Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN ALLGEMEIN - Von Dichtern und Denkern


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 102, 23.10.1984
       
       Gesamtpersonalversammlung des öffentlichen Dienstes protestiert:
       

STETS ZU ÖFFENTLICHEN DIENSTEN

Koschnicks sozialdemokratische Regierungsmannschaft setzt eine "Aufgabenkritik" nach der anderen ins Werk. Dauernd entdeckt sie, daß Bremen Geld an Leute verschwendet, die sich für das politi- sche Gewicht und die finanzielle Ausstattung des Landes gar nicht verdient machen: Sozialhilfeempfänger, arbeitslose Jugendliche... Und daß Bremen gar nicht Geld genug haben kann für Sachen, die sich für das Land lohnen: den nationalen Stahlstandort Klöckner, einen deutschen Überseehafen... Das Ganze nennt sich: Bremen muß sparen. Auch im öffentlichen Dienst entdeckt der Senat manchen Luxus. Das lassen die Dienstleister nicht auf sich sitzen. Auf der Gesamtpersonalversammlung ließ Gerhard Tilsner, Gesamtperso- nalratsvorsitzender, "den Bär los". Wogegen bzw. wofür wurde da eigentlich Krach geschlagen? Folgt man den Rednern und dem Ap- plaus, dann heißt die Parole: Ohne öffentliche Dienstleister kann Koschnick seine Sparmaßnahmen gar nicht durchführen, gegen die protestiert wird. Weitere Verarmung und Einsparung bei den öf- fentlich bediensteten Armutsverwaltern - da schneidet sich der Senat doch ins eigene Fleisch! Die Jugend soll arbeiten, nicht gammeln! ---------------------------------------- "Wer jetzt schweigt, macht sich mitschuldig, denn es geht auch um die Zukunft unserer Kinder." sprach der Personalrat Schulen. Darüber zu befinden, welche Zu- kunft Schulpflichtigen gleich gar nicht mehr offen steht, ja, das ist der Staatsauftrag der Lehrer, wenn sie unterrichten und mit Noten sortieren. Damit das Jungvolk dabei nicht ausflippt, hat der Senat seinerzeit Schulpsychologen und -sozialarbeiter einge- stellt und nun beschlossen, das könne auch eine reduzierte Mann- schaft schaffen. Und wofür demonstriert nun das Schulpersonal? Für dasselbe, wie der Vertreter des Jugendamtes: "Gespart wird bei den Bürgern; die unsere Zukunft gestalten sol- len: die Kinder und Jugendlichen." "Unsere" Zukunft? Was "gestaltet" denn ein Halbwüchsiger für "uns", wenn er eine Lehrstelle findet? Die paar Pfennige, die er als Rund-um-die-Uhr-Bäckerlehrling nach Hause trägt, reichen doch nicht einmal für ihn; geschweige denn für Vati und Mutti. "Gestalten" tut so ein Glückspilz etwas ganz anderes: die Bilanz seines Anwenders und Bremens Steuersäckel. Die Jugend, daran soll Koschnick sich erinnern, soll doch in Zukunft (wenn überhaupt, dann) für B r e m e n an die Arbeit gesetzt werden. D a f ü r brauchts doch das Personal von Schulen und Jugendamt, um den Nachwuchs dazu anzuhalten. Das soll Koschnick nicht vergessen. Diese Sorte Kritik faßte der Vertreter der Schutzpolizei treffend zusammen: "Wer von der freien Wirtschaft Ausbildungsplätze verlangt, sollte mit gutem Beispiel vorangehen. Aber stattdessen holen sich die Jugendlichen das Geld vom Sozialamt." Soll Bremen im Mob versinken? ----------------------------- Wegen der Arbeitslosen, v.a. der jugendlichen, sorgten sich die Personalräte schwer. Aber nicht, weil sie die Sorgen der Arbeits- losen dem Bremer Senat zur Last legen wollten, der mit seiner po- litischen Fürsorge für die Wirtschaft auch deren Arbeitslosenpro- duktion befördert. Nein, der Bremer Senat soll noch mal überden- ken, was er anrichtet, wenn er bei so vielen armen Schluckern beim Aufsichtspersonal spart. Dann nämlich, meinte der Vertreter vom Jugendamt, "werde angesichts steigender Probleme bei Kindern und Jugendli- chen der Lebensnerv der Stadt getroffen." Und was den Hilfssheriffs von den Jugendverwahranstalten recht war, war dem Bremer Schutzpolizisten als Argument nur billig: "Die Gesamtkriminalitätsrate ist in Bremen von 1980 bis 1983 um über 20% angestiegen, gleichzeitig wird die Polizei weiter ausge- dünnt." Schöne Dienste, in deren Namen der Senat hier kritisiert wird: bei so vielen Arbeitslosen kommen die Sozialarbeiter mit der Auf- bewahrung des Schrotts und die Polizisten mit dem Einsperren gar nicht mehr nach! Sie sparen gar nicht, Herr Bürgermeister! ----------------------------------------- "Sparen um des Sparen willens, ist noch lange kein Sparen!" Dafür bekam der Ordnungshüter von allen Applaus. Wer bei den Staatsbüt- teln spart, schafft nur lauter Sozialkostgänger und Ordnungsstö- rer, wollte er sagen. Da kamen sich offenbar alle sehr schlau vor, dem Senat fachkundig vorzurechnen, daß er sich ins eigene Fleisch schneidet. Dabei hatte sich ihr oberster Vertreter Tils- ner dafür verbürgt, daß der öffentliche Dienst an vorderster Front dafür steht, daß es garantiert nicht Bremen schadet, wenn der Senat an den Bremern. spart: "Der kleine Mitarbeiter muß nun die drastischen Leistungsein- schränkungen für die Bürger vor Ort ausbaden." Meinte er vielleicht etwas anderes, als daß die öffentlichen Dienstleister die Direktiven von oben gegen die Bürger durchset- zen? Genau das meinte er, aber das wollen sie auch honoriert kriegen, die Staatsdiener. Sonst kocht der gerechte Volkszorn. "Es sind doch nicht die satten Spitzenbeamten von Versetzungen und Einsparungen betroffen. Bei den kleinen wird gespart, während andere in ihren Büros sitzen und überlegen, ob sie ein gelbes oder rotes Telephon anschaffen." variierte der Vertreter vom Jugendamt das Motto der ganzen Veran- staltung. Ja, wenn die Herren auch bei ihren Limousinen und Diäten, sparten, dann wären die Staatsdiener mit gutem Gewissen zu allem bereit. War's das? zurück