Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN CDU/CSU - Von den C-Parteien
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Der neue John Le Konsalik
exklusiv in der MSZ *)
Als er sich zu seiner Frau legte, weckte er sie nicht aus ihrem
Halbschlaf auf. "Alles klar!" sagte er nur, leise aber be-
stimmt...
VIER STERNE GEGEN HOMO
I.
Das war ein Tag gewesen. Acht Stunden lang waren sie den wilden
Fluß hinuntergefahren, manchmal bis an die Grenze der Erschöpfung
im Kampf gegen Wellen und Klippen. Sie hatten es geschafft. Ja,
Kampf macht frei. Die angenehme Müdigkeit erhöhte das schöne Ge-
fühl. Manfred Wärmer hatte seine Bewacher fortgeschickt. Er
wollte allein sein. Er genoß die rauhe Umwelt, den noch hellen
kanadischen Abendhimmel. Er saß am Ufer des immer noch reißenden
Flusses. Er schaute seiner Frau zu, die 50m flußabwärts im seich-
ten Wasser stand, und erfreute sich an ihren starken Armen, die
das Kanu hochwuchteten. Ihr Rücken fast männlich kräftig, und was
darunter war, war auch nicht von schlechten Eltern. Ja, er konnte
mit sich zufrieden sein. Nichts hatte er falsch herum gemacht.
Sein sehnlichster Wunsch, Minister der kämpfenden Truppe zu wer-
den, hatte sich erfüllt. Eine respektable Ehe mit einer ansehnli-
chen Frau hatte er zustandegebracht. Er konnte es sogar mit ihr,
ohne alle Verwirrung der Gefühle. Und doch, irgendetwas hatte ihm
dabei gefehlt. Ob sie es gemerkt hatte? Es war dies unbeschreib-
liche Etwas, was ihm manchmal gekommen war, wenn er den Steuer-
knüppel seiner Maschine fest in beiden Händen hielt. Auch bei der
Vereidigung junger Rekruten glaubte er ähnliches verspürt zu ha-
ben. Aber er hatte nichts falsch gemacht. Seine Frau kam auf ihn
zu. Weg mit der dummen Grübelei.
Wir sind doch glücklich. Als er von seiner großen weißen Frau
stieg, nicht langsam, sondern entschlossen, so daß der Kies, un-
ter seinen Stiefeln knirschte; stolz, daß er es trotz der An-
strengungen gebracht hatte, aber auch ganz kurz dieses Gefühl der
Leere - ob sie etwas gemerkt hatte? -, kam der Kurier. Die Fluß-
polizei hatte ihn hergebracht. Überrascht, aber nicht beunruhigt
über eine Meldung zu so später Stunde begrüßte er den Mann
freundlich und ließ sich auch nichts anmerken, als er die Meldung
gelesen hatte. "Ich danke Ihnen, halten Sie sich für morgen früh
bereit!" Wärmer bedeutete seiner Frau kurz, daß er ein Antwort-
schreiben zu verfassen hätte. Er ging in das zweite Zelt. Jetzt
mußte er allein sein.
Die Information, die seine Männer ausgekundschaftet hatten, war
nicht besonders umfassend, aber sie reichte. Die Gruppe um Gene-
ral Fießling habe Material gegen ihn in der Hand: irgendein Kame-
radschaftstreffen... starker Alkoholkonsum ... zwei junge Rekru-
ten und ein frischgebackener Leutnant. Es ist zu vermuten, daß
der von Wärmer wenig geliebte General das Material gegen ihn ver-
wenden würde.
Manfred Wärmer versuchte sich zu erinnern. Da waren viele
Kameradschaftsabende, und die Zahl der Stafettensaufereien konnte
er kaum zählen. Der junge Leutnant! Ja, der war auf dem Truppen-
übungsplatz Munsterlager, der war ihm aufgefallen. Aber sonst?
Langsam kam ein wenig Erinnerung, aber die war spärlich. Man
hatte - es war Sommer gewesen - ungemein schnell gesoffen. Der
Filmriß kam früh. Am andern Tag war er mit dickem Kopf in seinem
Zimmer im Offizierskasino aufgewacht. War etwas dazwischen? Gab
es gar Zeugen von etwas, wovon er nichts wußte? Wärmer war sich
schnell darüber im klaren, daß die Sache gefährlich für ihn wer-
den konnte, sehr gefährlich.
Seine Frau war schon zu Feldbett gegangen. Er ging kurz an die
Luft, kehrte ins Zelt zurück, goß sich einen Whisky ein, kippte
ihn runter. Er mußte nachdenken. Noch nie hatte er so nachdenken
müssen. Er suchte, wie er den Gegenbeweis antreten könne. Viel-
leicht war auch das ganze Material getürkt? Dann merkte er es
selbst: "Manfred, du zeigst Schwäche. Reiß dich zusammen. Die De-
fensive war noch nie deine Stärke. Immer hast du gewonnen, wenn
du nach vom gestoßen bist. Wie heute in der Stromschnelle, wo es
fast schief gegangen wäre. Kommando zurück, Marsch in die Offen-
sive". Er hatte die Lösung.
Jetzt würde es sich bezahlt machen, daß er Männer im MAD sitzen
hatte, die ihm unbedingt vertrauten; daß er den Fahrer Fießlings,
der vorher Spion seines Amtsvorgängers Apfel war, nicht ausge-
wechselt, sondern zu s e i n e m Vertrauten gemacht hatte. Der
General war Junggeselle, er glücklich verheiratet. "Und ich bin
beliebt bei der ganzen Truppe", sagte sich Wärmer. Ja, er würde
die Sache andersherum machen, offensiv den Spieß umdrehen. "Dem
General werd' ich zeigen, daß er nicht nur ein Arschloch ist,
sondern auch noch..." Wärmer pfiff sich selbst zurück: "Keine Ra-
chegedanken, klar denken und handeln." Morgen schon würde er han-
deln.
Er hatte seine alte Festigkeit zurückgewonnen, war innerlich ganz
ruhig. Er kippte noch einen Whisky und ging hinaus, genoß die
Luft, den Fluß, die Wälder, den kanadischen Sternenhimmel in
vollen Zügen. Und stolz war er auf sich. Das war die Idee, seine
Idee: Andersherum muß man es machen! Als er sich zu seiner Frau
legte, weckte er sie nicht aus ihrem Halbschlaf auf. "Alles
klar!" sagte er nur, leise aber bestimmt. Er schlief so tief und
fest wie immer. Wärmer schläft immer tief und fest.
Am nächsten Morgen - der Fluß war wieder lauter geworden - war
sein erster Gedanke: "Ob sie wohl etwas merken würde?" Dann kam
schon der Kurier.
(Fortsetzung in der nächsten MSZ)
*) Weltweites Copyright by Anders-Verlag Köln. Anläßlich des au-
torisierten Vorabdrucks in der MSZ legen Autor und Verlag Wert
auf die Feststellung, daß sich der Roman zwar auf reale Ereig-
nisse bezieht, jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen jedoch rein
zufällig und gegebenenfalls ausschließlich vom Leser zu verant-
worten ist.
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