Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN ALLGEMEIN - Von Dichtern und Denkern


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 36, 19.05.1981
       

BREMEN AKTUELL

Bürgerschaftsdebatte über Ausländerrecht: (Weser-Kurier 13.5.1981) Harlem in Bremen ---------------- Die Bremer Bürgerschaft hat über die Ausländer, genauer, über das Ausländerrecht debattiert. Das einhellige Motto stand zwischen allen Parteien fest. Es steht in der Generalklausel des bundes- deutschen Ausländerrechts. Die Lebenslage dieses Menschenschlags auf deutschem Boden ist rechtlich so zu regeln, daß "dem nicht erhebliche Belange der Bundesrepublik entgegenstellen." "Erhebliche Belange der Bundesrepublik" haben schließlich Türken aus Anatolien, Italiener aus Sizilien etc. hierher beordert. Und daß sie so geschätzt werden, wie sie gebraucht werden, macht noch jeden Demokraten über den Verdacht erhaben, er hege rassistische Vorurteile. Wenn sie nicht mehr so gebraucht werden, steht des- halb nur eins an: die "Verbesserung der Rechtsstellung der Aus- länder. Da werden sie neu geschätzt. Prompt entdeckt ein CDU-Po- litiker Urban die Gefahr, daß "ein Eingebürgerter trotz des rechtlichen Bandes der deutschen StaatsangehÖrigkeit innerlich in Deutschland ein Fremder bleibt, der sich trotz rechtlicher Gleichstellung in seinen sozialen Chancen diskriminiert fühlen könnte." Schön gesagt, wie die "rechtliche Gleichstellung" die höchst ver- schiedenen "sozialen Chancen" voll zum Zug kommen läßt. Daß ein arbeitslos gemachter Türke deshalb mit seiner "Innerlichkeit" ein Problem kriegt, ist gelogen und soll nur sagen, daß der Urban aus lauter Herzenswärme ihm empfiehlt, sein Glück in Anatolien zu su- chen. Bei dieser warmen Empfehlung soll es ja auch nicht bleiben, sie soll Gesetz werden. Gar kein Rassismus, sondern Sorge ums "ökologische Gleichgewicht" treibt den Grünen Adamietz, wenn er warnt "den Ausländern über eine Integration ihre Individualität und ihre eigenständige Kultur zu, nehmen. Bürgermeister Hans Koschnick, der auf die quer durch die Parteien und Gebietskörper- schaften verlaufenden Fronten in der Ausländerpolitik auf Bun- desebene verwies und für den Fall einer Überfremdung von Ortstei- len für Zuzugssperren plädiert hatte, habe offenbar die Probleme erkannt und spreche manchmal fast wie ein Grüner." Merke: Integration macht Ausländer kaputt u n d "überfremdet" das urdeutsche Ostertor. So kann man m i t der Art und Weise, wie Türken hierzulande gehalten werden und die sie zwingt, sich mit allen von Kindesbeinen erlernten Nationaltugenden der Not durchzuschlagen, argumentieren. Dafür, daß jeder mit s e i n e m Mutterboden in Einklang bleiben soll. Verantwortliche Demokraten müssen natürlich auch an die anderen, an die geschätzten deutschen Mitbürger denken, sprich: an die "ohnehin schon hohe Arbeitslosenzahl", mit der die jahrelange Bremer Rationalisierungsförderung sie beglückt hat. Da liegt es doch in beiderseitigem Interesse, wenn man den Deutschen die "Hohe Arbeitslosigkeit" hier und Türken und Italienern dieselbe Chance in ihrem Heimatland läßt. Dito in Sachen Schule der Liberale Jäger: "Was sagen wir deutschen Eltern, die sich darüber beklagen, daß ihr Kind seine Bildungschancen nicht wahrnehmen kann, weil in seiner Klasse mehr als 50 Prozent Ausländerkinder sind?" Was sagt er denn, dieser Jäger? Daß diese Eltern Arschlöcher sind? Sagt er natürlich nicht, sondern, daß es an Türkenkindern nicht liegen soll, wenn die "Bildungschancen" deutscher Kinder "Chancen" bleiben. Daß Politiker bei alledem immer nur an das eine denken, brachte der SPDler Kröning auf den Punkt. Mitten im friedlichen Bremen malte er Türken-Aufstände an die Wand. In Bremen geht's zu wie in Harlem? Auch ein Geständnis. Seine Folgerung: es sei "unumgänglich, die ausländischen Mitbürger zu integrieren, und das Recht sei das wichtigste Mittel dazu..." Und beschwörend: ... "Gehen wir auf sie zu!" Kurz: Ordnung schaffen! Mit Handschlag natürlich. Viermal grüner Faschismus im Dienste des Antifaschismus ------------------------------------------------------- "Die Intellektuellen spielen die Klaviatur des Sozialstaates voll aus. Wenn die Sozialunterstützung an die Verkehrten gestoppt wor- den wäre, hätte es keine Besetzung des Wiener Hofes gegeben. Dinne geißelte auch eine Bedarfsexplosion, die die Grenzen des Sozialstaats aufzeige. Sein Vorwurf an die SPD: Erst werde den Chaoten Geld in den Rachen geworfen. Dann könne man nur noch mit dem Polizeiknüppel operieren, der zum Faschismus führe. (Weser- Kurier 13.5.81) 1. Vorwurf: Die SPD füttert die Verkehrten! Warum sind das die Verkehrten? Das sind Intellektuelle, deren Intelligenz taugt ihnen dazu, das soziale Netz auszunutzen. Das ist verboten: Also gehört der Geist verboten, der sowas ausheckt. Merke: Intellektuelle sind Schmarotzer, also rechtzeitig "stoppen". 2. Vorwurf: Die SPD füttert Staatschädlinge! Warum sind das Staatsschädlinge? Die beanspruchen Sozialhilfe (s.o.). Die das machen, treiben den Staat an seine "Grenze". Das ist kein Argument gegen den, sondern die. Merke: Ansprüche sind staatsschädlich, "stoppen"! 3. Vorwurf: Die SPD füttert Chaoten! Warum sind das Chaoten? Weil Hausbesetzer vom Staat als solche behandelt werden. Die alberne Behauptung, wegen der Sozialhilfe sei der Wiener Hof in Dinnes Ostertorviel besetzt worden, ist nur für den Appell an die Staatsgewalt gut: aushungern! 4. Vorwurf: SPD-Polizeiknüppel sind schlapp! Warum? Weil mit den intellektuellen Schmarotzern, Schädlingen, Chaoten nicht schon vorher aufgeräumt worden ist. Und ausgerechnet an dieser Stelle fällt diesem Grünen die Warnung vor dem Faschismus ein! Logik: Wenn wir ihn nicht demokratisch machen, kommt er von rechts. Ziemlich starker Tobak, nur weil der ungekrönte Froschkönig aus dem Ostertor mal wieder mit seiner geliebten Ex-Partei abrechnen wollte? Debatte in der Stadtbürgerschaft (Weser-Kurier 12.5.81) Bremer Bürgerschaft plant den Supergau in Esenshamm --------------------------------------------------- Das AKW Esenshamm läuft und setzt radioaktive Strahlung in die Welt - wie geplant. Diverse (Super-)Gaus sind auch möglich, auch darüber gibt es keine öffentliche Debatte mehr. Die Bremer Bür- gerschaft diskutierte deshalb darüber, daß die Bremer Regierung auf einen solchen Supergau (= Super größt anzunehmender Unfall), der den Stadtstaat Bremen, "insbesondere Bremen-Nord", so ziem- lich unregierbar machen würde, auch irgendwie vorbereitet sein müsse. Die Bremer Grüne Liste war der Auffassung, man brauche einen Katastrophenabwehrplan, damit im Falle einer Verstrahlung der Bevölkerung bei einem Gau dies nicht zu einer Katastrophe für Bremen (bzw. den Rest der BRD) wird. Denn wie heißt es z.B. in einem solchen Katastrophenplan für das AKW Fessenheim, den die Grünen d a m a l s noch kritisierten: "Bei Eintritt eines kern- technischen Unfalls wird das Gebiet zunächst abgesperrt". Also nichts mit abhauen gen Süden, Bevölkerung, sondern "zunächst" mal abwarten (Die Strahlung kommt). Der Abgeordnete Willers, stadtbe- kannter Nordsee-, Weser- und Elbe-Saubermann, rechnete dem Senat zur Begründung des Grünen-Antrags vor, daß bei einer Kernschmelze in Esenshamm circa die Hälfte der Bevölkerung der Bundesrepublik sterben müsse - "Nordwind vorausgesetzt" (bei Westwind bekommt die DDR-Bevölkerung auch was ab). Mit genau demselben Argument läßt sich ein Katastophenplan auch ablehnen: Der SPD-Abgeordnete Tepperwien: Gegen solche "Großunfälle" seien Schutzmaßnahmen oh- nehin sinnlos. Ein Politiker wird schon ein neues Betätigungsfeld im Süden der Republik finden. Man kann's auch so wie Senator Fröhlich sagen, daß nämlich Bremen außerhalb der offiziellen (= staatlich definierten) Gefahrenzone liege und deshalb keine Abwehrpläne notwendig sind. Die proji- zierte Verstrahlung der Bremer Bevölkerung kann also gar nicht "offiziell" sein - das tröstet. Da CDU und FDP in Bremen in der Opposition sind, möchten sie die offizielle Definition der offiziellen Gefahrengrenzen in Zweifel gezogen haben; oder Willers, zum Schluß der Debatte: "Was wäre eigentlich, wenn Bremen trotzdem einen Katastrophenabwehrplan aufstellte?" Wäre die Verstrahlung dann offiziell oder nicht of- fiziell? Demokratisch beschlossen ist sie auf jeden Fall. zurück