Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN ALLGEMEIN - Von Dichtern und Denkern
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 7, 12.02.1980
Helmut Schmidt zur Weltkrise im Spiegel
DER KANZLER ALS PHILOSOPH
"Wenn nicht die Philosophen in den Staaten Könige werden oder die
Könige, wie sie heute heißen, und Herrscher echte und gute
Philosophen und wenn nicht in eine Hand zusammenfallen politische
Macht und Philosophie, und wenn nicht die Vielzahl derer, die
sich heute auf Grund Ihrer Anlage nur der einen der zwei Aufgaben
widmen, mit Gewalt davon ferngehalten wird, gibt es, mein Glau-
ben, kein Ende des Unglücks in den Staaten ..." (Platon, PO-
LITEIA)
Der Kanzler gab dem SPIEGEL ein "Gespräch " zur "Weltkrise" und
rief darin zweimal den lieben Gott an: "Die Bundesrepublik ist
... weiß Gott politisch kein Zwerg" - "Wir Deutschen - weiß Gott
nicht die größte Macht des Westens". So unter Zuhilfenahme gött-
licher Gewißheit typisch bescheiden betonend, daß die deutsche
Politik weiter 'Stärke aus der Position der Schwäche heraus' und
damit erfolgreich sei, gab er sich aber nicht weiter mit dem Al-
lerhöchsten ab, sondern wußte seine jedem bekannte Stellung zur
Lage nach Afghanistan auf 10 Seiten auszubreiten, indem er be-
wies, daß der Macher ü b e r sich als Macher und dem, was er
macht, zu stehen fähig ist, also nicht nur praktisch, sondern
auch theoretisch dem SPIEGELleser etwas Entspannung zu bieten
hat.
Des Menschen Seele,
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das, was einen angeblich im Innersten treibt holte der Kanzler
aus seinem gebildeten Kopf hervor, um den handfesten Konflikt
zwischen West und Ost einmal so zu deuten. Diesem irgendwo im
Menschen verborgenen unbekannten Wesen gegenüber, das in den ver-
antwortlichen Personen - wenigstens seit es die Psychologie gibt
- die Weltlage bestimmt, seien die Politiker trotz Konferenzen,
roten Telefonen und Spionage einfach machtlos:
"Ebenso besorgt mich die Tatsache, daß es offensichtlich für uns
im Westen nicht ganz einfach ist, die zugrundeliegenden Motive
der Sowjetunion einwandfrei zu diagnostizieren, und daß es umge-
kehrt offenbar für die sowjetische Führung gegenwärtig sehr
schwer geworden ist, richtig zu erkennen, was der Westen will."
Was tun gegen die "sowjetische psychologische Strategie", die man
nicht einmal kennt? Wie diesem negativen Motor der Politik, der
die Politiker nicht schlafen läßt, der "Angst", die "ein schlech-
ter Ratgeber" ist und "die Tätigkeit zum vernunftgemäßen Denken
zerstört", begegnen? Ganz einfach: Nicht irre machen lassen!
"Wichtig für mich war der rationale Ansatz, die Gefahr irrationa-
len Handelns zu kennen."
Aber wie? Der Kanzler bemerkte in Kenntnis moderner Gruppenthera-
pie, daß es auch in der Politik darauf ankommt, "miteinander in
Fühlung zu bleiben", ohne in seinem Alter auf das Extrem zu
verfallen, sich wie z.B. Breschnew durch Betatschen und vice
versa politisch näherkommen zu wollen.
Der Mensch ist ein sprechendes Lebewesen",
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welche Erkenntnis jahrelanger kommunikationswissenschaftlicher
Forschung, die der Kanzler auch ohne spezielles Studium im Kopf
hat, nicht zuletzt politische Gegensatze zumindest zeitweilig un-
ter den Tisch labern kann:
1. "Vielmehr besorgt mich die Tatsache, daß die Kommunikation
zwischen den beiden Weltmächten viel schwächer geworden ist ..."
2. "Man muß miteinander reden. Alle müssen sich gegenseitig sa-
gen, was sie wollen (würde die Spionage ersparen). Sonst kann es
bedenklich werden."
3. Darf man nicht einfach so reden, sondern man muß anerkennend
aufeinander einredend aufeinander zugehen - "Ich halte persönli-
che Kontakte in der heute so klein gewordenen Welt für sehr wich-
tig" - was besonders wichtig ist, wenn man eh schon fast
aufeinanderhockt.
Sprach's und rief beim Stichwort "vitale Interessen des Westens
an der Golf-Region" ein politologisches Ideal an:
Die Welt sei gerecht!
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"Alle Staaten der Welt haben ein legitimes Interesse daran, in
einen angemessenen und im internationalen Vergleich gerechten
Ausmaß beteiligt zu werden an der Nutzung vorhandener Energie-
quellen."
Da der Westen vergleichsweise und gerechterweise das Öl im Nahen
Osten als das seine betrachtet, kann nach Schmidts Meinung das
aus "machtpolitischen Gründen" und deshalb ungerechte Vorgehen
der Sowjetunion zu einer "Strukturkrise der Weltwirtschaft" füh-
ren. Und wie um zu unterstreichen, daß er sein Gerede ernst
meint, schlüpfte er mal kurz in die Rolle des Wirtschaftsfach-
manns, damit jedem klar werde, daß die vom Westen strukturierte
Welt so bleiben müsse: "dann muß man mindestens (!) als Ökonom
große Sorgen haben."
Unvollständig wäre das Auftreten des Machers und Staatsmannes,
der seine "Denkansätze" souverän über das, was er weiß, was ge-
spielt wird und zu tun ist, vortrug, um mit dieser intellektuel-
len Souveränität noch souveräner zu wirken, wenn nicht die Köni-
gin der Wissenschaften, die Philosophie, vorgekommen wäre. Ziem-
lich umfangreich bewies der Kanzler, daß anläßlich eines Rechen-
fehlers, den sich Breschnew geleistet habe:
"Die Russen haben sich das falsch ausgerechnet. Jede ernsthafte
vernunftgemäße Betätigung ist der unvermeidlichen Gefahr des
menschlichen Irrtums unterworfen. Ob das nun Philosophie ist oder
ob das Politik ist oder Schach (bekanntlich im Unterschied zur
Politik ein Brettspiel), ob das Mathematik ist, ob es Einstein-
sche Theorien sind - vor Einstein oder nach Einstein -, alles ist
der Gefahr des Irrtums unterworfen. Und die Irrtümer können sehr
schwerwiegend sein: Sie können nur literarische Bedeutung haben,
oder sie können später nachträglich in der Wissenschaftsge-
schichte eine riesenhafte Bedeutung haben. Das lasse ich mal
offen (ist ihm nichts mehr eingefallen oder fand er gerade diese
Wendung irgendwie gebildet), das ist ein weites philosophisches
Feld. Auch (logisch, wenn "alles" ...) in der Politik sind
Irrtümer möglich."
Weit spannte der aufgeklärte Staatsmann, der sicherlich keine Ah-
nung von den Gesetzen Einsteins hat, die er ja auch für seine si-
cheren politischen Maßnahmen gar nicht braucht, da dafür aus-
reicht, sich im Umgang mit der Macht auszukennen, den Bogen, um
den erhabenen Gedanken loszuwerden, daß man Fehler machen kann -
als hätte er damit etwas über Politik gesagt.
Natürlich liegt der Irrtum, der den jetzigen Konflikt herbeige-
zaubert haben soll, beim Gegner, den Russen. Sie haben mit ihrer
Verirrung nicht nur der ersten entsprochen, sondern eine weitere
Philosophie durcheinandergebracht, auf die nicht nur Helmut
Schmidt, der aber besonders steht:
Gleichgewicht sei der Begriff!
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"Augenblick! Ich möchte diese Philosophie gerne ausführen. Bitte.
(sehr gut), Sie geben mir Gelegenheit, im SPIEGEL zu der gegen-
wärtigen Weltlage etwas zu sagen - dann müssen Sie mich auch sa-
gen lassen. ...
Ich habe ein ganzes Buch über die Strategie des Gleichgewichts
geschrieben, und das Buch ist heute elf Jahre alt ..."
Sehr vorausschauend vom Philosophen Schmidt. Schon früh hat er
gemerkt, daß man, um für einen möglichen Krieg überlegen gerüstet
zu sein, den Begriff des m i l i t ä r i s c h e n G l e i c h-
g e w i c h t s erfinden muß, weil dann geht kein Krieg. Und der
Kanzler kennt auch selbstverständlich d i e beiden Prinzipien
dieses Begriffs:
1. "Der Wille zum Gleichgewicht a l l e i n ist noch nicht ge-
nug (richtig, man muß es machen, es oder was?. Ich habe auch im-
mer hinzugefügt: Gleichgewicht kann man nicht ein für allemal
herstellen, und es besteht nicht auf ewig (war ja blöd, ewig das
langweilige Gleichgewicht); es muß immer neu hergestellt werden."
2. "Der zweite Gedanke, der sich daran anschließt (per logischem
Seitensprung), war immer, daß das Gleichgewicht nicht täglich
hergestellt werden muß..." - sondern immer dann, wenn der Gegner
dem Gleichgewicht zu nahe kommt bei Gefahr des Verlustes des ei-
genen Übergewichts.
Der Kanzler vergißt nicht, seiner "Genugtuung" Ausdruck zu ver-
leihen, "daß beide Weltmächte diese Art von Philosophie akzeptie-
ren können" - seine?
Philosophen - idealiter - ehrt ihre Bescheidenheit. Auch das "Ich
weiß, daß ich nichts weiß." ist dem Macher ganz zufällig im SPIE-
GEL-Gespräch eingefallen. Er hat das
Endlich ist der Mensch
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nur altersmäßig vorgeführt
- hilfesuchend: "helfen sie mir mal. Ich weiß überhaupt nicht
mehr, was ich in dem Vorwort damals geschrieben habe."
- zu seinem Alter stehend: "Ich denke langsam, ich bin auch 'n
bißchen, n' bißchen älter geworden und mach das nicht aus dem
Handgelenk."
Welch eine Freiheit, die sich da der Staatsmann Schmidt nimmt,
angesichts einer politischen Lage, die durch Kriegsgefahr gekenn-
zeichnet ist, weil der Westen in einem Bestreben, den Hauptfeind
Nr. 1 in die Knie zu zwingen, dessen militärische Aktion zum An-
laß nimmt, den Krieg nicht nur wie immer, sondern aktuell zu kal-
kulieren; angesichts der Tatsache, daß die BRD in diese Sache mit
den USA solidarisch i s t und nur noch das "Noch nicht" der USA
ökonomisch weiter ausnutzen will, stellt sich der Macher als der
abgeklärte Philosoph der Weltgeschehens dar - in aller Beschei-
denheit zur Schau gestellt, versteht sich wahrlich als Freiheit
der Macht, die durch intellektuellen Blödsinn zu überhöhen und zu
genießen. Den Mächtigen gehört die Welt, auch die intellektuelle.
Deshalb goutiert der SPIEGELleser das G e s p r ä c h des Kanz-
lers, dessen Taten als von der SPD und für Frieden ihm eh gefal-
len.
Mit Platons idealem Einfall hat das fast nichts zu tun (nur das,
daß auch für Platon Macht eine Selbstverständlichkeit war), weil
der noch an der verrückten Idee festhielt, daß Macht und Gewalt
über andere mit der Wahrheit zusammengehen könnten und müßten.
Der Kanzler hat die Sache doppelt richtig gestellt:
1. inhaltlich mit seiner Philosophie und
2 indem er zum SPIEGEL-Gespräch ging mit der Absicht. Heut mach
ich's mal so!
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