Quelle: Archiv MG - BRD BUNDESWEHR RUESTUNGSINDUSTRIE - Ein Geschäft geht seinen Gang
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Werkerhaltung bei MBB
ALLZEIT BEREIT
Daß bei MBB Maschinen mal kaputtgehen und dann repariert werden
müssen, ist ebenso normal wie die private Reifenpanne. Und noch
eines haben beide Fälle gemeinsam: sie passieren immer dann, wenn
es am wenigsten paßt: wenn man das Gerät nämlich gerade in Ge-
brauch hat. Da hört die Gemeinsamkeit aber auch schon auf. Die
Reifenpanne kostet nämlich bloß Zeit und Geld. Ein Defekt in ei-
ner MBB-Maschine - und eine ganze schöne Überschußproduktion ist
gestört. Nicht nur können die Produktionsarbeiter in der Zeit, wo
eine Anlage stillsteht, keine Leistung bringen. In den Maschinen
steckt ein Kapitalvorschuß, den MBB möglichst schnell durch den
Verkauf des fertigen Produkts zurückhaben will, und wenn eine An-
lage ausfällt, verlängern sich möglicherweise gar die kalkulier-
ten Fertigungszeiten.
Dafür, daß das nicht eintritt und die anderen Arbeiter wieder
nach Plan schaffen können, haben Reparaturarbeiter zu sorgen.
Klar, daß das Reparieren möglichst schnell gehen soll. Auch bei
den Reparaturarbeitern steht MBB auf dem Standpunkt, daß die für
ihr Geld möglichst viel Arbeit abzuliefern haben. Bloß haben
Reparaturarbeiter immer bloß dann zu tun, wenn zufällig die eine
oder andere Anlage defekt ist. W e n n sie gebraucht werden,
dann immer ganz dringend; aber w a n n und w i e l a n g e -
das ist eben den Zufälligkeiten des Verschleißes irgendwelcher
Teile geschuldet. Für den reibungslosen Produktionsablauf ist es
einerseits am besten, wenn bei jeder defekten Anlage s o f o r t
ein Trupp antritt, der den Fehler findet und beseitigt. Anderer-
seits ist MBB jede DM Lohn für Wartezeiten, die notwendig einzu-
kalkulieren sind, d a m i t im Zweifelsfall jemand da ist, ein
Dorn im Auge. Also organisiert der Betrieb die Reparaturarbeit
so, daß beiden Anforderungen Genüge getan ist. Das ergibt für die
Reparaturarbeiter ziemlich ungemütliche Arbeitszeiten.
Perfekt geplante Lückenbüsserei
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Um Produktionsunterbrechungen zu minimieren und am Lohn für Re-
paraturarbeit zu sparen, sieht MBB erst einmal zu, daß diese
Leute gar nicht erst antreten müssen.
E r s t e n s achtet MBB bereits beim Einkauf der Maschinerie
auf deren "Reparatur- und Wartungsfreundlichkeit"; das
ununterbrochene Laufen der Maschinen möchte der Betrieb am lieb-
sten gleich als ihre Eigenschaft mitkaufen. Und damit
Störungsbeseitigung schnell geht, wird die Fehlersuche mit Dia-
gnosesystemen und Fehlermeldungen vereinfacht, die die Maschinen
von selbst ausgeben. Vielfach wird das defekte Teil gar nicht
mehr repariert, sondern bloß noch ausgewechselt.
Z w e i t e n s stellt MBB sich auf den Standpunkt, daß kleinere
Defekte gleich von den Leuten an der jeweiligen Anlage mit zu er-
ledigen sind. Die kennen ja schließlich aus der täglichen Arbeit
die Macken "ihrer" Maschine, und wenn an der mal eine Kleinigkeit
kaputt ist, sollen sie nicht immer gleich nach der Werkerhaltung
rufen, sondern selbst zurechtkommen. Diese Zusatzleistung erhält
MBB mit ihrer Lohnzahlung gratis.
Weder technische Verbesserungen an den Maschinen noch die Anfor-
derungen an die Produktionsarbeiter, dies oder jenes schnell
selbst zu erledigen, dienen allerdings dazu, die Arbeit der Repa-
raturarbeiter leichter oder weniger stressig zu machen. Im Gegen-
teil!
E r s t e n s erlaubt die Vereinfachung der Reparaturarbeit dem
Betrieb, auf Spezialisten für jede einzelne Anlage weitgehend zu
verzichten. Die Reparaturarbeiter sind in zwei Pools zusammenge-
faßt, die für das ganze Werk zuständig sind: einen für Elektriker
und einen für Mechaniker. Die erledigen den Großteil der an-
fallenden Reparaturen und brauchen dazu weniger anlagenspezifi-
sche Kenntnisse als Routine. Und wenn sie einmal nicht wei-
terkommen, werden MBB-interne Spezialisten oder solche der Ma-
schinenhersteller zu Rate gezogen. Der Vorteil in Sachen Lohn-
kosten für MBB liegt auf der Hand: Im Pool ist die Gesamtheit der
jeweiligen Reparaturarbeiter flexibel einsetzbar, so daß sich vom
Standpunkt des Betriebes unnötige Wartezeiten insgesamt verrin-
gern. Für die Arbeiter ergibt sich eine Leistungs v e r d i c h-
t u n g, für MBB eine Einsparung von Lohnkosten.
Daran, daß die Reparaturen nach wie vor n i c h t "durch-
schnittlich" anfallen, ändert diese Arbeitsorganisation natürlich
nichts. Für die Reparaturarbeiter ergibt sich daraus der ständige
Wechsel von Zeiten, wo mit Hochdruck gearbeitet wird, und
solchen, wo es auch mal ruhiger zugeht.
Z w e i t e n s macht MBB den Einsatz der Reparaturarbeit da-
durch noch etwas "flexibler", daß in der zweiten Schicht über-
haupt keine fest anwesenden Reparaturarbeiter eingesetzt werden.
Teilweise lassen sich Reparaturen auf die Frühschicht verschie-
ben, wenn ein Defekt nicht das Weiterlaufen der Anlage absolut
verhindert. So etwas ist dann eben in der Frühschicht mit zu er-
ledigen. Und wenn in der Spätschicht doch was Größeres passiert -
dann haben die Reparateure eben "außer der Reihe" anzutanzen. Die
Kalkulation des Betriebs, möglichst keine Arbeitsstunde zu
b e z a h l e n, in der nicht auch g e a r b e i t e t wird,
sorgt schon dafür, daß dies "außer der Reihe" zur gewohnheitsmä-
ßigen Normalität für die Reparateure wird. Es ist ja nichts
leichter für den Betrieb als eben mal zum Pieper oder zum Telefon
zu greifen und einen Arbeiter vom Essen oder vorm Fernseher
wegzuholen, wenn er sowieso für diesen Einsatz vorgesehen ist! Da
schert sich der Betrieb überhaupt nicht um irgendwelche staatli-
chen Grenzen des Arbeitstages, und ums Privatbedürfnis der Arbei-
ter sowieso nicht. Die Einrichtung der Rufbereitschaft i s t
der Freibrief an den Betrieb, seinen Anspruch auf dauernd
v e r f ü g b a r e und nur im Anwendungsfall zu
b e z a h l e n d e Reparaturarbeit sicherzustellen. Die er-
wünschte sofortige und regelmäßige Erledigung aller Reparaturen
beschert den Reparaturarbeitern die Unnormalität des Arbeits-
tages als Dauerzustand.
Fast hätten wir's vergessen: Geld gibt's für diese besondere
Sorte Dienst am Kapital auch noch. Wenn man dem Urteil der Repa-
raturarbeiter traut, verdient man in diesem Job nicht schlecht.
"Nicht schlecht" - das heißt: mit der entsprechenden Anzahl Über-
stunden kann man durchaus auf Monatsverdienste kommen, die sonst
nicht für Lohnarbeiter, sondern eher für Studienräte vorgesehen
sind. Allerdings hat diese gute Meinung über's Geld einen großen
Haken. Übersehen wird da nämlich die Kleinigkeit, daß MBB die
freie Verfügung über Reparaturarbeit zu jeder Tages- und Nacht-
zeit gerade n i c h t zahlt. Die Verpflichtung darauf, sich in
der Freizeit f ü r die Ansprüche des Betriebes bereitzuhalten,
ist schließlich eine Dienstleistung, die die Reparaturarbeiter
dem Betrieb u n e n t g e l t l i c h erbringen. Und an dieser
Tatsache ändert auch nichts, daß man ja in der Zeit durchaus noch
das eine oder andere privat erledigen kann. Bezahlt wird man eben
n u r fürs Arbeiten. Also gibt es dies "viele Geld" f ü r
A r b e i t e r hierzulande nur da, wo das Kapital sich damit
Sondereinsätze sichert, die für die Leute auf Dauer ruinös sind.
Aber dafür hat man ja dann auch keine Zeit, es auszugeben.
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