Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN CDU/CSU - Von den C-Parteien
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CDU-Demo in Bonn, ein Reisebericht
FRIEDE DEN FREUNDEN DER FREIHEIT
"...und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen."
Daß man Feste feiern soll, wie sie f a l l e n, ist eine Volks-
weisheit, die auf der traurigen Einsicht beruht, daß es sonst we-
nig zu feiern g i b t. Ein Anlaß zur Dankbarkeit war dies bis-
lang allerdings nicht. Das hat sich geändert: Neuerdings sucht
sich die Politik i h r e Feiertage sehr genau aus und mobili-
siert den Dank ans Vaterland, wie es bislang nur einer in
Deutschland verstanden hatte:
"Das deutsche Volk... hat ihn wie keinen Staatsmann vor oder nach
ihm geliebt. Er schien ihm alles auf einmal zu geben: Enthusias-
mus, Mythen, Ziele, das im 'Brückenschlag der Nation' erlebte Ge-
fühl der Einheit, Selbstbewußtsein, Disziplin und die klassenlose
Gesellschaft.... Er befriedigte sowohl den Machtglauben wie das
Schutzbedürfnis der Nation, während sein Veranstaltungsgenie ihr
gleichzeitig schenkte, was sie auch noch wollte: alle Tage Ge-
burtstag feiern." (J. Fest)
Heute k o n k u r r i e r e n Politiker sogar um nationale Ge-
denktage wie den 17. Juni (bzw. um dessen sinnvollste Gestal-
tung), und die großen Parteien setzen anläßlich des Besuchs des
amerikanischen Präsidenten in der Bundesrepublik gleich
m e h r e r e Termine an, an denen das deutsch-amerikanische
Bündnis gegen den Feind im Osten bejubelt werden darf. Die CDU
hatte diesmal die Nase vom und schon zum 5. Juni '82 nach Bonn
geladen, was andererseits der SPD gestattete, in der folgenden
Woche die deutschen Massen am Bildschirm mitfiebern zu lassen, ob
jemand den Besuch stören - würde, der ihnen nun, von ihrer eige-
nen Präsenz gesäubert, als r e i n e Staatsfeier geboten werden
konnte. So großzügig war der Führer vor 40 Jahren nicht, und auch
das Programmangebot der SED-Führer an ihre zum Jubeln bestellten
Bürger hält sich da in Grenzen. - Mit blindem, daher gefährlichem
"Hurra-Patriotismus" haben die s t a a t l i c h
i n s z e n i e r t e n Festlichkeiten zur Ehre der Nation also
weder im Osten noch im Westen etwas zu tun: Schließlich befehlen
die Politiker, die Völker folgen. An dem dem nationalen Anlaß
entsprechenden Eifer werden sie es aus diesem Grund schon nicht
fehlen lassen. Wie das geht, konnte ein Genosse als Begleiter der
großen CDU-Sternfahrt zur Bonner Hofgartenschau der "guten Deut-
schen" studieren. Hier sein Bericht.
Ein Tag mit der CDU
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Die von der CDU gecharterten Omnibusse stehen auf dem Bahnhofs-
vorplatz in Bremen versammelt, behängt mit Demonstrationsplakaten
und Kohl-Porträts. Gegen sechs Uhr morgens treffen die ersten De-
monstranten ein. Eine halbe Stunde später haben sich etwa 250 bis
300 Leute eingefunden, offenbar viel weniger, als die CDU erwar-
tet hat, denn von den elf bereitstehenden Bussen fahren nur sechs
nach Bonn, keiner voll besetzt. (Die CDU spricht am nächsten Tag
von 1.500 Teilnehmern.)
Die Leute kennen sich; man begrüßt sich mit Handschlag. Der eine
oder andere wird vermißt. Wo man sich doch selber aufgerafft hat
- und das bei der Hitze -, auf Freizeit zu verzichten. Prognosen
laufen um, daß wahrscheinlich viel weniger kommen werden als er-
hofft, auf jeden Fall aber weniger als zur Demo der Friedensbewe-
gung am 10.6. Es will keine rechte Stimmung aufkommen. Nach der
Autobahnauffahrt ergreift ein älterer Herr das Mikrophon:
"Ich begrüße Sie im Namen der CDU zum heutigen Tage. Mein Name
ist Hustmann vom CDU-Ortsverband Wümme. Wir werden sicher in Bonn
unser aller Anliegen so ausdrücken, daß dies in der nächsten Zeit
ein bleibender Eindruck sein wird. Ich wünsche Ihnen, daß Sie
auch später in diesem Sinne weiterwirken. Es ist dafür Sorge ge-
tragen, daß bei unserer Großveranstaltung auch Abwechslung gebo-
ten ist. Es gibt Spielmannszüge, um die Zeit abzukürzen. Unser
Bus wird direkt nach Bonn durchfahren. Was die sanitären Verhält-
nisse angeht, so werden wir versuchen, den letzten Rastplatz vor
Bonn anzusteuern."
Die Busbelegschaft klatscht Beifall. Schwarz-rot-goldene CDU-Pla-
ketten werden ausgeteilt und beflissen aufs Hemd geklebt. Bald
ist mir klar, daß ich der einzige Unorganisierte in diesem Bus
bin.
Etwas später treffen wir verspätet beim Sammelplatz in Bonn ein.
Der Großteil der Demonstranten ist bereits abmarschiert. Die
Mannschaft aus Bremen wird zusammen mit den ebenfalls gerade ein-
getroffenen Vereinen aus Lüneburg und Kleinbittersdorf-Saar zum
Kundgebungsplatz abgeführt. Daß Polizei bereit steht, wird etwas
verwundert registriert; um so wichtiger ist es offenbar für die
Demonstranten, sie freundlich zu begrüßen. Ansonsten unterhält
man sich über die unterschiedlichen Benzinpreise in Bonn und Lü-
neburg.
Der Trupp kommt gerade in dem Augenblick zum Kundgebungsplatz,
als Geißler in seiner Begrüßungsrede stolz den Satz ins Mikrophon
brüllt:
"So sieht eine friedliche Demonstration aus."
Der vordere Teil des Hofgartens ist gefüllt mit weißen Transpa-
renten, amerikanischen und schwarz-rot-goldenen Fahnen. Schwarz-
rot-gold sieht man auf jedem Hemd und auf jeder Bluse. Alte Wei-
ber tragen Papphüte wie bei Parteikongressen der Republikaner in
den USA. Bildtafeln mit Reagan zu Pferd und Reagan im Porträt
werden von schwarz-rot-golden beklebten CDUlern herumgetragen.
Zwischen den Parolen zur Freundschaft mit den USA, zu Afghani-
stan, für die NATO, immer wieder: Frieden in Freiheit, Frieden
durch Freiheit, Frieden braucht Freiheit, Frieden und Freiheit.
Auf dem Podium spielt inzwischen der Showmaster Rosenthal Confe-
rencier. Er sagt, daß er eigentlich beim Fernsehen in der Unter-
haltung tätig sei, wo keine Politik gemacht werde. Dennoch habe
er nicht umhin können, bei diesem schönen Ereignis mitzumachen.
Ein wundervolles Erlebnis habe er anzukündigen, es sei nämlich
gelungen, einen ganz seltenen Gast aus den USA herzubringen:
"Sie liebt französische Küche, italienischen Salat und machtvolle
deutsche Friedensdemonstrationen --- Julia Migenes."
(riesiger Beifall)
Sie erzählt zunächst, daß Musik keine Politik kenne und sie eine
lange Reise hinter sich habe, um von Frieden und Freiheit singen
zu können. Danach schmettert sie ein paar amerikanische Gassen-
hauer in die Lautsprecher.
Dann kommen die bestellten Co-Redner aus dem Volk zu Wort, die
alle überzeugend die Parole "Frieden in Freiheit" auf die Abtei-
lung anwenden, die sie jeweils vertreten.
Eine Auswahl:
Die Vertreterin der Jugend, eine Abiturientin ("gestern Abitur
gemacht" - Beifall) stellt die Frage, warum in Europa ein Ge-
spenst umgeht - "das Gespenst der Angst", an dessen Auftreten die
Politiker nicht ganz schuldlos seien. Deshalb schließt sie mit
einem Appell an die Freiheit der Politiker:
"Ich rufe den Politikern zu, seien Sie nicht zimperlich. Gerade
wir Jungen tragen sonst doch auch Konflikte aus. Z.B. in der Fa-
milie, um kleine Freiheiten durchzusetzen. Da geben wir doch auch
nicht um des lieben Friedens willen nach. Wir sollten erst nicht,
wenn es um die große Freiheit geht, den Mut zu Konflikten haben."
Eine Frau Prof. Höhler aus Paderborn gibt in ihrer drögen Art den
pädagogischen Segen:
"Die Jugend braucht Raum für eigene Leistung. Sie braucht echte
Autorität, keine schulterklopfende Partnerschaft. Für letzteres
hat die Jugend nur Verachtung übrig. Wir müssen der Jugend Werte
und Sinn geben, dann ist sie stark und zu großen Leistungen fä-
hig. Die Träume und Phantasie der Jugend können dann sehr nütz-
lich sein. Denn friedensfähig ist nur der Realist und nicht der
Träumer. Auch die Spielräume der Freiheit haben ihre Grenzen. Wer
hier Spielverderber ist, bringt Verderben."
Das Publikum ist geduldig und dankbar für jedes Stichwort, das
o h n e Umschweife ausdrückt, was hier und heute Sache ist. Be-
geisterte Zustimmung als ein Hoesch-Betriebsrat die Parole aus-
gibt:
"Gegen Chaoten und Randalierer, dagegen werden die deutschen Ar-
beiter sich zur Wehr setzen. Hier sind wir gegen die Arbeitstei-
lung, die heißt, die einen arbeiten und die anderen demonstrie-
ren."
Die Kundgebungsteilnehmer fühlen sich offenbar als das bessere
Deutschland, das sich dank ihrer Anwesenheit manifestiert. Mitt-
lerweile ist man sich nämlich sicher, daß die Friedensbewegung
nie und nimmer so viele Leute mobilisieren kann, und wenn doch,
ist das auch nicht weiter schlimm, "weil die Demo am 10.6. von
mehr als 100 Organisationen veranstaltet wird, die CDU aber nur
eine Organisation ist".
Zufrieden nimmt man die eigene Präsenz für die Masse der "guten
Deutschen" zur Kenntnis und schaut sich nach Exemplaren um, die
diese Eigenschaft besonders gelungen verkörpern. Ein paar
Schritte weiter steht der CDU-Oberbürgermeister Rommel aus Stutt-
gart mitten und volkstümlich unter dem Parteivolk, eine überdi-
mensionale schwarz-rot-goldene Papierblume am Revers. Getreu sei-
nem liberalen Standpunkt, daß ein Politiker bei den Bürgern zu
sein hat, wenn diese ihre Politiker fordern, läßt er sich andäch-
tig beglotzen, die Hand schütteln und Autogramme abbetteln. - Ein
Pfeifkonzert wird nur einmal angestimmt, als ein Flugzeug mit ei-
ner Parole im Schlepptau erscheint. "Sonne statt Reagan" heißt
der Spruch am Himmel. Unten auf dem Platz wird kurze Zeit später
ein Spruchband durch die Menge getragen: "Sonne und Reagan". Die
Massen sind begeistert. Zwei Kundgebungsteilnehmer neben mir sind
sehr verärgert über den Vorfall. Sie befürchten, daß das Flugzeug
mit dem Spruchband in den abendlichen CBS-News in den USA vorkom-
men könnte.
Dabei ist der politische Star des Tages, Helmut Kohl, gerade da-
bei, die Höhepunkte der Veranstaltung zu setzen (minutenlange Ju-
belrufe: "Helmut, Helmut"):
"Der Unterschied zwischen Leipzig und Bonn ist, hierzulande kann
jeder sein Transparent hochhalten. Das ist Freiheit, das ist
Frieden, das ist Demokratie."
- Aber natürlich hatte er die Transparente seiner Veranstaltung
gemeint, und die werden ja auch nicht hochgehalten, um
"hierzulande" die Freiheit zu dokumentieren, wo sie so selbstver-
ständlich ist, sondern um denen "drüben" den Anspruch des freien
Westens aufzumachen - ganz rechtmäßig und ohne Hetze:
"Bei uns gibt es keine Revanchisten und Militaristen. Unser Volk
will Frieden in Freiheit, um selbst seinen Weg bestimmen zu kön-
nen. Wir sind die einzige, gemeinsame, große Friedensbewegung."
Aus Zehntausenden von Kehlen ertönt zum Abschluß das Deutschland-
lied, zu dem die Menschen aufstehen und ihre Sonnenmützchen ab-
setzen.
Dann geht's zurück zum Bus. "Eine runde Sache", ist das einhel-
lige Urteil. Obwohl die Hitze im Bus am Nachmittag ziemlich drüc-
kend ist, das Parteivolk ist überaus fröhlich gestimmt. Jung-
Unionisten singen Wanderlieder, dazwischen lassen sie die Natio-
nalhymne nachklingen. Faschistische deutsche Soldatenlieder aus
dem spanischen Bürgerkrieg reihen sich nahtlos an. Ein etwa zehn-
jähriger Junge, der auf der Hinfahrt noch etwas verschüchtert im
Bus saß, wird von der Stimmung angesteckt und plärrt: "Adenauer,
Adenauer, auf der Mauer auf der Lauer, mit dem Messer in der
Hand, wartet er auf Willy Brandt."
Seine Eltern amüsieren sich köstlich.
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