Quelle: Archiv MG - BRD BUNDESWEHR IDEOLOGIE - Mit der Bombe Frieden machen


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 69
       
       Wochenschau
       

KULTURNOTIZEN

"Kampf dem Gammeln" hieß eine Expertentagung Dezember letzten Jahres in Wentrof, deren Ergebnisse jetzt der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium Würzbach (CDU) be- kanntgab ("Süddeutsche Zeitung" vom 25.1.). Es drehte sich also nicht um "asoziale" Jugendliche, sondern um junge Männer, die den vornehmsten aller s o z i a l e n D i e n s t e, den der Bund zu offerieren hat, ausüben: 15 Monate beim "Bund". Um die praktischen Vorschläge, mit denen Würzbach in "spätestens zwei Jahren" dafür sorgen möchte, daß "der Begriff 'Gammeln' für die Bundeswehr ein Fremdwort" wird, geht es dabei weniger. "3000 neue Unteroffiziers-Planstellen, mehr Geld, Treibstoff und Muni- tion" damit nicht mehr soviele "Übungen ausfallen" - das sind ja längst unter den Programmen "Einsatzfähigkeit der Truppe" verhan- delte und beschlossene "Notwendigkeiten". Wenn zum soundsovielten Mal gegen "eine übergroße Zahl von Vorschriften, Erlassen und Plänen" und gegen "Bürokratismus" in der Truppe zu Felde gezogen und mehr "Ideenvielfalt, Verantwortungsfreude und Motivation" beim Heer gefordert wird, dann ist das vielmehr ein Stück der "neuen geistigen Führung", mit der die Regierungsmannschaft wahl- kämpft. Daß man am Kasernenleben nicht den Zwangscharakter und den staatsdienlichen Kampfzweck kritisieren darf, der da aus all den ungemütlichen Erscheinungen des Wehrdienstes erkenntlich wird, sondern daß man sich Sorgen um die Effektivität von Drill, Manö- ver, Kaserne und Rekruteneinstellung dazu machen muß, ist ja bei- leibe keine Erfindung der christdemokratischen Mannschaft. Neu ist die Art und Weise, wie diese Sorge jetzt öffentlich aufge- macht wird. Es gehört zu den sorgsam und überparteilich gepfloge- nen "Erblasten" dieser Republik, daß die Rolle des Soldaten mit dem Ideal der "inneren Führung" des "Bürgers in Uniform" ausge- malt wurde, der im Heer zum selbstbewußten Verteidiger der Demo- kratie erzogen werden solle. Jetzt - und auch das keineswegs erst ein Einfall der Politchristen soll man als Lernziel für die Schule der Nation die soldatische Tugend der Kampfbereitschaft ansehen, in der sich ein anständiger Bürger verwirklicht. Der Soldatendienst ist in beiden Fällen derselbe, und um die Moral der Truppe soll man sich früher wie jetzt sorgen. Der neue Geist - der für manchen Staatszivilisten allerdings den Unterschied zwischen den reaktionären und genehmen Politikern ausmacht - liegt nur darin, daß mit einem demokratischen Tugendkatalog die- nender Selbstverwirklichung ein Ideal von Kasernengeist und Kom- mißdasein ausgemalt wird, das auf Zustimmung nicht nur beim dienstbereiten kleinen Mann berechnet ist: "Sinnvolle" Befehle durch "praxiserfahrene junge Offiziere", anständiger Gehorsam ohne "Langeweile" und "Frust", beständige Einsatzbereitschaft ohne "Unterforderung", eine drahtige Truppe ohne lästige Vor- schriftenhemmnisse - kurz, eine ordentliche Soldatenmannschaft für eine ordentliche Vaterlandsverteidigung. Kritik an ihr ist längst außer Mode gekommen. Deswegen kämpfen unsere Politiker ein ums andere Mal gegen "das mangelnde Verständnis" für die Bundes- wehr und machen das, was sie beständig fordern gleich selber auf ihre Weise: "offensiver über die Notwendigkeiten der Bundeswehr öffentlich diskutieren". Die Notwendigkeit der Kriegsmannschaft ist unterstellt, deswegen wird mit ihren Notwendigkeiten offensiv geworben. Im übrigen verläßt sich die Führungsmannschaft darauf, daß der praktische Einsatz, dessen Gelingen der Vater der sorgen- vollen Gedanken über den "Gammel" ist, jede "Motivationshilfe" überflüssig macht, wenn nur die Notwendigkeit des Militärs einge- sehen und seinen Notwendigkeiten politisch Rechnung getragen ist. Und das wird ja nach Kräften gemacht! * Nach einhelliger Meinung der Kulturwelt hat Heinar Kipphardt mit seinem Stück "Bruder Eichmann" die deutsche Vergangenheit miß- bräuchlich verwendet. Statt nämlich - wie der Titel es suggeriert - einen verdienstvollen Beitrag für die Bewältigungsreihe "Nie wieder...!" abzuliefern, verdarb er den Interessenten am Genuß "menschlicher Abgründe" ihre verantwortungsbeflissene Erbauung: Sie mußten entdecken, daß Kipphardt sich bei meinem Anprangern staatlicher Gewalt eines unerlaubten moralischen Rigorismus be- diente und die Qualität einer Gewalt im Faschismus auch an den Opfern von Demokratie und Imperialismus nach 1945 wiederzuent- decken vermeinte. Die Gleichsetzung von Israels Kriegsminister Sharon mit dem Unmenschen Eichmann, der Judenvergasung mit den US-Massakern in Vietnam und andernorts, wurde hinsichtlich ihres künstlerischen Wertes für nachgerade entartet befunden, weil ein staatstreuer Genuß nur an einem Theater Erbauung findet, in dem Faschismus als die Perversion der sauberen Demokratie vorgestellt wird. Zu retten wäre das Kunstwerk allenfalls, wenn es - gemäß dem Vorschlag der FAZ vom 24.1.83 - der Bekämpfung des U n m e n s c h e n tums in Gestalt von 'Eichmann' eine ordentli- che politische Zukunftsperspektive gewiesen hätte: "...in den po- litisch mißbrauchten Kliniken, im Archipel Gulag,... in Afghani- stan." zurück