Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN CDU/CSU - Von den C-Parteien
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Armes Deutschland
WEGEN ÜBERQUALIFIKATION DISQUALIFIZIERT
Neue Männer braucht das Land? Von wegen! Es gibt sie noch: Hans
Maier und Kurt Biedenkopf, Professoren vom alten Göttinger Schrot
und Korn, ebenso demokratisch wie kritisch - und brunzchristlich
obendrein!
Zwei Männer des Geistes, die den Mächtigen dieses Landes die
Stirn bieten und sich nicht unterkriegen lassen - und das seit
vielen Jahren. Der eine, Hans Maier, der richtige Mann, in den
richtigen Raum und Rahmen gestellt:
"Es gibt den gebildeten (und den ungebildeten!) Akademiker ebenso
wie den gebildeten Arbeiter und die gebildete Bäuerin... Wer
seine Persönlichkeit sinnvoll entfaltet in dem Raum und Rahmen,
in den er hineingestellt ist - der ist gebildet, nicht mehr und
nicht weniger."
Mit diesem Lob der Armut stellte er sich entschieden gegen den
Geist der Zeit, der damit prahlte, diesem Glück ein Ende zu ma-
chen. Darum hat er schon Anfang der siebziger Jahre den "Bund
Freiheit der Wissenschaft" gegen das Monstrum der sozialliberalen
Hochschulrahmengesetzgebungsbestrebungen mitgegründet, so daß die
bayerische Regierung nicht umhin kam, ihn mit der freistaatlichen
Beaufsichtigung und Wegweisung von Bildung und Kultur zu be-
trauen. Ohne Rücksicht auf die eigene Person und ihre Sicherheit
hat er sich mit "Künstlern" (Gänsefüßchen von Maier) wie Kroetz
und Achternbusch angelegt, die der Kunst - wenn nicht entartete -
so doch anders- oder besser noch: fremdartige Zwecke zu unter-
schieben versuchten: "Plakativ-provozierend taucht die Kunst ins
Orgiastische, Obszöne, Totemistische (Brrrr!) ab." Er scheute
sich nicht, die bayerische Jugend vor artverwandten Artfremdhei-
ten schützend zu bewahren, indem er kurzerhand eine Reihe sog.
"Dichter" aus den Lesebüchern strich (Wallraff, Biermann, Fried
und Fichte), gerade wenn sie ihre perversen Tendenzen mit poli-
tisch-sozialem Engagement zu kaschieren wußten. Mit beispiellosem
Mut strickte Hans Maier ein Ordnungsrecht für die roten Universi-
täten und war nicht zu feige, auf seine Anwendung zu pochen und
die Polizei in die Höhle des Löwen zu schicken, wenn linke
"Studenten" gegen sein Raumverbot verstießen. Den Gipfel an Zi-
vilcourage erklomm der wider den von ihm allzeit angeprangerten
Zeitgeist unablässig orgelnde und betende Familienvater jedoch,
als er dem König mindestens von Bayern frech die Stirn bot, indem
er ihm im Kabinett mal nicht Recht gegeben hat - ein so einmali-
ger Vorgang, daß heute kein Schwein mehr weiß, worum es dabei ei-
gentlich gegangen ist.
Vor allem aber zieren unseren Hans Maier zwei unbezahlbare Tu-
genden. Zum einen die Wahrheitsliebe: "Daß es Männer und Frauen
gibt, beide in annähernd gleicher Zahl, daß sie trotz aller Män-
nerbündelei und allem Amazonentum nie aufgehört haben, sich für-
einander zu interessieren - dieses Faktum, diese göttliche Quo-
tenregelung ist so unwiderruflich wie unbestritten." Und das in
einer Zeit, die an allem zweifelt! Zum andern seine intellektu-
elle Bescheidenheit: "Ach unser Thema steckt voller Fußangeln,
und kaum hab' ich begonnen, da stock' ich schon."
Der andere von unseren zwei aufrechten Sieben hat eine nicht min-
der bewegt-kämpferische Vergangenheit aufzuweisen. Während Maier
seinen Ruhm als Antimacchiavell' mit seinem Amtsabtritt erst so
richtig begründet hat, war Biedenkopfs Scheiden aus dem Amt des
Generalsekretärs der CDU der Auftakt einer beispiellosen Karriere
als Oppositioneller in einer Partei, der nichts so sehr zuwider
ist wie, daß es Opposition überhaupt gibt und daß ausgerechnet
sie sie zu diesem Zeitpunkt mangels Regierungsmandat wahrnehmen
mußte. Mit dem originellen Vorschlag, sein alter Schulkamerad und
augenblicklicher Parteivorsitzender möge zwecks besserer Erfül-
lung seiner Führungsaufgaben eine seiner drei Funktionen - Par-
teivorsitzender, Fraktionsführer und Kanzlerkandidat - abtreten,
handelte er sich den Titel "Querdenker" ein, weil das seinem
Chef, der Führungsstärke zeigen wollte, gar nicht paßte. Als
"Vordenker" praktisch bestätigt wurde Kurt Biedenkopf, als die
Trennung von Kanzlerkandidatur und Partei- und Fraktionsführung
dann 1980 auch Wirklichkeit wurde.
In Führungsfragen kennt der Mann sich aus. Als Professor der
Volkswirtschaft hat er den Erfahrungsschatz seiner Wissenschaft
um eine habilitationsfähige Einsicht bereichert:
"Die Fähigkeit, Menschen zu führen, ist nicht jedem gegeben.
Ziele für die organisierte Gemeinschaft zu formulieren, Mittel
und Wege ausfindig zu machen, um diese Ziele zu erreichen; ist
eine besondere Befähigung... Wie alle Begabungen ist sie als be-
sondere Qualität nicht unbegrenzt verfügbar. Das Führungspoten-
tial einer Gesellschaft, die Dienstleistung 'Führung' ist somit
ein knappes gesellschaftliches Gut."
Dann durfte er als oberster Handelsvertreter von Henkel schon
einmal gesellschaftliche Ziele vorgeben: "Nichts wäscht weißer
als Persil!", Zum Führer der hygienisch-sauberen geistig morali-
schen Wende im Amt des CDU-Generalsekretärs geworden, verstieg
seine Originalität sich zu Ansichten wie: "Meine Helden in der
Wirklichkeit sind die Leute von Greenpeace" - wollte dann aber
lieber doch bloß Vorsitzender der CDU werden.
Es scheint jedoch das Schicksal solch hervorragender Köpfe -
"unstet, umtriebig, ... voll von blendenden Ideen und Einsichten,
jagt selbst weiter, die geistigen Ideen bleiben dann zurück"
(report) - zu sein, daß sie von der "Mittelmäßigkeit" des demo-
kratischen Lebens eingeholt werden. So sah sich Biedenkopf - bald
mit so untergeordneten Aufgaben, wie der Führung der nordrhein-
westfälisihen CDU, betraut, deren Einheit Biedenkopf auch noch
gegen vielfältigen Widerstand ertrotzen mußte. Familienmotto,
frei nach einem anderen bedeutenden geistigen Führer der Deut-
schen: "Was mich nicht umbringt, macht mich stark."
Dabei hat dieser Mann es sich in den Kopf gesetzt, seinem Namen
zu leben und ihn selbstlos im Wahlkampf einzusetzen: "Der Kopf".
Der Dienst, den er damit der Geistesfreiheit leistet, ist uner-
meßlich: Gilt doch der menschliche Schädel gleichermaßen als Be-
hälter des Gehirns wie als Metapher politischer Führung. Daß es
den Geist an die Macht zu bringen gilt und daß dafür nichts taug-
licher ist als der Geist selbst, wer wüßte das besser als der
große Professor: "Wenn jemand eine politische Führungsleistung
erbringen soll, ... dann muß er vorausdenken. Wer vorausdenkt,
denkt Veränderung. Wer Veränderung denkt, denkt quer für die, die
keine Veränderung wollen. Für andere, die Veränderung wollen,
denkt er richtig."
Deshalb sollten die Konservativen ihrem Vordenker eher dankbar
sein, als dem wahren Vater der "Wende", die sich ja die Verände-
rung geradewegs zum Program gemacht hat. Anders als seine Par-
teifreunde weist er die Freunde des Fortschritts nicht von sich,
sondern wirbt sie mit intellektuellen Mitteln für den Wendegeist.
Wer anders als der trickreiche Professor wäre auf die blendende -
von seinen Parteifreunden kurzsichtig mißverstandene - Idee ge-
kommen, die Grünen mit der Dialektik von richtigen Fragen und
falschen Antworten zu ködern und abzuurteilen zugleich? Und wer
wäre besser als er in der Lage, die Pennälerdialektik von Vor-
und Nachteil inklusive synthetischer Notwendigkeit staatlichen
Eingreifens gebildeter und überzeugender darzulegen als Kurt Bie-
denkopf?
"Die moderne technisch-naturwissenschaftlich geprägte Indu-
striegesellschaft bezahlt einen hohen Preis durch eine ständig
wachsende Zahl von Allergiekranken, durch psychisch gestörte Men-
schen, durch Streßbelastung, durch vieles andere (Man beachte,
wie kunstvoll hier im abstrakten Subjekt die, die den Preis kas-
sieren, und die, die ihn zahlen, unmerklich miteinander verwoben
sind!) Und die höchstentwickelten, bin an die Grenzsituation men-
schlichen Denkens und die Handhabbarkeit menschlicher Existenz
vordringenden Naturwissenschaften und Techniken verlangen auch
einen hohen Preis. (Phänomenal: Die Gesellschaft bezahlt den
Preis, den Naturwissenichaft und Technik verlangen.) Einen hohen
Preis an Anstrengungen, Konsensfähigkeiten vorzutragen, auch an
Verdrängungsleistungen, die immer wieder stattfinden. (Das nennt
man Ausgewogenheit: Auch Moral und Psychologie werden nicht ver-
gessen.) Das hat gar keinen Zweck, daran vorbeizureden. Das ist
weder defätistisch noch sonst was, sondern das ist nur das uralte
(Hier spricht der Historiker!) Gleichgewicht (der Ökonom oder
etwa progressistisch ausgleichend vorwegdenkend: der Ökolog?
Nein, der Besinnungsakrobat!) zwischen Vorteil und Nachteil. Es
gibt keine menschliche Existenz, die nur aus Vorteilen besteht...
(Wer will es wagen, diesem Manne mangelnde Fähigkeit zur Integra-
tion vorzuwerfen?!) Man könnte die Gefahr auf den Punkt bringen
mit der Formulierung: Es könnte sein, daß alle die Innovationen,
die Erneuerungen, die Erfindungen im technisch-naturwissenschaft-
lichen Bereich, der Quelle unseres Lebensstandards ist, unseres
Wohlstands, eines Tages zum Stillstand kommt, weil die Seele der
Gesellschaft, ihr Denken, ihr Geist, ihre gesellschaftlichen In-
stitutionen mit dem technisch-naturwissenschaftlichen Prozeß
nicht Schritt halten kann."
Professor Biedenkopf, die Seele unserer Gesellschaft, legt wahr-
haft ein geistiges Tempo vor, daß einem beim Mit- und Nachdenken
der Gedanken des Vordenkers glatt der Atem wegbleibt, so daß ei-
nem jeder Gedanke ans Querdenken vergeht und man sich am liebsten
der Führung des einzigen anvertrauen möchte, der der rasenden
Entwicklung der naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung zu
folgen vermag.
Große Männer werfen ihre Schatten voraus. In ihrem Kampf gegen
die Mächtigen dieser Erde, die ausgerechnet ihnen den Vorwurf ma-
chen, von Politik keine Ahnung zu haben - Strauß gegen Maier, ein
gewisser Otfried Hennig gegen Biedenkopf -, in diesem Kampf sind
sie nicht allein. Biedenkopf wird allenthalben betreut und bedau-
ert; die "Süddeutsche Zeitung" hat schon einen flammenden Appell
an den Bundeskanzler veröffentlicht, für eine Einstellung des
"Kesseltreibens" gegen den Mann des Geistes durch ein Machtwort
zu sorgen. Hans Maier kann sich nicht nur auf seinen "Münchner
Merkur" verlassen; die gesamte Münchner Kulturszene trägt Trauer
und argwöhnt, daß die Trennung der Einheit von Bildung und Kul-
tur, für die dieser Mann 16 Jahre lang unermüdlich gekämpft hat,
möglicherweise bleibenden Schaden anrichtet. Da ist es nur ein
geringer Trost, wenn der KuMi a.D. beflissen zu Protokoll gibt,
daß es ihn außerhalb des Landtags fast nur in Museen, Theatern
und Opern umtreibt. Und es kommt aus tiefstem Herzen, wenn Franz
Xaver Kroetz - "Ich will nicht das Arschloch dieser Gesellschaft
sein." - noch ganz benommen vom Scheiden des Kulturaufsehers er-
griffen erklärt: "Ich glaube, wir werden diesem liberalen Kultus-
minister schon bald nachtrauern."
P.S.: Die Frage, wie sich Maiers Nichtbewerbung um, aber Eignung
für den Guardini-Lehrstuhl auswirkt, ist zur Stunde noch unge-
klärt. Die Lösung hängt nämlich ganz wesentlich davon ab, ob er
ihn kriegt.
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