Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN ALLGEMEIN - Von Dichtern und Denkern


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       Münchner Hochschulzeitung Nr. 2, 13.11.1984
       
       Wie sauber ist diese Republik?
       

KOHL SCHLÄGT ZURÜCK

Die Herren der Union haben beschlossen, ihren abgehalfterten Kanzlerkandidaten vom Parlamentspräsidentensessel auf den harten Abgeordnetenstuhl zurückzuschicken, weil er das Pech hatte, die überflüssigste Figur der ganzen Mannschaft zu sein, die sich in der Union die Diäten aufbessern ließ. Damit stand der Kanzlerbe- schluß fest, die "schwerste Krise dieser Republik" umgehend zu beenden. "Es muß entschieden dem Eindruck entgegengetreten werden, daß deutsche Politiker käuflich seien", verkündete Kohl angesichts der allseits bekannten Tatsache, daß es sich kaum einer der Bon- ner Garde mit Rang und Namen hat nehmen lassen, im Notizbuch des Flick-Managers zwecks "besonderer Ausstattung" aufzutauchen. Seitdem arbeitet der Kanzler an einer Widerlegung des "Eindrucks", die es in sich hat: 1. Weil er, Helmut Kohl, höchstpersönlich schon vor Jahren für die inzwischen eiligst nachgeholte Legalisierung der Schmiergeld- praxis eingetreten war, er also immer und ganz offen dafür war, daß seine verbotenen Geldquellen sauber sind, kann ihm auch kei- ner nachsagen, daß er korrupt sei. Ein Fall H. Kohl? Nie und nim- mer. 2. Wer etwas anderes behauptet, muß sich von Kohl sagen lassen, daß er damit die Würde und Ehre "dieser Regierung in den Schmutz ziehen wird. Und so etwas tun nur Kommunisten und Faschisten, also Feinde der demokratischen Grundordnung, die nicht kapiert haben, daß Kritik an der eigenen Regierung nur dem Feind nutzt. Denen blüht durchaus ernsteres als dem eher harmlosen "Spiegel"- Journalisten, mit dem der Kanzler nicht diskutieren wollte. Als Kanzler kann er doch wohl erwarten, daß seine Partner bei einer Fernsehdiskussion ihm in den Arsch kriechen. Von einer Gleich- schaltung der Öffentlichkeit kann natürlich nicht die Rede sein. Schließlich steht es jedem Journalisten frei, wie er seine Lobhu- deleien auf zwei Jahre Wendepolitik und auf deren Macher in Fra- gen und Kommentare kleidet. 3. Als endgültigen Abschluß der Schmiergeldaffäre haben sich die Bonner Regisseure einfallen lassen, eine Parlamentsdebatte Mitte November anzusetzen. Was dort verhandelt wird, zeugt von der un- bestechlichen Logik der Beteiligten: Erstens haben alle Parteien kassiert, zumindest alle entscheidenden, weshalb es zweitens kei- nen Grund mehr gibt, noch länger Aufhebens davon zu machen. Viel entscheidender ist allerdings, daß sich das höchste Organ dieses Staats der Sache annimmt, die Erledigung des "Skandals" also in besten Händen ist. Was will man mehr? Für die notwendige Hygiene bei der Debatte sorgen Ehrenmänner vom Schlage eines Stücklen, der die übereifrigen Saubermänner aus der grünen Frak- tion in ihre Schranken und notfalls aus dem Parlament zu weisen versteht. Fazit der Debatte: Die Frage, wie legal oder illegal die Finan- zierung deutscher Politiker ist, ist bei ihnen selbst in besten Händen. * In der gesamten Skandal-Affäre ist übrigens nicht ein S c h a d e n für die bundesdeutschen Arbeiter, Rentner oder sonstwen genannt worden, der aus dem "Kauf" von Politikern durch reiche Privatleute erwachsen wäre. Leuten etwas wegzunehmen von ihrem Unterhalt, statt dessen die Wirtschaft fördern und die Wehrmacht aufrüsten: das gilt im Gegenteil als politische Füh- rungsstärke. Und deswegen ist in der ganzen öffentlichen Aufregung auch nicht einmal die schlichte Überlegung aufgetaucht: Wenn Rentenkürzun- gen, Lohnsenkungspolitik, Aufrüstung usw. das Ergebnis von Kor- ruption wären, wäre das schon schlimm genug. Jetzt schwören aber alle Verantwortlichen Stein und Bein, sie täten das alles a u s Ü b e r z e u g u n g - nichts ist Zufall, alles Programm! Und ausgerechnet dieses freche Bekenntnis soll mit der Politik - ver- söhnen?! zurück