Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN ALLGEMEIN - Von Dichtern und Denkern
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Lafontaine im Wahlkampf
WIE EIN ATTENTAT DAS ANSEHEN EINES BERUFSSTANDES HEBT
Gewalt ist in unserer Gesellschaft nichts Außergewöhnliches. Das
moralische Rechtsempfinden der Bürger ist dementsprechend aus-
gestattet: Dem Opfer gehört unser Mitleid, der Täter hinter Git-
ter. Letzteres besorgt der Rechtsstaat, denn er besitzt das
Gewaltmonopol. Ganz besonders empört und betroffen reagiert die
öffentliche Meinung, wenn die Inhaber der Staatsgewalt, die Poli-
tiker, einmal selbst von Gewalt betroffen sind. Deren Blut ist
scheinbar ein ganz besonderer Saft.
Die Täterin und die Tat
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sind des Wahnsinns. Darüber herrscht in den Medien Einigkeit. Das
läßt schon ihr Motiv erkennen, das die Messerstecherin angab:
"Es gibt in Europa unterirdische Operationssäle und Menschen-
fabriken, in denen Menschen umfunktioniert werden - mit Zu-
stimmung der Politiker. Darum wollte ich einen töten."
Wie verrückt sich die "Frau in Weiß" die Welt auch erklären mag -
einen staatsbürgerlich gängigen Standpunkt teilt die "offenbar
geistesgestörte Täterin" (Frankfurter Allgemeine, 27.4.) mit den
Zeitgenossen: Politiker sind zuständig für das Wohl und Wehe der
Menschheit. Daraus kann schon mal eine schlechte Meinung über
diesen Berufsstand und seine aktuellen Vertreter resultieren. Sie
äußert sich normalerweise im Stammtischgemosere über das Versagen
der Politiker. Daß deren schuldhaftes Versagen eigentlich eine
Bestrafung verdiene, fällt Gerechtigkeitsfanatikern meist auch
gleich ein. Nur schreiten sie im Unterschied zu Adelheid Streidel
nicht zur Tat, sondern gehen wählen: die demokratischste und be-
liebteste Unmutsäußerung der Untertanen gegenüber ihren Herren.
Das Dumme dabei ist jedoch, daß das angebliche Mittel der Geschä-
digten genau das der Herrschaftsbestallung ist: Statt des einen
hat man einen anderen zum Gebieter über sich gewählt.
Trotz aller in der Hitze des Wahlkampfs verständlichen "harten
Bandagen" kann die Tat der Adelheid Streidel in der demokrati-
schen Öffentlichkeit mit keinerlei Verständnis rechnen. Sie miß-
achtet das oberste demokratische Gebot: So sehr Politiker sich
wechselseitig aus Wahlkampfzwecken die nationale Verantwortung
absprechen und die persönliche Ehre abschneiden dürfen, so sehr
sollen die Bürger denen da oben Respekt zollen. Das holt jetzt
die Öffentlichkeit nach Kräften nach.
Das Opfer
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schwimmt auf einer Welle der Sympathie. Erstens: Als Mensch - mit
Wahlambitionen. Die Presse beginnt schon, die Chancen des Kanz-
lerkandidaten der SPD abzuwägen. Zum einen kann so eine Verlet-
zung den wackeren Oskar aus dem Rennen werfen. Zum anderen weiß
man auch, daß der Wähler einen Sinn für Gerechtigkeit hat:
"Die letzten Umfrageergebnisse zeigen, wie ernst Bundeskanzler
Kohl diesen lebensdurstigen Herausforderer nehmen muß. Lafon-
taines Popularität wird noch wachsen." (Frankfurter Allgemeine,
27.4.)
Richtig vermarktet, kann die Woge des Mitgefühls durchaus Stimmen
einbringen. Über allem Schrecken darf die SPD nicht vergessen,
"die Zuneigung zu einem Politiker, der als Hoffnungsträger gelten
könnte" (Süddeutsche Zeitung, 27.4.), wahlkampfstrategisch zu
nähren. Das geht am besten, indem die besorgte Öffentlichkeit mit
medizinischen Details versorgt und der unwiderstehliche Charakter
des Patienten betont wird. Nach der Devise: Viel Blut, aber nicht
den Humor verloren. Via Medien versammelt sich die Nation am
Krankenbett. Ein durchaus publicityträchtiger Ort für den Wahl-
kampf.
Wie weiland Ronald Reagan erweist sich ein Politiker als echter
Profi, wenn er es versteht, ein Attentat für sich auszuschlach-
ten. Eine robuste Natur oder schlicht Glück wird zum
Konkurrenzvorteil. Ein Lafontaine steckt sowas weg. Ja, er kann
sogar Punkte verbuchen, denn er hat "eine Bärenkonstitution", und
es gab "keine Kreislaufbeschwerden" (SZ, 27.4.). Und das Schönste
sind die Genesungswünsche aus dem Munde unseres Bundesprä-
sidenten: "Nehmen Sie sich jede notwendige Zeit, auf daß Sie spä-
ter Ihre verantwortungsvollen, großen Aufgaben wieder aufnehmen
können." Da widerspricht kein Blüm - von wegen Kostenexplosion
des Gesundheitswesens.
Zweitens gilt die ungeteilte Hochachtung der demokratischen Öf-
fentlichkeit Lafontaine als Vertreter eines Standes, dessen Auf-
gaben zu den schwersten im Lande gehören.
Die Moral
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lautet nämlich, daß wahlkämpfende Politiker sich wagemutig und
selbstlos im Dienst am Wähler aufopfern, von dem sie gewählt wer-
den wollen. "Wir wollen nicht arbeiten unter einer hermetischen
Abriegelung von den Menschen, für die wir und mit denen wir ar-
beiten." So SPD-Chef Vogel über die Unverzichtbarkeit auf das Bad
in der Masse beim Wählereinseifen. Politiker wollen im Wahlkampf
mit Volksnähe ihre Glaubwürdigkeit, also ihre Erfolgsaussichten
erhöhen. In ihrem Selbstlob nimmt sich das freilich etwas anders
aus: Sie gehen ein furchtbares Wagnis ein, wenn sie nicht darauf
verzichten wollen, sich werbewirksam bejubeln zu lassen. Die Pose
der volksnahen Führung läßt sich auch ins Allgemein-Menschliche
überhöhen - als "Gelegenheit, den Menschen nahezukommen".
"In der Bevölkerung herrscht schon lange der Eindruck, die Poli-
tiker hätten von der Erde abgehoben, sie lebten fern von ihren
Wählern und wüßten nicht, was der Mann auf der Straße denkt und
empfindet." (von Frau Streidel wissen wir es jetzt!) "Politiker,
die härter arbeiten, als ihre Wähler es sich vorstellen, suchen
wenigstens im Wahlkampf die Gelegenheit, den Menschen nahezukom-
men, ihnen die Hände zu schütteln." (Frankfurter Allgemeine,
27.4.)
So wird die Mär von den "hart arbeitenden" Politikern weiter ge-
strickt, die unter ihrer Ermächtigung leiden und ihr Ohr mög-
lichst nahe an den sorgenbeladenen Lippen ihrer Wähler haben.
Welch' ein Glück für die Bürger, daß sich immer noch jede Menge
Wahnsinnige für diesen gefährlichen Job finden!
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