Quelle: Archiv MG - BRD BUNDESWEHR IDEOLOGIE - Mit der Bombe Frieden machen


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 92, 02.05.1984
       

DAS SCHWEIN IM GESCHÜTZDONNER

Ein neuer "Skandal" erhitzt die öffentlichen Gemüter! Anläßlich bekanntgewordener Versuche im Bereich der militärischen Forschung bei der Bundeswehr (Spiegel Nr. 13: "Nr. 17 starb nach Splitter- treffer") hagelt es "Protest"-Schreiben an die Adresse der Ver- antwortlichen in Regierung und Parlament. So kann sich ein ehemaliger Freiwilliger "nur schämen, der Bun- desrepublik gedient zu haben." Anderen "gefriert das Blut in den Adern", da sie entdeckt haben wollen, daß "es keinerlei Hemmungen mehr gegenüber Lebewesen gibt." Mitten im tiefsten Frieden sieht man einen "täglichen Krieg klammheimlich toben". Der Stein des Anstoßes ---------------------- wurde vom Verteidigungs-Staatssekretär Peter-Kurt Würzbach ins Rollen gebracht. Nach seiner Auskunft gehören Experimente mit le- benden Tieren zur alltäglichen Praxis bei der Bundeswehr. Er selbst stuft solche Versuche als "unverzichtbare Prüfung am le- benden, intakten System" ein, die "mit aller Ernsthaftigkeit durchgeführt und gewissenhaft überwacht werden." Im Klartext: Das sprichwörtliche Versuchskaninchen wird u.a. be- schossen, verstrahlt, vergiftet und dem Lärm von "großkalibrigen Geschützen" ausgesetzt. Aus den Ergebnissen dieser Tests will die Bundeswehr Erkenntnisse zur "Entwicklung von Schutzmaßnahmen und Heilmöglichkeiten gegen Waffenwirkungen und der Gesundheit von Soldaten" gewinnen. Der "Skandal"... ---------------- ...könnte folgende Fragen aufwerfen: W o z u eigentlich schafft sich der mächtige NATO-Frontstaat sein gut sortiertes Waffenarsenal von der Pershing bis zum "modernen hochrasanten 5,56mm-Geschoß" an? W a s führen demokratische Politiker und ihre Militärs im Schilde, die sich so sehr für die Wirkung ihrer Tötungsmittel in- teressieren? W a r u m ist es deswegen wichtig, die Waffen an "sogenannten Zwergschweinen" im Bundeswehrjargon auch "Frontschweine" genannt, die "hinsichtlich Stoffwechsel, Verdauung, Kreislauf und Psyche dem menschlichen Organismus ähneln", auszuprobieren? Und um w e l c h e Art von "Humanisierungsarbeit" handelt es sich, wenn ein "MG mit humaner (!) Wirkung" entwickelt werden soll, "dessen Kugeln mindestens 1,1 cm sauber (!) in das Körper- gewebe eindringen"? ...und diese Antworten nahelegen: Offensichtlich vergessen die gewählten Herrscher der Nation nicht, was zum Kriegführen unerläßlich ist. Selbst "Kleinigkeiten" wie die Erforschung "operativer Behandlungsmög- lichkeiten von Schußwunden" wollen da mitbedacht sein. Entsprechend nüchtern und zynisch werdenn im Krieg anfallenden Opfer auf der eigenen Seite m i t e i n k a l k u l i e r t. Aus diesem Blickwinkel betrachtet sind Untertanen ein "lebendes System", das man verheizen kann und das als "Ausfallrate" säuber- lich bilanziert wird. Verwundete sind nichts als wieder zusammen- zuflickende Tötungsinstrumente, die möglichst schnell wieder für ihren nächsten Einsatz an der Front fit gemacht werden sollen. Solange der "Ernstfall" noch nicht eingetreten ist, sind Tierver- suche ein probates Mittel für diesen Zweck. Mitnichten sind sie das "sinnlose Werk grau, er Sadisten", sondern geradezu das Gebot der Stunde. ...ausgerechnet Tierquälerei ---------------------------- Zu Wort meldet sich die Front der Tierschützer. Die Tatsache, daß bei den Versuchen allerlei Getier draufgeht, läßt die Welle der moralischen Entrüstung und persönlichen Betroffenheit überschwap- pen. Am geplanten und staatlich organisierten Mord und Totschlag hat ein Freund der Zamperl und Muschis, der Republik oberster Tier- schützer Andreas Graßmüller folgendes auszusetzen: "Es haben nicht Tiere dafür geopfert zu werden, damit man ande- ren, nämlich den Menschen, das Leben nehmen könnte." Kein Wunder, daß dieser Kritik höherenorts im Endeffekt rechtge- geben wird. Und zwar von verbeamteten W e h r medizinern, die vom Standpunkt der Effizienz zu Kritikern der Versuche werden. "Versuche mit Puppen hätten genügt. Außerdem wird zu oberfläch- lich recherchiert, ob das Versuchsergebnis nicht bereits in Lehr- büchern vorliegt." Und der Rest der Menschheit? - Läßt sich seine gute Meinung über den "eigentlichen" Auftrag der Bundeswehr partout, nicht nehmen: "Mich fröstelt - s o will ich nicht verteidigt werden." Nein, keine Sorge, so wirst du auch nicht "verteidigt". Im Ernst- fall sind die armen Schweine an der Front vernunftbegabte Men- schen, die nicht unter den Tierschutz fallen. zurück