Quelle: Archiv MG - BRD BUNDESWEHR RUESTUNGSINDUSTRIE - Ein Geschäft geht seinen Gang
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PRODUKTIONSHOCHLAUF BEIM AIRBUS:
In Varel hat MBB sich eine andere Variante ausgedacht. Da gibt es
Nachtschicht als Angebot
Das geht so: im Zerspanungsbereich wird eine dritte Schicht ein-
geführt. Aber nicht für die ganze Mannschaft: ein Pool von 18
Leuten erledigt alle anfallenden Arbeiten in dieser Zeit. Der
Grund:
"Der Einsatz dieser Maschinen im regelmäßigen Dreischichtbetrieb
war nicht wirtschaftlich." (MBB-aktuell, 1/88)
"Wirtschaftlich" heißt: die dritte Schicht läßt sich nicht für
die ganze Mannschaft so mit Arbeit vollpacken wie die ersten bei-
den. Also lohnt es auch nicht, der ganzen Mannschaft für die
dritte Schicht Lohn zu zahlen; schließlich soll ja aus jeder zu-
sätzlichen bezahlten Arbeitsstunde für MBB möglichst dasselbe an
Überschuß rausspringen wie aus den bisherigen.
Problem, Problem: die im Zerspanungsbereich von MBB eingerichtete
Arbeitsorganisation und die sich daraus ergebende Verteilung der
Leute auf Arbeitsplätze und Tätigkeiten ist es ja gerade, die die
Arbeit aller Zerspaner in den ersten beiden Schichten lohnend
m a c h t. Und wenn man nun gar nicht alle braucht, aber dennoch
alle anfallende Arbeit erledigt werden soll - dann muß eine neue
Arbeitsorganisation her. Ein "Steuerungsfachmann" hat die Lösung
gefunden: es wird ein
"'Stab universell ausgebildeter Facharbeiter' gebildet, hochqua-
lifiziert, technisch auf dem neuesten Stand, fit im gesamten Ma-
schinenpark des Zerspanungswerks, flexibel einsetzbar in allen
Fertigungsbereichen, vornehmlich in denen, in denen es 'kneift'".
Das ist eben das Schöne an der Arbeitskraft: daß sie auf die
Funktionen, für die MBB sie einsetzt, in keiner Weise festgelegt
ist. Wenn MBB es brauchen kann, gibt es ein paar
"Qualifikationen" dazu - sprich die Leute werden instandgesetzt,
nicht nur ihren eigenen, sondern möglichst alle Arbeitsplätze im
Zerspanungsbereich mit der gleichen Routine auszufüllen, die an-
sonsten für ihren "eigenen" verlangt ist. Dazu braucht es nicht
mehr als den Beschluß des Betriebes: so verleiht er seinem Ma-
schineneinsatz die für das gewünschte Arbeitsergebnis erforderli-
che "Flexibilität".
Und was läßt MBB sich die Zusatzleistung - Nachtschicht als All-
roundfachmann für die Zerspanung - kosten? Nicht viel. Den Arbei-
tern wird das großzügige Angebot gemacht, "in die höchste Lohn-
gruppe im produktiven Bereich zu gelangen", wenn sie sich diesen
Anforderungen gewachsen fühlen und sich für diese neuen Jobs mel-
den. Für jeden Sonderanspruch in Sachen Arbeitszeit und Leistung
ist nämlich längst tariflich vorgesorgt: die Einrichtung der
Lohnhierarchie verschafft dem Betrieb die Freiheit der Kalkula-
tion damit, was er sich zusätzliche Belastungen seiner Mannschaft
kosten lassen will. Und der bislang den Leuten im "normalen"
Schichtdienst bezahlte Lohn ist so beschaffen, daß er ihnen sol-
che Zumutungen als günstige Gelegenheit erscheinen läßt, an mehr
Geld zu kommen: andere werden jedenfalls vom Betrieb nicht gebo-
ten.
Und was ist, wenn sich Leute trotz aller Leistungsbereitschaft
den Ansprüchen MBBs nicht gewachsen zeigen? Da ist der Betrieb
ganz großzügig:
"Die Werksleitung gab die Garantie, daß jeder Teilnehmer zu den
alten Konditionen an den alten Arbeitsplatz zurückkehren kann,
wenn er für sich (!!) herausfindet, daß die Pooltätigkeit doch
nicht das Richtige für ihn ist." (MBB-aktuell)
Toll! Damit rechnet der Betrieb also fest: daß Leute zwar für das
zusätzliche Geld schon alles machen w o l l e n, was MBB von
ihnen verlangt, aber den Anforderungen nicht gewachsen sind, die
ihnen aufgemacht werden. Und da wird ihnen zugesichert, daß ihnen
das n i c h t passiert, was sonst Normalität ist, wenn einer
"versagt": Abgruppierung, Ermahnung, vielleicht sogar Rausschmiß-
drohung. Sondern ihnen "bloß" der alte Lohn beschieden ist, von
dem sie gerade wegwollten... Womit MBB selbst bestätigt, daß hier
kein Angebot an Arbeiter vorliegt, mehr zu verdienen, sondern
bloß eine Neukalkulation ihres lohnenden Einsatzes.
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