Quelle: Archiv MG - BRD BUNDESWEHR WAFFENEXPORT - Deutsche Waffen in alle Welt
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VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG UNTER FREUNDEN
Kaum sind die Deutschen, dank des erfolgreichen Abstechers ihres
Regierungschefs ins Saudische, auf einen Schlag in den Genuß der
Freundschaft von 4000 Wüstenprinzen und -prinzessinnen geraten,
hat der oberste Israeli auch schon die Entdeckung gemacht, daß es
sich bei Schmidt um einen Erzfeind handelt, um einen alten Nazi
ohne "Herz, Gedächtnis, Prinzipien und ohne Menschlichkeit".
Plötzlich ist Menachem Begin wieder eingefallen, daß es sich bei
der Bundesrepublik um den Rechtsnachfolger des Nazi-Reiches han-
delt und daß der regierende Kanzler Offizier in der Hitlerarmee
gewesen ist. (Weiß Begin denn nicht, was der "Spiegel" recher-
chiert hat? Hätte Schmidt seinen Fahneneid gebrochen, wäre er
"heute nicht Kanzler der Bundesrepublik".) Mit selbstgerechter
Empörung werden solche Anspielungen bei uns als äußerst unge-
rechtfertigte "Belastungen des besonderen deutsch-israelischen
Freundschaftsverhältnisses" empfunden. Hämisch rechnet man im
"Spiegel" dem Judenstaat vor, daß er nichts dagegen hatte, seine
Armee aus eben denselben Waffenschmieden auszurüsten, die seiner-
zeit jene "Einsatzgruppen" mit Tötungsgerät versorgten, in deren
Vorhut Begin jetzt einen verbündeten Regierungschef einreiht. Als
"Schachertum" hat man es in Israel nie verstanden, daß mittler-
weile 60 Milliarden DM an Wiedergutmachungsgeldern von Deutsch-
land kassiert wurden. Über einen derartigen faschistischen Vor-
wurf ist ein Staat, der diese Mittel selbstlos dem nationalen
Aufbau zugeführt hat, so sehr erhaben, daß der israelische Mini-
sterpräsident der Krämerseele des Kanzlers, der in Riad deutsche
Interessen verfolgte, gleich selber ungerührt die rote Karte
zeigte. Muß man sich das in Deutschland gefallen lassen? Aber ein
Grund zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen ist es auch
nicht gerade, weiß man doch, von wem es kommt.
Die Kommentare in der hiesigen Presse weisen die Israelis also
darauf hin, daß man so "mit Freunden nicht umspringen darf".
In vollem Bewußtsein dessen, daß die beschlossene Aufrüstung der
Saudis sowie die diplomatische Offerte des Kanzlers, den Palästi-
nensern gelte es ein Recht auf Selbstbestimmung einzuräumen, für
die "israelischen Freunde" als wohldosiertes Abrücken von der
bisherigen deutschen Nah-Ost-Politik eine Provokation i s t,
wird jetzt, wo sich diese erwartungsgemäß beschweren, hieran de-
monstriert, wie gut der "mäßigende Einfluß" deutscher Vernunft in
dieser Region den Juden tut.
"Da haben die Juden 2000 Jahre gebraucht, um sich endlich staat-
lich zu organisieren. Und da kommt dann 30 Jahre nach der Grün-
dung Israels so ein Verrückter wie Begin und setzt alles aufs
Spiel."
Mit der Interpretation der von Begin zum Besten gegebenen Erinne-
rungen als "Wahlkampf-Entgleisungen" wird die Politik des Staates
Israel zum Ausdruck bedenklicher charakterlicher Eigenarten eines
"alten Deutschenhassers", weil eben der Charakter auch dieses
Staatsmannes der Politik zu dienen hat, die die Interessen
Deutschlands in Nah-Ost fordern.
"Es darf nicht sein, daß die deutsche Außenpolitik auch noch in
den 90er Jahren von Ausschwitz überschattet wird."
Da umgekehrt die Saudis bereit sind, das deutsche Engagement in
hellstem Licht zu sehen, "ist die saudische Regierung (als) eine
sehr weise handelnde, eine sehr gemäßigt und verantwortungsbewußt
handelnde Regierung", sprich als ein wahrer Glücksfall auszuma-
chen:
"Von den Saudis sei der Wunsch nach sicherheitspolitischer Koope-
ration an keiner Stelle mit dem israelisch-arabischen Konflikt
verknüpft worden, der der Sowjetunion Ansatzpunkte zur Einwirkung
in diesem Raum biete."
Dezent weist der deutsche Kanzler Begin darauf hin, daß sich die
Funktion, die der jüdische Staat 33 Jahre lang als Ordnungsfaktor
und Knüppel des freien Westens im "Flugsand des Orients" er-
füllte, ab sofort mit der Aufrüstung der Saudis zu "Sicherung der
Golfregion" gegen die Russen zu vertragen hat.
Der besondere - deutsche Witz an der Leistung des Imperialismus,
Araber und Israelis auf den einzig erlaubten Gegensatz zu ver-
pflichten: den zwischen Ost und West, liegt darin, ausgerechnet
an den Protesten der Israelis ein letztes Stück deutscher Vergan-
genheitsbewältigung zu vollziehen: Auf den Nazi-Vorwurf Begins an
Helmut Schmidt darf der Münchner "tz" im Jahre 1981 einfallen,
daß Begin vor 30 Jahren selbst ein Terroristenchef gewesen sei,
ohne daß ihr hierzulande der Vorwurf des Anti-Semitismus gemacht
würde. Wenn der SPD-Kanzler, der die Aufrüstung Saudi-Arabiens
zum nationalen Interesse ausruft, seinem Volk im deutschen Fern-
sehen die Mitteilung über die Saudis zu machen weiß: "Die werfen
keine Bomben", dann kombiniert der mündige Bürger, daß die Zeiten
vorbei sind, wo die Erinnerung an die "Endlösung der Judenfrage"
westdeutscher Politik als Begründung dafür diente, jeder kriege-
rischen Aktion der Überlebenden und ihrer Anstrengungen zu einer
Endlösung der Palästinenserfrage Beifall zu zollen. Jetzt, wo
"wir" neue Freunde in der arabischen Region gewonnen haben, ist
Kritik an Israel nicht nur erlaubt, sondern zählt zu den wohlfei-
len Vorleistungen, mit denen sich deutsche Sicherheitspolitik bei
den Arabern unentbehrlich macht.
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