Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN ALLGEMEIN - Von Dichtern und Denkern


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       Münchner Hochschulzeitung, 29.11.1983
       Ausgabe Erziehungswissenschaft
       

DIE PEINLICHSTE AKTION

zum 22. November 1983 bestand in einer Serie von Protestanzeigen, mit denen ein Berufsstand nach dem anderen bis hin zu den "Bürgern beider deutscher Staaten" einen "letzten Appell" an die Abgeordneten richteten. Wie es sich für einen Appell gehört, be- schränkte sich der Inhalt des Protestes auf eine Ermahnung an die Verantwortlichen, sich bei ihrer Entscheidung deren Tragweite be- wußt zu sein. Das viele Geld ist hier ganz umsonst ausgegeben worden. "Auf die- sem ungewöhnlichen Weg" haben ja gar nicht Gegner der Raketenrü- stung rücksichtslos agierenden Politikern ein letztes Mal ihre Meinung gesagt. In der Form einer simulierten Volksabstimmung von unten haben es engagierte Bürger für mitteilenswert gehalten, d a ß es - glaubwürdig! - Leute im Lande gibt, die mit den Ent- scheidungen von oben nicht einverstanden sind. Nur um dieser Mit- teilung willen druckt man Unmengen von Unterschriften ab. Vorgetragen wird so die Pose des enttäuschten Untertanen - "Wir fühlen uns entmündigt und gedemütigt, wenn die deutsche Regierung über unsere Köpfe hinweg entscheidet" (aus dem Aufruf der "Ärzte und Psychotherapeuten") -; die sollen die Politiker sich zu Her- zen nehmen und zusehen, daß sie sich bei den pflichtbewußten Die- nern des Gemeinwesens wieder Glaubwürdigkeit verschaffen. Eine lächerliche Aufforderung! Wenn man davon ausgeht, daß das Parlament n i c h t berechtigt ist, über die Köpfe der Betroffenen hinweg Entscheidungen zu fäl- len dann widerlegt man nur sich selbst, wenn man sich an eben diese Instanz mit der kläglichen Bitte um Gehör wendet: So lie- fert man ja nur selber den praktischen Beweis für die unbestreit- bare Zuständigkeit des Parlaments! Wer A sagt, muß auch B sagen, heißt die Volksweisheit, die hier außer acht gelassen wird: Man kann nicht ein Parlament wählen, es ungestört regieren lassen und dann bei einer unliebsamen Maßnahme als übergangener Volkssouverän auftrumpfen. Umgekehrt: Wer seinen demokratischen Führern nicht die Entscheidung über Tod und Leben abtreten will, der darf denen nicht erst alle Macht zugestehen und ihnen dann Rücksichtnahme abverlangen. Da muß man sich schon entscheiden ... zurück