Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN ALLGEMEIN - Von Dichtern und Denkern


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       Lebendige Demokratie:
       

AUFRUHR IN DEN CHRISTPARTEIEN

Nach allem, was man so hört und liest, rumort es an der "Basis" von CDU und CSU. Die Junge Union Baden-Württemberg fordert die Ablösung des Kanzlers, und die CSU-Fraktion des Bayerischen Land- tags soll sich mannhaft gegen den Vorsitzenden Franz Josef erho- ben und ihn zur Rücknahme seines Steuersteckenpferds gezwungen haben. Im Zuge dessen seien auch laute Zweifel an der Tragbarkeit des Landesvaters geäußert worden. Daß SPD, Grüne und wohl auch die FDP sich über solche Zwistigkei- ten freuen, kann man unterstellen. Worüber sie sich freuen, ist auch kein Geheimnis: Sie spekulieren auf einen S t i m m e n- verlust der Christen. Andererseits ist die Freude so überschäumend nicht, da das Parteivolk der Christen den Zeitpunkt der "Kritik" äußerst verantwortungsvoll gewählt hat: Stimmen- verluste sind nicht zu befürchten, da jetzt ein Jahr lang keine Wahlen stattfinden. Dieses wohlerzogene Parteivolk sieht die Sache vielmehr so, daß ein bißchen Remmidemmi j e t z t zu Stimmen g e w i n n e n führen wird: "Ein tiefgehender Neuanfang der Union, die Sicherung der Regie- rungsfähigkeit über 1990 hinaus, kann nur noch ohne Bundeskanzler Kohl erfolgen." (Beschluß des Landestages der Jungen Union) "Wir haben jetzt ein wahlfreies Jahr. Wenn die Junge Union dieses Jahr dazu benutzt, innerhalb der CDU politisches Bewußtsein zu bilden, kann man ihr das doch wohl nicht als parteischädigendes Verhalten vorwerfen." (Günther H. Öttinger, JU-Vorsitzender und Landtagsabgeordneter) Keine Sorge, Öttinger, die Botschaft ist verstanden worden. "Tiefgehender Neuanfang" - jeder weiß, daß damit die Spekulation über eine eventuell ertragreichere Führungsfigur als die etwas angenagte Birne gemeint ist. "Politische Bewußtseinsbildung" - auch da ist jedem sonnenklar, wie das zu verstehen ist: Lauter offenherzige Berechnungen über die Sicherung der eigenen Macht "über 1990 hinaus" - mit nur einem einzigen Inhalt: Was sind die gelungensten Methoden des Wählereinsackens? Sich darüber heftigst in aller Öffentlichkeit Gedanken zu machen, heißt dann "innerparteiliche Demokratie" und spricht selbstverständlich f ü r die Partei. Die "Rebellen" machen sich stark für die ebenso inhaltsleere wie wuchtige Proklamation des Parteiwillens: Die CDU/CSU ruht sich nicht nur nicht auf ihrer Macht aus, sie will sie sogar noch b e h a l t e n! Und dafür wird dann tatsächlich auch mal ein Herr Vorsitzender angestänkert. Mit ge- bührendem Abstand zur nächsten Wahl, versteht sich - denn wenn es wieder auf eine Wahl zugeht, gehört natürlich einmütigste Ge- schlossenheit her. Erwachsenen Menschen mit solchen Erörterungen der Verbesserung des Wählerfangs zu kommen, ist genaugenommen eine Beleidigung. Schließlich wird da beim Publikum ein Verstand unterstellt, der diese V e r a r s c h u n g für eine i n t e r e s s a n t e B e g e b e n h e i t hält. Aber diese Partei"rebellen" und -taktiker haben offensichtlich nicht die geringste Sorge, daß sie die Adressaten ihres Tatendrangs mit solchen dummdreisten Kalku- lationen endgültig "in die Staatsverdrossenheit treiben". Ganz im Gegenteil: Sie sprechen erwachsene Menschen in ihrer Eigenschaft als d e m o k r a t i s c h e W ä h l e r an: Diese Eigen- schaft besteht in der intellektuellen Leistung, sich als Regier- ter nach bestem Wissen und Gewissen die Sorgen der Regierenden zu machen, also die Politik als ein großes Führungsproblem zu durch- denken und sich zu fragen, welche der konkurrierenden Figuren ei- nem d a f ü r am ehesten einleuchten. Daher stammt die unver- wüstliche Gewohnheit des demokratischen Wählers, sich für die Selbstdarstellungskünste der Parteien zu interessieren (bzw. in- teressieren zu lassen) und, wenn man gefragt wird, sehr souverän zu urteilen, wer einen denn nun a m g e s c h i c k t e s t e n verarscht hat? Insofern hat er aber auch recht, der Wähler: Etwas anderes ist für ihn in der Demokratie nicht vorgesehen. zurück