Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN ALLGEMEIN - Von Dichtern und Denkern


       zurück

       Blüm, Zimmermann und die Chilenen-Debatte
       

WIE BONN AUS FOLTER POLITISCHES KAPITAL SCHLÄGT

Wer glaubt eigentlich dem Minister Blüm seine fürs deutsche Fern- sehen inszenierte Empörung über Folter und Unterdrückung in Chile? Da hätte er sich schon seit Jahren empören können, sich ohne Urlaubsreise nach Südamerika. Und wer nimmt es für bare Münze, wenn der CDU-Generalsekretär Geißler über die Schönheiten eines christlichen Gewissens salbadert? Das bleibt doch in zahl- losen gleichgelagerten Fällen ganz ungerührt. Tatsächlich wissen ja auch Freunde wie Gegner dieser Politiker gleich Bescheid: Das moralische Getue ist Mittel zum Zweck. Der Zweck ist: eine bestimmte Linie in der Imagepflege der christlichen Regierungspartei durchsetzen. Eine Linie, von der Blüm und Geißler sich vor allem Wahlerfolge im noch sozialdemo- kratisch regierten Nordrhein-Westfalen versprechen. Wenn anderer- seits die CSU-Führung und Innenminister Zimmermann über Blüm und Geißler zetern: Wer glaubt im Ernst daran, daß es denen bloß um die unverfälschte Rechtsstaatlichkeit und um gerechte Strafver- folgung ginge? Da hätten sie ja viel zu "überprüfen", von den hierzulande gerngesehenen Exil-Afghanen bis zu den ehrenwerten Waffenschiebern der Nation. Und wer nimmt es für bare Münze, wenn Zimmermann ein paar Krokodilstränen über die Witwen der braven Sicherheitsbeamten zerdrückt, die beim Kampf der chilenischen Op- position gegen den Präsidenten Pinochet umgekommen sind? Auch da weiß doch jeder gleich, was Sache ist: Strauß und Co. wollen das Law-and-Order-Image ihrer Partei herausstreichen. Deswegen stür- zen sie sich so begeistert auf Geißlers Heucheleien, erklären sie für "links" und mimen ihrerseits Empörung. Ein Streit zwischen Moralisten - und jeder aufgeweckte Bürger weiß Bescheid, daß da mit nichts als Heucheleien hantiert wird. Daraus wären ein paar Schlüsse zu ziehen: - Politik richtet sich tatsächlich nicht nach edlen Idealen und moralischen Gesichtspunkten. Diese werden herbeizitiert, n a c h d e m die politischen Entscheidungen gefallen sind. Das reine Ideal gibt doch sowieso nie die Unterscheidung her, wo es sich z.B. um aufopferungsvolle "Freiheitskämpfer" handelt und wo um "terroristische Verbrecher", wo um staatliche Folterknechte und wo um ein ortsübliches Ermittlungsverfahren. Trotzdem kennen unsere Politiker sich mit diesen Unterschieden überall bestens aus. Und das ist kein Wunder. Denn die sichere Grundlage dafür ist immer, bei Rechten wie bei Linken, die p o l i t i s c h e "Sympathie". Die Interessen der eigenen Nation dürfen allemal über Leichen gehen - an denen sind automatisch "die anderen" schuld! - Demokratische Politiker sind so nett und erläutern ihre politi- schen Einschätzungen und Entscheidungen dem Publikum (das sie ja wählen soll). Ihre Erläuterungen bestehen immer bloß darin, daß sie ein paar allgemein anerkannte moralische Ideale vor sich her- tragen und frech so tun, als wären sie ihr eigentlichster Beweg- grund. Politik e r k l ä r e n heißt in der Demokratie: Die ge- fällten Entscheidungen i n H e u c h e l e i e n v e r- p a c k e n. - Diese Verpackungskunst hat in der Demokratie Bestand, obwohl niemand einfach gutgläubig darauf hereinfällt. Die demokratische Täuschung ist grundsätzlicher. Auch wenn niemand dem Geißler seinen treuherzigen Augenaufschlag und dem Zimmermann sein beschworenes rechtsstaatliches Gewissen a b n i m m t: Für die B e u r t e i l u n g der Politik fallen niemandem a n d e r e Gesichtspunkte ein als die moralischen Lügen der Politiker. Alle Heuchler werden nur daran gemessen, ob und inwieweit sie ihren Moralismus doch ein bißchen glaubhaft zu machen verstehen. Statt einer Beurteilung der Politik kommt so am Ende eine ganz seltsame Begutachtung der politischen Figuren zustande: Welcher Heuchler stopft seinen "Kritikern" am wirksamsten das Maul? Diese Frage- stellung ist der schlimmste, endgültige F e h l e r des demo- kratischen "Sachverstands". Siehe den Fall der Chilenen-Debatte: - Die wirkliche bundesdeutsche Chile-Politik hat genug damit zu tun, daß sie den Handels- und Kapitalverkehr mit diesem Partner pflegt und auf strategische Positionen in Südamerika aufpaßt. Es geht darum sicherzustellen, daß deutsche Interessen in Chile er- folgreich zum Zuge kommen. Das Umgekehrte, eine Einmischung Chi- les in die inneren Angelegenheiten der BRD, ist nicht zu ver- zeichnen; das ist der Unterschied. Diese bundesdeutschen Interes- sen waren bestens bedient, als vor 14 Jahren das chilenische Mi- litär unter Führung des Generals Pinochet und mit viel CIA-Hilfe die damalige Volksfront-Regierung stürzte und den sozialistischen Präsidenten Allende liquidierte. Heute stellen sich im deutschen Geschäfts- und Gewalt-Interesse neue Aufgaben. Es muß gesichert werden, daß Chile auch nach Pinochet ein so gut handhabbarer Va- sallenstaat bleibt, wie Pinochets Diktatur das heute ist. Darum kümmert sich vorausschauend die große bundesdeutsche Regierungs- partei - und nicht nur die; die SPD tut das mit ihren Mitteln und Einflußwegen auch. D a b e i ergeben sich Differenzen zwischen der CSU und der CDU samt sozialliberalem Anhang: Geißlers Mann- schaft setzt mehr auf die "Christlichen Demokraten" Chiles, die unter Pinochet kaltgestellt sind; deswegen wird Blüm zu deren Parteitag entsandt und eine Differenz zum herrschenden Regime be- tont. Die Weltpolitiker aus Bayern dagegen möchten an der beste- henden Diktatur am liebsten gar nichts verändert haben und beto- nen deswegen ihren "politischen Respekt" vor Pinochets erfolgrei- chem Antikommunismus. Gerade diese blutigen Erfolge - meinen die "Liberalen" und guten Christen - machen inzwischen die bisherigen Methoden überflüssig... Das Ganze ist ein Methodenstreit unter imperialistischen Betreuern Chiles; und der ist das bundesdeut- sche Echo der Sorgen die man sich in der zuständigen Haupt-Füh- rungsmacht des Westens in den USA, um eine ordentliche Zukunft des treuen Klienten am Pazifik macht. Das ist die außenpolitische Sache, um die es geht. - Und um die es in der bundesdeutschen Debatte überhaupt nicht geht. In der kommen die Ordungsmaßstäbe und -interessen des bun- desdeutschen Imperialismus nämlich gar nicht vor. Sie sind voll- ständig ersetzt durch ein hochmoralisches Gezerre um Folter und Verbrechen, Terrorismus und Menschenrechte. An diesen philosophi- schen Gütern sollen die politischen Gemüter im Volk sich abarbei- ten - und zu einer höchst abgeklärten Betrachtungsweise gelangen: - Die moralischen Schaukämpfe wollen als K o a l i t i o n s- s t r e i t verstanden und gewürdigt werden. Die Konkurrenz zwischen Geißler und Zimmermann um ein mehr rechtsreaktionäres oder mehr menschenrechtsmoralisches Image der Union ist längst eingemündet in die wahnsinnig spannende Frage: Wer behält am Ende recht? D a s nährt die Spekulation über die Kräfteverhältnisse in der Koalition. Und die scheint in unserer Demokratie das interessanteste von der Welt zu sein - wahrscheinlich genau deswegen weil sonst überhaupt nichts weiter daraus folgt. - Außer einem: So geht die Politik ungestört ihren Gang. In dem Fall eine kleine Unterabteilung des bundesdeutschen Imperialismus - von dem (vor lauter Menschenrechten!) kein braver Bürger je etwas bemerkt haben will. zurück