Quelle: Archiv MG - BRD BUNDESWEHR IDEOLOGIE - Mit der Bombe Frieden machen
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EINE GÄNSEHAUT FÜRS VATERLAND
"Großer Zapfenstreich - Stillgestanden! Zur Meldung beim Herrn
Bundespräsidenten, die Augen - rechts!... Helm ab zum Gebet. Wir
beten an die Macht der Liebe!"
Mit Militärparaden, die man sonst im Osten immer so scheußlich
findet, in bisher nicht gekanntem Ausmaß feierte "unsere" Bundes-
wehr letzte Woche 30 Jahre schwarz-rot-goldene Kriegsvorberei-
tung. Störungen wie anno 81 zum 25-jährigen Jubiläum waren dies-
mal nicht drin. Darum begab man sich dieses Mal auf ein von einem
Sicherheitscordon umgebenes Gelände. Für die nötige Öffentlich-
keit wird auch so gesorgt: Die bundesdeutsche Mediemwelt stand
Kamera bei Fuß. Über 10 Stunden durfte sich das deutsche Unterta-
nenvolk auf allen Kanälen an der Demonstration deutscher Kampf-
kraft laben.
Überzeugt werden von der Notwendigkeit einer Wehrmacht sollte mit
den über 800 Veranstaltungen niemand. Da hätten ja Gründe vertre-
ten werden müssen, warum man für diese Einrichtung, die der Staat
für gut befindet, sein soll; warum es sich l o h n t, einein-
halb Jahre in die Kaserne einzurücken und von seinem Privatleben
Abschied zu nehmen. Nein, solche Gedanken gehören nicht in das
Hirn eines Feiernden in Sachen Nationalismus. In solchen Momenten
staatsbürgerlicher Eintracht sind alle Forderungen nach einem
guten Grund für die Sache ausgelöscht. Ein Gefühl der Zuneigung
für diese Armee soll mit all dem "Tschingderassabum", dem
"Reitermarsch des Großen Kurfürsten", dem "NATO-Sound", den in
der Nacht grell aufblitzenden Mündungsfeuern "unserer" Marder,
Luchse und Leos erzeugt werden. Dabei stört Denken - sogar
falsches. Da abwechselnd heiße und kalte Schauer den Schauer-
rücken hinuntergejagt, wenn die Tornados über den Übungsplatz
düsen, wenn die Nationalhymne erklingt und die obersten
Repräsentanten unseres Gemeinwesens mitsingen.
Nur: So ganz ohne weiteres kommt ja dieses wohlige Frösteln auch
nicht zustande: Man muß sich schon ganz auf den Standpunkt "Ich
bin ein Deutscher, dies ist die deutsche Wehrmacht, folglich ist
das auch meine Wehrmacht" gestellt haben; da muß man das "Ich"
schon völlig mit dem nationalen "Wir" in eins setzen, damit der
Zweck der Übungsschießen und Zapfenstreiche gelingt: Der
G e g e n s a t z zwischen Staat und Volk, den ein jeder schon
daran bemerken könnte, daß der Wehrdienst eine einzige Zwangsver-
anstaltung ist, muß verschwunden sein. Ein Gefühl der Einheit von
Volk und Staat sollen die Feiern stiften. Die Paraden und Lobre-
den zum "Gelingen des Experiments Bundeswehr" verlassen sich auf
ein Gefühl der Einheit von Volk und Staat und bedienen es. Für
"Zwar" und "Aber" bleibt da kein Raum. Daß die Leute zwar ihren
staatsbürgerlichen Pflichten, wie dem Ableisten des Wehrdienstes,
nachkommen, es mit dieser Pflichterfüllung aber bewenden lassen,
damit wollte man sich anläßlich des "Festakts zum 30-jährigen
Bundeswehrjubiläum" nicht zufrieden geben:
"Ohne Zweifel will die Bevölkerung, daß die Freiheit erhalten
bleibt. Die große Mehrheit des deutschen Volkes will, daß die
Bundeswehr diesem Ziel dient. Es fehlt also ganz gewiß nicht an
Zustimmung zur Bundeswehr... Zwiespältig aber ist unsere Haltung
zum Dienen. Einerseits gibt es eine große Zahl junger Menschen
bei uns, die sich mit Engagement für selbstlose Ideale einsetzen
und die gerne helfen. Andererseits haben wir aber auch einen aus-
geprägten Hang zur Bequemlichkeit entwickelt. Bei vielen Bürgern
steht einem großen Fleiß und Eifer in ihrer privaten Sphäre eine
Distanz zu den Gegebenheiten des Staates gegenüber. Dabei ist das
doch ihr Staat, unser Staat." (R. v. Weizsäcker auf dem Großen
Zapfenstreich, wo er laut Fernsehkommentator wieder einmal eine
große Rede gehalten hat.)
Mit 'persönlichem Engagement' bei der Truppe sein, "mit ganzem
Herzen für diesen Staat und seine Wehrmacht!" lautet die Bot-
schaft "unseres" Präsidenten. Die geforderte Haltung trägt ihren
Lohn in sich. Sie führt unweigerlich zur Erbauung, wenn am Fern-
seher das Handwerkszeug staatlicher Gewalt mit möglichst viel Po-
wer vorgeführt wird: "Unser Leo, der Panzer, um den uns die ganze
Welt beneidet!" 'Verehre die geballte Macht, die Deinem Staat zu
Gebot steht!', heißt die Übersetzung des Lärms, den die Tornados
verbreiten, wenn sie über den Paradeplatz jagen, und des Krachs,
wenn "unsere" Pioniere zeigen, wie sie sich den Weg gen Osten
freisprengen.
Der Genuß, den der Beobachter all dieser Vorführungen hat, be-
steht in der Bewunderung des Leistungsvermögens (ihre wahre Lei-
stung konnte die Bundeswehr bislang noch nicht unter Beweis stel-
len) des Personals und der Technik. Und da können sich die Cha-
raktermasken des nationalen "Wir" ein wohliges Gruseln nicht ver-
sagen, wenn unsere obersten Macher machtvoll ihre Waffenschau
präsentieren.
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