Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN ALLGEMEIN - Von Dichtern und Denkern
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Münchner Hochschulzeitung, 08.06.1983
Sonderausgabe Sozialwesen
Kultusminister MAIER klärt über den Friedensgedanken auf:
EINE CHRISTLICHE KRIEGSERKLÄRUNG
In einem neulich im Bayerischen Rundfunk ausgestrahlten Vortrag
bekannte sich Hans MAIER zum G e w a l t monopol des Staates als
Errungenschaft "innerstaatlichen Friedens". Demgemäß vermißte er
im "zwischenstaatlichen Bereich" das Bekenntnis zu "gemeinsamen
Prinzipien eines Weltrechts" bzw. zu einer von allen Staaten an-
erkannten überstaatlichen Gewalt. Daß ein oberster Richter Ruhe
und Ordnung schafft, weil mit dem Recht seine Gewalt anerkannt
ist, die Staaten sich - wie die Bürger im Staat -
u n t e r w e r f e n, ist die Gewaltlosigkeit, nach der sich
MAIER sehnt. Sein 'bißchen Frieden' verlangt nach der
a b s o l u t e n Gewalt einer Weltherrschaft.
Interessant waren aber in diesem äußerst gebildeten Durchgang
durch die Wirkungen christlichen Friedensgedankens seit dem 11.
Jahrhundert vor allem folgende Aussagen zur Natur des Krieges:
Von der Entartung des modernen Krieges
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"Die Technisierung schuf größere Möglichkeiten der Massenvernich-
tung, rückte den Krieg vom Menschen weg, machte ihn zu einer Sa-
che perfekter Planung und ließ ihn damit im wörtlichen Sinne
un-menschlich werden. Gegenüber den technisch totalisierten Krie-
sen des 20. Jahrhunderts, die immer mehr den Charakter globaler
enthumanisierter Schädlingsbekämpfungsaktionen annehmen, er-
scheint gerade das Archaische des alten Krieses wieder als das
Moralische: die Ritterlichkeit, der Kampf Mann gegen Mann, die
personalisierte Duellsituation. (Ich bin sicher, daß der Welter-
folg von Ernst Jünger sich darin begründet, daß er die archaische
Dimension des Krieges zum letzten Mal in einer Zeit der Material-
schlachten sichtbar gemacht hat.)"
Das ist vielleicht eine Kritik am Abschlachten! Sehr geschmäckle-
risch wird hier zwischen ordentlichen und niveaulosen Kriegen un-
terschieden. Was ist MAIERs Einwand gegen die Atombombe, die
40 000 Menschen schlagartig vernichtet? Wo ist da der Krieg! Daß
Kampf immer die Beseitigung von Existenz ist - auf mehr oder min-
der qualvolle Weise für die Beteiligten -, selbst dieses Urteil
wird von diesem Standpunkt aus unerheblich, ja eigentlich zur
Feigheit erklärt. Das tertium comparationis zwischen den Kriegs-
sorten ist nämlich, inwiefern der Krieg dem individuellen
Kampfesmut Gelegenheit zu seiner Verwirklichung bietet: Krieg als
S c h a u p l a t z v o n T u g e n d e n, von Mut und Ritter-
lichkeit!
Was tut der Krieg dem Menschen an? Laut MAIER gar nichts. Er ist
unerläßlich für seine Moral. Und mit dieser seiner Eigenschaft
ist es heute nicht mehr so einfach, weil der Krieg auch nicht
mehr das ist, was er einmal war. Der einzelne kämpfende Soldat
ist gar nicht mehr das Subjekt einer Schlacht, entdeckt MAIER von
seinem radikalen Standpunkt des hehren Kampfes aus. Als ob er das
jemals gewesen wäre! Das Bild der mittelalterlichen Schlacht, in
der der überschäumende Kriegswitz und die Kraft und die
Tapferkeit eines einzelnen, die aus der Inbrunst der gerechten
Sache erwachsen, die Siegespalme davonträgt, gehört doch eher in
Technicolor nach Hollywood. Und mit einem Duell hat Krieg auch
bloß zu tun, daß in beiden gekämpft wird.
MAIER diskutiert aber Krieg als Ort menschlicher Begegnung, als
"archaische" Situation, als elementare Bewährung menschlichen An-
stands. Auf einen Raketen-Knopf zu drücken oder ein bißchen Gelb-
kreuz zu versprühen - das ist pervers, aber dem Gegner blitzenden
Auges das Bajonett ins Herz zu rammen, daß das Blut nur so
spritzt - das ist ausgesprochen würdig. Eine sehr zynische Formu-
lierung dessen, daß die Menschenwürde eines Bürgers ihre höchsten
Momente auf dem Schlachtfeld hat, denn Sterben ist der schönste
Tod ...
Von seinem Kultusminister kann man also keinerlei Verurteilung
des Krieges hören, nichts mit 'Nie wieder Krieg von deutschem Bo-
den aus'; nicht einmal seine Charakterisierung als notwendiges
Übel. MAIER entdeckt den Krieg als alte ehrwürdige Kulturerschei-
nung, die heute bedroht ist. Krieg - ein Wert an sich.
Von der höheren Notwendigkeit des Krieges
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"Offenbar läßt sich der Krieg nicht einfach wegdekretieren und
wegdiplomatisieren. Offenbar kehrt er nach einigen halb geglück-
ten Anfängen zu seiner Abschaffung immer wieder und oft in grau-
envollerer Gestalt zurück. Warum? Ist er immer Teil der Politik?
Dies einfach zu bejahen wäre zynisch. Die Hoffnungen auf die
Überwindung tierischer Aggressionslust dürfen nicht einfach auf-
gegeben werden. Die Ursachen liegen gewiß in der animalischen Na-
tur des Menschen, jenem Teil, den der Mensch mit dem Tier teilt.
Ich verweise auf das Schlagwort Aggression, das heute in aller
Munde ist.
Aber - und das ist der große Irrtum der Friedensforchung. Sie
liegen n i c h t n u r in ihr. Kriege entstehen nicht nur aus
Aggressionstrieb. Sie sind nicht nur ein atavistisches Relikt un-
serer animalischen Herkunft. Sie entstehen zugleich in der mora-
lischen Sphäre des Menschen als Reaktion gegen verletztes Recht,
als Sich-Aufbäumen gegen Unterdrückung, als Verzweiflungstat de-
rer, denen auf andere Weise keine Gerechtigkeit mehr werden will,
als ultima ratio nicht nur äußerer, sondern moralischer Selbster-
haltung. 'Alles verloren außer der Ehre!' - wem dieser Ausspruch
des französischen Königs auf dem Schlachtfeld von Pavia nur Ei-
telkeit monarchischer Selbstliebe bedeutet und nicht Beispiel für
die geschichtliche Ambivalenz des Krieges, der ebenso mutwillige
Angriff wie ehrenhafte Verteidigung, ebenso Rechtskrieg wie
Machtkrieg sein kann und der in seiner konkreten Form oft beides
in ununterscheidbarem Knäuel ist, der wird sich nur in abstrakt
moralischer Betrachtung bewegen, in einer polizeilichen Verengung
und Verfälschung des Politischen, die am Ende alle Ritterlichkeit
vernichtet und entweder bei Schädlingsbekämpfungen im Weltmaßstab
endet oder alles Individualrecht von Völkern und Gruppen in einem
Frieden um jeden Preis zerstört."
Daß es Kriege gibt und gegeben hat, hält MAIER für den Beweis
dessen, daß es sie geben muß. Gleichzeitig will er kokett so
"zynisch" nicht gewesen sein. Weiter: Daß der Krieg eine periodi-
sche Erscheinung ist, beweist ihm, daß er 1. von der Politik
nicht verhindert wurde (sonst wäre er nämlich weg) und 2. daß er
deswegen nicht verhinderbar sei, eine mythische Macht, die ihr
Eigenleben führt und immer wieder hervorbricht. Also nicht: Schau
Dir die Politik an und die Kriege, die sie führt. Sondern: Krieg
springt die Staaten an, die eigentlich gegen ihn sind. Man muß
also den tieferen menschlichen Sinn des Krieges erfassen.
Wer dagegen die Einstellung vertritt, Krieg sei Äußerung des men-
schlichen Aggressionstriebes, schändet Krieg, Mensch und Politik.
Denn der Mensch ist nicht bloß eine angriffslustige Sau, die Po-
litik und der Krieg nicht bloß Resultat solch' animalischen
Drangs. Die rechte Politik ist Ausfluß höchster Sittlichkeit und
besten Rechtsgefühls, wenn sie Krieg führt. Krieg als Mittel der
Verteidigung der Moral - damit ist jeder Pazifist eine feige
Memme, die ihren inneren Schweinehund nicht bekämpft, ja ein Va-
terlandsverräter. Denn was tut man im Schützengraben? Man vertei-
digt die ureigensten Anliegen, steht für die Sachen ein, an die
man glaubt. Soll man deswegen darauf warten, bis einen ein Russe
persönlich beleidigt? Nein, das wäre auch verkehrt: Man soll
s i c h beleidigt sehen als Protagonist seines Staates.
Also: Worum geht es, wenn man von seinem Staat eingezogen wird -
man muß sich verteidigen. Lehnt man das ab, läßt man sich alles
bieten und ist eine persönliche Flasche - als ob man sich nicht
gerade im Heer total unterordnen müßte und das Heim, Frau und
Kind gerade unter dem Bombenhagel dieser Staatsaktion geopfert
würde. Die "moralische Selbsterhaltung" ist eben keine "äußere"
und findet so ziemlich in Sieg oder Untergang ihre Erfüllung.
(übrigens zur Moral der Sühne: Daß ein anderer den eigenen Vater
umbringt, hält man für strafbar und zu rächen, daß man selbst das
Gleiche vollbringt, befriedigt das Rechtsgefühl -sehr kulti-
viert!)
Den Krieg ablehnen bedeutet also, keine Ehre im Leib zu haben.
Wer so wie MAIER die Zustimmung zum Krieg zur Frage persönlicher
Tapferkeit macht, Krieg mit Verteidigung der Ehre gleichsetzt,
der h e t z t gegen Pazifismus und agitiert für den Wehrgedan-
ken; der erklärt auch umgekehrt die pazifistische Einstellung zur
eigentlichen Aggression, als ob sie den "unterdrückten Völkern"
etwas nähme!
Darf man Krieg also ablehnen, ihm die prinzipielle Anerkennung
versagen? Nur unter Opferung des eigenen Menschseins. Pazifisten
sind Unmensehen, ist das kultusministerielle Diskussionsangebot.
Wer Krieg auch nur in Zweifel zieht, unterhöhlt die Wehrbereit-
schaft.
Wie sieht nun die rechte Politik aus, nicht "polizeilich ver-
engt"? Insofern sie sich zum Krieg bekennt und gegen Verletzung
ihres Rechts wert, erweist sie sich den menschlichen moralischen
Ansprüchen würdig.
MAIER sortiert deswegen die guten und die bösen Staaten auf der
Welt. Sich gegen "Friedensbrecher" zu wehren, ist der gerechte
Krieg. Da verteidigt ein Staat nicht sein Recht, sondern das
Recht als Prinzip. Daß Kriege "Teil der Politik" sind, heißt also
ein schlechtes Licht auf die Politik werfen. Daß es gute Politik
ist, die sich dem Krieg gegen das Böse stellt - darauf kommt es
an.
Und welcher Staat das Böse ist, dem man widerstehen muß, um sich
nicht aufzugeben, gegen dessen Knechtung man seine Freiheit ver-
teidigen muß, auch das läßt MAIER nicht im Dunkel seiner philoso-
phischen Denkerstirn:
Vom gerechten Kriege
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"Wer hätte 1956 die Ungarn verurteilt, als sie sicher den status
quo gefährdeten und den Weltfrieden in Gefahr brachten? Wer würde
es heute mit den Afghanen, mit den Polen, mit den Israelis oder
mit anderen Völkern tun in Konflikten, in den Recht gegen Recht
steht so sehr, daß man an Lösungen im weg friedlicher Schlichtung
fest verzweifeln muß?"
Kein Wunder, daß ihm mit Ungarn und Polen ganz selbstverständlich
an dieser Stelle keine Kriege, sondern interne Aufstände, anson-
sten von ihm bitterlich als Landfriedensbruch gegeißelt, gleich
als "zwischenstaatliche" Affären einfallen, wie weitere Ansprüche
des Westens: das maßlose Sicherheitsbedürfnis Israels, das gerade
Syrien zum Schutz israelischer Grenzen kassiert, seine tiefe
Liebe zum afghanischen Volk und jegliches Aufbegehren gegen den
Kommunismus.
Das Plädoyer für den gerechten Krieg bleibt also nur in dem Fall
eine Ungeheuerlichkeit, daß es von einem Kommunisten wie Stalin
kommt. Die ansonsten den Linken angekreidete Parteilichkeit in
der Gewaltfrage - wenn sie von der westlichen (legitimen) Seite
kommt, ist sie geradezu unerläßlich. Wenn MAIER die Moral des
Menschen als Anspruch entdeckt, für dessen Befriedigung der Staat
Anlaß genug hat, einen Krieg zu unternehmen, damit der Mensch zum
Menschen wird, dann hat das mit Kriegshetzte nichts zu tun, son-
dern mit Verteidigung der Menschenwürde!
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