Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN ALLGEMEIN - Von Dichtern und Denkern


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       Marxistische Schulzeitung Bremen, 17.12.1980
       

BERICHT AUS BONN

Sammeln für die Tornados? ------------------------- Das neue Kampfflugzeug der "Friedensarmee", der Tornado, wird in diesem und im nächsten Jahr 1,3 Mrd. DM mehr kosten als zunächst veranschlagt. Eine "Finanzierungslücke" hat sich aufgetan und entdeckt worden ist sie auch noch ausgerechnet von der Opposi- tion. Was macht man in Bonn mit "Finanzierungslücken?" Eigentlich gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder der oberste Soldat be- schließt, ein paar von diesen neuen Prunkstücken der Luftwaffe weniger bauen zu lassen, oder es wird zusätzliches Geld be- schafft. Merkwürdigerweise beherrscht die Diskussion über die "Finanzierungslücke" weder das eine noch das andere Thema. Statt dessen streiten sich die für Auf- und Nachrüstung zuständigen Ge- setzesmacher darüber, wie es eigentlich in den Beschaffungsabtei- lungen des Verteidigungsministeriums zu solcher "Schlamperei" kommen kann, ob nicht sogar Minister Apel höchstpersönlich zur Verantwortung gezogen werden muß, oder ob vielleicht das Vertei- digungsministerium nicht mehr zeitgemäß organisiert ist. In der Tat ist weder das Tornado-Programm, noch die Frage der zusätzli- chen Finanzierung ein Problem; weder der Regierung, noch der Op- position. Da macht man vielleicht einen kleinen Nachtragshaushalt oder einen Vortragshaushalt, wenn das Geld, das man in der näch- sten Zeit dem Bürger zusätzlich abknöpft, nicht für diese "großen Aufgaben der Nation" reichen sollte. Aber "Schlamperei" in diesem Bereich der öffentlichen Aufgaben, in dem es doch wirklich um äu- ßerste Präzision geht, kann nicht geduldet werden. Da könnte doch wirklich der eine oder andere Bürger besorgt fragen, wie es beim Bund wohl in weniger friedlichen Zeiten zugehen mag, wenn jetzt schon so ein "Chaos" herrscht. Derart besorgt gibt sich wenig- stens die CDU, die im Verteidigungsausschuß den Vorsitz hat, wo jedes neue Waffenprogramm abgesegnet wird. Also liebe Leute, e x t r a gesammelt werden braucht nicht. Da- für findet eine groß angelegte Vertrauenswerbung statt, in der alle Parteien ihre g e m e i n s a m e Verantwortung für die Ordnung, Korrektheit und Sauberkeit bei der weiteren Aufrüstung der Bundeswehr betonen. Als ob das jemand bestritten hätte! Aber so unterstreicht man in Bonn eben, was zur Zeit d i e nationale Aufgabe ist. "Echte" und "unechte" Arbeitslose --------------------------------- Nach seinem denkwürdigen Japantrip, nach welchem er die westdeut- schen Arbeiter in "echte" und "unechte", sprich: fleißige und faule unterteilt hatte, sind dem Grafen Lambsdorff jetzt die Ar- beitslosen eingefallen. An denen läßt sich dieselbe Unterschei- dung machen. Dem FDP-Wirtschaftsminister ist - diesmal ganz ohne Reise - eingefallen, daß mit der Arbeitslosenversicherung "Mißbrauch" getrieben werde. Gemeint hat er damit weder, daß Gelder aus den Sozialversicherungen für Wirtschafts- und Sicher- heitspolitik benutzt werden; noch wollte er damit den "Mißbrauch" anprangern, daß mit den "Zumutbarkeitsklauseln" Arbeitslose zur Übernahme von fast jeder Arbeit erpreßt werden. Für den Grafen liegt der "Mißbrauch" ganz woanders: Er liegt für ihn auf Seiten derer, die ein paar matte Tricks auf Lager haben, mit denen sie versuchen, nicht die letzte und am schäbigsten bezahlte Drecksar- beit aufgehalst zu bekommen. Die heißen dann "unechte Arbeits- lose" und zeichnen sich nach Lambsdorff dadurch aus, daß sie "an Arbeit überhaupt nicht interessiert seien". Damit mag er schon recht haben, der Herr Wirtschaftsminister, wenngleich die Freu- denfeste bei "Massenentlassungen" wenigstens auf Seiten der Ent- lassenen auch heutzutage noch sehr selten sind. Über die Arbeit ist im Übrigen wirklich alles gesagt, wenn Leute versuchen, eine zeitlang allein mit dem Arbeitslosengeld oder der Arbeitslosen- hilfe über die Runden zu kommen. Es ist natürlich reiner Zufall, daß zur gleichen Zeit die Bundes- anstalt für Arbeit Überlegungen darüber anstellt, ob nicht doch eine Erhöhung der Arbeitslosenversicherung notwendig sei "angesichts der dramatischen Verschlechterung er Konjunktur und Haushaltslage." Eine "Finanzierungslücke" muß eben gefüllt werden. Dabei sollte niemand so kleinlich sein und fragen, um welche "Finanzierungslücke" es sich denn eigentlich handelt. Geistige Wehrertüchtigung ------------------------- Der Verteidigungsminister hat gemeint, in den Schulen müsse die Jugend rechtzeitig mit den richtigen Gedanken über die Wehrsport- gruppe Apel und ihren Vorneverteidigungsauftrag vertraut gemacht werden. Zu diesem Zweck hat er sich jüngst mit den Kultusmini- stern zusammengesetzt. Diese haben seine Anregung aufgegriffen und beteuert, daß solches gerade in derart schwierigen Zeiten im Interesse der Jugend liege. Dabei waren sich alle einige, daß das Ziel solcher Erziehung die Förderung der Friedensgesinnung sei; natürlich nur der e c h t e n Friedensgesinnung. Und darunter fällt allein die westliche, wohingegen die Wehrkunde der DDR, die in dieser Hinsicht der BRD auch mal einen Schritt voraus war, na- türlich eine völlig falsche, nämlich unfriedliche Friedensgesin- nung fördere. Neben dem Frieden hätten die Schüler in Zukunft auch die Tradi- tion der Armee kritisch zu betrachten. Da gibt es ebenfalls falsche und richtige. Was die falsche ist, muß nicht gesondert betont werden: Es ist doch klar, daß im 2. Weltkrieg wirklich Mißbrauch mit dem deutschen Arbeitern als dem Schlachtvieh der vordersten Linie getrieben worden ist. Und die richtige Tradition ist vor allem die, an der jetzt gearbeitet wird. Denn jetzt, in der Demokratie, kann überhaupt kein Mißbrauch mit der Wehrmacht getrieben werden, weil, es ja demokratisch zugeht und bekanntlich jeder gefragt wird, ob er die weitere Vorbereitung auf den näch- sten größeren Waffengang lieber Strauß oder Schmidt überlassen will. Es ist also keinesfalls V e r f ü h r u n g Minderjähriger zu einer Einstellung, die vor Töten und Getötetwerden kein Halt macht, was da in den Schulen demnächst in gesonderten Unter- richtseinheiten propagiert wird. Von Verführung kann nicht die Rede sein, wenn der Verteidigungsminister daran mitwirkt, daß die Schule ihren Bildungsauftrag erfüllt. Es ist schon so, wie der ehemalige Bundespräsident Heinemann gesagt hat, die (eine) Schule der Nation ist die S c h u l e. Und der Dienst in der anderen Schule der Nation klappt sicher umso besser, je mehr der eingezo- gene Nachwuchs wirklich daran glaubt, daß es sich lohne, für die "Freiheit" zu sterben; obwohl mit Sicherheit auch in Zukunft Auf- bau, Ausbau und Einsatz des Militärs nicht davon abhängig gemacht werden, daß die Befehlsempfänger solche "Notwendigkeiten" auch einsehen. zurück