mitteln als nur dem "Bayernkurier"
und dem Wort von den "Ratten und Schmeißfliegen", "Wohlstands-
randalierern", "Geisteskranken". Mit seinen verschiedenen
Amtsgewalten, mit Recht und Justiz und seinen guten Beziehungen
zu den entsprechenden Stellen der Dritten Gewalt, in anderen
Fällen auch wohl mit schlichter Verachtung der Unkenrufe von
"Spiegel" bis Jens und ungerührter Fortsetzung seiner politischen
Karriere hat er der Öffentlichkeit ihre Machtlosigkeit bewiesen
und so mit ihr beim Volk für sich geworben. Fest steht auch, daß
Strauß mit seinen "Affären" und öffentlichen Auseinandersetzungen
um seine politische Tragbarkeit unfreiwillig Hauptanteil an der
Schaffung einer politischen Kultur hat, die einer nach innen und
außen mächtigen Nation entspricht. Für ein angeblich so auf An-
stand und Qualität der Herrschaft abonniertes Publikum diente die
"Gefahr aus Bayern" nämlich einzig und allein als ein schlagendes
Argument für eine alternative Personage - sei es der "Macher"
Schmidt, sei es sogar der "provinzielle" Kohl - und damit für
eine Politik, die Strauß auch nicht besser hätte machen können.
Die demokratische Stilkritik, die sich um die Sache nicht mehr
kümmert, hat er beflügelt; und zugleich ist dabei am
"bajuwarischen Urviech" exemplarisch verhandelt und zur Gewohn-
heit geworden, was den führenden Herren in dieser Demokratie al-
les erlaubt sein muß, was an Kritik verboten, ein "Abgrund von
Landesverrat" und zu verfolgen ist. Schon in den 60er Jahren
stand unerschütterlich fest, daß Korruption, Amtsanmaßung, Ver-
letzung der Gewaltenteilung, Gesetzesbruch - eben in Ausübung
verantwortlicher Ämter - noch lange kein Verbrechen, ja nicht
einmal eine demokratische Anstandsverletzung sind. Die Aufdeckung
solcher Amtsführung und selbst ein Rücktritt im Gefolge einer
solchen "Affäre" disqualifizieren einen Mann nie und nimmer für
die politische Bühne. Lambsdorff, Wörner und diverse SPD-Männer
können heutzutage davon profitieren, daß die Maßstäbe politischen
Führungsanstands anhand Straußens Register so "realistisch" und
am Erfolg orientiert sind. Selbst bloße Zweifel an Führungsper-
sönlichkeiten werden nur unter parteitaktischen Gesichtspunkten
gewürdigt, und gegen öffentliche Beschwerden steht noch immer die
Solidarität der regierenden Demokraten, die sich nicht reinreden
lassen. Weder ist an Strauß eine große Koalition bis zum linke-
sten SPDler gescheitert, noch ohne Strauß den Bürgern durch die
SPD immer mehr Bürgerrecht, Wohlstand und Völkerfreundschaft be-
schert worden. Geändert hat sich eben mit und ohne Strauß in der
Regierung immer nur eins: die öffentliche Einbildung über diesen
Staat und sein demokratisches Gelingen. Strauß selbst aber ist
seit mehr als dreißig Jahren ein Vorbild und persönliches Spie-
gelbild der Bundesrepublik.
Eine demokratische Karriere
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Strauß hat es im Dritten Reich vom Metzgerssohn zum Einserstu-
dium, Studienrat, "weltanschaulichem Referenten" und Ausbildungs-
leiter bei der Flak gebracht. Er hat sich damit genau so viel und
wenig als Nationalsozialist, Kriegsteilnehmer und zur höheren
Laufbahn berechtigter Deutscher hervorgetan, daß er mit amerika-
nischer Protektion als Landrat von Schongau Eingang in die Nach-
kriegspolitik fand. Außerdem brachte er rechtzeitig die für einen
politischen Neuaufbau nötige Auffassung zu Gehör, Hitlers Verbre-
chen sei die Niederlage gewesen und Deutschland brauche jetzt
Führer, die mit dem staatsbürgerlichen Opfergeist des Volkes er-
folgreicher umzugehen wissen:
"Unter einer verantwortungslosen Führung ist ihnen (den deutschen
Bürgern) im vorgeblichen Gemeinschaftsinteresse das Letzte abver-
langt worden. Dabei stellte sich am Ende heraus, daß die von der
Mehrheit aus echtem Solidaritätsempfinden erbrachten Opfer nicht
nur nutzlos waren, sondern auch für eines der größten Verbrechen
in der Geschichte der Menschheit mißbraucht wurden. Als Folge
dieser bitteren Erkenntnis hat das nationale Bewußtsein der Deut-
schen einen schweren, hoffentlich nicht bleibenden Schaden erlit-
ten."
Diesen antifaschistischen Grundkonsens setzte er schon politisch
in die Tat und in eine Karriere um, als Otto Normaldeutscher noch
mit Aufräumarbeiten und Sich-Durchschlagen beschäftigt war. Das
Gründungsmitglied der CSU 1945 stieg bald zum Generalsekretär und
in den Landesvorstand auf, wurde damit eine nicht mehr zu ver-
nachlässigende Größe in der Parteienkonkurrenz und bestimmt seit-
dem darüber mit, daß das deutsche Volk nicht mehr verführt, son-
dern geführt wird, daß die Opfer nicht mehr nutzlos sind, sondern
sich für die Nation lohnen, und daß die Nation in den Grenzen von
1937 und darüber hinaus denkt und handelt. Als Bundestagsabgeord-
neter, Minister für besondere Aufgaben (1953), Atomminister
(1955), Verteidigungsminister (1956), Finanzminister (1966-1969)
und bayerischer Ministerpräsident (1978) wirkt er immer an vor-
derster Front mit und hat sich darüber den Ruf erworben, für je-
des Amt befähigt zu sein, bzw. nach allen Ämtern zu streben.
Ein Mann des nationalen Wiederaufstiegs
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Schon in den Anfängen und stellvertretend für seinen Dienstherm
Adenauer formulierte Strauß die Wahrheit über Grundlage und Ziel
einer deutschen Wiederaufbaupolitik, die mit Beteuerungen der na-
tionalen Bescheidenheit und des Großmachtverzichts betrieben
wurde: Wiedergewinnung der vollen Souveränität und Stärkung der
nationalen Macht. Ohne militärische Macht keine Souveränität;
ohne die Fähigkeit zur Bedrohung anderer Staaten keine Freiheit
in der Außenpolitik! Dieses harte Bekenntnis zu den Elementarvor-
aussetzungen auch des neuen, verkleinerten Deutschland hat Strauß
gegen Freund und Feind gerichtet:
"Wir sollten jede Gelegenheit benutzen, um die Verantwortung für
uns selbst auch wieder selbst in die eigene Hand zu nehmen, so-
weit wir dazu in der Lage sind, und die anderen dann zu echter
Mitverantwortung in unserem Sinne zwingen... Noch zweckmäßiger
erscheint es uns, eine Situation herbeizuführen, in der es unmög-
lich ist, daß sich die vier Mächte über Deutschland auf Kosten
Deutschlands einigen können."
Als es dann wieder erlaubt war, hat er alles darangesetzt, mit
eigenen Waffen die "Fähigkeit und Bereitschaft zu politischer und
militärischer Verantwortung" zu beweisen und so in diese Verant-
wortung eingesetzt zu werden. Seine persönlichen Beziehungen zu
amerikanischen Militärs und Waffenhändlern und halb- und illegale
Mittel hat er benutzt, um über das parlamentarisch Beschlossene
und Erlaubte hinaus die Bundesrepublik möglichst schnell mit ei-
nem leistungsfähigen und vollständigen Waffenarsenal zu versehen.
Nach der Schützenpanzer"affäre" hat er den Verlust von Bedie-
nungsmannschaften, Flugzeugen, Geldern sowie seinen eigenen Mini-
sterkopf riskiert, um schlagartig mit den Starfightern eine Luft-
waffe aufzubauen, die für jeden und insbesondere auch atomaren
Einsatz fähig ist. Alles, um
"uns den westlichen Freunden für diesen Fall (einen möglichen
Krieg) so unentbehrlich zu machen und einen potentiellen Gegner
so respektabel ernst zu machen, daß beide auf unsere Anwesenheit
Wert legen."
Bis heute hat Strauß auf diese Maxime nichts kommen lassen und
nichts kommen lassen müssen. Im Gegenteil. Mehr denn je gilt doch
inzwischen als einzige politische Leitlinie, was Strauß immer
schon sagte:
"Das Maß unserer Möglichkeiten mißt sich am Maß unserer Macht,
die sich aus einer Kombination der Faktoren militärische Unent-
behrlichkeit, wirtschaftliche Kraft, moralische und rechtliche
Position ergibt."
Was damals durch diesen Pionier der Rüstung mit entsprechenden
Verlusten und Skandalen erst aufgebaut werden mußte, das ist
heute politische, wirtschaftliche und moralische Selbstverständ-
lichkeit und geht den geregelten Gang von Haushaltsbeschlüssen,
Waffenkäufen, Waffenverkäufen und nationalen Rüstungsaufträgen
für die versammelte Großindustrie.
Ein Mann der NATO-Freiheit gegen den Osten
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Als die SPD noch Adenauer einen "Kanzler der Alliierten"
schimpfte, setzte Strauß schon rücksichtslos darauf, den bundes-
republikanischen Teil Deutschlands in die amerikanische Weltgeg-
nerschaft gegen die Sowjetunion einzubringen und als militäri-
sches Bollwerk gegen die Sowjetunion in Europa unentbehrlich zu
machen. Die Hetze gegen sowjetische Aggression war ihm als chi-
ristlich-deutschem Politiker mit gesamtdeutschem Führungsanspruch
sowieso ein Herzensanliegen. Das konnte durch den weltpolitischen
Rahmen nur an Unverfänglichkeit und vor allem Wucht gewinnen:
"Kein Volk sollte sich über die sowjetische Gefahr klarer sein
als das deutsche Volk."
"Uns nützt der größte Sozialhaushalt und die beste Rente gar
nichts,... wenn die Kosaken kommen,"
"Im übrigen verhalten sich die Sowjets dort friedlich, wo der
Schatten der Weltmacht USA auftaucht. Im Kreml sitzen vorsichtige
Teufel."
"In Wirklichkeit muß es heißen: Erst rot, dann tot."
Das sind keineswegs Verlautbarungen eines ewig gestrigen Kommuni-
stenfressers, sondern Übersetzungen der gültigen NATO-Doktrin,
diesseits und jenseits des großen Teichs genügend Kriegsmaterial
aufzustellen, um die Sowjetunion weltpolitisch in die Knie zu
zwingen. Und das ist keineswegs kleinkarierter Nationalismus,
sondern weltweite Berechnung einer NATO-Zweitmacht nach dem
Motto:
"Mit dem Territorium eines Bündnispartners wird anders umgegangen
als mit einem neutralen Lande."
Ein Mann Europas
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Längst heißt der politische Anspruch ja auch nicht mehr nur
"Deutschland in den Grenzen von 1937", sondern "einer der oberen
Ränge in dieser Hierarchie" (der "Supermächte").
Deshalb hat Strauß in der westeuropäischen Partnerschaft eine Be-
dingung und Chance besserer deutscher Weltgeltung entdeckt und
vor allem sich auch nicht gescheut, unter dem Titel Europa immer
wieder den nationalen Machtzugewinn anzusprechen und einzufor-
dern. Ohne große Umschweife verlangt er,
"die deutsche Frage nicht als nationales Anliegen nur eines Staa-
tes, sondern als eine gemeinsame europäische Angelegenheit zu be-
handeln."
Und mit der Gewißheit, daß auf Basis der gemeinsamen Gegnerschaft
gegen die Sowjetunion eben innerhalb der NATO eine Konkurrenz um
die Macht stattfindet, hat er nicht hinter dem Berg gehalten. Das
ist geradezu seine politische Definition von Europa:
"Die Europäer sind total degeneriert. Sie sind ausgetreten aus
der Geschichte, erwarten, daß die Amerikaner wenigstens für sie
noch Wache halten..."
1957, wo es kaum die Bundeswehr gab:
"Aber den Amerikanern zumuten, daß sie mit lauter Protektorats-
kindern, in diesem Fall mit lauter Atomsäuglingen, Atomschützlin-
gen - jeder ein militärisches BABY - für jeden von ihnen eine Si-
cherheitsgarantie tragen sollen..."
Und 1984, mit einem ganzen Atomraketenarsenal auf deutschen Bo-
den:
"Unser Selbstbestimmungsrecht darf nicht allein von Washington
garantiert werden... Es ist mit dem seelischen Gleichgewicht von
300 Millionen Europäern nicht vereinbar, immer nur nach Washing-
ton zu blicken."
Den Vorwurf des Antiamerikanismus fürchtet er offenbar ebensowe-
nig wie den der Anmaßung, wenn er für eine neue Sorte Zusammenar-
beit im Sinne der Bundesrepublik gegen Frankreich auftritt. Er
ist sich viel zu sicher, daß immer mehr Waffen auch dazu berech-
tigen, mehr Einfluß auf die Partner zu fordern:
"Da aber mit Sicherheit französische Atomwaffen auch gegen Ziele
auf dem Boden Deutschlands gerichtet sind, und zu Deutschland ge-
hört natürlich auch die DDR, das ist unser gemeinsames Vaterland,
ist hier noch ein weites Feld nicht nur für Informationen, son-
dern auch für Abstimmung, für gegenseitige Aufklärung und gemein-
same Planung."
Solche Ansprüche auf eine europäisch erweiterte, deutsche Dritte
Weltmacht gelten längst nicht mehr als Straußscher Radikalismus.
Genauso geht angesichts einer längst alltäglich gewordenen welt-
weiten Mitbeteiligung die Forderung nach "Mitsprache und Mitbe-
stimmungsrecht in Fragen, von denen wir mitbetroffen sind", "z.B.
Nahost", anstandslos über die öffentliche Bühne.
Ein Mann der Weltpolitik
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Schon früh ist Strauß persönlich dafür eingetreten, daß unter je-
der Regierung solche Ansprüche nicht zu kurz kommen - und vor al-
lem auch er dabei nicht zu kurz kommt. Gegen die offizielle Di-
plomatie unter der SPD/FDP-Koalition und jetzt als Ergänzung und
Konkurrenz zur Bonner Politik stützen Verbindungen und Gelder der
Hanns-Seidel-Stiftung "antisozialistische Bollwerke" in Chile,
Südafrika und anderswo. Und der Vorsitzende und Ministerpräsident
höchstpersönlich hält in China, Afrika und beim Erzfeind selbst
ein Bewußtsein davon wach, daß deutsche Stärke mehr ist, als was
Genscher und Kohl, und erst recht früher Genscher und Schmidt von
ihr zur Darstellung bringen. Ein durch ihn eingefädelter Kredit
an die DDR sorgt für ein Stück Öffnung des anderen deutschen
Staates speziell gegenüber der Bundesrepublik. Eine demonstrative
Blitzvisite im "befreiten" Grenada wirbt für gewaltsame Säube-
rung, während die Regierung in Bonn für die Weltöffentlichkeit
kritische Solidarität wahrt. Am Brenner fordert er italienische
Unterordnung unter deutsche Zollabfertigungswünsche, während Kohl
dasselbe gerade offiziell anmahnt. In Syrien bietet er Vermitt-
lungsdienste für den Libanon an, während der Außenminister den
Nahen Osten den zuständigen "Schutzmächten" überläßt. Immer steht
Strauß für außenpolitische Zuständigkeiten und Alternativen ein,
die jede BRD-Regierung zu ihrem legitimen Machtumkreis zählt und
durch ihn halboffiziell anmeldet und pflegt.
Ein Mann der notwendigen Opfer
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Nach innen hat Strauß jeden Anflug des Scheins, Demokratie hätte
irgendetwas mit Volksansprüchen zu tun, außer dem nach einer
rücksichtslosen Führung natürlich, entschieden bekämpft. Unent-
wegt hat er immer nur den einen Grundsatz verdolmetscht: Die na-
tionale Macht speist sich aus einem dienstbaren Volk, also muß
auch rücksichtslos dafür gesorgt werden. Erstens muß es überhaupt
genügend vorhanden sein: Mögen auch zwei Millionen und mehr ar-
beitslos sein, als Steuerzahler, Kassenfüller, Reichtumsschaffer
und Kanonenfutter, eben als deutsches Volk, sind es immer zu we-
nig:
"Was nützt uns die beste Währung und geordnete Finanzen, wenn wir
auf die Hälfte unserer jetzigen Bevölkerung sinken."
Zweitens muß es sich entsprechend aufführen:
"Unser Volk muß wieder lernen, Belastungen zu ertragen, Opfer zu
bringen."
Die agitatorische Masche, vom Volk als Einstellung zu verlangen,
was ihm längst praktisch auferlegt wird, beherrscht Strauß, lange
bevor Kanzler Schmidt mit dem Spruch: Das deutsche Volk ist ver-
wöhnt! seinerseits die Wende in der politischen Propaganda
vollzogen hat. Seit den fünfziger Jahren bringt er immerzu nur
die eine Sorge zur Anschauung, die Politik könne in der Verwal-
tung des dienstbaren Volkes nachlassen, könne den staatlichen
Haushalt zu sehr mit Sozialem belasten, statt da zu sparen und
bei den Verteidigungslasten Löcher zu stopfen, könne gar mit un-
entschlossenen Politikern und konsumfreundlichen (wenn auch nur)
Phrasen ein falsches Bewußtsein fördern.
Ein Mann des Volkes
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Dabei ist er ein Vorreiter der demokratischen Tour, sich mit der
eigenen Rücksichtslosigkeit bei ihren Opfern als geeignete Füh-
rungspersönlichkeit anzupreisen. Als sein Herr spricht er dem
Volk aus der Untertanenseele und wirbt mit dem Versprechen, sich
keinesfalls von ihm abhängig zu machen. "Ehrlichkeit" heißt das
dann und "Verantwortung",
"dem Volk zu sagen, worauf es ankommt, und nicht ängstlich danach
zu schielen, was vielleicht ankommen könnte."
"Dem Volk aufs Maul schauen - ja, aber nicht ihm nach dem Mund
reden - das ist unsere Parole."
Deswegen führt Strauß auch beständig das Volk im Munde, so "wie
es wirklich ist" eine Gemeinschaft von Dienern der Nation, jeder
an seinem Platz:
Die Jugend "wird lieber demjenigen vertrauen, der ihr offen und
ehrlich auch die Erfüllung notwendiger Pflichten abverlangt, als
demjenigen, der sie unter dem Vorwand umfassender 'Betreuung'
insgeheim entmündigt."
"Ein Facharbeiter, ein Schlosser, ist allemal, wenn er seiner
Aufgabe mit innerer Freude und sachlichem Erfolg nachgeht, mehr
wert als ein frustrierter Akademiker, der nach 20 Jahren Schulle-
ben in Wirtschaft und Gesellschaft keinen Platz findet..."
So kümmert sich ein Akademiker, der seinen Platz ganz oben gefun-
den hat, neben der politischen Führung auch noch um die entspre-
chende Moral der Geführten und verkauft die größten Härten mit
dem Gütesiegel, genau zu wissen, was das Volk will, "weil ich
selbst aus einfachen Verhältnissen komme..."
Ein Mann der Partei
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Über Art und Zweck demokratischen Streits zwischen seinesgleichen
hat Strauß nie Zweifel aufkommen lassen: Es geht um die Ausübung
der Macht. Die erringt man am ehesten, wenn man schon welche hat
und seine Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen versteht - und
sei es auch nur in der Selbstdarstellung vor dem Wähler. Für ge-
nügend eigene Macht hat er in Bayern mit einer soliden Wähler-
mehrheit und subalternen Parteigefolgschaft gesorgt. Und für die
richtige Strategie gegenüber dem Wähler hat er sich immer wieder
eingesetzt. Er hat die Sorge um die Nation noch nie mit einer
aufopfernden und selbstlosen Gemeinsamkeit aller führenden Demo-
kraten verwechselt, die sie beständig im Munde führen. Im Zwei-
felsfall geht sie eben ganz in der Sorge um den Wahlerfolg der
eigenen Mannschaft auf. Und um die als die Bessere an die Macht
zu bringen, ist jedes Mittel recht, wenn nur der Eindruck ent-
steht, die politische Konkurrenz sei unfähig, das Volk zu führen;
sogar eine richtige Krise:
"Lieber eine weitere Inflationierung, weitere Steigerung der Ar-
beitslosigkeit, weitere Zerrüttung der Staatsfinanzen in Kauf
nehmen, als das anzuwenden, was wir als Rezepte für notwendig
halten... Es muß also eine Art Offenbarungseid und ein Schock im
öffentlichen Bewußtsein erfolgen."
Das war seine Oppositionsstrategie in den siebziger Jahren. Im-
merhin lebt sie von der demokratischen Gewißheit, daß eine er-
folgreiche Nation unter Parteienkonkurrenz nicht zu leiden hat,
sondern umgekehrt die rücksichtslose Konkurrenz um die Verantwor-
tung für die Nation erlaubt.
Demokratischer Erfolg und persönliche Niederlagen
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Was Strauß den Ruf einer Skandalfigur oder eines Spitzenpoliti-
kers eingebracht hat, ist die umstandslose Art, mit der dieser
Mann die staatliche Souveränität als sein Anliegen verfolgt - und
öffentlich zum Gütesiegel seiner politischen Persönlichkeit ge-
macht hat: Unbefangen demonstriert er, daß es ihm zur lieben Ge-
wohnheit geworden ist, Macht auszuüben - nicht bloß nach ihr zu
"streben", wie ihm vorgeworfen wird. Mit größter Selbstverständ-
lichkeit führt er sich nicht als Diener eines Amtes auf, sondern
stellt dar, daß sich alle demokratische Amtsautorität in seiner
Person vereinigt. Aus Neigung und Berechnung verkörpert er die
Rücksichtslosigkeit des politischen Geschäfts und steht für das,
was politischer "Realismus" heißt: gegen alle Ideologien von Ver-
antwortung, Toleranz, politischer Kultur, die gewisse Kreise so
lieben. Die haben das Strauß verübelt und so ihren Frieden mit
den politischen Fortschritten der Demokratie gemacht.
In der Bundesrepublik kann Strauß heute mehr denn je seine poli-
tischen Ansprüche verwirklicht sehen: Nicht nur, was den Sozial-
und den Militärhaushalt, was das deutsche Militär und die Raketen
auf deutschem Boden, was die Führungsrolle in Europa und die
weltweite Mitzuständigkeit für Geschäft und Gewalt angeht.
Auch und gerade seine Tour politischer Bewußtseinsbildung und
Selbstdarstellung ist längst zum herrschenden Geist geworden:
Notwendige Opfer, entschlossene Führung, harte Maßnahmen, soziale
Einschnitte, Rüstungsfortschritte und Politik der Stärke - diese
Markenzeichen von Strauß sind Gemeingut und die gültigen Maß-
stäbe, an denen sich die öffentliche Auseinandersetzung orien-
tiert. Denn auch seine Sonthofener Taktik ist voll aufgegangen
und hat die SPD wieder in die Opposition verbannt, und Strauß ist
an der politischen Verantwortung mehr beteiligt denn je. Nur eins
hat dieser Mann, der die Machtgrundsätze der Bundesrepublik am
radikalsten ausgesprochen und repräsentiert hat, nie erreicht:
die Richtlinienkompetenz des Kanzlers dieser Republik. Die Demo-
kratie hat eben immer mehr als einen Mann für das Staatsprogramm
zur Verfügung gehabt, und die Parteienkonkurrenz samt den demo-
kratischen Konjunkturen in der Einschätzung von Führungsqualitä-
ten haben jeweils gegen Strauß entschieden.
Gestoppt worden ist er nicht. Umgekehrt: Seine Ziele sind der
ganz gewöhnliche Alltag in diesem Staat. Deswegen hat dieser
Staat auf Strauß auch nie verzichtet.
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