Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN ALLGEMEIN - Von Dichtern und Denkern
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Säuberung im Bundestag
NEUE MORALWACHTEL AM RHEIN
Der Präsident des deutschen Bundestages wurde ausgetauscht - ge-
gen eine Präsidentin. Und die Nation ist glücklich. Endlich der
richtige Repräsentantin auf dem zweithöchsten Posten des Staates.
Die Ablösung des Herrn Jenninger erfolgte bekanntlich wegen der
bislang bedeutendsten Rede seiner Politikerkarriere. Dabei ist
sich der Chor der Kritiker und Parteifreunde einig, daß verkehrt
an seiner Rede gar nichts gewesen sei. In einem "historischen Se-
minar" hätte er sogar alles sagen dürfen, wofür er im Bundestag
geschmissen wurde. In seltener Offenheit wurde eine feierliche
Heuchelei verlangt - und vermißt.
Was dem Philipp fehlt...
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Er hätte die Gelegenheit nutzen sollen, die alten Zwecklügen über
das Verhältnis bundesdeutscher Politiker zu ihren Vorgängern in
gefälliger Form neu aufzutischen. Er hätte
- nie durchblicken lassen dürfen, daß er und seine Gesinnungsge-
nossen als gute Deutsche dem Hitler damals "fasziniert" hinter-
hergelaufen wären. Diese kleine peinliche Wahrheit gilt nämlich
nicht als Kritik des bundesdeutschen Staatsbewußtseins sondern
als unerlaubte Rechtfertigung der Nazis.
- sich ständig von den Nazis und ihren Taten distanzieren sollen,
obwohl ihn eh niemand mit einem Nazi verwechselt. Das macht näm-
lich einen bundesdeutschen Politiker so frei zu eigenen Taten.
- so tun sollen, als stehe er Himmlers und Hitlers Taten
"fassungslos" gegenüber. Schließlich stehen westdeutsche Politi-
ker seit nunmehr 40 Jahren an den entsprechenden Feiertagen fas-
sungslos gegenüber und gehen damit in der Welt hausieren.
- so tun sollen, als sei ausgerechnet er der betroffenste Jude
von der Welt, obwohl doch jeder weiß, wie pudelwohl er sich ge-
rade bei einer solchen Rede in seinem weitgehend judenfreien Par-
lament fühlt und eh nur die Wirkung seiner Heuchelei im Sinn hat.
- ein Bekenntnis zur "unauslöschlichen Schuld der Deutschen" ab-
legen sollen, von dem jedem bekannt ist, wie sehr es den toten
Juden nützt.
- das Bild einer "Tragik der deutschen Geschichte" ausmalen sol-
len, an der die anwesende Politprominenz wie ein Theaterpublikum
hätte teilhaben können
- um anschließend zufrieden über den Genuß am eigenen Schauder
nach Hause zu gehen.
Und wozu das Ganze? Damit jedermann wieder einmal sagen kann der
bundesdeutsche Staat ist auf jeden Fall ein recht ehrenwerter, so
wie sich seine Politiker die Nazimorde zu Herzen nehmen.
... was die Rita hat
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Für diese Rolle wurde jetzt die Süssmuth als Traumbesetzung ge-
funden. In ihr, da sind sich alle ebenso einig wie bei Jenningers
Absetzung, hat unser Staat die richtige Zweite, die genau so
"einfühlsam reden" kann, wie der Jenninger hätte sollen. Ihr
traut man zu, daß ihr jede auch noch so offensichtliche Heuchelei
gelingt. Womit hat sie sich dieses dicke Politiker-Lob eigentlich
verdient?
E r s t e n s i s t s i e F r a u. Und das spricht im Zeital-
ter von Margaret Thatcher, Nancy Reagan und Petra Kelly für sich.
Z w e i t e n s i s t s i e a u c h n o c h F r a u
P r o f e s s o r. Wenn das nichts ist. Das schaffen nämlich
nicht viele Frauen. Und wer in Deutschland heute Professor wird,
der hat schon bewiesen, daß ihm beim Heucheln kein falscher Zun-
genschlag unterläuft, daß ihm beim Denken keine (Halb-)Wahrheit
rausrutscht, und daß ihm bei öffentlichen Auftritten kein kar-
riereschädlicher Fehltritt passiert.
D r i t t e n s h a t e s d i e F r a u P r o f e s s o r
b i s z u m M i n i s t e r g e b r a c h t. Also ist sie po-
litisch ernstzunehmen, obwohl sie eigentlich bloß Frau und im
Grunde genommen nur Professor ist.
V i e r t e n s i s t d i e F r a u P r o f e s s o r u n d
M i n i s t e r s e n s i b e l. Diese typische Professorenei-
genschaft ist ihr als Frau natürlich nicht in die Wiege gelegt
worden. Deshalb mußte sie sich das in ihrer Ministerkarriere hart
erkämpfen.
F ü n f t e n s i s t d i e s e n s i b l e F r a u
P r o f e s s o r u n d M i n i s t e r l i b e r a l. Sie
hat nämlich Zweifel über die Zweckmäßigkeit der Internierung
AIDS-Kranker, Deshalb ist auch die CSU dafür, daß sie endlich auf
den Präsidentenstuhl verschwindet.
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