Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN ALLGEMEIN - Von Dichtern und Denkern
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Lothar Späth zurückgetreten - das wirft die Frage auf:
Wer verdient warum zuwenig?
DER MINISTERPRÄSIDENT
300000 DM verdient ein deutscher Landesvater pro Jahr - das mag
dem einen oder anderen Normalverdiener viel erscheinen. Ist es
aber nicht, wie gerade wieder die Vorfälle in Baden-Württemberg
gezeigt haben.
Ein Ministerpräsident ist ja nicht irgendwer, sondern ein Mensch,
der von Berufs wegen "ständig latenten Gefahren ausgesetzt ist".
Einer, der sich wie der tragische Lothar Späth aus Stuttgart
"unermüdlich und weit über seine Dienstpflicht hinaus" für das
Wohl seiner Landeskinder einsetzt, muß ständig den Kontakt zu
seinen Industriellen pflegen. Aber dieser pflichtbewußte innige
Umgang mit den Geldsäcken des Landes hat seine politischen und
vor allem menschlichen Tücken: Ständig hat ein Ministerpräsident,
der sauber bleiben will, sich furchtbarer Anfechtungen zu erweh-
ren. Während einfache Landeskinder ihre Zuneigung mit Blumen und
Jubelspalieren zum Ausdruck bringen, beweisen betuchte Landeskin-
der ihre Freundschaft und Sympathie mit dem Stoff, den sie haben.
Was soll man da tun? Läßt man sich beschenken und befestigt so
die Freundschaft mit den Honoratioren, oder lehnt man ab und
stößt dabei echte Freunde vor den Kopf? Noch schlimmer wird die
ganze Drangsal, weil die Geschenkgeber einfach nicht zwischen
Freundschaftsdiensten und Bestechung unterscheiden können.
Man kann sich also vorstellen, wie ein Ministerpräsident darunter
leidet, daß ihm Tag und Nacht die Gefälligkeiten der Industrie
ins Amt flattern. Es ist halt sauschwer, wenn man
"im feinen und zuweilen halbseidenen Geflecht der Beziehungen
stets noch jene haarscharfe Naht beachten muß, die zwischen per-
sönlicher Gunst und politischer Begünstigung verläuft".
Der Ministerpräsident wüßte eine Lösung aus dem Dilemma. Er meint
nämlich, "er sei mit 300000 Mark nicht besonders gut bezahlt".
Recht hat er. Eine nach oben offene Gefahrenskala für die Bewäl-
tigung seines schweren Amtes würde endlich dafür sorgen, daß auch
sein Job nach dem Leistungsprinzip bezahlt wird und solche
"unglücklichen Entwicklungen" wie bei dem Späth in Baden-Württem-
berg vielleicht seltener machen.
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