Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN CDU/CSU - Von den C-Parteien
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Bonner Charaktere: Dr. Heinz Friedrich Ruppert Forschungsmini-
ster, Riesenhuber
FLIEGE IN AUFBRUCHSSTIMMUNG
Wo immer gerade ein deutscher Weltraumflug zu feiern, ein deut-
scher Nobelpreisträger zu beglückwünschen oder ganz viel deutsche
Beteiligung am europäischen Technologieprojekt EUREKA herauszu-
streichen ist, ist Dr. Heinz Friedrich Ruppert Riesenhuber mit
einem infantilen Grinsen zwischen den Ohren zur Stelle und findet
mit ein paar breiigen Worten, "wir" seien auf der Welt ziemlich
"Spitze".
Dieser Stolz und der kleine Umstand, daß es der Bundesforschungs-
minister ist, der "uns" auf dem Vormarsch sieht, hat dem Mann
seitens der auf nationale Erfolge scharfen Presse vom "Stern" bis
zum "Spiegel" den Ruf eingebracht, "ebenso kompetent wie selbst-
bewußt" zu sein, ein "brillanter Kopf", der "sich inmitten Mit-
telmaß und Versagen als Musterschüler profiliert und für höhere
Aufgaben empfohlen" hat.
"Unser aller Zukunft", die uns der Primus der Koalitionsregierung
bereiten will, ist die der "Industrienation" Deutschland:
"Wenn wir heute nicht bereit sind, industriepolitische Verantwor-
tung zu tragen, auch mit allen Konflikten, die dies in unserer
Gesellschaft mit sich bringt, dann haben wir langfristig als In-
dustrienation keine Zukunft. Dies ist aber die eigentliche Grund-
lage unserer Existenz."
Daß den Geschäften der Industrie und der Weltgeltung der Nation
die Zukunft gehört, ist das Credo des Ministers, und dafür sollen
sich die Deutschen gefälligst erwärmen:
"Versäumnisse aufholen und an die Weltspitze gelangen... Es muß
eine Aufbruchsstimmung geschaffen werden, wie seinerzeit nach dem
zweiten Weltkrieg beim Marshallplan... Wenn mit dem richtigen Biß
und Unternehmungsgeist etwas gewagt wird, dann bekommen wir es
hin."
Hier spricht sich der Optimismus eines Politikers der Bonner
"Wende" aus, der sich in der ziemlich eitlen Vorstellung gefällt,
die Arbeit anderer, die ihm solch anspruchsvolles Daherreden er-
laubt, sei Ergebnis seiner Spruchbeutelei, und es komme gegenüber
der Welt darauf an, ihr unverdrossen das Gebiß zu zeigen. Den
studierten Naturwissenschaftler in sich hat Riesenhuber mit die-
ser forschen Betrachtungsweise ebenso hinter sich gelassen wie
den geschäftstüchtigen Manager, den er vor Jahren bei einer
Frankfurter Metallgesellschaft abgegeben hat, und den Milliarden
in die technologische Entwicklung steckenden Politiker, der er
heute ist: Als auf allen drei Gebieten r e ü s s i e r t e r
Mann lehnt er sich gewissermaßen geistig aus der Realität zurück
und sieht sie rein ideell als schöne Herausforderung, in ihr das
nationale Glück zu versuchen.
Daß Riesenhuber seine "neue Forschungs p o l i t i k" vornehm-
lich als eine mutigen "Unternehmungs g e i s t e s" darstellt,
zeigt nicht nur, daß hier der Oberfinanzier von Wissenschaft und
Forschung in Sphären höheren Blödsinns ahgehoben hat, sondern vor
allem, wie sehr i n t e r n a t i o n a l e r E r f o l g Grö-
ßenwahnsinn beim zuständigen Politiker erzeugt: Diese Figur bean-
sprucht locker, die deutsche Nation habe aufgrund des überragen-
den Geistes ihrer Führung ein R e c h t darauf, für den Rest
der Menschheit "die Zukunft" zu gestalten. Unter dem vereinnah-
menden Titel "Zukunft" marschieren in großer Unschuld all die
"technischen Mittel" der Bundesrepublik Deutschland an, als han-
dele es sich dabei um so etwas wie Teflonpfannen für Eskimos oder
Kabelfernsehen für jedermann. Daß "die Technik" als Mittel der
Wehr- und Wirtschaftskraft des Staates existiert und diesem zur
Stärkung seiner internationalen Stellung dient, soll man getrost
ansehen wie einen schwer berechtigten Sieg der Nationalmann-
schaft. So liefen auch die jüngsten ministeriellen Einlassungen
zur deutschen Weltraummission D 1 bei aller Betonung der Fried-
lichkeit der an Bord vorgenommenen Experimente in dem einen Punkt
zusammen, die Bunderepublik habe sich hier den USA gewachsen ge-
zeigt, die mit ihrem militärischen Weltraumprogramm SDI den dann
nicht mehr eigens zu benennenden Maßstab setzen. Der Zweck der
Veranstaltung wird von Riesenhuber vornehm ausgespart; ihm genügt
es, in öligem Pastoralton herauszustellen, wie notwendig es ist,
"Innovationen" an vorderster Front mitzuentwickeln:
"Wir können nicht konkurrenzfähig sein, wenn wir nicht wirklich
die Spitze in allen diesen Techniken haben."
Wozu ist dieses Riesenbaby schließlich überzeugter Katholik, der
sich jedes Jahr regelmäßig für eine Woche zu Schweigeexerzitien
der Dominikaner begibt, um sich dort
"das sichere Wissen um eine Ordnung, in der alles miteinander zu-
sammenhängt",
beweihräuchern zu lassen? Für den politischen Eiferer in Sachen
"Fortschritt" hängen eben die Deutschen gottgewollt mit den Plä-
nen zusammen, dem Antichristen im Osten eine souveräne Politik zu
bestreiten, und dafür muß unter ihnen ganz viel Konkurrenz sein,
weil so die Bundesrepublik am besten beweisen kann, wie unver-
zichtbar sie mit ihrem Beitrag für dieses hohe Ziel ist.
Bei seiner missionarischen Sendung kennt der Minister für Wissen-
schaft und Forschung natürlich nur lauter Grenzfragen, die "unser
aller Überleben" betreffen. Näselnd bekennt er sich zur
"verantwortungsethischen Technikfolgenabschätzung" - eine seiner
wenigen genialen Wortschöpfungen - und meint damit, wie recht die
katholische Bischofskonferenz gehabt habe, als sie ihn zu folgen-
der Überlegung animierte:
"Die Kernenergie sei nur dann uneingeschränkt zu bejahen, wenn
sie ohne Schaden für die Menschheit einsetzbar sei. 'Die Mensch-
heit' - das heißt: Ein Schaden für einzelne Personen kann als zu-
mutbares Risiko durchaus ins Kalkül gezogen werden. Dies ist be-
reits der Übergang von einer gesinnungsethischen zu einer verant-
wortungsethischen Diskussion."
Wenn bei "unserer" tollen Technik Leute auf der Strecke bleiben -
was soll's, wo "wir" doch für die ganze Menschheit die Verantwor-
tung tragen möchten. Wer so abgebrüht über "die" Folgen "der"
Technik moralisiert, weiß natürlich, daß diese Abstraktionen gar
nichts Schädliches anrichten können, daß "Technik" vielmehr in
Gestalt beispielsweise von Atomraketen nebst passender Logistik
existiert, die auf politischen Beschluß hin gebaut, stationiert
und für den erfolgreichen Einsatz vorgesehen sind. Hier liegt das
"zumutbare Risiko", das ein "verantwortungsethisch" denkender Po-
litiker in lauthals vorgetragener Begeisterung darüber, was
"deutsche Technik" alles kann, "durchaus ins Kalkül gezogen" ha-
ben will.
Mit solchem Hurra-Gefühl ist der deutsche Forschungsminister zur
Motivation seiner Wissenschaftler und Unternehmer angetreten. Mit
der Logik eines Fußballtrainers, der seinen Mannen "die Angst"
nehmen will, damit sie sich wie die Blöden als die Größten füh-
len, hat Dr. Riesenhuber schnell eine von ihm selber erfundene
"Technikangst" diagnostiziert, etwas, das
"von der Politik aufgearbeitet gehört, damit es nicht zum Hemmnis
unserer technologischen Entwicklung wird."
Entsprechend fallen die Ratschläge des Meisters aus: Als verstün-
den die Leute in den Labors und den Chefetagen der Konzerne ihr
Handwerk nicht und als käme es darauf auch gar nicht weiter an,
werden sie angehalten, ganz viel "Gesinnung" zu zeigen. Die Wis-
senschaftler und Ingenieure sollen jede Menge
S e l b s t b e w u ß t s e i n entwickeln, das ihnen am besten
steht:
"In den Köpfen der Mitarbeiter hat es anfangs zu öffentlich-
rechtlich ausgesehen. Risikobereitschaft, Eigenverantwortung,
Leistungsbereitschaft und Spaß an der Arbeit sind Eigenschaften,
die wir fördern müssen... Ich hoffe nur, daß die Wissenschaftler
dies wirklich als eine Chance sehen."
Ob die Betreffenden ein solch verrücktes Selbstgefühl nicht ne-
benbei schon ein bißchen selber pflegen, tut in diesem Zusammen-
hang weniger zur Sache - Minister Riesenhuber zielt auf eine ge-
nerelle Verhimmelung deutschen Geistes, an dem "wir alle" Freude
haben sollen und an dessen Vortrefflichkeit bei strikt parteili-
cher Betrachtungsweise die Welt nicht vorbeikommt. Die Bundesre-
publik Deutschland gilt ihm daher auch als "Wissenschaftsnation"
- ein moralischer Ehrentitel für die Ansprüche dieser Republik,
sich "entwickeln" zu dürfen.
Derselbe Patriotismus kommt auch "unserer" deutschen Wirtschaft
und ihren Führern zugute, auf deren Mut man als Deutscher stolz
sein können soll. Zu diesem Zweck täten die Industriekapitäne gut
daran, ihre Lieblingslüge, sie trügen charaktervoll die unendli-
chen Risiken ihres Geschäfts, noch ein bißchen breiter unters
Volk zu streuen - dann könnten "wir" uns noch engagierter hinter
sie stellen:
"...Das gilt ebenso für die Wirtschaftler, die nicht davon ausge-
hen dürfen, daß ihre Aufgabe damit endet, ihre Bilanz in Ordnung
zu halten... Das eigentliche missing link ist, es fehlen wagemu-
tige Kapitalgeber."
Kritisch ist er also durch und durch, der Riesenminister For-
schungshuber, weil er sich den Schulterschluß von Kapital, Staat
und Know-how gar nicht eng genug vorstellen kann. Dem Genie deut-
scher Wirtschaftsführung und dem Wirtschaftssinn deutschen Erfin-
dergeistes soll sich die Welt nicht entziehen können; so wünscht
sich das der "brillante Kopf" aus Bonn, der doch selber tagtäg-
lich mit Fliege demonstriert, wie sehr "wir" aufs Parkett der
auserwählten Gestalter der "Zukunft" dieser Welt gehören.
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