Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN CDU/CSU - Von den C-Parteien
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Franz Josef Strauß
ENTLARVUNG EINES KANZLERKANDIDATEN
"Die Bundesrepublik steht an einem Scheideweg. Dreißig Jahre nach
ihrer Gründung sind ihre Bürger in der Entscheidung gefordert,
von der sich heute schon sagen läßt, daß sie sich als weitrei-
chend herausstellen wird." (V/S. 171)
"Es geht um unser Leben. - Die Geschichte unser Häuser liegt 2000
Jahre zurück - zerdeppert sind sie in zwei Nächten." (A. Kluge,
"Der Kandidat")
Solche düsteren Prognosen finden sich als Leitsätze in den Pro-
dukten kritischen deutschen Kulturschaffens, die derzeit als in-
tellektueller Beitrag zum Bundestagswahlkampf den Markt des höhe-
ren Genusses überschwemmen. Der Anlaß, der deutschen Geist auf
die Schreibtischbarrikade treibt, um von dort aus nationale
Schicksalsparolen anzustimmen, ist "der Kandidat", der sich dies-
mal dem Kreuz des Wählers als Alternative staatlicher Machtaus-
übung zur Disposition stellt. Das "neue Unheil", das Schriftstel-
ler, Plakat- und Filmemacher - ganz vom Standpunkt der Nation aus
- im Anspruch des F. J. Strauß auf den Kanzlerstuhl für die Sta-
bilität der Demokratie gewahren, entlarvt zwar nichts an diesem
Politiker, wohl aber einiges Selbstverständnis seiner intellektu-
ellen Gegner: Mit der Prophezeihung nationalen Unglücks durch
einen zum Kanzler unfähigen Politiker rufen sie sich als die in
Erinnerung, auf deren besonderes Gespür es in Schicksalszeiten
Deutschlands schon immer (nicht) ankam.
Die Kandidatur - ein Krisensymptom...
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So sieht unter anderen der Marburger Linkspolitologe Kühnl mit
der Kanzlerkandidatur von Strauß die Stunde gekommen, um mit
gleich zwei handlichen Heftchen im Jackentaschenformat auf dem
Buchmarkt Flagge zu zeigen. Wie es sich für einen ordentlichen
Professor seiner Fachrichtung gehört, führt ihn die Diagnose
"sehr schlimmer, in ihrer Reichweite nicht präzis angebbarer Fol-
gen" für den Fall eines Machtantritts von Strauß zur besorgten
Problematisierung des Gesundheitszustands unserer demokratischen
Ordnung. Dabei findet er sich gleich eine Reihe von Krankheits-
symptomen in Form einer "Bedingungskonstellation" zusammen, die
es dem bösartigen Rechtsbazillus gestattet haben sollen, in den
ansonsten so gesunden Körper einzudringen:
"Das Einschwenken beträchtlicher Teile der Wirtschaft und der po-
titisch-ideologischen Kräfte der Rechten auf die Linie von F. J.
Strauß steht in Zusammenhang mit der ö k o n o m i s c h e n
K r i s e u n d S t a g n a t i o n, die 1974 begann und deren
Ende nicht abzusehen ist." (II/S. 8)
Fruchtbar ist dieser von Kühnl hergestellte "Zusammenhang" inso-
fern, als damit gleich bewiesen ist, daß Strauß als typisches
Krisenphänomen nichts gemein haben kann mit dem, was ein gut
funktionierendes Staatswesen auszeichnet, wo Wirtschaft und
Rechte ihren schwankungsfreien Platz haben. Kühnl beruft sich auf
Strauß, der einst in Sonthofen laut Gedanken über die ziemlich
aussichtslose Lage seines Haufens gegen die erfolgreichen Macher
in Bonn äußerte ("Es muß wesentlich tiefer sinken, bis wir Aus-
sicht haben,... gehört zu werden"), um darüber seinem theoreti-
schen Ansatz einer nunmehr eingetretenen Systemschwäche, aufgrund
derer er sich nur die d e m o k r a t i s c h e Wahlalternative
eines für d e m o k r a t i e f e i n d l i c h gehaltenen Kan-
didaten vorstellen mag, den nötigen Realitätsbezug zu verleihen.
Auch die andere Bedingung, die Kühnl als Nährboden undemokrati-
scher Rechtsblüten eruiert, gibt nicht ihm, sondern dem
Strauß'schen Ärger recht, ausgerechnet gegen einen rundweg er-
folgreichen Staatsführer als Kandidat antreten zu müssen:
"Ein großes Produktions- und Expansionspotential des bundesrepu-
blikanischen Kapitalismus, das zu einer Führungsstellung in West-
europa geführt hat - ökonomisch, militärisch und deshalb natür-
lich auch politisch." (I/S. 4)
Was - so- möchte man fragen - ist an einer Bundesrepublik, deren
ökonomische Stärke sie inzwischen wieder tatkräftig auf dem Erd-
ball bei der Eröffnung von Geschäften und Konflikten mitmischen
läßt, kritikabel? Das Symptom eines Kanzlerkandidaten Strauß -
meint der Professor: Wenn man nämlich davon ausgeht, daß dieser
Politiker der personifizierte Anschlag auf alles Schöne, weil De-
mokratische an unserem Gemeinwesen ist, dann muß letzteres schon
ganz schön geschwächt sein, damit sich ein solcher Systemfeind
überhaupt als Kanzleraspirant aufspielen darf. Umgekehrt muß es
Strauß als besondere Unverfrorenheit angerechnet werden, sich
auch noch anzuschicken, die extra für ihn erfundene Krise im
Bündnis mit den "rücksichtslosesten Wirtschafts- Finanz- und Mi-
litärkreisen mit allen innen- und außenpolitischen Konsequenzen"
zu "lösen".
...und eine Chance
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Die Krise, auf die der politologische Straußgegner ja schließlich
erst gekommen ist, indem er seine Idealvorstellung von einer
funktionierenden Staatsgewalt durch das Strauß'sche Programm
einer
"qualitativen Veränderung des politischen Systems nach rechts in
Richtung auf einen autoritären Staat" brüskierte, will er nun
auch in seinem Sinne als C h a n c e genutzt wissen.
"Eine tiefere und länger andauernde Krise erschüttert bisher
herrschende Orientierungen, veranlaßt viele, nach anderen, neuen
Orientierungen zu suchen, setzt also Teile der Bevölkerung poli-
tisch in Bewegung. Die Frage (ist), in welcher Richtung die Al-
ternative gesucht wird." (I/S. 17)
Das kritische Hirn des Professors beweist seine geniale Souverä-
nität gegenüber allem, was sich auf der Welt abspielt. Nicht nur
stürzt er die ganze oder zumindest "beträchtliche Teile" der Ge-
sellschaft in eine "Perspektiv- und Orientierungslosigkeit", er
bricht auch gleich einen alles entscheiden den Streit darüber vom
Zaun, wer jetzt - Strauß oder "die fortschrittlichen Kräfte" -
wen mit welcher Alternative ("Irrationalismus oder Rationalis-
mus") zuerst vom krisenhaften Herumirren ab- und auf seinen Weg
bringt. Strauß als Konkurrenz in Sachen Perspektivenhandel erhält
so rum ungeahnte positive Qualität. Wie jedermann weiß, haben
gegen einen Supermarkt viele kleine Tante Emmas keine
Überlebenschance. Man muß sich nur die "fürchterlichen Folgen"
ausmalen, und schon hat man, was die Stunde geschlagen hat:
G e m e i n s a m e s H a n d e l n in der Bewegung "Stoppt
Strauß"! Während Kühnl keinerlei Verständis für die "inhomogenen
demokratischen Potentiale" aufbringt, die entgegen seiner
einmaligen Wettbewerbsbedingung des Zusammenschlusses weiter
eigenbröteln, und ihnen mit dem Leibhaftigen Strauß droht -
"Es ist sehr zu hoffen, daß diejenigen, die solche Positionen
vertreten, nicht eines Tages gemeinsam hinter Gefängnismauern
diese Fragen 'ausdiskutieren' müssen wie es der zerstrittenen
Linken nach 1933 in Deutschland, nach 1922 in..." (I/S. 21) -,
empfiehlt er in bezug auf die verängstigten Adressaten erstens
Verständnis: es
"sind in besonders starkem Maße politische und ideologische Tra-
ditionen wirksam, die die rechtsgerichteten Kräfte begünstigen"
(womit auch gleich einer prophylaktischen Erklärung des eigenen
Mißerfolgs genüge getan ist), und zweitens intensive K u n-
d e n w e r b u n g.
Strauß - ein Widerspruch zur Realität
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Kühnl geht dabei mit gutem Beispiel voran. Er beweist mit der ak-
tualisierten Veröffentlichung eines von ihm erstellten Gerichts-
gutachtens ("Die von Strauß repräsentierten politischen Kräfte
und ihr Verhältnis zum Faschismus", mit dem er einen Richter
schon 1971 zu dem entlarvenden Eingeständnis zwang, daß zwischen
Strauß und Hitler keine vollständige Identität bestehe, nicht
nur, daß sein Kampf gegen das Wiedererstehen der Rechtskräfte
Tradition hat, sondern auch die Handlichkeit seiner Methode: Man
entwerfe sich eine "Typologie des Faschismus", stelle dieser als
moralische Norm den zutiefst demokratischen Sinn unseres Staats-
wesens gegenüber und Strauß mit seinem reichen Zitatenschatz da-
zwischen - und siehe da: Er schwankt und zwar in eine eindeutige
Richtung. So wirft zum Beispiel die von Strauß vom Standpunkt der
Gewalt geäußerte Hochachtung für die militärische Tugend der be-
dingungslosen Pflichterfüllung im Dienste nationaler Notwendig-
keiten für den Professor ein Z u o r d n u n g s p r o b l e m
auf, dessen Resultat schon feststeht:
"Ein solcher Militarismus verletzt nicht nur das im Grundgesetz
gewährleistete Recht auf Kriegsdienstverweigerung, sondern erin-
nert sehr deutlich an die Reden faschistischer Führer." (II/S.
26)
Der an allen Betätigungsfeldern der Staatsgewalt geführte immer
gleiche Beweis, daß das Programm des Kandidaten Strauß
"der mit dem Grundgesetz etablierten Verfassungsordnung... nicht
entspricht"
und es somit
"in entscheidenden Fragen im Widerspruch zu den innergesell-
schaftlichen als auch vor allem zu den internationalen Realitäten
an der Schwelle der 80er Jahre (steht)" (I/ S. 26) -
ist die in Intellektuellenmanier vorgetragene Zurschaustellung
der Besorgnis und Verantwortungsbereitschaft für die von den In-
habern der Herrschaft geschaffenen "Realitäten".
Ein Charakterschwein wird entlarvt
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Darin unterscheidet sich ein Kühnl in nichts vom Haufen der In-
telligenzler, die, wie er, Strauß zum Anlaß nehmen, um sich zur
Sprache zu bringen. Dabei versäumt es keiner von ihnen, zu beto-
nen, daß er auf ganz anderem Niveau steht, als jenes
"breite Feld von Unpolitischen, von ängstlich gewordenen Klein-
bürgern, von mit Minderwertigkeitskomplexen Behafteten und gegen
die Demokratie Aufhetzbaren." (III/S. 13)
Die Pose des Wagemuts, die einem Mahner wie K. Hirsch in einer
Umwelt von Eingeschüchterten und Desorientierten zufällt, finden
die Vertreter des geistigen Lebens für sich so kleidsam, daß sie
sich gleich alles Menschtum unter ihnen als ein
"Potential von Anfälligen, die sich der Gefahren für unsere Demo-
kratie, in dem Augenblick, wo sie einem rechten Rattenfänger
nachlaufen, gar nicht bewußt sind" (III/S. 14),
zurechtdefinieren. Mit der Distanzierung von bewußtlosen Ratten,
die einem Radikalinski hinterherrennen (der verantwortliche Gei-
ster als Ratten zu beleidigen pflegt), weil sie sich laufend
durch die
"vielen Gewänder und Larven, hinter denen er sich zu verbergen
pflegt",
täuschen lassen, verschafft die schreibende Intelligenz nicht nur
ihrem abgehobenen Selbstverständnis des Durchblickers den nötigen
Respekt, sie erteilt sich zugleich den Auftrag zum Volksaufklä-
rer.
Wo das Gefährliche an F. J. Strauß seine Versteckkünste sind -
"Nur auf diese Weise kann er überhaupt zu einer breiten Bewegung
werden, denn natürlich besteht das deutsche Volk in seiner Mehr-
heit nicht aus Rechtsradikalen." (III/S. 13) -
da ist es geradezu eine moralische Verpflichtung, ihm dadurch die
Maske vom Gesicht zu reißen, daß man Einblick in seinen
L e b e n s l a u f gewährt, der allein schon der eines ausge-
machten Charakterschweins ist. Ob dabei beim Metzgersohn oder
beim Kanzlerkandidaten als höchstem Stadium angefangen wird, ist
egal. Der w a h r e Franz Josef, von dem sich bislang nur die
geistige Elite eine Vorstellung machen konnte, steckt in beiden.
Ohne einen B. Engelmann hätte man nie erfahren, daß Strauß, der
sich
"vor Industriearbeitern gern als aus kleinen Verhältnissen stam-
mend"
bezeichnet, in Wirklichkeit wegen des in Metzgereien üblichen
Fleischvorrats
"den Hunger und das Elend allenfalls vom Hörensagen kennt".
Auch ist es eine grobe Verkürzung, wenn man den Anfang der zwie-
lichtigen politischen Karriere von Strauß erst 1945 ansetzt, wo
doch schon 1923 Heinrich Himmler nachweisbar Stammkunde in der
elterlichen Metzgerei war. Umgekehrt muß man die "sprachlichen
Entgleisungen" des heutigen Franz Josef im Zusammenhang mit sei-
ner Musterschülerlaufbahn an einem "Elitegymnasium" sehen. Wie
auch sein Opportunismus in Sachen vierter Partei erst Hand und
Fuß erhält, wenn man weiß, daß sich Strauß schon 1943 mit erfro-
renen Zehen vor Stalingrad gedrückt hat. Ganz zu schweigen davon,
daß er es unter Adenauer nur deshalb so schnell zum Bundesmini-
ster für besondere Aufgaben bringen konnte, weil er bereits als
19jähriger Primaner süddeutscher Straßenmeister im Radfahren war,
etc. Und während der Verfasser des 'Schwarzbuches!' nicht von
seinem Faible ablassen will, weiter nach Hintergrundmaterial für
den äußerst brisanten Nachweis zu fahnden, daß Strauß doch nicht
nur aus Liebe zum Motorradfahren zu den Nazis gegangen ist, er-
freuen sich auch die Affairen des Kandidaten wieder wachsender
Beliebtheit. Angefangen von Vettern-Wirtschaft ('Onkel Aloys'/
FIBAG), über Korruption (Hauptstadtaffaire/Starfighter) und Amts-
anmaßung (Spiegel). In ihnen kommt zwar absolut nichts Neues,
aber mehr als genügend Material vor, um in staatsgeiler Sauber-
mann-Manier Sprüche wie
"Das Vertrauen in die Demokratie aber lebt von der Vertrauenswur-
digkeit derer, die sich als ihre Diener verstehen sollten." (V/S.
29)
loszuwerden und der unheimlichen Begeisterung für das Ideal or-
dentlicher Herrschaftsrepräsentation Ausdruck zu verleihen.
Vaterlandsverteidigung gegen ein Sicherheitsrisiko
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Die Rolle des kompetenten Schiedsrichters darüber, wer in unserem
Staat das Sagen haben darf, hat es diesen Literaten so angetan,
daß sie sich ein ums andere Mal in die Kulisse eines mit Strauß
vom Untergang bedrohten Vaterlands versetzen, um allen Anfechtun-
gen trotzend und mit dem ganzen Arsenal zum Geschäft der Macht
gehöriger Ideologien bewaffnet den Kampf um dessen Rettung anzu-
treten. Nicht jeder von ihnen ist dabei in der glücklichen Lage
wie B. Engelmann, auf eine namentliche Erwähnung im bayerischen
Verfassungsschutzbericht verweisen zu können und so sein Buch als
den riskanten und selbstvergessenen Einsatz für das bedrohte
"Schicksal von 60 Millionen Menschen" zum Ladenknüller zu machen.
Aber noch jeder legt Wert auf das kritische Image, angesichts ei-
nes Unionskanzlerkandidaten Strauß -
"Nicht wir sind gegen Strauß, er ist gegen uns" -
einfach nicht länger schweigen zu können und zu d ü r f e n.
Unter dem Druck dieser besonderen Verantwortung zwingen sich die
letzten Vertreter eines
"friedlichen, geordneten, sauberen und ein Höchstmaß an Liberali-
tät garantierenden Staatswesens"
zur abermaligen
"minutiösen Beschreibung Strauß'scher Affairen"
um gerade unbedarften Jungwählerseelen den rechten Weg in Rich-
tung Schmidt zu weisen, der schließlich kein Strauß ist. Eine
entsprechende Kommentierung ist zu diesem ernsten Zweck unerläß-
lich:
"Zusammenfassend ist festzustellen, daß der damalige Bundesmini-
ster der Verteidigung, Strauß, durch Vergabe des bis dahin größ-
ten Rüstungsauftrags an eine dafür absolut ungeeignete Firma...
die Kampfkraft und Einsatzbereitschaft der Bundeswehr stark be-
einträchtigte, ihren Aufbau um mindestens drei, wahrscheinlich
sogar fünf Jahre verzögerte." (IV/S. 65)
Jedem und gerade dem Jungwähler muß hier schlagend einleuchten,
daß ein Mann, der einem - wenn's drauf ankommt - nicht einmal ga-
rantieren kann, daß man auch auf neuartigen und voll funktionsfä-
higen Panzern in den Krieg geschickt wird, als Kanzler absolut
unerträglich ist. Ein echtes Sicherheitsrisiko, dieser Strauß!
Was sich im übrigen auch 1962 an der Kubakrise schon zeigte:
Nicht nur hatte es Strauß schon vor "jener kritischen Nacht" ver-
standen, mittels der Einkäufe untauglicher Kriegsgeräte
(Starfighter!) die Vernichtungskapazität des deutschen Heeres
mutwillig zu schwächen; er drückte sich auch im entscheidenden
Moment, wo das ganze Volk nichts mehr als einen tatkräftigen
Oberbefehlshaber gebraucht hätte, vor dieser schweren Verantwor-
tung und schlief seinen Vollrausch im Gebüsch des Schloßparks von
Bühl aus:
"Er sollte dann nur nicht von sich behaupten, der beste Krisenma-
nager zu sein, der sich finden ließe; er sollte nicht den starken
Mann markieren, dessen eiserne Nerven ihn befähigen, jede Lage zu
meistern." (IV/S. 146)
Faszination vor einem Kung Fu der Politik
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Berufene Vertreter des Zeitgeists haben es mit der kritischen Ge-
bärde der Entlarvung eines Strauß, mit der sie ihm die Befähigung
zum Politiker absprechen, offenbar auf nichts mehr abgesehen, als
ihre Vorstellung von den besonderen Qualitäten eines wirklichen
"starken Mannes" - und den gibt's ja bekanntlich schon! - unter
die Leute zu bringen. Wenn erst einmal der vertrauenswürdige
Kanzler im Amt bestätigt worden ist, kann man sich - im stolzen
Bewußtsein der eigenen Verantwortung und Selbständigkeit, die
einen zu den eigenen unbedingten Zweifeln an der Befähigung
Straußens veranlaßte - auch wieder zu den bedingten Bedenken ge-
gen Schmidt bekennen, an dem einem freien Geist noch nie alles
gefallen hat. Bleibt bloß noch die Frage, wie es ein Roßtäuscher,
dem offensichtlich alles zum Profil eines Kanzlers fehlt, trotz
aller Warnungen von kompetenter Intellektuellenseite dennoch ge-
schafft hat, sich zum Kandidaten auf dieses Amt vorzurangeln. So
einer muß schon, meint der Bodenseeliteraturpreisträger M. Bosch,
über einen ganz abgefeimten Charakter verfügen, dem man einen
heimlichen Respekt nicht versagen kann:
"Mit einer nahezu perfekten A n p a s s u n g s b e r e i t-
s c h a f t u n d I n s t i n k t e n, auf die richtigen
Pferde zu setzen, hat dieser Mann nicht nur alle Krisen und
Affairen nahezu unbeschadet überstanden - diese nehmen sich im
Rückblick fast als Beiträge zu seiner Popularität und
Unaufhaltsamkeit aus." (V/S. 30)
Da es beim aufhaltsamen Aufstieg dieses zweiten Arturo Ui mit de-
mokratisch sauberen Dingen nicht zugegangen sein kann, müssen
schon Wesenszüge am Werk sein, die ihn zum einen erneut disquali-
fizieren, zum anderen aber auch Grund genug sind, sich von dieser
"zweifellos gerissensten und agilsten Politikerpersönlichkeit der
Westdeutschen Nachkriegsgeschichte"
faszinieren zu lassen. Strauß wird entweder zur politischen
Stilfrage, die seiner Karriere als einer langen Stufenleiten von
Rücksichtslosigkeit, Intrigen, Lügen und Verteufelung moralisie-
rend die Echtheit bestreitet -
"Es gebricht ihm offenkundigsten all jener Fähigkeiten, die man
gerade vor dem Hintergrund des demokratischen Nachholbedarfs der
Deutschen erwarten müßte, jene auch in Stilfragen unabdingbare
Integrität und Untadeligkeit" (V/ S. 29) -
oder zum Lustobjekt einer sich in psychologisierenden Plattitüden
gefallenden Betrachtungsweise gemacht, die vor keinem Stilbruch
bei der dichterischen Ausmalung dieses Negativs der eigenen Demo-
kratieideale zurückschreckt:
"Von der demagogischen Furie gepeitscht, reißt sich Strauß in
solchen Situationen selber mit und wird zu einem Kung Fu der Po-
litik." (V/S. 31)
W a s treibt einen Strauß an? Was S t r a u ß tagtäglich
treibt, was er den Leuten unmißverständlich als ihre Konsequenzen
für ein starkes Deutschland erzählt, ist absolut vordergründig,
wenn man dahinter nach der peitschenden Furie mit dem faschisti-
schen Karateschlag forscht. Geistesgrößen machen sich ihre Anti-
Strauß-Haltung zur Grundlage, um sich über das luxuriöse Problem,
ob nicht alles an diesem Mann
"weniger bewußtes Verhalten als Eigenschaft"
sei, einen wissenschaftlich aufgespreizten Zugang zur "schillern-
den Persönlichkeit" des Kandidaten zu verschaffen.
Der Kandidat als Kunstobjekt
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Kein Wunder also, daß Strauß auch als K u n s t o b j e k t
kritische Liebhaber fand. Führende Kulturschaffende machten in
der Anti-Strauß-Szene mit dem Gedanken Furore, daß eine wirkliche
E n t l a r v u n g des Kandidaten nur durch seine künstlerische
V e r f r e m d u n g zu schaffen sei. Erst wenn man Strauß als
Romanhelden mit dem geänderten Namen "Franz Xaver Triumphator" in
der fiktiven Welt eines "Maßbieriens" zum Handeln bringt oder ihn
in einem "Pflichtfilm" "jenseits der augenfälligen Mitteilungen
in der Verschleierung, in Andeutungen, in einem sozusagen unter-
schwelligen Überbau" anbietet, erschließt sich die ganze Viel-
schichtigkeit dieses Politikerwesens:
"Er wird zum Schauspieler eines Kraftmenschen im aussichtslosen
Versuch, den Stillstand zu dramatisieren. Seine fadenscheinige,
unglaubhafte Chance ist die Leere, die er sich und uns nicht ge-
wünscht hat." (Spiegel)
In der Welt der Kunst hat eben nichts mehr einen G r u n d,
sondern noch jede Aktion des Kanzlerkandidaten ihren tieferen
S i n n. Kein Einzug in eine Wahlversammlung, wo der triumphale
Empfang durch die Massen nicht eigentlich Zeichen für "Alptraum";
keine Rede, in der Strauß - wurscht, was er sagt - nicht eine
"Botschaft" von sich selbst verkündet -
"Der Kandidat strengt sich an, er ist kein Wolf, er ist kein Na-
tionalsozialist. Er ringt mit seinem Bild. Das hält ihn in Atem."
(Zeit) -;
keine Tat aus dem reichhaltigen Politikerleben, die nicht der as-
soziativen Deutung bedürfte:
"Die vierte Partei war ihm nicht Taktik, sondern (mindestens un-
bewußt) ein grotesk tragischer Traum." (Spiegel)
In der Entdeckung des Franz Josef als Leinwandhelden dokumentiert
sich die Souveränität gegenüber der Person der Kritik in ihrer
Reinform. Gleich vier Filmemacher nutzen ihr anerkanntes Image
als Straußgegner (so mußte Schlöndorff seinen Oscar für Deutsch-
land ohne die Strauß'sche Gratulation nach Hause tragen) und die
Gunst der Zeit, um ihre Weltsicht am Material des Kandidaten in
einem gleichnamigen Werk auszutoben. Was dabei herauskommt ist
kraftvolles Intellektuellenfutter. Noch jeder, der auf sich hält,
weiß an der kunstvollen Verschlüsselung der Politikerfigur
hochzuhalten, daß damit die besondere Strauß'sche Qualität einer
"D e n k a u f g a b e" grandios herausgearbeitet sei. Und die
geistige Elite der Nation gerät über den "Mythos" eines zum Rät-
sel seiner selbst vermanschten Strauß ins von allen lästigen Bin-
dungen ans Reale freie interpretatorische Schwadronieren ("nicht
Strauß ist an der Entleerung der Politik schuld, eher die Leere
an Strauß."). Und in jeder Verrücktheit am Wunschgegner Strauß
bestätigt sie sich selbst die Extraordinarität ihrer Existenz.
Darin haben alle intellektuellen Beiträge zum Wahlkampf ihren
Zweck. Ein Helmut Schmidt braucht in ihnen schon deshalb nicht
vorzukommen, weil er ohnehin überall als der vorkommt, der die
Gewalt h a t, auf deren Grundlage und für die deutsche Kultur-
erzeuger sich die vorgestellte Störung ihres unkritischen Einver-
nehmens mit dem "Modell Deutschland" als eine Bedrohung der Demo-
kratie ausdenken. Wie drückt es doch einer ihres Stands so tref-
fend aus:
"Auch kritische Intellektuelle sind identisch mit ihrem Land,
wenn auch auf eine oft schmerzliche, aber desto bestimmtere Art."
(V/S. 55)
Das wollten sie nur wieder einmal gesagt haben.
Nachweis der Zitate:
I. Reinhard Kühnl, Konzeption und Funktion des F. J. Strauß.
II. Reinhard Kühnl, Die von F. J. Strauß repräsentierten politi-
schen Kräfte und ihr Verhältnis zum Faschismus.
III. Kurt Hirsch, Die heimatlose Rechte, die Konservativen und F.
J. Strauß
IV. Bernt Engelmann, Das neue Schwarzbuch, F. J. Strauß.
V. Manfred Bosch, Der Kandidat F. J. Strauß.
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